Predigt an Lätare 1998

2. Kor 1, 3-7

22. März 1998

Einleitung zum Eingangslied EG 369,1-3

Ich beginne mit der Erinnerung an einen Raubüberfall:
Georg Neumark wollte im Herbst 1640 von Mühlhausen nach Königsberg um Jura zu studieren.
Der Weg nach Ostpreußen war weit und im dreißigjährigen Krieg gefährlich. Neumark schloß sich deswegen einer großen Fuhre von Kaufleuten an. Doch schon bei Magdeburg in der Altmark wurde der Tross überfallen. Neumark verlor alles. Geld und Ziel.
Ausgehungert kam er in Lübeck an. Ein Flüchtling wie viele damals. Ein thüringischer Landsmann, Pfarrer Nikolaus Becker fand nach langem Warten eine Hauslehrerstelle für Neumark.
Der schrieb zum Dank ein Lied, das trug den Titel: "Trostlied, dass Gott einen jeden zu jeder Zeit versorgen und erhalten will."

Lied zum Eingang: 369, 1-3 Wer nur den lieben Gott läßt walten

Predigt

Gleich dreimal klingelt es an der Praxistür der der beliebten Allgemeinärztin in der Kleinstadt. Etwas abgehetzt, mit einer großen Einkaufstasche kommt eine Frau in den Eingangsbereich der Praxis hinein, sie hat ihr 3-jähriges Kind an der Hand.
"Ich brauche dringend einen Termin", sagt sie und nimmt im Wartezimmer Platz. Dort greift sie unruhig zu den Illustrierten, nachdem sie dem Kind ein paar Gummibärchen und etwas Spielzeug zugesteckt hat.
"Die roten Flecken dort am Arm gehen einfach nicht weg", sagt sie später im Behandlungszimmer zur Ärztin, dann schaut sie auf die Uhr. Kindergarten ist gleich zu Ende, das fünf-jährige will abgeholt werden.
Die Ärztin schaut sich den Arm des Kindes an. Nichts Bedrohliches, aber sie sagt noch nichts, denn sie ahnt etwas. Dann greift sie ins Regal und holt eine Salbe heraus, mit klangvollem Namen.
"Die reiben sie bitte ein. Jeden Morgen und jeden Abend 10 Minuten lang. Das machen Sie bitte 14 Tage, dann wird es besser werden."
"Ehrlich?", fragt die Mutter, etwas skeptisch.
Aber es wurde besser. Und das lag nicht an der Salbe, die hatte kaum Wirkstoffe, war eher Placebo. Es lag an der Zeit, die sich die Mutter für das Kind genommen hat. Und das Kind gestreichelt hat, beim Einreiben. Das tat ihr selbst gut, das tat dem Kind gut. Und die roten Flecken waren auf einmal verschwunden.

Es geht heute um Trost. Um echten Trost. Und davon redet auch der Predigttext.

Paulus im 2. Brief an die Korinther: (2. Kor 1,3-7)
"Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.
Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. Haben wir aber Trübsal, so geschieht es zu eurem Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden.
Und unsere Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben."

Drei Aspekte, liebe Gemeinde, liebe goldenen Konfirmanden, die mir wichtig sind, wenn Trost denn wirklich Trost sein will.

Trost braucht Zeit

14 Tage lang, 2 mal 10 Minuten. Das war der hintergründige Auftrag der Ärztin an die gestreßte Mutter. Es ist so vieles dringend und scheinbar wichtig, so vieles drängt sich auf, daß das wirklich Wichtige, die Menschen um uns herum, nur mit dem Nötigsten abgespeist werden.
Wir gehen so Fast-Food mäßig miteinander um, als würden wir die Seele nur von McDonalds ernähren können. Und dann wird auch der Körper krank. Wie bei dem Kind.

Trost braucht Zeit. Der erste wichtige Aspekt. Trost kann keine Momentaufnahme sein, kein bloßes, schnell dahergesagtes Trostwort, das mich denn nun auf einmal trösten soll. Nein, Trost ist nicht schnell, Trost braucht Zeit.
Aber viele Menschen machen auch die Erfahrung, daß sich der Trost manchmal Zeit läßt. Manchmal warten wir auf den Trost, wie vom Herbst bis auf den Frühling. Das gibt es auch, das Warten auf den Trost.
In einem Gesangbuchlied, dem Adventslied "O Heiland reiß die Himmel auf...", fragt der Dichter Friedrich Spee verzweifelt: "Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?" Manchmal müssen wir lange auf Trost warten. Denken Sie nocheinmal an den anderen Liederdichter vom Beginn, Georg Neumark, der auch hat warten müssen, nach dem Überfall, bis er wieder Trost fand...

Trost braucht Zeit. Und eines hat die Geschichte mit der Ärztin und der Mutter und dem Kind mich auch gelehrt: Trost braucht die persönliche Beziehung. Es ist kein Wort, kein Bild, keine Natur, die mich tröstet, es ist ein Mensch, der sich auf mich einläßt, der sich Zeit für mich nimmt.

