Liebe Gemeinde!
Die Hirten hatten es sich richtig gemütlich gemacht. Spritzgebäck und Adventstee, ein paar handgezogene Bienenwachskerzen einer von ihnen war nebenbei Hobbyimker schafften eine unglaublich stimmungsvolle Atmosphäre. Damit es ihnen nicht langweilig wurde, erzählten sie sich spannende und rührende Weihnachtslegenden aus aller Welt. Dann machten sie sich ein paar vorweihnachtliche Geschenke, die allesamt originell und persönlich ausgesucht waren und es war so schön.
Eben, als es schon dunkel geworden war, schaute einer von ihnen auf die Uhr. Es wird Zeit!, sagte er: jetzt könnten sie bald kommen. Und richtig: Als hätte er gerade Sesambrötchen öffne dich gerufen, öffnete sich der Himmel und es war so schön. Die himmlischen Heerscharen wie man sie so kennt: Musikalisch vergleichbar mit den Regensburger Domspatzen. Lieblich, hell und frisch. Wunderbar. Friede auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen. Einer der Hirten raunte noch dem anderen zu: Klassik ist eigentlich nicht so meins, aber die sind gut. Werden jedes Jahr besser.
Voller Glück und weihnachtlicher Gefühle machten sich die Hirten auf den Weg wie - alle Jahre wieder. Die Präsente für das Christkind hatten sie dabei. Gute Geschenke. Nicht noch einmal wollten sie unvorbereitet kommen. Es war um es noch einmal zu sagen so schön.
Zu schön um wahr zu sein?
Wahrscheinlich haben Sie, liebe Gemeinde, die ganze Zeit gedacht: Was redet der denn da? Das passt doch überhaupt nicht zum Bild, das da gerade gezeigt wird. Und wirklich: Das, was die Hirten damals wirklich erlebt haben, das, was Weihnachten wirklich ist, passt auch nicht ins Bild dessen, was wir von den Hirten und von Weihnachten haben.
Was passiert mit uns, wenn wir dieser Nachricht neu begegnen unverstellt und ohne Zimtgeschmack? Das erste könnte sein, dass wir wie die Hirten damals erschrocken werden.

Erschrocken, weil Menschen erschrecken, wenn Gottes Wirklichkeit in ihr Leben eindringt.
Wie erzählt es Lukas in der Weihnachtsgeschichte:
8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.
9 Und der Engel des Herrn trat zu
ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten
sich sehr.
Was die Hirten allesamt übrigens arme Kerle, die anderer Leute Schafe für billig Geld hüteten erlebt haben, das ist nichts, mit dem man rechnen kann, nichts auf das man spekulieren kann, nichts, das man gelassen hinnehmen kann. Die Hirten packt Furcht und Schrecken! Es tut uns gut, dabei innezuhalten und nicht zu schnell zum Fürchtet euch nicht der Engel vorzupreschen.
Auf diesem Bild, einem Ausschnitt einer romanischen Türe aus dem 11. Jahrhundert, ist das Erschrecken, das die Hirten packt, als sie den Verkündigungsengel sehen, plastisch greifbar. Schützend halten sie die Hände vors Gesicht. Denn das ist ihnen wohl in diesem Moment spürbar geworden: Wenn Gottes Realität so unausweichlich ist, dann muss sich dabei das Leben verändern, dann kann es nicht so bleiben, dann wird diese Wirklichkeit nicht nur adventliches Dekomaterial für die dunkle Jahreszeit sein.
Es muss mehr sein.
Dieses Mehr könnte sein, was die Dichterin Hildegard Wohlgemut beschreibt:
Wer nach Bethlehem fliegen will
in den Stall
und wer meint
dort ist auf jeden Fall
der Frieden billig zu kriegen
der sollte woanders hinfliegen
Wer nach Bethlehem reisen will
zu dem Sohn
und wer glaubt
dort ist die Endstation
mit Vollpension für die Seelen
der sollte was anderes wählen
Wer nach Bethlehem gehen will
zu dem Kind
und wer weiß
dass dort der Weg beginnt
ein jedes Kind nur zu lieben
der könnte es heute schon üben
Erschrocken? Was lässt uns erschrecken?
Die Nachrichten eines Jahres sehen wir in den Jahresrückblicken vor und nach Weihnachten. Wir spüren dabei. Da war dieses und jenes, das hat uns kurzfristig verunsichert und erschreckt, Wochen später war wieder alles beim Alten.
Wie muss die Nachricht aussehen, die uns verändert? Erschrickt und dann auch erfreut?
Lied des
Chores: Zu Bethlehem
(Die Botschaft)
Ein zweites, ganz anderes Bild. Es stammt aus dem 12. Jahrhundert, aus einer alten Kirche, deren Balkendecke eindrucksvoll bemalt ist, aus Zillis in der Schweiz.
Das Auffälligste in dieser Kirche sind die Darstellungen der Tiere. Man könnte bald den Eindruck bekommen, diese Zeichnungen seien eine Vorlage für moderne Comicfiguren gewesen, so blicken die das Christkind mit großen Augen an.

