27. Febr. 2000
2. Kor. 12, 1-10
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Liebe Gemeinde,
kennen Sie Familie Meier-Schultenberg? Sicher nicht, denn ich habe sie am Freitagmorgen, als ich die Predigt geschrieben habe, einfach frei erfunden. Das darf man für Predigten machen, da darf man einfach mal ganze eine Familie erfinden. Bestimmt waren Sie aber trotzdem schon bei Familie Meier (schreibt sich übrigens einfach mit ei) Schultenberg einmal eingeladen. Denn die Abende bei Familie Meier-Schultenberg sind so, wie sie schon viele Menschen erlebt haben. Weil: Diese Einladungen bestehen immer und im Wesentlichen aus drei Elementen. Zuerst kommt ein Reisebericht von Herrn Meier-Schultenberg, dann erzählt Frau Meier-Schultenberg ihre Krankheitsgeschichte und zum Schluß gibt es noch ein gutes Glas Rotwein das ist der eigentliche Grund, warum sie immer noch kommen, denn der Rotwein ist vorzüglich.
Der Reisebericht von Herrn Meier-Schultenberg besteht und das ist schon in den letzten 15 Jahren immer so gewesen aus knapp 300 Lichtbildern: Berglandschaft in Italien, oberhalb von Rimini, Adria-Blick, da wo Meier-Schultenbergs diese schöne Ferienwohnung haben günstig erstehen können. Die Lichtbilder sehen eigentlich jedes Jahr gleich aus, auch wenn es in jedem Jahr neue sind. Aber das kennen Sie ja schon.
Und kaum hat Herr Meier-Schultenberg das letzte Diamagazin aus dem mittlerweile überhitzten Projektor genommen, legt Frau Meier-Schultenberg los und macht weiter mit ihrer ganz persönlichen Krankheitsgeschichte. Höflich hören Sie zu, erfahren das neueste über Gicht und Cholera und die Unfreundlichkeit der allermeisten Ärzte und es sind ja viele, die Frau Meier-Schultenberg konsultiert, und machen auch den viertelstündigen Bericht mit über die Frau, die Frau Meier-Schultenberg im Wartezimmer kennen gelernt hat.
Ja, so ist das mit Reiseberichten und Krankheitsgeschichten anderer Leute. Man hört zu, gelangweilt oder interessiert, aber es sind nicht die eigenen Reiseerfahrungen und Schmerzen kann man schon gar nicht wirklich nachspüren.
Doch dann wird endlich und wie Sie finden viel zu spät die Flasche Rotwein aufgemacht. Ein feiner und runder Chianti natürlich selbst aus Italien mitgebracht. Also, das ist dann wirklich eine gemeinsame Erfahrung, sich kennerhaft zu zuprosten und den weichen und beerigen Geschmack zu genießen.
Vielleicht entdecken Sie das jetzt wieder: Reisebericht und Krankheitsgeschichte von Paulus, aber auch die gute Flasche Rotwein, die das Herz erfreut und die er mit uns teilt. Der Predigttext enthält diese drei Elemente, so ähnlich wie der Abend bei Familie Meier-Schultenberg, aber dann doch ganz anders.
Ich lese den ersten Teil des Predigttextes, es ist der Reisebericht. Paulus, ist ein Reisemensch gewesen, er könnte viele abenteuerliche Reisebericht abliefern. Er hat die halbe Mittelmeerwelt bereist, Städte, Herbergen und Gefängnisse gesehen, war unterwegs, weil er den Menschen von Christus erzählen wollte. Doch was er erlebt hat, war oft sehr schwer: Seenot, Schiffbruch, eingesperrt werden ohne Gerichtsbeschluss. Doch dieser Reisebericht ist ganz anders. Ein Reisebericht von einer Reise in den Himmel: Hören Sie selbst. Wenn Paulus auch von einer anderen Person redet, meint er doch sich damit und eine ganz besondere Erfahrung, die er gemacht hat:
Ihr zwingt
mich dazu, dass ich mein Selbstlob noch weiter treibe. Zwar hat
niemand einen Nutzen davon; aber sprechen wir jetzt von den
Visionen und Offenbarungen, die der Herr schenkt.
Ich kenne
einen bestimmten Christen, der vor vierzehn Jahren in den Himmel
versetzt wurde. Ich weiß nicht, ob er körperlich dort war oder
nur im Geist; das weiß nur Gott.
Ich bin
jedenfalls sicher, dass dieser Mann ins Paradies versetzt wurde,
auch wenn ich nicht weiß, ob er körperlich dort gewesen ist
oder nur im Geist. Das weiß nur Gott. Dort hörte er
geheimnisvolle Worte, die kein Mensch aussprechen kann.
