Predigt am Letzten Sonntag nach Epiphanias 2000

Offenbarung 1,9-20

13. Februar 2000

Liebe Gemeinde !

Hier gibt es was zu sehen! Hier gibt es was zu hören! Hier gibt es was zu sagen!
Um diese 3 Punkte geht es heute. Und dabei stellt sich die Frage: Haben wir was zu sehen? Haben wir was zu hören und zuletzt: Haben wir was zu sagen?

 

Hier gibt es was zu sehen

In dieser Woche wurde es eröffnet und die größte ist 18 Meter breit, so wie eine Straßenbahn der HEAG lang ist. Auf ihr gibt es wirklich etwas zu sehen: Ich rede von der Leinwand des größten Kinoraumes im Cinemaxx, dem neuen KinoKomplex am Darmstädter Hauptbahnhof. Dort gibt es wirklich etwas zu sehen. Filme im Großformat, so eindrücklich, dass man denken muss: Das ist doch das wahre Leben.
Was haben wir denn sonst zu sehen? "Ich sehe über die Arbeit gar nicht mehr hinweg!", sagt einer und stöhnt. "Wie sehe ich denn wieder aus?", sagt eine verzweifelt beim Blick in den Spiegel. Und ein dritter sagt: "Im Blick auf meine Zukunft, da sehe ich ziemlich schwarz."
Ist es da nicht wunderbar, dass man da etwas anderes zu sehen bekommt, im Cinemaxx, auf 18 Meter Breite?

Was bekommt Johannes, der Seher zu sehen? Um seine Vision, das kommt von Sehen geht es heute im Predigttext, doch bevor wir uns dem zuwenden, fragen wir, wo Johannes gerade steckt.
Sein Engagement für Christus hat ihn, diesen Christen der Ende des 1. Jahrhunderts lebt, in große Bedrängnis gebracht. Er hat sich wegen seines Eintretens für die Gemeinde, für Jesus, viel Ärger bei der römischen Obrigkeit eingehandelt und die hat ihn auf eine Strafkolonie, die SporadenInsel Patmos verbannt.
Verbannt auf einer Insel, da denken wir an Alcatraz und an Napoleon auf Elba; was bekommt man da schon zu sehen? Wasser wie im Urlaub, doch der Blick trügt: Darüber kommt man nicht hinweg. Die große Perspektive, die sich Johannes bietet, ist die Perspektivlosigkeit. Was kann er jetzt noch tun, erreichen und ausrichten?
Und doch bekommt Johannes etwas ganz anderes zu sehen:

Offb 1,9-20
9 Der Auftrag an Johannes
Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus.
10 Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune,
11 die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.
12 Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter
13 und [a] mitten unter den Leuchtern einen, der war [b] einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel.
14 Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und [a] seine Augen wie eine Feuerflamme
15 und seine Füße wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen;
16 und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht.
17 Und als ich ihn sah, [a] fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte
18 und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.
19 Schreibe, was du gesehen hast und was ist und was geschehen soll danach.
20 Das Geheimnis der sieben Sterne, die du gesehen hast in meiner rechten Hand, und der sieben goldenen Leuchter ist dies: Die sieben Sterne sind Engel der sieben Gemeinden, und die sieben Leuchter sind sieben Gemeinden.

Das, liebe Gemeinde, ist eine große Vision: Aus der Perspektivlosigkeit auf der Insel wird Perspektive: Johannes bekommt Licht zu sehen, er bekommt Christus zu sehen.
Von allem was wir sehen, haben wir Bilder im Kopf. Unser Gehirn speichert alle visuellen Eindrücke ab. Vieles vergessen wir wieder, andere Bilder prägen sich ein, manches können wir gar nicht erinnern und wenn wir es wiedersehen, macht es "Aha!" und wir merken, wie bekannt es uns ist.
Auch von Jesus von Nazareth, dem Jesus, der uns in Geschichten begegnet, trägt jeder und jede ein Bild herum: Oder gleich mehrere: Der erzählende Jesus, der leidende Messias am Kreuz, der heilende Menschensohn, der auferstandene Christus...
Im Alten Testament gibt es das Bilderverbot: Du sollst dir kein Bild von Gott machen. Und wir können es gar nicht halten, denn im Kopf machen wir uns von allem Bilder.
Wichtig ist, dass wir offen bleiben für neue Bilder. Wichtig ist, dass wir Jesus nicht auf Schnappschussaufnahmen aus der Vergangenheit festlegen. Er will uns immer wieder neu begegnen.
Johannes bekommt etwas zu sehen: Er kommt Licht zu sehen, er bekommt Christus zu sehen. Inmitten von sieben Leuchtern ist Christus zu sehen. Die Szenerie mit dem Leuchter galt damals als ein Herrschaftssymbol. Den Kaiser hat man so verehrt und sein Symbol vor die Leuchter gestellt. Und Johannes bekommt das Bild zu sehen, dass die Machtverhältnisse auf den Kopf stellt. Nicht der Kaiser, der dich festhält, sondern Christus ist der Herr.

Mathis Grunewald, der Maler vom Isenheimer Altar hat solch einen Christus auch gesehen. Im Lichtkranz hier eben nicht der Leidende, sondern der Siegende, hier nicht der Erduldende, sondern der Segnende, hier nicht der, der sich geschlagen gibt, sondern der, vor dem die Totenwächter weichen. Dieser Christus, den bekommt Johannes zu sehen. Doch nicht nur zu sehen, denn...

