Predigt
Neulich las ich einen Brief, von einer Frau, die von Ihrem Vater erzählt. Das sind nicht nur Kindheitserinnerungen, das ist schon selbst eine kleine Predigt. Ich lese Ihnen, liebe Gemeinde, diesen Brief zu Beginn vor. Sie berichtet:
Ich schreibe nun einfach drauflos wie ich es in Erinnerung habe. Erst seit ich selbst eine Familie habe und mit meinem Mann zusammen tüchtig rechnen muß, daß man monatlich gut über die Runden kommt, bewundere ich die Unbekümmertheit meines Vaters. Ihn interessierte "Geld" überhaupt nicht, das war für ihn absolut kein Thema. Bei seiner Beerdigung sagte man, er habe eine "großartige Verachtung des Geldes gehabt." So wuchsen wir in einer geborgenen Unbekümmertheit auf, heute bin ich noch stolz darauf, daß das Thema "Geld" nie eine Rolle spielte. Allerdings war unser Lebensstil mehr als bescheiden, man hatte keinerlei Ansprüche. Unsere Mutter brachte diese Bescheidenheit mit, da sie auch in einem kinderreichen Elternhaus aufwuchs.
Wir 6 Geschwister waren ungefähr alle gleichzeitig in der Ausbildung: 3 Söhne studierten, 3 Töchter machten soziale Berufsausbildungen, die letzteren waren auch nicht billig, da man auch im Internat leben mußte. Bafög gab es damals zu Beginn der Sechziger Jahre noch keines. So überzog mein Vater unbeschwert sein Konto. Nie war die Rede davon, daß wir teuer seien. Ich denke, das hing auch damit zusammen, daß mein Vater einen kindlichen Glauben hatte: Das wußte er, Gott würde ihn nicht "hängen" lassen.
Aber dann kam das Unvorhergesehene mitten in seiner Berufsarbeit, mitten in seinem Amtszimmer als Richter, bekam er einen Schlaganfall. Man trug ihn in seinem Sessel nach oben in die Wohnung. Unser Hausarzt zog noch zwei andere Herzspezialisten zu und dann sagten diese zu meiner Mutter: "Wir können Ihrem Mann nicht mehr helfen, er wird bald sterben." Mama bedankte sich für diese Offenheit. Mit unendlicher Liebe und Hingabe pflegte sie den geliebten Mann. Meinem Vater fiel es schwer, sich auf das Ende vorzubereiten. Er sah von seinem Bett aus hinaus auf einen Frühlingshang, wo die Forsythien blühten, die Vögel sangen, man legte ihm sein zweites Enkelkind, ein süßes Baby auf sein Bett, und er meinte, es falle ihm schwer, dieses Kind nicht mehr heranwachsen sehen zu können.
So oft ich Zeit hatte, saß ich an seinem Bett und las ihm viele Predigten vor, die er sich wünschte. Und dann war da noch etwas, was ihn beschwerte: Zum ersten mal plagten ihn seine Schulden. Es war ihm zu arg, daß er die seiner Frau zurücklassen mußte.
Aber, was erlebten wir nach dem Tode: Das Konto war eben. Was war los? In seinem kleinen Tagebüchlein war an einem bestimmten Tag kurz vor seinem Tode, ein zitternder Eintrag (er konnte kaum mehr schreiben), symbolhaft war ein Schuldschein gemalt, der durchgetrichen ist. Meine Mutter sagte später, das war das Einzige in unserer ganzen so glücklichen Ehe, das er nicht mit mir besprach. Sicher wollte der Spender nicht genannt sein. Doch wußten wir, daß an diesem Tag, sein Freund da war, ein jüngerer Notar, der meinem Vater in großer Liebe und Verehrung zugetan war. Er sagte, durch den Richter bin ich erst zu einem Menschen geworden. Dieser Notar litt unsagbar, daß er unehelich geboren war, von alten christlichen Pflegeeltern aufgezogen, wo er aber das Christentum nur als Strenge und Härte erlebte. Dann traf dieser verbitterte Mensch meinen Vater und spürte zum erstenmal, was Christentum bedeutet. Er veränderte sich total. Als wir später ihn darauf ansprachen, wollte er von nichts wissen, dieser Mann habe sein Leben verändert. Das sei nicht der Rede wert, was er getan haben. Uns Geschwistern aber war es ein Zeichen dafür, daß der Herr seine Kinder auch in irdischen Dingen nicht hängen läßt.
