Predigt an Sexagesimae 1998

Hebräer 4,12-13

15. Februar 1998

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.


Liebe Gemeinde !

Ich weiß nicht, ob Sie sich jemals in ihrem Leben schon einmal ein Schwert gewünscht haben. Meine Kinder haben sich schon oft eins gewünscht -- wer möchte nicht gerne Ritter sein und diese Wünsche muß man auch erfüllen. Ritter oder Musketier -- ohne Schwert sind sie hilflos und machtlos. Ein Schwert gehört einfach dazu.
Manchmal möchte man nämlich auch ein Schwert haben, wenn alles festgefahren und festgezurrt ist. Wenn man das Gefühl hat, angebunden und fest vertaut zu sein. Mit einem Schwert -- da könnte man den Knoten durchschlagen, den man mit findiger Kunst nicht aufbekommt.
Den Knoten durchschlagen? Kennen Sie das auch, das fitzelige Gefühl, wenn man einen Knoten nicht aufbekommt, obwohl man es doch eilig hat. Da sitzt man im Flur auf der Treppe und will die Schuhe anziehen, doch da ist so ein dummer Knoten in den Schnürsenkeln. Man wird ganz unruhig und hibbelig: Welcher Idiot hat den diesen Knoten ... man war es meistens selbst. Da hätte man auch gern, na ja nicht gleich ein Schwert, aber ein scharfes Messer um das Problem durchdringend zu lösen.

Im Wort für die heutige Predigt geht es auch um ein Schwert. Ein Schwert, das mühelos alles durchdringt, das wie ein heißes Messer durch die Butter, einschneidend und wirksam ist. Was ist dieses Schwert? Ich lese aus dem 4. Kapitel des Hebräerbriefes.


Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig

und schärfer als jedes zweischneidige Schwert

und dringt durch,

bis es schneidet Seele und Geist,

auch Mark und Bein,

und ist ein Richter der Gedanken

und Sinne des Herzens.

Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen,

sondern es ist alles bloß und aufgedeckt

vor den Augen Gottes,

dem wir Rechenschaft geben müssen.


Gottes Wort ist wie ein Schwert? Nein, sagt der Predigttext: Es ist sogar schärfer als jedes zweischneidige Schwert. Seine Wirksamkeit wird eindrücklich beschrieben. Durchdringend. In die Kernbereiche der menschlichen Existenz. Seele und Geist, Mark und Bein. Mein inneres und mein äußeres Ganzes dringt es ein. Dabei ist es aber nicht totbringend, sondern lebendig, lebenschaffend. Beißt sich das nicht? Ein Schwert, das Leben bringt?

Würden wir nicht gerne ganz andere Vergleiche heranziehen, liebe Gemeinde, um das Wort Gottes zu beschreiben? Ich hab ein bißchen überlegt und bin auf einige Vergleiche gestoßen, wie wir uns Gottes Zuspruch doch viel eher vorstellen:
Wir denken nicht an ein Schwert, sondern an ein kuscheliges Daunenbett. Immer wieder gerne gehört und auf christlichen Glückwunschkarten immer wieder gern genommen: Kommt her, die ihr mühselig und beladen sein, ich will euch erquicken / Kommt her und ruht euch aus / Mein Joch ist sanft / Den Seinen schenkt's der Herr im Schlaf.
Ist uns das nicht viel lieber?
Wir denken nicht an ein Schwert, sondern an eine heilende Salbe: Ich bin der Herr, dein Arzt / Lobe den Herrn, der heilet alle deine Gebrechen.
Das ist doch wohltuend und wie oft haben wir das schon gespürt, daß das Wort Gottes heilt, versöhnt, aussöhnt, gesund macht.
Ist uns das nicht viel lieber?
Wir denken nicht an ein Schwert, sondern an eine anregende Tasse Kaffee: Wem das Daunenbett zu kuschlig und die Salbe zu einseitig seelsorgerlich ist, der kann immer noch das Wort Gottes als intellektuelle Ausgangsfrage für wichtige und kluge Streitereien machen. Sinnvolle oder sinnlose Disputationen auf Evangelischen Akademien. Man streitet über die Kirche, über Gott, über die Gestalt der Überlieferung, die doch bloß biblisches Menschenwort ist. Man läßt sich ein und aus über viele Fragen. Wort Gottes (Gottes ist eingeklammert) als anregende Tasse Kaffee für den Intellekt?
Ist uns nicht das lieber? Viel lieber als Schwert? Wir wünschen uns ein Wort Gottes, das wie das Daunenbett zur Ruhe führt, das wie die Salbe beruhigend und schmerzstillend ist oder uns wie die intellektuelle Tasse Kaffee wenigstens in Ruhe läßt. Ein bißchen Anregung ja, aber zu nahe kommen soll mir das Wort nun auch nicht.
Wir haben das Wort domestiziert, auf Gesangbuchverse oder gar auf Grußkartenniveau reduziert und viele Gedanken produziert, die uns angenehmer und lieber sind als das Wort, das ein Schwert ist.