 

 

 

Hier gibt es was zu hören

Im neuen CinemaxxKino in Darmstadt gibt es natürlich auch etwas zu hören. DolbySurround in bester Qualität: Da hört man Dinosaurier von hinten links anschleichen und vorne rechts verschwinden. Kino ohne Ton, das wäre unvorstellbar. In der alten cineastischen Urzeit der Stummfilme, da machte der Organist oder der Pianist mit seiner Musik die Atmosphäre zu den Bildern.
Es gibt nicht nur etwas zu sehen, sondern auch etwas zu hören. Denn der Ton macht die Musik oder besser: Das Ohr sieht mit. Was hilft mir ein glänzender Auftritt, wenn mir der, der kommt nichts oder nichts wichtiges zu sagen hat.
Bilder allein bleiben missverständlich, sie können durch die Worte einen neuen Sinn erhalten. Könnte dieser Christus im Lichtglanz nicht auch nur der Richter sein, der das Ende ankündigt über aller Dunkelheit die es auf der Erde gibt, das Ende auch für uns?
Nein, wichtig ist nicht nur, was es zu sehen gibt, sondern, was es zu hören gibt.
Johannes bekommt etwas zu hören: An Herrentag, am Sonntag bekommt er zunächst eine Posaune zu hören und dann eine Stimme, vielleicht die eines Engels, die das Sichtbare ankündigt und deutet. Und Johannes wird gleich beauftragt, das, was er sieht zu notieren, damit er es weiter geben kann an andere. Interessant ist auch bei allen Diskussionen, die wir um den Sonntag führen, dass dieser Tag der Ruhe und der Stille auch der Tag des Hörens werden kann.
Und nachdem Johannes alles gesehen hat, da spricht dieser Christus zu ihm:
Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte
18 und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.
19 Schreibe, was du gesehen hast und was ist und was geschehen soll danach.

Johannes bekommt etwas zu hören. Das ist Evangelium in aller Schwierigkeit, in aller Perspektivlosigkeit. Das ist die Zusage, wo doch die Absage an das Leben auf der Insel so nahe liegt: Fürchte dich nicht. Sie alle gaukeln dir ihre Macht nur vor. Aber ich habe die Schlüssel des Lebens. Sie wollen dir einreden, ich sei ein Mensch der Vergangenheit, ein großer Lehrer: Nein, ich war tot und siehe ich bin lebendig, für dich da.
Das bekommt Johannes zu hören und wir auch. Um am Ende gilt noch mehr:

 

Hier gibt es was zu sagen

Wer eben schon gedacht hat, ich bekomme diese Predigt vom neuen Kino in Darmstadt bezahlt, der merkt jetzt, dass er oder sie irrt. Denn eines ist ganz sicher: Im Cinemaxx in Darmstadt kriegen Sie was zu sehen und zu hören. Aber dort haben Sie nichts zu sagen. Höchstens, ob Sie Loge oder Parkett, kleine oder große Popcorn wollen, aber dann heißt es: Mund halten und Handy ausschalten.
Haben Sie denn was zu sagen?
Karl Barth, der große Basler Theologe wurde immer wieder im hohen Alter von Gästen aufgesucht, die ihn und besonders aber sich selbst für wichtig hielten. Und es wird berichtet, dass Barth vehement all diese Gäste abgewimmelt habe. Als Kontrollfrage galt ihm: "Haben Sie mir denn wirklich etwas Wichtiges zu sagen? Ich glaube nicht. Dann gehen Sie doch lieber in den Basler Zoo!"
Aber dieses Gefühl, nichts zu sagen zu haben, haben aber viele, die sich ohnehin nicht zu jemand trauen würden: "Was habe ich denn schon zu sagen. Wer hört mir denn schon zu?" Geschweige denn: "Wer hört denn schon auf mich?"
Vielleicht hat Johannes dieses Lebensgefühl auch gehabt. Er war auf der Insel verbannt. Wen könnte er noch erreichen und was hatte er noch zu sagen? Abgeschnitten von anderen wird man stumm, denn ohne Frage hat man auch keine Antwort.

Und nun ist es ganz anders. Diese Geschichte zielt auf ein ganz anderes Ende. Am Ende hat Johannes etwas zu sagen. An die sieben Gemeinden in Kleinasien. Sieben, das steht für Fülle und ein bisschen für die ganze Welt. Viele konkrete Hinweise in die Situation dieser Gemeinden hinein, folgen auf diesen Text. Und wenn man diese sieben Briefe liest, die Johannes weiterzugeben hat, dann spürt man, wie diese Briefe immer wieder auch in unsere träge und mutlose Situation hineinsprechen. Johannes bekommt nicht nur etwas, er bekommt viel zu sagen.

Deswegen gilt am Ende.
Es gibt etwas zu sehen: Präge doch heute das Bild des Auferstandenen in Dein Herz, dessen Anblick dir verrät: Ich habe noch viel mehr Möglichkeiten als du denkst.
Es gibt etwas zu hören: Geh doch in die Stille, in der dieser auferstandene Bruder und Herr zu dir spricht. Fürchte dich nicht! Ich war tot und bin lebendig für dich.
Es gibt etwas zu sagen. Andere warten auf dein Wort. Johannes konnte auch nichts direkt sagen. Er hat geschrieben. Hast du schon deine Sprache gefunden, mit der Gott durch dich reden kann. Briefe oder Bilder, Handwerk oder praktisches Helfen, liebevolles Zuhören. Du hast etwas zu sagen, von diesem Herrn, der lebt.
Amen.

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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