Predigt am 1. Advent 1997.

40 jähriges Jubiläum der Evangelischen Kirche in Traisa

Römer 13,8-14

30. November 1997

Predigt

Liebe Gemeinde,

Wir erinnern uns heute, liebe Gemeinde auch an die Zeit, in der unsere Kirche gebaut wurde. 1957, allein dieses Jahr steht für eine Zeit in Nachkriegsdeutschland, die für viele einen besonderen Reiz hat.

Allem Anfang wohnt ein Zauber inne, hat Hermann Hesse einmal gesagt: Viele können sich an diesen Zauber noch gut erinnern: Aufbruchsstimmung, hat damals geherrscht. Weißt du noch? Auch als wir die alten Bilder von der Bauzeit der Kirche in den letzten Wochen herausgekramt hatten, da kamen solche Erinnerungen auf. Der hat damals mitgebaut, der hat beim Ausgraben geholfen und der Architekt, der war so sparsam.

Damals war es Aufbruchszeit. Nach den Trümmern, nach dem ganzen Zusammenbruch endlich wieder etwas aufbauen können, in der Hoffnung, daß es Bestand hat. Den Krieg so langsam vergessen. Man hat es nicht so schnell gekonnt, wie man damals meinte. Die 68er haben die 57er gelehrt, daß es so rasch nicht geht, trotzdem behält diese Zeit ihren Reiz: Aufbrechendes Wirtschaftswunder und Leukoplastbomber, Vespa-Camping Idylle.

Im Nachblick kommt jedoch ein bißchen Wehmut auf. Ein seufzendes "Ja, aber heute..." ist vernehmbar zu hören:

Heute sind wir älter.

Heute kommt uns der Glanz der 50er und 60er Jahre merkwürdig vor. Nierentischchen, wie konnte man.

Der Zauber des Anfangs ist schon lange ausgezaubert, weil man schnell germerkt hat: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Wer fängt heute mit uns neu an. Erinnerung an Anfang ist noch kein Anfang.

Ich fange einmal anders an: Heute ist der 1. Advent. Schon wieder. Der 40., 1. Advent, der in dieser Kirche gefeiert wird.

Da spüren wir. Wir leben unser Leben auch in Kreisen, in Zyklen, in immer wiederkehrenden Zeitläufen: Zyklisch feiern wir in der Kirche. Im Kreislauf des Kirchenjahres.

Trotzdem geht das nicht darin auf, daß wir sagen: Alle Jahre wieder kommt das Christus-Kind und dann kommt Fasching, dann Ostern, dann lange nix, dann kommt wieder: Alle Jahre wieder.

Daß wir das Kommen Jesu Christi im Jahreslauf, im Lauf des Kirchenjahres feiern, das bedeutet nicht, daß das auch wirklich so ist. Das ist nur eine Konzession an unser Denken, das so zyklisch verläuft.

In Wirklichkeit ist er gekommen, ein für allemal, in Betlehem, in Jerusalem, in diese Welt, mit der Zusage: Ich bin bei euch alle Tage.

In Wirklichkeit kommt er immer wieder, an jedem Tag neu mit gleicher Kraft in dein Leben hinein. Am 1. Advent, am 14. Sonntag nach Trinitatis und am Ewigkeitssonntag auch.

Anfangsstimmung. Allem Anfang wohnt ein Zauber inne? Diesen Zauber dürfen wir immer wieder erleben, denn Jesus Christus kommt in unser Leben immer wieder neu hinein. Karl Barth hat einmal gesagt, wir dürfen immer wieder mit dem Anfang anfangen. Wir dürfen Anfänger sein. Wir hören den Predigttext. Worte an Anfänger, an Neugetaufte in der Gemeinde in Rom.

Römer 13, 8-14

8 Seid niemand etwas schuldig, außer, daß ihr euch untereinander liebt; denn wer den anderen liebt, der hat das Gesetz erfüllt.

9 Denn was gesagt ist: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren,« und was sonst an Geboten zusammengefaßt ist, das wird in diesem Wort zusammengefaßt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses, so ist die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

11 Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt nämlich, daß die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.

12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber ist herbeigekommen. So laßt uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

13 Laßt uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht;

14 sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, daß ihr den Begierden verfallt.

Worte bei einer Taufe gesprochen.

Worte an Anfänger im Glauben, an solche mit neuem Mut und frischem Eifer, aber auch mit Respekt vor dem was sie erwartet.

Worte gehört auch von solchen in der Gemeinde, die schon angefangen hatten. Die schon müde waren. Einen Neuanfang nötig hatten.

Auch für die, die erlebt haben, daß nicht alles eitel Sonnenschein ist, daß es auch große Schwierigkeiten und Sorgen im Glauben geben kann.

Auch für die heißt es: Immer wieder neu anfangen können. Advent: Wir können neu anfangen, denn da ist ein neuer Tag, da ist ein neues Kleid, da ist eine neue Liebe.

