Predigt an Okuli 1998

Epheser 5, 1-8a

15. März 1998

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Liebe Gemeinde,
kennen Sie die Wüstenväter? Das waren die Mönche der ersten Stunde. Sie lebten allein oder in kleinen Gemeinschaften und wollten ganz intensiv Christsein leben. Ganz für Gott da sein, nur mit ihm leben: Familie und Eigentum soll nichts gelten, nur das Leben mit Gott.
Aber so einfach war das gar nicht. Die ganze Welt mit ihrer Schönheit und ihrem Glanz und besonders die weibliche Schönheit lockte und machte den Wüstenvätern ganz schön zu schaffen.

Es gibt viele kleine Anekdoten und Begebenheiten aus deren Leben: Einige sind in Büchern gesammelt worden. Eine davon handelt von der Liebe in der Zelle und dem Bischof auf dem Faß und der Frau darin:
"Der Altvater Ammonas kam einmal irgendwohin, um zu essen. Dort befand sich auch ein Mönch, der einen schlechten Ruf hatte. Es begab sich aber, daß eine Frau daherkam und in die Zelle des Bruders mit dem üblen Ruf ging. Als die Bewohner des Ortes das erfuhren, gerieten sie in Aufregung und taten sich zusammen, um ihn aus seiner Zelle zu vertreiben.
Als sie erfuhren, daß der Bischof, der Altvater Ammonas am Orte sei, gingen sie zu ihm und forderten ihn auf, mit ihnen zu kommen: Als der Bruder das merkte, nahm er die Frau und verbarg sie in einem großen Faß. Wie nun die Menge eintraf, da wußte der Altvater Ammonas bereits, was vorgefallen war, doch um Gottes Willen verdeckte er die Sache. Er trat ein, setzte sich auf das Faß und ordnete eine Untersuchung an. Aber obwohl sie sorglich suchten, fanden sie das Weib nicht. Da sagte der Altvater Ammonas: Was ist das? Gott soll euch vergeben, daß ihr den Bruder verleumdet habt: Er ließ ein Gebet verrichten, dann nahm er den Bruder bei der Hand und ermahnte ihn: »Gib auf dich acht, Bruder« Nach diesen Worten ging er weg.

Und wie finden Sie das? Locker und menschlich? Oder bigott und unehrlich?
Wie finden Sie das, wenn ich Ihnen noch einmal Worte aus dem Predigttext vor Augen führen, die zu ganz anderem Verhalten ermahnen:

Die katholische Kirche in Österreich steckt zur Zeit in einer großen Krise. Der Vorwurf an einen Kardinal, Kinder und junge Männer mißbraucht zu haben, ist kaum noch aus der Welt zu räumen. Der Mann, Kardinal Groer schweigt beharrlich und Rom schweigt, ein aufmüpfiger Priester dagegen, der selbst betroffen war und nicht schweigen will, wird versetzt. Neulich im Skiurlaub sah ich eine Talkrunde zu diesem Fall zu bester Sendezeit. Diesem Fall gilt großes Interesse.
Daran mußte ich auch denken, als ich die Geschichte vom Bischof auf dem Faß, in dem die Frau steckt, gelesen hatte: Stößt es einem nicht übel auf, wenn man merkt: Da wird etwas verdeckt und vertuscht und es scheint, als wäre im Faß keine Frau, sondern ein Haufen alter Fische, die zum Himmel stinken, obwohl da einer draufsitzt.

Wie hoch sind die Maßstäbe, die an Christen zu richten sind? Das ist eine spannende Frage. Hängt nicht vieles davon ab? Die Glaubwürdigkeit der Kirche? Die Einladung zu Christus, ausgesprochen von Menschen, die einen hohen ethischen Wert vermitteln wollen, sich aber selbst nicht ansatzweise daran halten. Was ist das wert?
Das ist eine spannende Frage, denn das ist das Kanonenfutter für alle Gegner der Kirche und - was noch schlimmer ist - die große Irritation für alle die einmal hineinschnuppern möchten. Wenn die spüren: Die verstehen ihr Christsein so, als wären sie etwas besseres und sind es nicht. Dann gehen sie wieder. Unehrliche Menschen gibt es überall.