Im Blick auf
diesen Mann will ich prahlen. Im Blick auf mich selbst prahle ich
nur mit meiner Schwäche. Wollte ich aber für mich selbst damit
prahlen, so wäre das kein Anzeichen, dass ich den Verstand
verloren habe; denn ich sage die reine Wahrheit. Trotzdem
verzichte ich darauf, denn jeder soll mich nach dem beurteilen,
was er von mir hört und sieht, und nicht höher von mir denken.
Reisebericht
In der Zeit von Paulus war der Himmel noch mystisch. Es gab nicht nur einen, sondern sieben Himmel, gleichsam Stufen zu Gott. Das Weltbild war damals eben ein anderes. Fliegen konnten die Menschen nicht, sie sind eher auf dem Boden geblieben, doch in ihren geistigen Erfahrungen konnten auch sie abheben.
Paulus erzählt von einer besonderen Erfahrung seines Glaubens, eine Visionsreise, es ist wie eine ekstatische Erfahrung. Ek-stase heißt ja: Aus sich heraustreten und so hat er das erlebt: Eine Reise ins Paradies, bei der er sich gleichsam selbst beobachtet und bei der er am Ende eine besondere Begegnung mit Gott hat: Er hört geheimnisvolle Worte, die ihm viel bedeutet haben müssen, die er aber gar nicht wiedergeben kann: Worte, die kein Mensch überhaupt aussprechen kann.
In der Zeit, in der Paulus gelebt hat, mussten die Menschen in ihrem oft bescheidenen Leben auf dem Boden bleiben. Deshalb waren sie um so mehr scharf auf solch abgehobenen Erfahrungen: Waren sie nicht Zeugnis einer anderen Welt und Wirklichkeit? Wurde dadurch nicht möglich, auf eine Welt zu hoffen, die man erreicht, wenn alles Leid der Welt vorbei ist? Fluchtpunkt Himmel. Los, erzähl mehr davon.
Auch in der Gemeinde von Korinth war man scharf auf Menschen, die so etwas berichten konnten. Und es waren in der Tat Leute aufgetreten, die konnten so etwas erzählen: Besondere Erlebnisse, geistige Reiseberichte und Höhenflüge, so dass einem der Mund vor Staunen offen blieb.
Paulus wollte das nicht. Ihm wurde deshalb vorgeworfen: Du schreibst schöne Briefe, aber wenn du kommst und etwas erzählst, dann ist es langweilig. Das lag wohl daran, dass Paulus sich gesagt hat: Wenn ich zu euch komme will ich nichts wissen, als Jesus, den gekreuzigten und auferstandenen Herrn, Liebe Gottes in Person. Und die Korinther haben gemotzt: Kannst du nicht auch so abgefahrene Geschichten erzählen wie die anderen: Nicht immer nur Kreuz und Auferstehung, Schuld und Vergebung!
Und wir spüren: Paulus wird dieser Reisebericht von seiner Himmelsreise wirklich abgenötigt. Er erzählt nur um zu sagen: Ich kann davon erzählen, aber wenn ich es euch erzähle bitteschön, seht selbst, was bringt es Euch?
Ich könnte damit prahlen und angeben, aber ist euch damit geholfen? Vielleicht jagt es dem einen von euch einen Schauer über den Rücken, der andere denkt, ich sei bescheuert. Der eine hält mich für ein geistliches Genie, der andere denkt, ich hätte einen Spleen. Ich kann davon erzählen, ich tue es jetzt einmal, obwohl ich eigentlich nicht will, aber nur damit ihr spürt: Es ist wie immer bei Reiseberichten: Daraus werden noch nicht eure eigenen Reisen.
Nochmal: Paulus sagt nicht, dass es solche Reisen nicht gibt. Er verbietet nicht, solche Reisen zu machen. Er sagt nicht, dass es nicht schön sei, solche Reisen zu unternehmen. Aber die Berichte über solche Reisen sind meistens sehr missverständlich.
Und es gibt doch auch noch andere Erfahrungen im Leben. Es gibt doch nicht nur Reisen, nach Rimini oder in den dritten Himmel. Es gibt doch auch Niederschmetterndes und Schweres. Was nun folgt, ist der Krankheitsbericht, den Paulus deshalb anfügt.
Ich habe
unbeschreibliche Dinge geschaut. Aber damit ich mir nichts darauf
einbilde, hat Gott mir ein schweres Leiden gegeben: Der Engel des
Satans darf mich schlagen, damit ich nicht überheblich werde.