Von der Ruhe spricht der Hebräerbrief auch. Aber nicht vom in Ruhe gelassen werden. Von der Ruhe spricht dieses Kapitel auch, aber weil Gottes Wort so wirkt wie ein Schwert. Es sind eindrückliche Worte, die dem vorausgehen.
Es ist noch eine Ruhe vorhanden. In einer Auslegung von Psalm 95 zeigt das 4. Kapitel des Hebräserbriefes, daß Gott uns Ruhe zuspricht und verheißt. Sabbatruhe. Die gute Ruhe in seinem Frieden und Geborgenheit. Nicht die Ruhe vor dem Sturm, sondern die Ruhe, die sich ausruht in der Liebe Gottes. Das ist die Verheißung: Es ist Ruhe vorhanden
Und dann kommt: Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam, das bedeutet engergiegeladen und energisch und schärfer als jedes zweischneidige Schwert.
Eine Ruhe, die das Schwert erzeugt? Kommt uns das nicht makaber vor? Mag das auch keine Grabesruhe sein, wenn das Schwert die Macht ist, die die Ruhe erzeugt hat?

Was ist das Wort Gottes, wenn es nicht Daunenbett, Salbe oder mehr oder weniger kalter Kaffee ist? Ein Schwert.
Für die Reformatoren war klar, daß das Wort Gottes mehr ist als eine Grußkarte. Martin Luther hat ganz deutlich gemacht:
Das Wort Gottes hat zwei Gestalten.
Es ist Gesetz.
Hartes, richtendes Wort. Es stellt uns einen Spiegel vor. Es zeigt uns glasklar und schonungslos, wer wir sind und wie es um uns bestellt ist.
Und es ist Evangelium.
Bedingungsloser Freispruch und die Zusage der Liebe. Es zeigt uns glasklar und ohne Widerhaken, daß wir Gottes Kinder sind.
Und Luther hat in seiner Zeit darauf bestanden, daß man diese beiden Gestalten des einen Wortes Gottes auseinanderhält. Gesetz und Evangelium. Er hat der damaligen katholischen Kirche vorgeworfen, sie mache aus diesen beiden Gestalten des Wortes Gottes ein untrinkbares Gemisch. Gott hat dich lieb, das ist gewährt, wenn du dich so und so verhältst, diese und jene Bußleistung tust. Wenn du, dann vielleicht...
Und Luther sagte: Nein. Gesetz und Evangelium muß man unterscheiden, das ist kein heilloses Gemisch, das ist nicht Zuckerbrot und Peitsche, eines Gottes, der nicht weiß, was er will.

Diese Unterscheidung des einen Wortes Gottes in Gesetz und Evangelium ist wichtig, wenn wir leben wollen. Auch die Barmer theologische Erklärung aus der Anfangszeit des Kirchenkampfes kennt diese Unterscheidung: Zuspruch der Vergebung und Gottes Anspruch auf unser Leben. Beides ist zu unterscheiden, aber beides zählt.