Liebe Gemeinde,
schreiben konnte der alte Mann nicht mehr. Aber ein Bild hinkritzeln, gerade so erkennbar, aber als ein Symbol überdeutlich, das konnte er. Der Schuldschein - durchgestrichen. Als Richter wußte er, was das bedeutet. Als Jurist war ihm klar, daß man das nur tun kann, wenn man das Recht dazu hat. Als Christ wußte er, daß dieser Schuldschein für das Geld, wiederum selbst ein Symbol ist für einen ganz anderen Schuldschein.
Um diesen ganz anderen Schuldschein geht es im Predigttext für den heutigen Sonntag:
Text: Kolosser 2, 12-15
Durch die Taufe ist euer altes Leben beendet; ihr wurdet mit Christus gleichsam begraben; aber durch den Glauben seid ihr auch mit ihm zu einem neuen Leben auferweckt worden.
Diesen Glauben hat Gott in euch bewirkt, und er war es auch, der Christus von den Toten auferstehen ließ.
Durch euren Egoismus (wörtlich: Unbeschnittenheit des Fleisches) und eure Sünden wart ihr für Gott tot,
aber er hat euch mit Christus lebendig gemacht und eure Schuld vergeben.
Gott hat den Schuldschein, der uns mit seinen Forderungen schwer belastete, eingelöst und ewig vernichtet, indem er ihn ans Kreuz nagelte.
Auf
diese Weise wurden die dämonischen Mächte entmachtet und in
ihrer Ohnmacht bloßgestellt, als Christus über sie am Kreuz
triumphierte.
Wenn am Ende eines Lebens einer den Schuldschein symbolhaft und wirklich durchstreichen kann, nicht nur für die finanziellen Schulden, sondern für die ganze Schuld, die im Laufe des Lebens zusammen kommt, dann müssen wir fragen: Wie geht das? Drei Gedanken, im Anschluß an die Geschichte und an den Predigttext:
"Wo kein Kläger ist, da ist auch kein Richter." Nach diesem Motto versuchen viele Menschen mit Schuld umzugehen. Einfach nicht hinsehen, einfach so tun, als wäre es nicht geschehen.
Es gibt ja auch so viele Arten von Schuld und wer mag das alles beurteilen? Da gibt es handfeste finanzielle Schuld(en), da gibt es moralische Schuld, die nicht vor dem Gesetz, aber doch noch vor dem Gewissen greifbar ist, es gibt juristisch greifbare Schuld, doch es gibt auch klar vorhandene, aber nicht beweisbare Schuld. Gilt es nicht, das alles wohlfeil zu differenzieren und am Ende nichts Genaues mehr zu wissen?
Und wäre es da nicht gut, dem Prinzip zu folgen, das sagt: Wo kein Kläger ist, da ist auch kein Richter? Kann man die andere Schuld, für die kein Kläger aufsteht, nicht einfach vergessen, unter den Tisch fallen lassen?
In diesen Tagen wird unser Land regelrecht erschüttert, weil vergessene und verdrängte Schuld scheibchenweise und immer mehr ans Licht kam. Dabei ging nicht einmal um Mord und Totschlag, nur darum, wie die Parteien zu Geld kommen. Aber trotzdem eine wichtige Frage.
Und besonders belastend und beschämend empfindet man es, daß zur ersten Schuld des verdeckten Nehmens von Geld eine zweite kommt: Die Schuld wird nur soweit zugegeben, wie sie gerade nicht zu leugnen ist. Sollen doch die Staatsanwälte und Journalisten erst einmal mehr herausfinden. Wo kein Kläger ist ... Zur Anfangsschuld kommt die Schuld an der Wahrheit, die permanente Lüge, die einem alles Vertrauen nimmt.