Trost braucht Wahrheit

Liebe goldenen Konfirmandinnen und Konfirmanden. An diesem Tag schauen Sie auch auf eine Etappe Ihres Lebens zurück. Es war im Grunde Ihre Erwerbszeit, die nun zuende geht. Damals mit 14, kam man aus der Schule und die Erwerbszeit der meisten von Ihnen begann. Heute sind die meisten von Ihnen sicher schon im Ruhestand und diese Spanne des Lebens ist schon umrissen.
Und wenn Sie auf diese Zeit zurückblicken, dann können Sie sicher auch ein Lied vom Trost singen. Wahrscheinlich sind es eher zwei Lieder: Eines in Dur und eines in Moll, eines vom echten Trost und eines vom schnellen, faulen, unechten Trost.
Die Erfahrung lehrt einen, wann jemand nur schulterklopfend sagt: "Na komm, das wird schon wieder!", aber man spürt genau: So richtig will der sich doch auf das, was mich bewegt nicht einlassen.
Denn das ist doch wahr. Wenn ich jemand trösten will, dann muß ich mich einlassen auf einen anderen, dann trage ich mit an der Last des anderen, dann kann ich mich nicht schadlos halten.
So sagt auch Paulus: Wir werden von Gott getröstet, und deswegen können wir andere trösten. Um Kapazität für die Last anderer zu haben, muß Gott uns erst einmal Last abnehmen. Erst dann ist Trost wahr und gut. Nur Getröstete können trösten.

Trost braucht Wahrheit. Alles andere ist keine Alternative. Es gibt keine schnellen Tröster. Das sind Lügen. Die sofortwirkenden Hansaplast- Trostpflästerchen, die ohne innere Anteilnahme helfen, gibt es nicht.
Aber das Problem ist: Überall werden Sie uns verkauft:
Im Radio z.B.: HR3 verabschiedet seine Hörer nach dem Verkehrsfunk neuerdings mit dem Satz: "HR3 ist bei Ihnen" Ein umgebautes Segenswort. Man stelle sich vor, der fährt nun an den Baum und das Radio tönt weiter: "HR3 ist bei Ihnen."
Und im Fernsehen verabschiedet Nina Ruge die Zuschauer der Boulevard-Sendung "Leute heute" mit dem Satz: Alles wird gut. Woher weiß die das. Das weiß die gar nicht, glaubt sie vielleicht auch nicht.
Sind wir noch ganz bei Trost, das wir solche Tröster schlucken.
A propos schlucken. Viel zu viele Menschen suchen immer noch im Prösterchen ihr Trösterchen. Der Trost aus der Flasche, zeigt am deutlichsten wie verlogen das alles ist.
Trost braucht Wahrheit. Trost braucht eine Macht, die wirklich die Zukunft verändern kann. Hohle Worte tun's nicht.

Trost braucht Liebe

Die kluge Ärztin zu Beginn hat zwischen der Mutter und dem Kind nicht zuletzt die Liebe neu entfacht. Die Liebe, die unterzugehen droht in den Alltagspflichten einer Familie. Echten Trost gibt es aber nur da, wo die Liebe ist.
Und Liebe ist da, wo ein Mensch nicht da halt macht, wo das Leben eines anderen zu unbequem ist. Liebe ist da, wo einer dranbleibt, dabeibleibt, obwohl das Leben des anderen nur noch schwer und unattraktiv und lästig ist. Da wo die Leiden eines Menschen, mich abhalten zu ihm zu gehen, da ist es mit der Liebe nicht weit her, da kann auch kein Trost entstehen.

Paulus lebt von einem Trost, von einer Liebe. Paulus ist fasziniert und erfüllt von Jesus. Denn der hat das gelebt, bis in die letzte Konsequenz hinein. Der war sich nicht zu schade, der hat vor den Leiden der Welt nicht naserümpfend umgedreht und gesagt: "In so einen Dreck gibt sich doch ein Sohn Gottes nicht hinein." So denken wir, aber nicht er.
Und das weiß Paulus. Paulus selbst war körperlich ziemlich krank. Wir wissen nicht genau was, aber die vielen Reisen quer durch den ganzen Mittelmeerraum, werden ihn nicht gesünder gemacht haben. Und Paulus weiß sich in seinem Leiden nicht mehr allein. Jesus hat doch vor dieser schmerzhaften Dimension des Lebens auch nicht halt gemacht. Er leidet mit mir und durch ihn habe ich Trost.

Christus, das ist der Trost, den wir nötig haben. Das ist der Trost, der nicht nur mal schnell vorbeischaut, der auf Zeit bei uns bleibt, das ist der Trost, der nicht nur hohle Worte macht, sondern wahr ist, das ist der Trost, der Liebe ist.
Amen

 

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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