Natürlich kommt es entschieden darauf an, um was es geht: Der Bischof auf dem Faß in unserer Geschichte hat einen Bruder in Schutz genommen, der in der Einsamkeit leben wollte, im Leben für Gott, und der es aber nicht geschafft hat. Die Sehnsucht nach körperlicher Liebe war zu groß. Seinen Anspruch hat er für sich fallen lassen, nach außen noch aufrecht erhalten. Und das hat ihn zerrissen und er wurde unfreundlich den Menschen gegenüber, die genau spürten, daß Anspruch und Realität nicht übereinstimmen. Der Mann ist über seine eigenen Ansprüche gestolpert. Dem Mann muß geholfen werden. Ich finde es gut, daß der Bischof sich auf das Faß setzt.
Im Fall des Kardinals Groer sieht es anders aus: Der hat sich - wenn die Vorwürfe stimmen - an Schutzbefohlenen vergangen, da haben Menschen Schaden genommen. Und sein Schweigen macht alles nur noch schlimmer. Wer nicht ausspricht und um Vergebung bittet, wird keine finden. Der bleibt in der Unwahrheit.
Es kommt darauf an, um was es geht

Aber was, liebe Gemeinde, würde Jesus dazu sagen: Martin Niemöller, der Kirchenpräsident und Vater der Bekennenden Kirche hat diese Frage immer wieder gestellt: Was würde Jesus dazu sagen:
Jesus ist eindeutig und liebevoll. Einige Worte fallen mir ein. Er ist eindeutig: Ihr könnt nur einem Herrn dienen, sagt er in der Bergpredigt und macht den Menschen Mut, nicht allem nachzujagen: Besitz und Genuß und Sexualität.
Und Jesus haßt die Bigotterie. Sein Hauptvorwurf gegenüber der damaligen herrschenden religiösen Klasse war der der Unglaubwürdigkeit. Ihr prahlt mit euren moralischen Maßstäben und haltet euch nicht daran, wie eine schmutzige Wand, die ein bißchen weiß getüncht wurde.
Aber dann sagt Jesus auch: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Und: Wer von euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Sagt er, um ähnlich wie Altvater Ammonas die Ehebrecherin zu schützen, die ohne Zweifel eine Ehebrecherin war. Er hat nicht gesagt. Das war doch menschlich und nicht so schlimm: Seitensprung ist Lebensvielfalt -- so reden heute viele kirchlichen Beratungsstellen -- aber Jesus ist eindeutig und liebevoll: Sündige jetzt nicht mehr, sagt er zur Ehebrecherin. Der Altvater Ammonas war da schon nicht mehr so eindeutig: Paß auf dich auf, mein Bruder; klingt eher wie: Mach nur, aber laß dich nicht erwischen.
Das ist die neue deutsche Cleverles-Steuer- Umgeher-Ethik. Der Sport, andere clever reinzulegen und sei es den Staat, fällt da auch hinein.

Aber sich nicht erwischen lassen, reicht nicht: Jesus ist eindeutiger und wahrhaftiger, aber liebevoller.
Und deswegen lädt der Epheserbrief die frisch getauften Menschen, die früher in der Finsternis waren und jetzt zu Jesus gehören dazu ein, so zu leben wie er.
Das ist auch die Jahreslosung. Lebt in der Liebe, wie Christus euch geliebt hat. Das ist der Punkt. Das Leben als geliebte Kinder Gottes entdecken. In der Liebe leben. Zu spüren, daß man nicht allein ist, mit der Last und der Schuld, sondern ein geliebtes Kind, das doch bei allem Mist, den es baut, geliebtes Kind bleibt.
Und dann erst fordert der Epheserbrief die Christen in der großen Stadt Ephesus mit den vielen Tempeln auf, eindeutig zu sein. Unzucht, also Sexualität, die nicht in der festen Liebe der Ehe steht und Habsucht bringen einen weg. Nicht weil man das nicht darf, nicht weil das unmoralisch wäre, sondern weil diese Dinge Besitz ergreifen vom Menschen, wenn der noch denkt, er könne sie besitzen.
Und dann ist ein Mensch nicht mehr frei: Menschen, die in wechselnden sexuellen Beziehungen leben, sind jämmerlich gefangen in ihrem Chaosnetz von Sehnsucht und Liebe und Eifersucht.
Und Menschen, bei denen sich alles ums Geld dreht, sind nicht frei, sind nicht mehr freie Kinder, sondern Sklaven des Geldes.

Also: Keine moralinsaure Reduktionsethik, die alles verbietet, sondern Leben in der Freiheit der Kinder Gottes. Gott möchte, daß Du sein freies Kind bist, das in der Liebe lebt.

Aber wie komme ich dahin, wenn knietief im Schlamassel stecke ?
Neulich fragte mich eine katholische Frau, ob sie unser Gesangbuch mitnehmen könne. Da sei ein Abschnitt über Beichte. Ob es das bei uns auch gebe. Ja, das gibt es. Wir müssen es nur tun: Aussprechen und Freisprechen. Das ist Beichte.
Mir müssen nicht auf unseren Fehlern sitzenbleiben. Gott kann wegräumen und ist wirklich ökologisch: Er läßt auf dem Mist unseres Lebens Blumen wachsen.
Amen.



© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein

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