Predigt
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Liebe Heiligabend-Gemeinde,
Eine Frage vorneweg. Über was wundern wir uns eigentlich noch? Was setzt uns noch so richtig in Erstaunen, so daß es uns fesselt und nicht mehr losläßt?
Ich bin da recht skeptisch geworden. Wundert uns eigentlich überhaupt noch etwas wirklich? Oder ist das gerade unser wunder Punkt, daß uns gar nichts mehr aus der Ruhe bringen kann, aus der Lethargie.
Was hat uns in diesem Jahr verwundert?
Wundert uns die Gewalt noch? Das Bild der algerischen Mutter, die vor dem Krankenhaus erfährt, daß ihre acht Kinder bei dem Attentat der Fundamentalisten alle ums Leben gekommen sind.
Wundert uns das Schicksal noch? Das Bild eines total zerstörten Mercedes in einem Tunnel in Paris. Alle schimpfen über die Fotografen, deren Fotos alle ansehen. Wen wundert die Bigotterie noch, die beim Tod von Lady Diana deutlich wurde.
Wundert uns noch, daß als Worte des Jahres die Auswahl zwischen Reformstau und Elchtest besteht? Da ist doch wieder das Gefühl der Lethargie. Nichts geht voran in unserem Land. Wer im Reformstau steht, muß keinen Elchtest bestehen. Ein schwacher Trost.
Und jetzt kommt Weihnachten. Nun gut. Soll's halt kommen. Es geht auch wieder. Uns wundert ja nichts mehr. Ganz ehrlich, liebe Gemeinde, einem Pfarrer geht es da nicht anders. Weihnachten ist da ein großes Pflichtprogramm, alles muß bedacht werden, aber wundert es mich noch? Reißt es mich noch heraus.
Ich hatte eine Bildmeditation zu Weihnachten in die Hände bekommen und das Bild aus dem 16. Jahrhundert, ein Flügelaltar, Öl auf Eichenholz gemalt von den Meistern der Grootischen Anbetung hat mich zunächst auch nicht verwundert. Ein schönes Weihnachtsbild, aber so wie viele. Die drei Weisen sind zu sehen, Maria und Josef, in einem mittelalterlichen Ensemble.
Ich zeige uns das Bild, und im Anschluß daran einzelne Ausschnitte, aber es ist gut, wenn wir uns leiten lassen vom Predigttext für den heutigen Abend. Ein Wort aus dem Titusbrief, im 2. Kapitel.

Predigttext: Titus 2, 11-14
Denn erschienen ist die Gnade Gottes, die allen Menschen zum Heil dient,
und sie leitet uns dahin, dass wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnen und besonnen und gerecht und fromm leben in der jetzigen Welt
und warten auf die selige Hoffnung und auf die Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und des Heilandes Christus Jesus,
der sich für uns dahingegeben hat,um uns von allem gesetzwidrigen Wesen zu erlösen und für sich selbst ein Volk zum Eigentum zu reinigen, das eifrig wäre in guten Werken.
Ich wünsche mir, daß uns das neu verwundert. Gnade Gottes ist erschienen für diese Welt. Weihnachten. Ein dreifaches Wunder. Die Gnade öffnet den Horizont, die Gnade öffnet das Herz, die Gnade öffnet die Hand.

Denn erschienen ist die Gnade Gottes, die allen Menschen zum Heil dient. So sagt es der Titusbrief.
Gnade öffnet den Horizont. Das mag man bei diesem Ausschnitt auch denken. In der Totalen war der Blick aus dem Fenster gar nicht so aufgefallen. Doch jetzt blicken wir in die Weite einer mittelalterlichen Landschaft hinein und der Himmel nimmt unseren Blick in Beschlag. Der Himmel, der zur Erde hin immer heller wird, erleuchtet von -- ja was ist das -- einem Stern oder der Sonne, vermittelt eine besondere Ruhe.
Wir sehen auf den Straßen dieser Welt Menschen. Da kommen viele, offensichtlich dahin wo das Kind ist. Sie kommen mit ihren Tieren.
Das ist ein harmonisches Bild. Das ist ein gnädiger Blick auf diese Welt. Das ist der Blick eines Liebhabers, der diese Welt liebhat.
