Predigt am Ostermontag 2000

1. Kor. 15,50-58

 

Liebe Gemeinde!

Es war ein packendes Spiel gewesen – und dann hatte der SSC Neapel gewonnen – im italienischen Pokalfinale gegen den großen Gegner Inter Mailand. Das war David gegen Goliath, das war der runtergekommene italienische Süden gegen den hochnäsigen Norden. Durch die Stadt Neapel ging ein Aufatmen. Autocorsos durchquerten die Straßen hupend, die Menschen winkten aus den Schiebedächern und Fenstern jubelnd. Jeder musste das mitbekommen, jeder hat es mitbekommen, keiner konnte das nicht erfahren: Der SSC Neapel hat den italienischen Pokal gewonnen!

Am nächsten Morgen fand sich auf der Innenseite der Friedhofsmauer des größten Friedhofs von Neapel eine Graffiti-Inschrift: „Mensch, Ihr wisst ja nicht, was ihr verpasst habt!“

Irgendwann ist den Fans mit den Fanfaren, mit den Fahnen und den bunten Farben eingefallen: Die müssten es doch auch erfahren: Dort auf dem Friedhof, das sind doch alles alte SSC-Neapel-Fans. Wir sagen es Ihnen: „Mensch, ihr wisst nicht, was Ihr verpasst habt!“

Sieg für alle, Nachricht für alle, Verwandlung für alle!

Von einem Sieg, der für alle gilt, erzählt auch der Predigttext. Wir hören den Schluss, die Konsequenz, des großen Kapitels über die Auferstehung, von der uns Paulus berichtet, im Brief an die Gemeinde der griechischen Hafenstadt Korinth.

Eins steht fest, liebe Geschwister: Menschen aus Fleisch und Blut können nicht ins Reich Gottes kommen. Nichts Vergängliches wird in Gottes Ewigkeit Platz haben.

Ich möchte euch aber ein Geheimnis anvertrauen. Wir werden nicht alle sterben, aber Gott wird uns alle völlig umwandeln. Das wird ganz plötzlich geschehen, von einem Augenblick zum andern, wenn die Posaune ankündigt, dass Jesus Christus als Herrscher der Welt wiederkommt. Ihr Schall wird überall zu hören sein. Dann werden die Toten zum ewigen Leben auferweckt, und auch wir Lebenden werden einen neuen Leib bekommen.

Denn das Vergängliche muss mit Unvergänglichkeit und das Sterbliche mit Unsterblichkeit überkleidet werden. Wenn aber dieser vergängliche und sterbliche Leib unvergänglich und unsterblich geworden ist, dann erfüllt sich, was die Propheten gesagt haben.

Das Leben hat den Tod überwunden! Tod, wo ist dein Sieg? Tod wo bleibt nun dein Schrecken?

Der Tod hat Macht durch die Sünde, deren Herrschaft wir durch das Gesetz erkennen. Aber gelobt sei Gott, der uns den Sieg gibt, durch Jesus Christus, unseren Herrn.

Meine lieben Geschwister, bleibt fest und unerschütterlich in eurem Glauben! Setzt euch für den Herrn ganz ein; denn ihr wisst: Nichts ist vergeblich, was ihr für ihn tut.

 

1. Sieg, für alle.

Gelobt sei Gott, der uns den Sieg gibt! Wir spüren, wie Paulus fast vom Stuhl aufspringt, während er das schreibt. Begreift ihr das denn nicht, was das bedeutet: Sieg! Der Schrecken des Todes ist weg, Luther übersetzt: Tod wo ist dein Stachel: Der Stachel, das ist ursprünglich die aus Eisen geschmiedete Spitze des Speeres, die den Speer so gefährlich, so lebensgefährlich macht.

Diese Speerspitze, dieser Stachel ist nun aber abgebrochen, aus dem Speer ist ein lächerlicher Besenstiel geworden. Du darfst fröhlich jubeln.