Advent -- anfangen, ein neuer Tag

Die Worte von Paulus sind reich an Bildern und Vorstellungswelten. Eines ist ganz markant: Die Nacht ist vorgerückt, der Morgen kommt. Wir singen nach der Predigt das Lied von Jochen Klepper, in schwerer Zeit geschrieben:

Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern, drum sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern. Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

Der Morgenstern scheint. Der Morgen kommt. Nach einer Nacht, in der es dunkel war, in der man sich unruhig hin und her gewälzt hat, in der Träume einen erschreckt oder verwirrt haben. Der Morgenstern kommt und kündigt die Sonne an.

Für Paulus war klar, wer das Licht ist, das kommt. Er hat damit gerechnet, daß Jesus wiederkommt, recht bald und greifbar. Daß sich die Zeit so dehnt, daß es noch 2000 Jahre dauern wird, konnte sich Paulus sicher nicht vorstellen, auch wenn er wie jeder Jude wußte, daß 1000 Jahre vor Gott wie ein Tag sind.

Aber der Blick war für Paulus nicht erst in die Zukunft gerichtet. Er spricht in der Gegenwart: Die Stunde ist da, der Tag ist schon herbeigekommen. Jesu Wiederkommen, ist kein Ereignis, das noch nichts mit unserer Zeit zu tun hat, sondern er kommt. Sein Kommen ist zu spüren. Jetzt schon: Der Morgenstern bescheinet jetzt deine Angst.

Ich singe gerne Morgenlieder. Ich atme gerne Morgenluft. Es darf heute bei dir Advent werden. Jesus kommt. Ein neuer Tag.

Advent -- anfangen, ein neues Kleid

Kennen Sie das: Da waren Sie nach einem langen anstrengenden Tag abends noch aus. Irgendwo in einem Restaurant oder in einer Kneipe. Müde legen Sie sich ins Bett. Am nächsten Morgen steigen Sie unter die Dusche und fühlen sich frisch und gut. Ein bißchen Deo, Rasierwasser sofern Sie männlich und kein Bartträger sind.

Und dann greifen Sie zu den Kleidern, die auf dem Stuhl legen, mechanisch vielleicht. Und Sie riechen es sofort: Da ist noch der ganze vergangene Tag in den Kleidern, sogar noch der Kaffeefleck auf dem Ärmel, Schweiß und Zigarettenrauch. Puh. Schnell weg damit. Lieber gleich ganz frische Sachen anziehen.

Das ist ganz normal.

Aber in unserem geistlichen Leben leben wir leider oft ganz anders. Da wird es Morgen und wir begnügen uns allzu oft mit geistlicher Katzenwäsche und ziehen die alten Kleider wieder an. Atmen freiwillig den Muff der alten Sorgen, den Mief des alten Ärgers, den Moder der alten Unzufriedenheit ein. Das würden wir sonst nie tun.

Advent -- anfangen, ein neues Kleid. Zieht Jesus Christus an! Das wurde zu den Anfängern, zu den Neugetauften gesagt, die da standen, mit ihrem neuen weißen Taufkleid.

Doch es gilt für uns an jedem Tag. Wie neue Kleider an jedem Tag Jesus Christus anziehen. Das bedeutet: Ich möchte nicht länger in den Tag stolpern. Stattdessen möchte ich einen Moment der Ruhe und des Gebets am Morgen suchen.

Ich möchte Jesus Christus anziehen,

mich von ihm anziehen lassen.

Das ist die wahre Adventsmode, auf die wir in diesen Tagen achten sollten.

Advent -- anfangen, eine neue Liebe

Jesus Christus anziehen.

Das Wort sagt noch etwas anderes, das ist die logische und praktische Konsequenz: Wir sollen die Waffen der Liebe anlegen sollen. An der Sprache merken wir, daß das kein evangelischer Friedenskreis geschrieben hat, sondern das ist die Denkwelt der Alten Welt. Aber trotzdem aussagekräftig. Wer die Waffen der Liebe anlegt, kann keine anderen Waffen mehr anziehen. Wer die Waffen der Liebe anlegt, dem stehen nicht alle Waffen zur Verfügung. Der kann nachgeben und das Gesicht trotzdem nicht verlieren.

Paulus erinnert an die Gebote, die in der Liebe ihre Erfüllung haben. Es geht nicht darum, daß wir die Gebote alle halten. Christsein ist mehr. Angezogen sein. Immer wieder neu anfangen.

Am Ende des Wortes steht ein Lasterkatalog: Ehrbar leben am Tag und nicht Unzucht und Ausschweifung, Hader und Eifersucht.

Christsein ist nicht so zu definieren, daß man dies und das nicht tut, sondern diese Laster, diese Lasten, die auf einem lasten, loswerden darf, befreit werden darf, aufatmen darf.

Advent, neu anfangen, in einer neuen Liebe, die daher kommt, daß ich befreit und geliebt und wertgeschätzt werden, daß ich Kopf und Hände frei bekomme für den Menschen neben mir.

Advent -- neu anfangen: Ein neuer Tag, ein neues Kleid, eine neue Liebe.

Amen


© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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