Liebe Gemeinde,
im Jahr 1722 entdeckten holländische Meeressegler im südlichen pazifischen Ozean eine wirkliche Trauminsel. 165 Quadratkilometer groß und merkwürdige, große Steinfiguren waren überall auf dieser Insel zu finden. Rapanui hieß die Insel in der Sprache ihrer polynesischen Ureinwohner. Die Holländer jedoch wußten davon nichts, sie gaben dieser Insel, die heute zu Chile gehört, den Namen Osterinsel, denn als sie die Insel entdeckt hatten, da war gerade Ostern.
Ich habe keine Ahnung, wie sich die Holländer damals bei den Ureinwohnern aufgeführt haben, ich befürchte, sie waren nicht besser als andere kolonialherrschafts-erfüllte Seefahrer ihrer Zeit. Und ich vermute auch, daß der Name Osterinsel, nur wegen des Datums gewählt, die Insel Rapanui genau so wenig österlich macht, wie die Osterhasenform die Milka-Schokolade österlich macht, wenn die zum Osterhasen wird und nicht zum Nikolaus.
Wie wird aus der Osterinsel Rapanui wirklich eine österliche Insel? Wie wird aus der Insel unserer Gemeinde wirklich österliche Gemeinde? Wie wird aus der Insel meiner und deiner persönlichen Existenz wirklich österliche Existenz?
Die christliche Gemeinde in Korinth lebte auch wie eine Insel. Es war eine kleine Hauskreisgemeinde, vielleicht 60-100 Leute. Die Brandung des Meeres schlug hart gegen sie an. Attraktive Religionen und religiöse Attraktivitäten gab es zuhauf. Paulus mußte hart um diese Gemeinde kämpfen. Und er tut es in den Zeilen des 1. Briefes an die Korinther, im 15. Kapitel.
Liebe Brüder! Ich möchte Euch an das Evangelium erinnern, das ich euch verkündigt habe. Ihr habt diese Botschaft angenommen und darauf euer ganzes Leben gegründet. Ganz gewiß werdet ihr durch sie ans Ziel des Glaubens kommen, vorausgesetzt, ihr bewahrt diese Botschaft genauso, wie ich sie euch überliefert habe. Sonst glaubt ihr vergeblich und erreicht das Ziel nicht. Zuerst habe ich euch weitergegeben, was ich selbst empfangen habe. Christus ist für unsere Sünden gestorben. Das ist das Wichtigste und es steht schon so in der Heiligen Schrift. Er wurde begraben und am dritten Tage auferweckt, so wie es die Propheten angekündigt hatten. Als der Auferstandene hat er sich zuerst Petrus gezeigt und später den zwölf Aposteln. Dann haben ihn mehr als 500 Brüder zur gleichen Zeit gesehen, von denen die meisten noch heute leben; einige sind schließlich gestorben. Später ist er Jakobus schließlich allen Aposteln erschienen. Zuletzt hat er sich auch mir gezeigt, der ich es am wenigsten verdient hatte. Denn ich bin der unbedeutendste unter den Aposteln und eigentlich nicht wert, ein Botschafter Jesu zu sein; denn ich habe die Gemeinde Gottes verfolgt.
Alles was ich bin, bin ich allein durch Gottes vergebende Gnade. Und seine Gnade hat er mir nicht vergeblich geschenkt. Zwar habe ich mich mehr als alle anderen eingesetzt, aber das war nicht meine Leistung, sondern Gott selbst hat dies in seiner Gnade bewirkt. Doch ganz gleich, ob nun die anderen Apostel oder ich: Wir haben dieses eine Evangelium verkündigt und dadurch seid ihr zum Glauben gekommen.
Ich habe diese Worte in der modernen Übersetzung "Hoffnung für alle" vorgelesen. Trotzdem haben wir hier einen der ältesten Texte des Neuen Testaments vor uns. Der 1. Korintherbrief ist einer der ersten Briefe, die uns von Paulus überliefert sind. Und das Besondere daran ist, daß Paulus in diesen Worten zurückgreift auf einen noch älteren Text, den er selbst schon empfangen hat, den er nun noch einmal an die Korinther weitergibt. Ich habe euch weitergegeben, was ich selbst empfangen habe: Und dann zitiert Paulus dieses Urbekenntnis der jungen Gemeinde. Das sind Kernsätze, wie man heute sagt: Essentials, da geht es um die Essenz. Paulus nennt drei solche Essentials: 1. Christus ist für unsere Sünden gestorben. 2. Christus ist begraben und am dritten Tag von den Toten auferweckt worden. 3. Als der Auferstandene hat er sich den Jüngern gezeigt, vielen Aposteln. Darunter auch mir selbst. So Paulus.
Ich habe zu Beginn gefragt, was außer dem Namen hätten die holländischen Segler der Osterinsel hinterlassen müssen, um sie wirklich österlich zu machen. Den Menschen diese Nachricht. Diese 3 Sätze, diese Essentials und dazu noch von der Liebe erzählen, von der Liebe Gottes, die sich dahinter verbirgt.
