Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die
Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch
allen. Amen.
Liebe Gemeinde,
kennen Sie die
Wüstenväter? Das waren die Mönche der ersten Stunde.
Sie lebten allein oder in kleinen Gemeinschaften und wollten ganz
intensiv Christsein leben. Ganz für Gott da sein, nur mit ihm
leben: Familie und Eigentum soll nichts gelten, nur das Leben mit
Gott.
Aber so einfach war das
gar nicht. Die ganze Welt mit ihrer Schönheit und ihrem Glanz
und besonders die weibliche Schönheit lockte und machte den
Wüstenvätern ganz schön zu schaffen.
Es
gibt viele kleine Anekdoten und Begebenheiten aus deren Leben:
Einige sind in Büchern gesammelt worden. Eine davon handelt von
der Liebe in der Zelle und dem Bischof auf dem Faß und der
Frau darin:
"Der Altvater Ammonas
kam einmal irgendwohin, um zu essen. Dort befand sich auch ein
Mönch, der einen schlechten Ruf hatte. Es begab sich aber, daß
eine Frau daherkam und in die Zelle des Bruders mit dem üblen
Ruf ging. Als die Bewohner des Ortes das erfuhren, gerieten sie in
Aufregung und taten sich zusammen, um ihn aus seiner Zelle zu
vertreiben.
Als sie erfuhren, daß
der Bischof, der Altvater Ammonas am Orte sei, gingen sie zu ihm und
forderten ihn auf, mit ihnen zu kommen: Als der Bruder das merkte,
nahm er die Frau und verbarg sie in einem großen Faß.
Wie nun die Menge eintraf, da wußte der Altvater Ammonas
bereits, was vorgefallen war, doch um Gottes Willen verdeckte er die
Sache. Er trat ein, setzte sich auf das Faß und ordnete eine
Untersuchung an. Aber obwohl sie sorglich suchten, fanden sie das
Weib nicht. Da sagte der Altvater Ammonas: Was ist das? Gott soll
euch vergeben, daß ihr den Bruder verleumdet habt: Er ließ
ein Gebet verrichten, dann nahm er den Bruder bei der Hand und
ermahnte ihn: »Gib auf dich acht, Bruder« Nach diesen
Worten ging er weg.
Und
wie finden Sie das? Locker und menschlich? Oder bigott und
unehrlich?
Wie finden Sie das, wenn
ich Ihnen noch einmal Worte aus dem Predigttext vor Augen führen,
die zu ganz anderem Verhalten ermahnen:
folgt Gottes Beispiel
als geliebte Kinder
lebt in der Liebe, wie
Christus uns geliebt hat
Unzucht ist
Götzendienst
früher wart ihr
Finsternis, heute Licht
Die
katholische Kirche in Österreich steckt zur Zeit in einer
großen Krise. Der Vorwurf an einen Kardinal, Kinder und junge
Männer mißbraucht zu haben, ist kaum noch aus der Welt zu
räumen. Der Mann, Kardinal Groer schweigt beharrlich und Rom
schweigt, ein aufmüpfiger Priester dagegen, der selbst
betroffen war und nicht schweigen will, wird versetzt. Neulich im
Skiurlaub sah ich eine Talkrunde zu diesem Fall zu bester Sendezeit.
Diesem Fall gilt großes Interesse.
Daran mußte ich auch
denken, als ich die Geschichte vom Bischof auf dem Faß, in dem
die Frau steckt, gelesen hatte: Stößt es einem nicht übel
auf, wenn man merkt: Da wird etwas verdeckt und vertuscht und es
scheint, als wäre im Faß keine Frau, sondern ein Haufen
alter Fische, die zum Himmel stinken, obwohl da einer draufsitzt.
Wie
hoch sind die Maßstäbe, die an Christen zu richten sind?
Das ist eine spannende Frage. Hängt nicht vieles davon ab? Die
Glaubwürdigkeit der Kirche? Die Einladung zu Christus,
ausgesprochen von Menschen, die einen hohen ethischen Wert
vermitteln wollen, sich aber selbst nicht ansatzweise daran halten.
Was ist das wert?
Das ist eine spannende
Frage, denn das ist das Kanonenfutter für alle Gegner der
Kirche und - was noch schlimmer ist - die große Irritation für
alle die einmal hineinschnuppern möchten. Wenn die spüren:
Die verstehen ihr Christsein so, als wären sie etwas besseres
und sind es nicht. Dann gehen sie wieder. Unehrliche Menschen gibt
es überall.
Natürlich
kommt es entschieden darauf an, um was es geht: Der Bischof auf dem
Faß in unserer Geschichte hat einen Bruder in Schutz genommen,
der in der Einsamkeit leben wollte, im Leben für Gott, und der
es aber nicht geschafft hat. Die Sehnsucht nach körperlicher
Liebe war zu groß. Seinen Anspruch hat er für sich fallen
lassen, nach außen noch aufrecht erhalten. Und das hat ihn
zerrissen und er wurde unfreundlich den Menschen gegenüber, die
genau spürten, daß Anspruch und Realität nicht
übereinstimmen. Der Mann ist über seine eigenen Ansprüche
gestolpert. Dem Mann muß geholfen werden. Ich finde es gut,
daß der Bischof sich auf das Faß setzt.