Das kennen wir doch: Wenn die deutsche Nationalmannschaft verloren hat, dann sagen wir: DIE haben verloren, aber wenn sie gewonnen haben, dann sagen wir: WIR haben gewonnen. Wir haben die Holländer oder Brasilianer oder wen auch sonst vom Platz gefegt.

WIR nehmen uns mit hinein in den Sieg. Viel lieber, als wir uns in die Niederlage mit hinein nehmen lassen. In den Sieg lassen wir uns gerne integrieren. Stellvertretend für die ganze Stadt hat der SSC Neapel gewonnen.

Vielleicht sagen Sie jetzt: Ja, diesen Vergleich lasse ich mir gefallen. Im Fußball mag das vielleicht auch stimmen. Da bekommt so eine Region wie Rostock wieder ein bisschen Mut und Auftrieb, wenn Hansa Rostock gewinnt. Aber ist das nicht nur Psychologie, so ein bisschen Ermutigung. Warum stimmt das auch für unser Leben – und unser Sterben? Warum ist das nicht nur ein bisschen Wunschdenken? Ist das auch wahr?

Auf welche Basis stellt Paulus seine Hoffnung, von welcher Anzeigetafel kann er den Sieg ablesen? Alles, was er sagt macht sich fest an einem Punkt: In Jesus Christus lässt sich Gott die schlimmste Niederlage zufügen. Am Kreuz verreckt Gottes Sohn ohne Schuld, seine Liebe, für. Uns. An unserer Stelle – er hat es nicht verdient. Und der Tod, der deie Konsequenz der Schuld ist, läuft bei ihm ins Leere. Die Spitze des Speers bricht ab. Dein Kampf ist unser Sieg, dein Tod ist unser Leben. Jesus Christus hat verloren und wir haben gewonnen, selbst wenn wir noch spotten, seht mal diesen Verlierer am Kreuz! Jesus stirbt für die, die gleichgültig und spottend sagen: Mit Verlierern können wir nichts anfangen. Und dann ist Christus auferstanden, damit wir diesen Sieg begreifen!

Nein, das ist kein Wunschdenken! Das ist kein Mensch, der ewig leben will, weil er so stolz ist. Die Wurzel des Ostersieges ist die Niederlage am Kreuz. Wie sollte das einer erfinden. Paulus liest alles nur am Kreuz ab. Das ist der Sieg, der an Ostern durchbricht.

Was für eine Zeit hat damit angebrochen? Die Zeit der Ansage: Der Zeit der Proklamation.

 

2. Nachricht, für alle.

Was für eine Nachricht! Immer wenn der auferstandene Jesus im Neuen Testament Menschen begegnet, dann hat er sie losgeschickt: Geh und sag es den anderen. Oder sie sind ganz allein, mit brennenden Herzen losgezogen und haben es weitererzählt. Geht hin in alle Welt und erzählt es. Proklamiert ist.

Blumhardt, der Pfarrer aus Möttlingen, der erlebt hat, wie Christus der Sieger ist gegen Krankheit und Depression, hat einmal gesagt: Die Christen, das müssen Protestleute sein gegen den Tod. Protestieren, das heißt ja nicht motzen, sondern heißt: Pro-Testare – für ihn Zeugnis-Ablegen. Der Tod ist nicht das letzte.

Die Tiffosi von Neapel haben es sogar an die Innenseite der Friedhofsmauer geschrieben: Ihr wisst nicht, was ihr verpasst habt. Das Neue Testament sagt es noch anders: Ihr werdet es erfahren, was ihr verpasst habt. Habt keine Angst: Ihr seid uns gegenüber nicht im Nachteil, ihr seid auch nicht im Vorteil – wir alle werden es an einem Tag erfahren, wenn die Zeit der Proklamation zuende ist, wie sich alles durchsetzt, was jetzt schon stimmt.