Und es gibt dann wirklich Stimmen, die sagen: Sollen wir nicht lieber der Lüge glauben, bevor wir überhaupt nicht mehr vertrauen? Sollen wir nicht besser einfach nicht daran denken, so tun, als sei alles gut? Warum lassen wir nicht einfach alles ruhen?
Weil Schuld nicht vergessen werden darf. Weil vergessene oder besser verdrängte Schuld die Wurzel neuer Schuld ist.
Und das müssen auch wir wissen -wir, für die sich so schnell kein Journalist oder kein Staatsanwalt interessiert, daß verdrängte Schuld nicht die Wurzel von etwas Gutem werden kann.
Und der zweite Satz:
Nun gibt es viele Menschen, die haben das begriffen, daß man Schuld nicht verdrängen darf. Auch Psychologen sagen, wer Schuld verdrängt, der steht in der Gefahr, neurotisch oder depressiv zu werden. Weil in ihm ständig eine Stimme redet und kämpft, die ihm sagt: "Vergiß es, es war nicht so schlimm." Und eine andere Stimme erwidert: "Aber erinnerst du dich nicht mehr? Schämst du dich nicht?"
Dieser innere Widerstreit im Menschen kann Menschen schlicht und ergreifend verrückt machen. Und das Verrückte dabei ist wirklich, daß es da nicht nur um reelle Schuld gehen muß. Es kann bei diesen Gedanken auch um Schuldgefühle gehen, die nicht wirklich Schuld zu nennen sind: Man ist zu spät zu einer Einladung gekommen, mit einem viel zu kleinen Geschenk und man schämt sich.
Aber auch wenn es um wirkliche Schuld und nicht nur um Schuldgefühle geht, sagen Menschen, die wissen, daß man sie nicht verdrängen darf: "Steh zu dem, was du getan hast. Selbst wenn es falsch war, sag ja dazu: Besser schuldig, als in sich uneins. Belasse die Schuld bei dir. Niemand kann sie dir nehmen, du mußt sie selbst tragen, aber das macht dich stark."
Man sagt dann in der Psychologie: Der Mensch ist erwachsen und selbstständig, der schuldfähig ist. Fähig, zu seiner Schuld zu stehen.
Sicher, das ist richtig: Für Menschen, die durch die Welt gehen, wie eine wandelnde Bitte um Entschuldigung, die so unsicher sind, ist dieses Wissen gut: Steh zu dem, was du tust.
Aber, was kommt dann?
Läßt das Wissen um die Schuldfähigkeit des Menschen, daß man Schuld bei ihm oder ihr belassen kann, den Menschen mit dieser Schuld nicht am Ende ganz allein? Ist das wirklich alles, was wir zu sagen haben?
Nein.
Der durchgestrichene Schuldschein beim Richter in der Geschichte vom Anfang; der ans Kreuz geheftete und so vernichtete Schuldschein im Kolosserbrief, beides ist ein kräfiges Symbol und Zeichen dafür, daß Schuld vergeben werden kann.
Nicht verdrängt, nicht verschoben, ernstgenommen, aber auch nicht belassen. Vergeben. Und wie geht das?
Wenn ein Gläubiger Schulden eintreibt, kommt er entschieden zu spät, wenn der Schuldner schon gestorben ist. Bei einem Toten kann er nichts mehr eintreiben.
Nicht weniger dramatisch redet der Kolosserbrief uns an. Ihr seid getauft und Taufe, das ist neutestamentlich "Untertauchen", das ist nicht weniger als der Tod des alten Menschen. Für die Ansprüche des Gläubigers an euch seid ihr schon gestorben. Mit Christus, einem neuen Leben jetzt schon verbunden.
Die Mächte, die euch bei der Schuld behaften wollen, sind euch gegenüber ohnmächtig geworden.
Wir müssen das wieder entdecken. Zur Schuld stehen, sie aussprechen und die Zusage empfangen, im Gottesdienst oder im persönlichen Gespräch: Es soll dich nicht mehr belasten, es ist vergeben.
In Namen von Jesus Christus: Der Schuldschein ist zerrissen. Du bist frei.
Amen.
| © Evangelische
Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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