Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias

Römer 12, 9-16

19. Januar 1998

Heute, liebe Gemeinde, erwarten Sie etliche Ermahnungen - Weckt das Ihre Befürchtungen? Ermahnungen im Predigttext, das führt jedenfalls zu Befürchtungen beim Prediger: Werden die Hörer die Predigt unbeschadet überstehen?
Oder werden Sie bestätigt im Vorurteil, daß Christen diejenigen sind, die sich einbilden etwas besseres zu sein, obwohl sie doch auch nur Mittelklasse sind.
Oder werden Sie bekräftigt in der Abwehrhaltung, daß Christsein eine höchst langweilige Sache ist, definiert durch Verbote hier und Abgrenzungen da?
Paulus mutet uns gleich 21 Ermahnungen am Stück zu, dabei fehlen noch Verse danach. Ermahnungen sind das allerletzte, was wir brauchen, sagen viele.

Reinhard Mey erwischt sich in einem Lied dabei, daß er immer wieder seine Kinder mit den Sprüchen ermahnt, die er selbst als Kind schon gehaßt hat.

Mach die Tür zu, ohne sie zuzuschlagen!

Sieh auf die Uhr, Du hast den Bus verpaßt!

Muß ich denn immer alles dreimal sagen!

Wie hab ich diesen Spruch als Kind gehaßt.


Gut. Jetzt hab ich Sie genügend vorgewarnt. Jetzt hören wir uns doch einmal Paulus selbst an:


Die Liebe sei ohne Falsch.

Haßt das Böse, hängt dem Guten an.

Die geschwisterliche Liebe untereinander sei herzlich.

Kommt einander in Ehrerbietung zuvor.

Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt.

Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.

Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal,

beharrlich im Gebet.

Nehmt euch der Nöte der Heiligen an.

Übt Gastfreundschaft.

Segnet, die euch verfolgen; segnet und flucht nicht.

Freut euch mit den Fröhlichen

und weint mit den Weinenden.

Seid eines Sinnes untereinander.

Trachtet nicht nach hohen Dingen,

sondern haltet euch herunter zu den geringen.

Haltet euch nicht selbst für klug.


Hugo Boss, der schwäbische Herrenausstatter, hat eines seiner neuen Parfüm-Creationen "Elements" genannt, und in der Pädagogik kommt es auch auf Elementarisierung an.
Das was Fachleute ein "Komplexes Gebilde" nennen, das man kaum durchschaut, das was Mathematiker einen Bruch nennen, den man noch kürzen muß, das ist hier der Wust von Ermahnungen, den wir auf die Elemente reduzieren müssen.

Worauf kommt's an im Leben als Christ? Drei Elemente fallen mir ein, wenn ich Paulus höre: Feuer, Freude und Freundschaft.

Feuer

Es kommt im Christsein auf das Feuer an. Da hat also ein richtiges Element der Elemente Feuer Wasser und Erde auch unsere geistliche Welt erreicht. Seid brennend im Geist, sagt Paulus.
Ein Brennen, das haben wir nötig. -- O daß bald dein Feuer brennte, du unaussprechlich Liebender - das bittet ein Liederdichter schon vor 200 Jahren. Daß in dieser Kirche Gottes Geist neu ansteckt, daß immer wieder Pfingsten wird und die Kirche immer wieder neu wird, dieses Brennen haben wir nötig.
Daran ist lebendiges Christsein zu erkennen: Ob da ein Feuer brennt, oder ob die Flamme flackert oder ob man aus Energiespargründen lieber auf Sparflamme fährt.
In Magdeburg gibt es zur Zeit einen kuriosen Streit. Der hat zunächst nichts mit Kirche zu tun, aber mit Musik und ist ein guter Vergleich. Da weigert sich der Generalmusikdirektor des Synphonieorchesters am Jahrestag der Zerstörung der Stadt nach alter DDR-Tradition Beethovens 9. Sinfonie zu spielen: Freude schöner Götterfunken, Töchter aus Elysium. Wir betreten feuerstrunken. Himmlische dein Heiligtum.
Dieser Mann, Musikerseele durch und durch, kann das nicht. In ihm brennt auch ein Feuer. Der hat Berufung und Leidenschaft und macht nicht alles für Geld. Freude schöner Götterfunken, bringt der am Jahrestag der Feuersflut nicht übers Herz.
Und deswegen läßt sich dieser Mann von seinem wohldotieren Job feuern, weil in ihm ein Feuer brennt.