Blumhardt hat gesagt: Wir sollen Protestleute sein gegen den Tod. Immer dann, wenn wir den Mut verlieren und sagen: Das wird nichts mehr. Dann dürfen wir sagen. Christus hat den Stein vom Tod weggerollt. Immer wenn Menschen fertiggemacht werden, dann dürfen wir auch Nein-Sagen und Zeugnis ablegen. Immer wenn Menschen meinen, sie müssten hier alles einrichten wie für die Ewigkeit, als käme nichts hinterher, dürfen aufstehen und protestieren, aber nicht motzen, sondern ermutigen, weil uns doch der Sieg gilt.

Paulus sagt in diesem Brief: Wenn Christus nicht gestorben wäre, dann würde gelten: Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot. Dann ist alles egal. Defätismus. Dagegen sollen wir die Stimme erheben, und fröhlich die Gegenwart von Jesus feiern und Menschen dazu einladen. In die Fröhlichkeit und Gelassenheit.

 

3. Verwandlung, für alle.

Die Leute in Korinth hatten viele fragen, wie es denn bei der Auferstehung der Toten genau zugehen wird. Haben da die Toten einen Vorteil, sind sie schon näher dran? Oder haben sie einen Nachteil, weil sie vielleicht nicht mitbekommen, wenn Jesus zurückkommt.

Paulus war sich sicher: Er erlebt es noch, dass Christus wiederkommt. Luther hat das auch gedacht. Wieso sind wir uns eigentlich so sicher, dass er nicht zu unseren Lebzeiten kommt? Weil wir es so bequem haben wie Menschen nie zuvor. Damals brannte aber die Frage, was ist mit denen, die schon gestorben sind.

Vielleicht – oder sicher sind das nicht unsere Fragen, aber die Antwort kann für uns wichtig werden.

Paulus sagt: Keiner ist näher von sich aus näher dran oder weiter weg. Niemand geht geradewegs in das neue Leben. Alle müssen verwandelt werden.

Paulus beschreibt das mit einem Bild. Er sagt: Die Sterblichkeit muss die Unsterblichkeit anziehen. Da sind wir wieder beim Fußball: Für die Fans war klar. Wir haben gewonnen. Und als Zeichen des Sieges haben sie die Trikots angezogen, die Farben des Sieges getragen.

Wenn Paulus sagt: Wir ziehen diesen Sieg an, dann ist deutlich: Das kommt von außen. Da gibt es niemanden, der das ewige Leben einfach so in sich trägt, das kann man auch in sich nicht entdecken.

Das finde ich ungeheuer tröstlich. Denn auch Christen erleben das doch. Trotz Ostern, trotz Siegesjubel, dass sie sich fühlen wie ein Jammerlappen, ohne Hoffnung in sich, nur Depression und Niederlage: Alles geht schief, sogar in der Gemeinde gibt es Streit und Missverständnisse.

Auferstehung ist nicht Gefühlssache. Verwandlung ist nicht die Kraft der positiven Gedanken, die ich in mir entfachen kann oder auch nicht. Christus ist für mich am Kreuz gestorben, hat meine Niederlage getragen und ist für mich auferstanden und nimmt mich hinein in Kreuz und Auferstehung.

Als Zeichen dafür zieht er mir das Siegertrikot an und ich werde es anziehen und jeder von uns. Und auch die schon gestorben sind, werden dann ins Licht gerufen.

Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt  Christus angezogen. Christus ist das Siegestrikot, das für mich gilt und für alle anderen.

 

Übrigens: Ich möchte nicht anders aufhören, als Paulus aufgehört hat.

Setzt euch für den Herrn ganz ein; denn ihr wisst: Nichts ist vergeblich, was ihr für ihn tut.

Wie oft spüren wir, dass in unseren Augen etwas vergeblich, umsonst, lateinisch heißt das ja frustra ist. Wir werden nicht fertig, kommen nicht zu dem Ziel. Wenn aber Gott zum Ziel kommt, weil er in Jesus schon gewonnen hat, wenn er schon gesiegt hat, dann sind auch unsere Niederlagen nicht das Letzte, dann sind unsere unvollendeten Sinfonien und unsere vollendeten Missklänge nicht das Letzte. Es ist nicht vergeblich, was du tust. Gott kommt zum Ziel.

Amen.

 

 

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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