Dreimal habe
ich zum Herrn gebetet, dass er mich davon befreit.
Krankheitsgeschichte
Und Paulus? Was war dann? So kann man jetzt die Menschen in Korinth und anderswo schon hören: Von einem Mann des Glaubens wie dir erwarten wir doch aus dem Stand, dass eine Krankheitsgeschichte lockerleicht in eine Heilungsgeschichte mündet. Du hast dreimal gebetet und dann?
Moment, darauf komme ich gleich. Das was Paulus hier erzählt, ist nun der krasse Gegensatz zum Reisebericht von eben. Es hat ihn förmlich auf den Boden zurückgeholt. Paulus war offensichtlich chronisch krank: Kein Mensch weiß heute wirklich, was er hatte: Ein schweres Leiden, Luther übersetzt: Ein Pfahl im Fleisch: Ob es endogene Depressionszustände (K. Bonhoeffer) waren oder epileptische Anfälle (A. Schweitzer) oder ein körperliches Leiden, das kann niemand sagen.
Paulus erzählt nicht viel davon, er macht wenig Aufheben um sich. Aber er hat den Eindruck: Diese Krankheit, die mich in die Tiefe führt, hat mit der Höhe zu tun, in die ich auch geführt wurde. Damit ich mich nicht überhebe, damit ich nicht überschnappe und mir etwas einbilde, deshalb auch das andere.
Man kann das gefährlich missdeuten und versteht die Krankheit als Strafe oder Deckel Gottes, damit es uns nicht zu gut geht. Das ist ein missliebiger Pädagogengott, der Krankheit schickt, damit wir etwas einsehen.
Richtiger ist wohl, dass Paulus alles was er erfährt aus Gottes Hand nimmt, das Gute, den Segen und das Schwere auch, sogar die Vorstellung, dass Gott den Satansengel schlagen lässt, ist darin aufgehoben. Ist das schwer? Ja, aber die Welt fällt bei Paulus nicht auseinander in Gut und Böse. Auch das Schwere kommt von Gott. Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch, höre ich hier heraus.
Paulus betet in dieser Situation. Und sollte man nicht meinen, dass Gott sein Gebet hört? Wird aus der Krankheits- eine Heilungsgeschichte? Nein, aber es wird etwas anderes daraus.
Aber er hat
zu mir gesagt: Du brauchst nicht mehr als meine Gnade. Je
schwächer du bist, desto stärker erweist sich an dir meine
Macht. Jetzt trage ich meine Schwäche gern, ja ich bin
stolz darauf, damit die Kraft Christi sich an mir erweisen kann.
Weil er mir
zu Hilfe kommt, freue ich mich über mein Leiden, über
Misshandlungen, Notlagen, Verfolgungen und Schwierigkeiten. Denn
gerade, wenn ich schwach bin, bin ich stark.
Rotwein
Erinnern Sie sich noch an Familie Meier-Schultenberg? Weder Reisebericht, noch Krankheitsgeschichte konnten Sie zu eigen machen, aber am Ende des Abends gibt es den Chianti.
Die Worte, die Paulus am Ende des Abschnittes sagt, die können wir wirklich mit ihm teilen, wie den Rotwein, den wir miteinander genießen.
Als Antwort auf sein Gebet um Heilung bekommt Paulus ein Wort von Christus. Und das ist doch viel. Nicht das Erhoffte, aber etwas anderes, sehr Gutes. Ich lese es noch einmal in der Lutherübersetzung.
Laß dir an meiner Gnade
genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum
will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit
die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in
Schwachheit, in Mißhandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und
Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin
ich stark.
Wir machen in unserem Leben ganz unterschiedliche Erfahrungen. Vielleicht ist es manchmal wirklich ungerecht: Der oder die eine erzählt immer den Reisebericht, der oder die andere immer nur die Krankheitsgeschichte. Und über dieser Verschiedenartigkeit finden wir nicht zueinander.
Was uns aber eint ist, dass uns eine Liebe gilt, eine Gnade eines Herrn. Und die gilt gerade dann, wenn wir schwach sind, wenn wir nichts Großes zu erzählen haben, wenn wir Mauerblümchendasein führen und weder Reiseberichte, noch Kranken- oder Heilungsgeschichten erzählen können.
Das ist der Rotwein der Liebe, die gilt, wenn alles andere in Missverständlichkeiten untergeht:
Die Gnade genügt, sie wohnt in dir und macht dich in der Schwachheit stark.
Die Liebe genügt, sie wohnt in dir und gibt dir Kraft von innen.
Christus genügt: Was du auch erlebst, er ist für dich da. Jetzt und hier.
Amen.
| © Evangelische
Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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