(Auszug aus unserem mittendrin 12-2001)

Gottesdienst 2002: Der Prozess ist eröffnet.

"Hilfe!", denken manche, bei solch einem Satz. "Prozess", das ist doch ein Gerichtsverfahren, womöglich eine Strafsache, da sitzt einer auf der Anklagebank und langwierig werden Zeugen gehört und Plädoyers gesprochen, bis am Ende der Richter - oder besser noch wie im Film die Geschworenen dem Prozess ein Ende machen. Na ja, denken manche, das ist ja immer noch besser als ein "kurzer Prozess".

Was bedeutet "Prozess" eigentlich? Ursprünglich, im Lateinischen, meinte das gar nicht „Gerichtsverhandlung“, sondern, so habe ich in meinem frisch abgestaubten Langenscheidts "Lateinisch-Deutsch" unter "processus" gelesen: Fortschreiten, Fortschritt, Fortgang, fortschreitender Stufengang, guter Fortgang, Wachstum, glücklicher Ausgang, Glück.

Das klingt doch ganz anders und erinnert uns überhaupt nicht an die Robe der Juristen. In diese trockene Welt ist das Wort nur eingezogen, weil Gerichtsverfahren offenkundig so lange dauern.

In Wirklichkeit muss der Satz "Ein Prozess ist eröffnet", anders gelesen und gedeutet werden: Wir stehen am Beginn eines guten Weges. Die Bedeutung mit dem Gericht signalisiert aber Ängste: Es gibt Menschen, die fürchten, auf diesem Wege abgehängt zu werden, zu langsam zu sein, ihr Recht für ihre Sache abgesprochen zu bekommen. Also darf das Fortschreiten kein Fortrennen sein. Sondern ein gemeinsamer Weg, auf dem alle mitkommen.

In verschiedenen Teams der Gemeinde haben wir uns Gedanken über die Zukunft des Gottesdienstes gemacht. Über das Kirchenvorstandswochenende im März mit Pfr. Wolfgang Schöne, der uns ermutigt hat, öfter und fröhlicher Abendmahl zu feiern und die Kinder dazu zu nehmen, wurde schon mehrfach berichtet. Bei einer Klausurtagung im April hat sich daraufhin das Kindergottesdienstteam entschieden, diesen Weg mitzugehen: Die Kinder sollen am Anfang des Gottesdienstes dabei sein und am Ende, wenn es möglich ist, wieder beim Abendmahl dabei sein. Das verändert den Stil des Kindergottesdienstes, dort findet kein eigener Anfang und kein eigenes Ende statt, aber die Kinder sind Teil des Ganzen. Ein dritter Schritt geschah im Team, das für GoSpecial, die kreativen Abendgottesdienste da ist: Dort wurde gefragt, ob die Mitarbeit auch in „konventionellen“ Gottesdiensten stattfinden könne. Wie ist es möglich, das Verhältnis von wenigen Gottesdiensten mit sehr vielen Mitarbeitern und vielen Gottesdiensten mit wenigen Mitarbeitern anzugleichen? Und was bedeutet das inhaltlich? Welche Früchte der 2½ Jahre GoSpecial-Gottesdienstarbeit können geerntet werden? Dabei wurden wesentliche Dinge genannt: Musikalische Vielfalt, Themen- und Lebensbezogenheit, Integration der Kinder, Flexibilität der Uhrzeit, Gastfreundlichkeit. Vieles davon sind Schritte, die man gehen kann, ohne den Gottesdienst zur „Show“ werden zu lassen, sondern zur gemeinsamen Feier und zur Bereicherung der Gemeinde.

Die Ansätze des neuen Gottesdienstkonzeptes wurden dann in der Predigt am 28.10. entwickelt:

 

Was wird aus dem Gottesdienst?

Leitfaden zur Predigt am 28.10.2001 in der Evang. Kirche in Traisa

4 Orte (2x2 Modelle, wie man mit Alt und Neu umgehen kann)

·         Fulda

Modell für den Umgang von Alt und Neu: Abriss der alten Basilika und Bau des Barockdomes an der Stelle.

·         Kloster Volkenroda

Anderes Modell für den Umgang von Alt und Neu: Das Kloster wird renoviert und erkennbar neue Teile in das Gebäude hineingebaut.