Aber darf man das denn ausklammern, was diese Welt für eine Welt ist, daß diese Welt eine kaputte Welt ist, die Gnade nötig hat?
Gnade -- die unverdiente Liebe, die gerade das Gegenteil von dem ist, das wir verdient hätten. Gnade für diese Welt. Was heißt das eigentlich, was bedeutet das? Für wen ist diese Gnade da?
Jan Vering, ein Dichter und Journalist hat über die Gnade geschrieben. Er hat versucht, es einem kleinen türkischen Mädchen zu erklären, was die Gnade ist, für wen sie ist:
Gnade für den Starken,
der Macht in Händen hält,
und Gnade für den Schwachen,
der ihm zum Opfer fällt.
Gnade für den Dummen,
der nichts mehr liebt als Geld,
Gnade für die Welt.
Gnade für den Spötter,
der über alles lacht,
und für den Resignierten,
der nichts mehr lächeln macht.
Gnade für den Sterbenden,
den kein Glaube hält.
Gnade für die Welt.
Gnade für den Schwarzen
den sein Ghetto hassen lehrt
und für den weißen Mann,
der ihm den Rücken kehrt.
Gnade für die Kinder,
wenn die Bombe fällt.
Gnade für die Welt.
Gnade für den Politiker,
der Waffen exportiert
und für den Staatsmann hoch oben,
dem sein Gewissen erfriert
und für die sogenannten kleinen Leute,
die das kaum interessiert,
Gnade für die Welt.
Gnade für den Jungen,
der in Uniform verreckt
und für den, der dieses Kind in diese Uniform gesteckt.
Gnade dem Ajatollah,
der Krieg für heilig hält.
Gnade für die Welt.
Und Gnade für mich selber,
der ich das alles weiß:
O Herr, mach meine Hände handeln
und mach das Herz mir heiß.
Laß mich die Gnade leben,
die mich bei dir erhält:
Gnade leben mitten in der Welt.
Weihnachten. Gottes rettende Gnade für die Welt. Gnade öffnet den Horizont.

Barhäuptig kniet ein alter Mann vor dem Kind. Es ist einer der weisen Männer aus dem Morgenland. Wer die nun wirklich waren, was die nun wirklich wollten, bleibt schillernd, bleibt auch in der biblischen Überlieferung nicht deutlich. Die Tradition hat aus ihnen Könige gemacht. Auch hier erscheinen die drei in Hermelin - Gewändern. Vielleicht waren es auch Magier, Astrologen, Sterndeuter.
Wer sich der Geschichte der 3 weisen Männer aus dem Morgenland nähert, die sich aufmachten, weil sie sich die merkwürdige Sternenkonstellation über Palästina nicht erklären konnten, der stößt -- wie schillernd alles sonst auch sein mag -- auf einen klaren Zusammenhang:
Die 3 Astrologen verknüpfen dieses Kind mit der Macht in der Welt. Wer weiß, was sie wollten. Sie haben an der Sternenkonstellation die Macht erkannt, vielleicht wollten sie auch Anteil an der Macht, ihr astrologisches Wissen einsetzen zu ihrem Machtgewinn.
Sie finden gleich auch Herodes, den König von Jerusalem und Judäa, der sofort Angst bekommt um das bißchen Einfluß, das ihm die Römer noch gelassen hatten. Und Herodes versucht sofort, die 3 Magier in seine Dienste einzuspannen. Sollen die herausfinden, wo der Rivale ist, von dem der Stern zeugt, damit er ihn dann aus dem Weg schaffen kann.
Vielleicht hätten dies die 3 Männer auch getan. Gegenteiliges hören wir zuvor nicht. Vielleicht hatten sie vor, Herodes mitzuteilen, wo das Kind zu finden ist. Vielleicht waren sie selbst verführt vom Einfluß und vom Vermögen und der Machtfülle. Nicht umsonst heißen sie manchmal die drei Weisen und dann auch die drei Könige.
Und diese schillernde Mischung von Mensch begegnet dem Kind. Auf der Suche nach Sinn, aber auch auf der Suche nach Macht, voller Durst nach Liebe, aber genauso hungrig danach deneigenen Einfluß zu vermehren, begegnen die 3 Männer der Gnade, die die Welt rettet.
Und die Gnade öffnet das Herz.