Paulus kämpft um die Korinther. Er möchte, daß ihre Insel nicht im Meer versandet. Sie soll keine Insel der Glückseligen sein, die sich um die anderen nicht kümmert, aber wenn sie die Mitte verliert, hilft sie auch niemand. Um diesen Kern geht es. Wenn ihr den verliert -- oder nur Teile davon -- dann habt ihr alles verloren. Wenn ihr das Kreuz verliert, daß Jesus für euch gestorben ist, dann vielleicht, weil ihr denkt, daß Gott durchaus doch Vergebung für das bißchen Schuld hätte anders machen können. Wenn ihr das Kreuz verliert, dann verfällt ihr einer fatalen Fehleinschätzung der eigenen Situation. Wenn ihr verliert, daß Jesus begraben wurde als Zeichen, daß er richtig tot war, dann fallt ihr irgendwann - so wie Menschen im 20. Jahrhundert - darauf rein, wenn Phantasten kommen und sagen, Jesus sei doch nur scheintot gewesen und hätte noch in Indien als Guru Karriere gemacht. Wenn ihr verliert, daß Jesus auferstanden ist, dann verliert ihr auch das Kreuz, dann war das nur einer von vielen Verbrechertoden, dann verliert ihr alle Hoffnung.
Paulus kämpft und argumentiert. Nicht weil er strukturkonservativ wäre und alles beim Alten haben will. Er weiß um die Freiheit des Geistes, der kreativ und bunt und nicht zu zügeln ist. Aber Paulus sagt: Ihr verliert alles, wenn ihr diese Essentials nicht lebendig bewahrt. Und deswegen führt Paulus viele Zeugen an: Apostel, die 11; 500 Jünger aus dem weiteren Kreis, der Bruder von Jesus, Jakobus; und zuletzt er selbst.
Zeugen für die leibhaftige Auferstehung Jesu für das Kerngeschehen von Ostern. Das ist unglaublich. Die Nachricht von Ostern kann man nicht zwischen Tagesschau und Wetterkarte noch schlucken. Man verschluckt sich daran. Und deswegen wollen viele Menschen diese Botschaft heute ummodellieren: Auferstehung nur noch psychologisch: In mir regenerative Energien entdecken. Auferstehung nur noch politisch: Aufstehen gegen Ungerechtigkeit. Nichts gegen diese Ausformungen; das sind nötige Konsequenzen des Osterglaubens, aber Augenwischerei, wenn die Voraussetzung nicht da wäre und Jesus wäre gar nicht auferstanden.
Paulus führt Zeugen an. Im Unterschied zu den Evangelien, die von vielen Frauen am leeren Grab erzählen, berichtet er nur von Männern, die Jesus gesehen haben. Das ist kein patriachalischer Konterschlag, sondern hat nur einen anderen Grund: Paulus argumentiert quasi juristisch: Und die Zeugenaussage von Frauen galt im Orient nicht. Dennoch wird diese Erfahrung in den Evangelien weitergegeben. Das zeigt, daß die ersten Christen, wenn sie eine Erfindung in die Welt hätten setzen wollen, nie Frauen als Kronzeugen angeführt hätten. Paulus führt jedoch hier nur die Männer an. Mag man ihm vorwerfen. Es geht aber nicht um deren Geschlecht, sondern um deren Erfahrung: Sie haben den Auferstandenen leiblich gesehen.
Ich habe zu Beginn gefragt, wie kann aus der Insel Rapanui wirklich eine Osterinsel werden? Wenn die Menschen in Berührung kommen mit dieser Osternachricht.
Und ich habe weiter gefragt: Wie wird unsere Kirche wieder eine österliche Kirche? Es gibt viel Irritation über die Kernaussagen, die Paulus weitertradiert, die er für unaufgabbare Essentials hält, heute in unserer Kirche. Ich sage: Wenn diese Kirche sich erneuern will, und sie muß sich erneuern, sonst geht sie ein, dann muß sie diese Kernaussagen in sich lebendig wissen. Das bedeutet kein Strukturkonservatismus, daß alles beim Alten bleibt. Im Gegenteil: An die regenerativen Energien des Heiligen Geistes, der uns zu den Menschen in Liebe treibt, kommen wir nur, wenn wir an diese Kraftquelle angeschlossen sind. Wir wollen keine Insel der Glückseligen sein, sondern eine Rettungsinsel. Wir sind es nur, wenn der Auferstandene da ist. Unsere Zeit birgt eine ähnlich große Irritation, wie die Zeit in 1933/34 zu Beginn des Kirchenkampfes. Wahrscheinlich ist sie noch größer, weil subtiler. Es ist ja niemand ein Nazi. Aber ähnlich wie damals sind die Grundfesten im Wanken.
Nun ist die Kirche nur so zu retten, wenn der Auferstandene selbst sie bewahrt. Wir treten nicht auf und sagen, es muß alles beim Alten bleiben, bitte nicht (!), aber wir müssen bei dem bleiben, der auf uns zukommt. Ohne den Glauben an den Auferstandenen hat diese Kirche keine Zukunft.
Ich habe zu Beginn gefragt: Wie wird unsere persönliche Inselexistenz zur österlichen Existenz: In der Bitte, daß wir ähnlich wie Paulus, Christus begegnen, der unser Leben verändert. Alles was ich bin, bin ich allein durch Gottes vergebende Gnade Das hat Paulus für sich gespürt. Er hatte schlechteste Ausgangsbedingungen, ein Zeuge des Auferstandenen zu sein, weil er die Gemeinde bis aufs Blut verfolgt hat. Aber Jesus hat ihn gewollt, hat ihn zu sich gezogen, hat ihn gebraucht. Das war neue, österliche Existenz für Paulus. Ist jemand in Christus, dann ist er eine neue Kreatur. Gott fängt neu mit mir an. Aus meinen Schwächen, macht er Stärken, aus meinen Ängsten macht er Mut. Seine wirksame Kraft kann erbeten werden. Amen.
Lied nach der Predigt: EG 116, Er ist erstanden, Halleluja
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