·         Niederhöchstadt

Diese Gemeinde hat ein neues Gottesdienstkonzept, mit vielen verschiedenen Zielgruppengottesdiensten entwickelt.

·         Mainz-Auferstehungsgemeinde

Diese Gemeinde ging den Weg, neue Stücke in altes einzufügen: Kinder feiern mit beim Abendmahl, alte und neue Musik in einem Gottesdienst, usw. Das ist spannungsreich, aber spannend. Und es ist ein Gottesdienst der Gemeinde. Dieses Modell hat uns sehr angesprochen. Die vier Leitbilder der Auferstehungsgemeinde könnten auch für uns Bedeutung haben:

4 Ziele (Leitbilder für das, was wir tun wollen)

·         Gottes Liebe feiern

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen - und wir sind es auch! (1. Joh. 3,1)

·         Mit Generationen zusammenleben

Wenn die letzte Zeit anbricht, sagt Gott, dann gieße ich über alle Menschen meinen Geist aus... Junge Leute haben Visionen und die Alten prophetische Träume. (Joel 3)

·         Gästen Heimat geben

Die Diener gingen hinaus auf die Straßen und brachten alle mit, die sie fanden - schlechte und gute Leute. So wurde der Hochzeitssaal voll. (Matth. 22,10)

·         Gottes Gaben ausleben

Als Menschen, die zu Christus gehören, bilden wir alle ein unteilbares Ganzes; aber als einzelne stehen wir zueinander wie Teile mit ihrer besonderen Funktion. Wir haben ganz verschiedene Gaben, so wie Gott sie uns in seiner Gnade zugeteilt hat. (Röm. 12, 5+6)

4 Schritte, konkret in unserer Gemeinde in Traisa gehen werden. Beginn Januar 2002

·         Wir wollen die Kinder dabei haben

Die Kinder sollen, ähnlich wie bei GoSpecial, immer am Anfang, und wenn es für ihr Programm möglich ist, auch am Ende dabei sein. Dabei soll in der Mitte des Gottesdienstes für die Erwachsenen genug Zeit für Gebet, Meditation und Nachdenken sein und parallel ein gutes Kinderprogramm stattfinden. Doch wir sind eine Gemeinde und brauchen einander!

·         Öfters Abendmahl feiern

Wenn beim Abendmahl Christus seine Gegenwart zusagt, warum feiern wir es nur monatlich? Wir möchten in Zukunft mindestens zweimal im Monat Abendmahl feiern. Und – wie es auch die Lebensordnung unserer Landeskirche erlaubt – die Kinder dazu einladen. Dabei wird jeweils der Silberkelch mit Wein herumgehen, Mitarbeiter mit Tonbechern bringen Saft zu den Kindern.

·         Wir wollen stärker Gaben wertschätzen und einsetzen

Einige Gaben, die es zu entdecken gibt. Es gibt viele Möglichkeiten, sich einzubringen: Einige Beispiele:

·           Gestaltung der Kirche mit Blumen. Gabe der Gastfreundschaft beim Richten des Kirchenkaffees.

·           Abholen Gebrechlicher und Unentschlossener: Fahrdienste sind besonders benötigt, wenn ein Gottesdienst abends stattfindet.

·           Dienst des Begrüßens

·           Dienst an den Kindern

·           Dienst aller Musiker: Wir brauchen noch viel mehr Instrumente und Vielfalt!

·           Dienst aller Beter, Lektoren und Prädikanten, Moderation

·           Mitwirkung beim Abendmahl, beim Gestalten und Austeilen

·           Dienst am Dankopfer

·           Dienst zum Festausklang: Damit hört der Gottesdienst gut auf.

·         Wir wollen uns neuen Gästen öffnen

Das ist nun der konkrete Schritt, der in den Kalender gehört: Am dritten Sonntag im Monat abends um 17.30 Uhr. Nur zwei Ausnahmen im nächsten Jahr 2002: Pfingstsonntag und Kerbsonntag sind trotzdem morgens, sonst ist immer am dritten Sonntag im Monat Gottesdienst abends um 17.30 Uhr

Der Prozess hat angefangen

Herzlich willkommen auf dem Weg!