Ein Mensch in dem ein Feuer brennt, der tut noch längst nicht alles, aber das was er tut mit Leidenschaft. Seid brennend im Geist.
Unser Christsein kann doch nur ansteckend werden, wenn wir brennend im Geist sind. Und unsere marode Kirche, die von den Wohltaten der staatlichen Unterstützung verfettet und selbstgefällig geworden ist, hat keine Perspektive, wenn nicht an vielen Orten diese Bitte nach dem Feuer, nach dem Brennen im Geist laut wird.
Unsere Kirche, unsere Gemeinde hat Perspektive, hat Verheißung, wenn wir uns anstecken lassen von der Liebe Jesu Christi. Das Fett wird dabei verbrennen und es wird spürbar sein, daß Gott Leben schenkt.
Wir spüren das doch, wenn jemand solch ein Brennen hat, wo ein Mensch leidenschaftlich mit Kindern umgeht, wo einer sich einsetzt für die Arbeit, die er zu tun hat, nicht nur um des Geldes willen.
Das ist das erste Element auf das ich wert lege: Feuer.


Freude

Friedrich Nietzsche der große kritische Philosoph sagte einmal, die Christen würde er glaubwürdiger finden, wenn sie erlöster aussehen würden.
Bei allem Respekt vor der Tradition, wie Menschen Beerdigungen feiern, so haben doch viele Leute, wenn sie in Deutschland Gottesdienste besuchen, den Eindruck, das sei eine permanente Beerdigung. Menschen schauen gesenkten Blickes aneinander vorbei, die Farben sind gedeckt, die Orgel spielt Largo und Adagio, nie Allegro, die Predigt meditativ depressiv. Ich überzeichne.
Erasmus Alberus, ein Zeitgenosse Luthers hat einmal gesagt: "Wenn christliche Gemeinde zusammenkommt, so geht es zu, wie wenn jemand zur Hochzeit kommt." Heller Lichterglanz und fröhliche Musik, Menschen in festlich-fröhlichen Kleidern, die einander begrüßen.
Seid fröhlich in Hoffnung. Sagt Paulus. Lebt hochzeitlich! Feiert Gottesdienste, wie wenn ihr zur Hochzeit geht. Schließlich hat Jesus erstens eine Hochzeit besucht in Kana und zweitens das Wasser zu Wein gemacht, und nicht umgekehrt.

Seid fröhlich in Hoffnung. Sagt Paulus und läßt den Blick nach vorne gehen. Ich bin nicht erst fröhlich wenn ich auf Erreichtes zurückschauen kann, wenn ich alle Schäfchen im Trockenen habe, das Konto voll, die Möbel gepflegt, die Kredite gesichtert.
Viele denken heute so: Ich könnte ja fröhlich sein, wenn ich nur noch und etwas mehr... Ich müßte aber zuvor das und das noch erreichen und dann kann ich fröhlich sein.
Fröhlich in Hoffnung -- das bedeutet ich bin jetzt schon froh, auch wenn ich noch nicht genau sehe, wie mein Weg läuft -- ich vertraue darauf, daß Gott es gut macht. In dieser Hoffnung will ich fröhlich sein.

Und daß diese Freude keine Fassade ist, sondern ein ehrliches Geschenk Gottes, das weiß Paulus. Er meint keine Freude, die verächtlich auf Menschen in schweren Situationen herabsieht. Er meint keine Freude, die die Traurigkeit überspielen oder gar unterdrücken muß. Er kann sagen: Freut euch mit den Fröhlichen! Und: Weint mit den Weinenden!
Weint mit den Weinenden! Nicht den 08/15 Spruch aus christlichen Bildkalendern für jede Lebenslage, sondern Dabeibleiben am Schicksal von Menschen!

Das sind Grundelemente unseres Lebens als Christen: Feuer und Freude und das Dritte:

Freundschaft

Darf man das dazuzählen? Nicht jeder Mensch hat Freunde und das soll man niemand zum Vorwurf machen.
Freunde sind selten und selten bequem
sind manchmal kantig und unangenehm
woll'n nicht gefallen, woll'n zu dir gehören
steh'n auf der Matte, auch wenn sie mal störn.
So klingt Clemens Bittlinger und deutet an, daß Freundschaft ein hohes Gut und ein Zerbrechliches zugleich.

Die Bibel ist das Buch der Freundschaft Gottes. Freundschaft, die er unentwegt anbietet. Freundschaft, die wir unentwegt ablehnen. Ich war etwas im Zweifeln, ob ich Freundschaft als Element, als elementares Zeichen christlichen Lebens herausnehmen soll.
Schließt das nicht die aus, denen Freundschaft nicht gelingt? Drückt das nicht die an die Wand, die zerbrochene Freundschaft erlebt haben? Kommt es darauf an?

Paulus redet davon. Von der Freundschaft, von der Geschwisterliebe, von der Philadelphia. Das ist kein Frischkäse, aber das ist erfrischend.
Und Paulus redet von der Gastfreundschaft, die dem Fernen gilt.
Wie sollen Menschen zur Gemeinde finden, wenn wir ihnen nicht mit dem Angebot der Gastfreundschaft signalisieren, daß Gott ein freundlicher, die Freundschaft anbietender Gott ist?
Feuer und Freude und Freundschaft
Elements. Elemente eines Lebens mit Gott.
Amen.
© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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