Liebe Gemeinde,
waren Sie auch schon in diesem Film? 11 Oscars hat er in dieser
Woche bekommen. Mehr als je ein Film zuvor. Genauso viele
Goldmännchen, wie einst der legendäre Film "Ben Hur"
verliehen bekam. Mehr Geld eingespielt, als je ein Film zuvor.
Zuerst von der Kritik belächelt, hinkt diese jetzt dem
Zuschauererfolg hinterher und sieht in dem Film den würdigen
Nachfolger des Südstaaten- Schmachstückes "Vom Winde
verweht."
Die Rede ist vom 193 min langen Mythos-Film: Titanic.
5. April 1912. Das Jahrhundert hat von seinem Schrecken noch
nichts angedeutet. Die Welt war noch ein Ordnung, noch in der
Ordnung des Klassendenkens zwischen erst- und drittklassig,
zwischen Adel und Bürgertum und Pöbel, zwischen oben und unten.
Und der Film beschreibt die Liebesgeschichte, wie könnte es
anders sein, zwischen einer unglücklichen Schönen aus der 1.
Klasse und einem glücklichen Schönen aus der 3. Klasse. Er
rettet sie vor dem Selbstmord und aus den Fängen des bösen und
geldgierigen Verlobten und sie tanzt mit ihm befreit irische
Volkstänze.
Dann kommt aber die Tragödie: Das für unsinkbar gehaltene
Schiff rammt den Eisberg. Die Warnungen davor waren in den Wind
geschrieben worden, die Geschwindkeit war auf volle Fahrt
erhöht, um schon vor der Zeit in New York zu sein. Die
Ferngläser auf dem Ausguck waren nicht zur Hand, die
Rettungsboote zu knapp bemessen. Binnen weniger Stunden sank die
unsinkbare Titanic.
Man fragt sich: Was ist eigentlich das Thema: Menschliche
Überheblichkeit? Das Katastrophenjahrhundert wirft seine
Schatten voraus?
Ach, da war noch die Liebesgeschichte. Beide finden sich, beide
stehen zum Schluß auf der Spitze des Hecks des Schiffes, das
steil emporragt, kurz bevor es sinkt. Am Ende wird sie gerettet,
weil er ihr den Platz auf einem Holzstück überlassen hat und
wie viele andere, die keinen Platz in den zu wenigen und nicht
voll besetzten Booten gefunden hatten, erfriert.
Genug mit der Beschreibung. Dieser Film fällt nun noch in die
Passionszeit. Leiden, Tränen und Verzweiflung sieht man genug
auf diesem Film. Oder halt. Eher ist es überdeckt von
Leidenschaft und Kitsch. Man sieht zwar die Panik vieler
Menschen, die Angst vor dem Tod, aber alles aus der Distanz,
alles bleibt in der Totalen: Menschen fallen aus großer Höhe
herunter, schlagen auf. Doch man sieht das aus der Ferne, es
bewegt nicht wirklich.
Was zieht soviele Menschen in diesen Film? Emotion und
Leidenschaft? Es ist mehr. Es ist das Thema dieses Jahrhunderts:
Die Katastrophe ist da, die Welt stürzt zusammen, der
Mikrokosmos des Schiffes steht für die ganze Welt; doch ich, der
eine Mensch finde meinen individuellen Weg, meine persönliche
Liebe, mein ganz eigenes Glück.
Und neben aller technischen Perfektion und der brillianten
Unterhaltung, glaube ich, daß der Film deshalb die Menschen so
anzieht, weil er am Ende dieses Jahrhunderts, wo viele die Welt
-- der Titanic gleich -- auf einen noch nicht sichtbaren Eisberg
zusteuern sehen, eine Perspektive zeigt: Aber du, du wirst deinen
Weg machen. Finde deinen Weg. Und wenn andere sich für die
aufopfern, sag "Danke" und mach weiter. Oder es ist
dein Weg, dich aufzuopfern; aber dann sieh zu, daß eine Handvoll
Kameras auf dich gerichtet sind, damit du wenigstens so
unsterblich bleibst.
Das Thema des Films ist Narzißmus. Verliebt in sich
selbst, bis in alle Ewigkeit. So wie Narkissos, der schöne
Jüngling in der griechischen Sage, der sich liebte, bis er zur
Narzisse wurde...
Seinen eigenen Weg finden. Sich sich selbst hingeben, auf die
eigene Stimme hören und wenn alles um mich herum zerfällt.
Das ist Zeitgeist, was Menschen heute antreibt. Wirkt
demgegenüber nicht die Botschaft dieses Sonntags wie eine
Mahnung aus einer längst vergessenen Zeit, verstaubt und von
gestern?
Der Predigttext aus dem Hebräerbrief bringt ein nämlich
Stichwort ein, das gar nicht in die Zeit paßt. Gehorsam.
Gehorsam, der eigenen tiefen Stimme in mir selbst, das würde
noch angehen. Aber der Text redet vom Gehorsam gegenüber Gott.
Mögen wir das hören?
Ich lese es jedenfalls vor:
Aus dem Brief an die Hebräer 5. Kapitel:
Als Jesus unter uns Menschen lebte, hat er Gott, der ihn allein
vom Tod retten konnte, unter Tränen und voller Verzweiflung
angefleht.
Und Gott erhörte sein Gebet und befreite ihn aus seiner Angst,
weil Jesus den Vater ehrte und ihm gehorsam war.