Manchmal tut es weh, das zu spüren. Aber wenn der Knoten durchschlagen werden soll, wenn es wirklich heilsam sein soll, dann muß es wohl so sein.
*
Er hatte sich das nie träumen lassen, so tief hineingezogen zu werden. Alles sollte doch nur eine kleine Liebes-Affäre sein. Er war bezaubert von ihrer Schönheit, von ihrer Anmut und Eleganz, als er sie im Bade sah. Er, König von Israel und sie, Frau seines Offiziers, der für David kämpfte. Und David konnte sich nicht zügeln und ließ Batseba zu sich rufen und schlief mit ihr. Und sie wurde schwanger. Sie ließ es David wissen. Er wäre Vater des Kindes, das nun kommt. Uria, der Batsebas Mann war auf dem Feld und konnte nicht der Vater sein.
David probierte noch souverän, sich aus der Situation heraus zu ziehen. Er schickte Uria in den Heimaturlaub, weg von der Front, aber der ging in der Nacht nicht zu seiner Frau, sondern blieb bei den anderen Soldaten. Ein verrückter Typ. Sogar als David ihn betrunken machte, bliebe er noch enthaltsam und loyal.
David geriet immer mehr in die Zwickmühle. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, Uria und Batseba zusammenzuführen, die Vaterschaft in geordnete Bahnen zu bringen, geriet David immer mehr ins Fahrwasser der Sünde: Uria mußte beseitigt werden. Er schickte ihn an die vorderste Front und da starb er schon bald.
Nathan der Prophet hatte alles durchschaut und war entsetzt über diese Seite seines Königs. Wie sollte er David zur Rede stellen. Er erzählte ihm eine Geschichte von zwei Männern in einer Stadt. Einer hat viele Schafe und Rinder, der arme hat nur ein heißgeliebtes Schaf. Und der Reiche lädt den Armen ein und serviert ihm als Gastmahl dessen eigenes Schaf.
David reagiert entsetzt über diesen Menschen. Der ist ein Mann des Todes. Das Lamm soll er vierfach ersetzen.

Gottes Wort ist wie ein Schwert? David hat sich selbst das Urteil gesprochen: Du bist der Mann, braucht Nathan nur noch zu sagen.
Gottes Wort, das wie ein durchdringendes Schwert ist, entlarvt und deckt auf, läßt die Fassade fallen, hinter der wir uns tapfer oder fromm, rechtschaffen oder halbwegs anständig verstecken.
Du bist der Mann, Du bist die Frau.

Wenn wir in diesen Tagen voller Sorgen in den nahen Osten schauen und sehen, wie da ein Krieg vorbereitet wird, da würden wir auch gerne hinter die Fassaden schauen. Wer hat denn wirklich ein Interesse am Krieg, wer sind die Hintermänner? Geht es nur darum Saddam in die Knie zu zwingen? Oder gibt es andere Interessen? Wer verdient daran? Die Waffenhändler, die ihre neuen Systeme unter Beweis stellen wollen? Wer führt die Welt in die Gefahrenzone des Krieges hinein, mit welchem Grund und um welchen Preis? Auch in unserer gut informierten Medienwelt bleibt uns doch verborgen, was Wahrheit ist.

Gottes Wort, ist wie ein Schwert, das durchdringt. Mark und Bein. Und plötzlich liegen wir bloß da. Und dann fängt es an, daß Gott uns heilen kann. Wir brauchen ihm keine bürgerliche Anständigkeit vorzuführen, wir müssen ihm keine religiöse Interessiertheit demonstrieren. An fromm verzierten Stuck-Fassaden hat Gott kein Interesse. Er heilt dich, er kommt in den Kern deines Lebens und dir spricht dir zu, daß du sein Kind bist. Und spricht dich frei von den Bindungen, die dich belasten. Du bist sein Kind.
Amen.


© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein

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