 

Andreas Klein

 

Stimmen aus der Gemeinde

In diesem Gottesdienst am 28.10.2001 wurden die Teile des neuen Gottesdienstkonzeptes vorgestellt. Dabei haben wir um Kommentare auf Kärtchen gebeten. Einige davon drucken wir in „mittendrin“ ab:

·        „Dank an alle, die diesen Gottesdienst vorbereitet haben.

Bitte authentisch bleiben. Traisa ist Traisa. Auch Wolfgang Schöne ist nicht der „ Stein der Weisen“.  Auch jeder Pfarrer hat seine besonderen Gaben.

Die Predigt war prima! Alles in allem – gelungen!!“

·        „Eine klare Linie: alt oder neu? Oder eine homogene Mischung, nicht ein „Versatzstück-Gottesdienst“. Mehr neue Lieder. Vielleicht keine Bänke mehr, sondern Stühle in konzentrischen Kreisen. Weiter auf diesem Weg gehen! Viel Erfolg! Keinen Formalismus! Alte Gebete mal in neuen Worten sprechen, um den Sinn zu erfassen, und nicht blass zu rezitieren! Mehr „Konfi-Lieder“ (Auflockerung des Gottesdienstes, bessere Einbindung durch Konfis durch „Wiedererkennung“).“

·        „Gottesdienst. Ist es für den Kindergottesdienst nicht zu kurz, wenn man schon zum Abendmahl zurück muss? Bessere Aufteilung beim Abendmahl: 57 Personen am Altar ist zu eng. Klärung: Wein/Saft – Erwachsene/Jugend!! Muss es sonntägliches „Mahl“ sein? Wenn 17.30 Uhr (einmal im Monat), dann eindeutige Bekanntgabe!“

·        „Das Abendmahl ist immer etwas Besonderes und sollte nicht zu oft gefeiert werden, damit der Sinn nicht verloren geht. Wenn man zu viel ändert, ändert man auch die Fehler.“

·        „An der linken Seitenwand eine Liedertafel anbringen. Danke. Gottesdienst um 17.30 Uhr – Ja.“

·        „Das neue Konzept finde ich sehr gut!“

·        „Kürzere Predigt, weil man da besser zuhört. Neue Bänke. Wein beim Abendmahl.“

·        „Ich möchte beim Abendmahl Wein und Brot selber weiterreichen dürfen mit den Worten: „Für Dich vergeben, für Dich vergossen“. Warum ist die Predigt nicht versöhnlich mit alt und neu umgegangen?“

·         „Abendmahl so wie heute zweimal im Monat. Volkenroda: im übertragenen Sinn, ab und zu einen Gottesdienst im konservativen Sinn für die alten Gemeindemitglieder. Ich freue mich sehr, wenn mein Nachbar sich über die Gottesdienstform freut.“

·        „Ich  wünsche mir bei der Liturgie eine normalere, modernere Sprache – auch bei der Abendmahlsliturgie, damit der Glaube auch von kirchenfremden Menschen verstanden werden kann.“

·        „Liturgische Gesänge nachvollziehbar machen (Nummer im Gesangbuch, oder Extrablatt).“

·        „Was spricht gegen einen Beginn um 11.00 Uhr?  Die Aufnahmefähigkeit ist begrenzt: Manchmal kann weniger mehr sein!“

·        „Um Kommunikation, im besten Fall Beziehungen zu Gästen herzustellen, wäre eine Art Überraschungsscheck, nicht nur am Gemeindefest, vorstellbar, damit auch kleine Gruppen sich begegnen.“

·        „Für mich ist der Gottesdienst eine Zeit der Ruhe und Besinnung! Kinder gehören in den Kindergottesdienst. „GoSpecial“ ist Show und hat mit Gottesdienst nichts zu tun. Mehr bekannte Lieder! Pfarrer sollte Talar tragen!“

·        „Schön, da freue ich mich drauf! (Wenn bloß dieser Friedensgruß nicht wäre ...)“

·        „Der Gottesdienst hat mir sehr sehr gut gefallen! Die Mischung aus „alt“ und „neu“ – Lieder und Form – mit den Kindern, Lied 580 zum Abendmahl und die zum mitsingen animierende Musik während des Abendmahl, das „leichte“ Durcheinander beim Abendmahl – sehr auflockernd und trotzdem Gemeinschaftsfördernd oder gerade deswegen!? Wirklich prima! Zeitpunkt – Sonntagmorgen prima! Vielen Dank.“