Unser Herz -- in der Sprache der Bibel ist das Herz der Sitz unserer Emotion. Hier sitzt unsere Liebesfähigkeit, hier wohnt unsere Leidenschaft, hier kocht auch unser Haß, hier dümpelt auch unsere Gleichgültigkeit.
Die Gnade öffnet unser Herz. Der weise Mann, noch ganz durcheinander von allem, was ihn getrieben hat, spürt: Da ist einer, bei dem ich mir ins Herz schauen lassen kann, bei dem ich die Karten offenlegen kann.
Die Gnade öffnet dein Herz, das manchmal ein Nest voller Liebe und manchmal eine Mördergrube ist.
Die Gnade öffnet dein Herz. Laß dir's gefallen.
Der alte Mann weiß noch nicht, daß dieses Kind auch noch eingeholt wird von der Macht in dieser Welt, die es nicht haben will, daß die Liebe größer ist.
Der alte Mann weiß noch nicht, daß dieses Kind voller Liebe zu uns in den Tod geht und der Macht damit den Todesstoß versetzt.
Aber der alte Mann spürt: Hier darf ich mich öffnen. Das ist ein Wunder, wenn Menschen ihr Herz öffnen. Die Gnade öffnet das Herz.

Da ist Josef. Er steht wie in der ganzen Weihnachtsgeschichte etwas unsicher neben der Haupthandlung. Er ist verantwortlich, er wird immer wieder zur Verantwortung gerufen, Maria nicht zu verlassen, jetzt bei ihr zu stehen, bei seiner Verlobten, die ihn um seinen guten Ruf bringen kann.
Josefs Hände auf diesem Bild verwundern. Was drücken sie nur aus. Die rechte Hand hält den Hut an das Herz. Die linke ist merkwürdig geöffnet, noch nicht ganz und die ganze Haltung des Josef wirkt noch etwas verschlossen.
Welche Worte würden Sie dem Josef an dieser Stelle in den Mund legen.
Tut mir leid, ich bin nicht zuständig.
Hoffentlich sind die bald wieder weg.
Ich würde das Kind auch gern mal halten.
Vielleicht spiegelt sich in der Haltung des Josef auch die Einstellung vieler Zeitgenossen zu dem an Weihnachten geschieht.
Schon ganz nett, aber geht es mich an?
Ich würde das Kind auch mal gerne halten, aber mich läßt ja niemand.
Was kann ich denn schon tun, um in dieser Welt etwas zu verändern?
Wer bin ich denn schon? Was kann ich denn schon?
Gnade öffnet die Hand. Die Liebe, die mir Weihnachten entgegentritt, die öffnet mein Leben, meinen Horizont, mein Herz und meine Hand. Die Hände des Josef sind dabei, sich zu öffnen, und unsere Hände auch.
Die Gnade öffnet die Hand.
Gott macht aus uns Menschen, die eifrig sind, engagiert zu guten Werken. Gott löst uns aus der Lethargie, reißt uns aus der Trägheit, aus dem dümpelnden Fragen: Was kann ich denn schon tun.
Die Gnade öffnet uns.
Amen.
Jesus Christus, begegne uns als der lebendige, daß unser Herz fröhlich springen kann.
Begegne uns mit deiner freien Gnade, mit deiner Liebe, die wir nicht verdient haben, aber die unseren engen Horizont aufreißen kann, die unser zwiespältiges Herz öffnen kann, die unsere gelähmten Hände bewegen kann.
Du weißt, wo unser Horizont eng ist, wo wir uns verrannt haben und keinen Ausweg sehen.
Du weißt, wo unser Herz zwiespältig ist, wo wir Schuld spüren unter Ängsten leiden.
Du weißt, wo unsere Hände gelähmt sind, wo wir nicht weiter kommen, gerne möchten aber irgendwie nicht können.
Du weißt, wo wir lethargisch und träge sind. Versetzte uns doch neu den Lebensstoß, den Atem, der uns aufweckt und fröhlich macht.
Wir bitten dich für alle bei uns, die in diesem Jahr Weihnachten feiern und dabei einen Menschen in ihrem Kreis vermissen. Schenk ihnen deinen besonderen Trost.
Wir bitten dich für alle Kranken, die nicht mehr wissen, wie es für sie weitergehen soll. Sende uns als Boten deiner Liebe in diese Welt.
| © Evangelische Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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