Im Fall des Kardinals
Groer sieht es anders aus: Der hat sich - wenn die Vorwürfe
stimmen - an Schutzbefohlenen vergangen, da haben Menschen Schaden
genommen. Und sein Schweigen macht alles nur noch schlimmer. Wer
nicht ausspricht und um Vergebung bittet, wird keine finden. Der
bleibt in der Unwahrheit.
Es kommt darauf an, um was
es geht
Aber
was, liebe Gemeinde, würde Jesus dazu sagen: Martin Niemöller,
der Kirchenpräsident und Vater der Bekennenden Kirche hat diese
Frage immer wieder gestellt: Was würde Jesus dazu sagen:
Jesus ist eindeutig und
liebevoll. Einige Worte fallen mir ein. Er ist eindeutig: Ihr könnt
nur einem Herrn dienen, sagt er in der Bergpredigt und macht den
Menschen Mut, nicht allem nachzujagen: Besitz und Genuß und
Sexualität.
Und Jesus haßt die
Bigotterie. Sein Hauptvorwurf gegenüber der damaligen
herrschenden religiösen Klasse war der der Unglaubwürdigkeit.
Ihr prahlt mit euren moralischen Maßstäben und haltet
euch nicht daran, wie eine schmutzige Wand, die ein bißchen
weiß getüncht wurde.
Aber dann sagt Jesus auch:
Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Und: Wer von euch
ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Sagt er, um ähnlich
wie Altvater Ammonas die Ehebrecherin zu schützen, die ohne
Zweifel eine Ehebrecherin war. Er hat nicht gesagt. Das war doch
menschlich und nicht so schlimm: Seitensprung ist Lebensvielfalt --
so reden heute viele kirchlichen Beratungsstellen -- aber Jesus ist
eindeutig und liebevoll: Sündige jetzt nicht mehr, sagt er zur
Ehebrecherin. Der Altvater Ammonas war da schon nicht mehr so
eindeutig: Paß auf dich auf, mein Bruder; klingt eher wie:
Mach nur, aber laß dich nicht erwischen.
Das ist die neue deutsche
Cleverles-Steuer- Umgeher-Ethik. Der Sport, andere clever
reinzulegen und sei es den Staat, fällt da auch hinein.
Aber
sich nicht erwischen lassen, reicht nicht: Jesus ist eindeutiger und
wahrhaftiger, aber liebevoller.
Und deswegen lädt der
Epheserbrief die frisch getauften Menschen, die früher in der
Finsternis waren und jetzt zu Jesus gehören dazu ein, so zu
leben wie er.
Das ist auch die
Jahreslosung. Lebt in der Liebe, wie Christus euch geliebt hat. Das
ist der Punkt. Das Leben als geliebte Kinder Gottes entdecken. In
der Liebe leben. Zu spüren, daß man nicht allein ist, mit
der Last und der Schuld, sondern ein geliebtes Kind, das doch bei
allem Mist, den es baut, geliebtes Kind bleibt.
Und dann erst fordert der
Epheserbrief die Christen in der großen Stadt Ephesus mit den
vielen Tempeln auf, eindeutig zu sein. Unzucht, also Sexualität,
die nicht in der festen Liebe der Ehe steht und Habsucht bringen
einen weg. Nicht weil man das nicht darf, nicht weil das unmoralisch
wäre, sondern weil diese Dinge Besitz ergreifen vom Menschen,
wenn der noch denkt, er könne sie besitzen.
Und dann ist ein Mensch
nicht mehr frei: Menschen, die in wechselnden sexuellen Beziehungen
leben, sind jämmerlich gefangen in ihrem Chaosnetz von
Sehnsucht und Liebe und Eifersucht.
Und Menschen, bei denen
sich alles ums Geld dreht, sind nicht frei, sind nicht mehr freie
Kinder, sondern Sklaven des Geldes.
Also:
Keine moralinsaure Reduktionsethik, die alles verbietet, sondern
Leben in der Freiheit der Kinder Gottes. Gott möchte, daß
Du sein freies Kind bist, das in der Liebe lebt.
Aber
wie komme ich dahin, wenn knietief im Schlamassel stecke ?
Neulich fragte mich eine
katholische Frau, ob sie unser Gesangbuch mitnehmen könne. Da
sei ein Abschnitt über Beichte. Ob es das bei uns auch gebe.
Ja, das gibt es. Wir müssen es nur tun: Aussprechen und
Freisprechen. Das ist Beichte.
Mir müssen nicht auf
unseren Fehlern sitzenbleiben. Gott kann wegräumen und ist
wirklich ökologisch: Er läßt auf dem Mist unseres
Lebens Blumen wachsen.