Auch Jesus, der Sohn Gottes, mußte durch sein Leiden lernen, was
Gehorsam heißt.
Nachdem er aber sein Opfer am Kreuz vollbracht hat, ist er für
alle, die ihm gehorsam sind, zum Retter und Erlöser geworden.
Ganz klar. Beim Stichwort: Gehorsam dem Vater gegenüber,
krümmen sich bei vielen Menschen die Zehennägel. Das ist doch
genau das Gegenteil der Titanic-Film-Botschaft.
Und als Pfarrer, der den Predigttext liest und die Gemeinde vor
Augen hat, denke ich: Oh' Mann, was soll ich denn damit machen?
Das fällt doch nur hinein in alte Klischees: Der Glaube an Gott,
den Vater, hindert mich doch daran, sich wirklich zu entdecken,
läßt mich in feste Bahnen laufen: Leben in Schwere, Leid und
der ständigen Angst in Sünde zu fallen: Kontrollfrage Macht es
Spaß? Dann ist es Sünde. Dann darf ich nicht.
Das ist das Klischee. Gott, der Gehorsam fordert und das Leben
verhindert. Lassen Sie uns das einfach spüren, daß es diese
Ängste in uns gibt: Daß uns Gott kurz halten will. Dieses Bild
von Gott gibt es in uns. Deshalb ist es noch lange nicht wahr.
Höchste Zeit, das das angesprochen wird.
Denn vielleicht steckt noch eine ganz andere Perspektive in
diesem Text: Eine Perspektive, die uns mit unserem Narzißmus
anspricht und uns weiterführt.
Die Worte aus dem Predigttext erinnern an eine Szenerie nachts im
Garten Gethsemane. Ein Garten vor der Stadt Jerusalem. Jesus
hatte sich nach der letzten Mahlzeit mit seinen Jüngern dorthin
zurück gezogen. Er wollte Ruhe und Klarheit, weil er ahnte, was
auf ihn zukommt. Er betete und suchte die Nähe der Jünger, die
mit ihm beten sollten, doch die waren zu schwach und konnten es
nicht.
Kernsatz des Gebetes war ein Wort, das stracks wider alle
narzißtische Tendenz läuft: "Vater", betet Jesus,
"nicht wie ich will, sondern wie du willst."
Und für den Schreiber des Hebräerbriefes wird an dieser Stelle
deutlich: Da hat Jesus Gehorsam gelernt. Sich dem schweren Weg
hingegeben, dem Leiden, sich dem leichten Weg des geringsten
Widerstandes versagt.
Jesus hat eingewilligt in einen Weg, den er nicht zwangsläufig
gehen mußte, aber nach dieser Einwilligung wirklich ging:
Verspottet,
zu Unrecht angeklagt,
verleumdet,
bespuckt,
gequält,
Verbrechern gleich aufgehängt.
Und noch am Kreuz angegriffen: Hilf dir doch selbst, wenn du
Gottes Sohn bist.
Und deshalb, sagt der Hebräerbrief, hat Gott ihn erhört. Ich
habe das eben in der Übertragung: `Hoffnung für alle` gelesen:
Die überträgt etwas frei, aber genau treffend:
Und Gott erhörte sein Gebet und befreite ihn aus seiner Angst
Liebe Gemeinde, da ist die Perspektive, die uns in unserer
selbstverliebten Welt helfen kann. Hinter dem Narzißmus unserer
Zeit steckt eine ungeheure Angst. Sätze dieser Angst heißen:
"Ich komme zu kurz." "Ich habe nur eine Chance und
die muß gelingen." "Mein Lebensweg muß perfekt sein
und der meiner Kinder auch."
Hinter der Verheißung der Narzißmus steckt die große Drohung:
"Und wehe du schaffst es nicht."
Und so ich behaupte auf die Frage hin: Was treibt Menschen heute
an: Eher nicht das Ziel vor Augen, sondern viel mehr die Angst im
Nacken, es nicht zu schaffen, vor den anderen als belämmert da
zu stehen.
Narzißmus ist Angst. Angst, profillos zu sein, Angst, die
08/15-Figur zu sein.
Und darüberhinaus:
Narzißmus ist der permanente Versuch, in sich selbst, die Quelle
des Lebens zu finden. Und wer merkt, daß er nicht genug Vorräte
hat, der wird aufgeregt und panisch. Und so erlebe ich heute die
Welt. Aufgeregt und panisch, weil die Ressourcen nicht
ausreichen.
Demgegenüber ist Gehorsam Vertrauen. Das ist alles andere als
Kadaver-Gehorsam, alles andere als preußischer Kasernenhof-Ton,
alles andere als Aufoktoyiert. Gehorsam ist Vertrauen, Begreifen
und Einwilligen. Gott will dich als Freund, als Freundin, nicht
als Untergebene.
Und Gehorsam bedeutet darüberhinaus: Ich verzichte darauf, meine
Kraft aus mir selbst schöpfen zu wollen. Ich schöpfe meine
Kraft aus der Kraft des Schöpfers, der mich gemacht hat. Er
kennt mich und weiß auch im Schweren das Beste aus mir zu
machen.
Narzißmus und Angst, das ist die Lebenseinstellung der
vergehenden Welt.
Gehorsam als Vertrauen, das ist die Lebenseinstellung der
kommenden Welt.
Mit diesem Vertrauen wirst du nicht untergehen.
Amen.
| © Evangelische
Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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