Ich habe den Eindruck, die Tiere sind auf eine Art konzentriert und erfreut, wie wir es fast nicht mehr erleben.
So wie wir selten noch richtig erschrocken sind, denn vieles versuchen wir betont cool und gelassen zu nehmen, so können wir uns kaum noch freuen, nehmen das, was uns glücklich macht, selbstverständlich.
Dass wir genug zu essen haben (hören Sie auf, was soll man denn noch essen), dass man Kinder hat (diese Plagen), dass man ein Haus über dem Kopf hat (nichts als Ärger mit den Handwerkern). All das ist uns selbstverständlich oder wir sehen von allem nur die Schattenseite.
Worüber können wir uns noch salopp oder im Bild gesprochen tierisch freuen? Diese beiden Tiere haben Grund zur Freude, denn sie können Gottes Liebe sehen, die Kind, die Mensch, die uns Bruder wird.
Dass unser Herz der Freude voll wird, so wie das Herz derer, die das Wunder der sich herab beugenden Liebe Gottes gesehen haben, dafür braucht es Zeit, Zeit, die wir Gott lassen, damit er uns füllen kann.
In unserer Zeit haben wir dafür keine Zeit. So wie wir im Internet Sachen bestellen können, per Mausklick und wollen sie dann per Express-Lieferung möglichst gleich morgen in Besitz haben, so geht es mit der Freude, die durch die Liebe Gottes entsteht, eher nicht.
Die braucht Zeit, die muss durchsickern, durch manche Schutz- und Dreckhülle unseres Herzens, die aus Misstrauen, Verärgerung und eigener Schuld besteht.
Eine Freude, die bleibt, entsteht nicht in künstlicher Weihnachtsbaumbeleuchtung, nach dem Motto: Jetzt freut euch alle mal.
Freude, die beständig bleibt, entsteht beim Bewundern des Geheimnisses, das Weihnachten ist, wenn wir es mit hinüber nehmen in unser Leben.
In die Zeiten des Ärgers: 3 Minuten innehalten und bedenken: Hast du gewusst, das Gottes Liebe für dich so groß ist, dass es den Ärger überwiegt?
In die Zeiten des Stresses: Freu dich, der Gott der Ewigkeit, schenkt dir Zeit und macht dich ruhig.
In die Zeit der Schuld, wenn wir etwas falsch gemacht haben und anderen nicht mehr ins Gesicht und selbst kaum noch in den Spiegel blicken können. Die Botschaft, dass uns Gott brutto liebt, mit allen Fehlern und aller Schuld als Kind trägt, will in dein Herz!
Die Weihnachtsbotschaft, dass Gott zu dir kommt, die funktioniert nicht auf schnellen Zuruf, sondern langsam, im Lauf eines Jahres, im Lauf der Jahre. Diese Freude kommt und hält, wenn wir dranbleiben. Freude am Glauben ist keine 5-Minuten-Terrine. Sie kommt, wenn wir bleiben.
Die Tiere auf dem Bild von Zillis, sie sind geblieben, als die Hirten und Könige schon gegangen sind. Ihre Freude bleibt.
Der älteste Text, der von der Freude derer redet, die das wissen, steht im Philipperbrief:
Philipper 4
4 Freuet euch in dem Herrn
allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!
5 Eure Güte laßt kund sein
allen Menschen! Der Herr ist nahe!
6 Sorgt euch um nichts, sondern
in allen Dingen laßt eure Bitten in Gebet und Flehen mit
Danksagung vor Gott kundwerden!
Lied des Chores: Fest der Liebe
Weihnachten, das Fest der Liebe?
So hat es der Chor gerade gesungen. Das Bild, das wir nun sehen, das hat einen anderen Charakter. Das Bild von Zillis war gefällig und schön, dieses Bild ist herb. Ein Holzschnitt von Hans-Georg Anniès. Es heißt: Versöhnung.
Vielleicht kommt es Ihnen vor wie Schwarz-Weiß-Malerei. Interessant finde ich, dass auch die Konturen derer, die im Dunkeln stehen, vom Licht schon deutlich werden. Aber deutlich wird auch, dass es Menschen gibt, die sich der Krippe und dem Kreuz, das durch die Krippe schon hindurchscheint, zuwenden, und andere wenden sich ab.

Auch die, die sich abwenden, die kein Interesse zeigen, die werden vom Licht gestreift, aber sie werden nicht hell. Sie werden des Lichtes nicht gewiss. Sie können es nur ahnen. Für sie bleibt die Abwendung auch das Muster, wie sich untereinander bewegen. Ängstlich und vorsichtig.
Neulich bin ich bei einem Kauf, übers Ohr gehauen worden. Jetzt bin ich vorsichtig. Ich traue keinem mehr. Kontrolle ist besser. In diesen dunklen Zeiten!
Das Kind in der Krippe der Mann am Kreuz, breitet die Hände aus. Segnend, jeden einzelnen, und so als wollte er sagen. Wendet euch einander zu. Gebt euch die Hand. Versöhnung braucht Ermutigung, denn vor dem Aufeinanderzugehen steht die Angst, erneut betrogen zu werden, schon wieder den Kürzeren zu ziehen.
Menschen, die zur Krippe kommen werden ermutigt, aufeinander zuzugehen, weil einer gekommen ist, der gesagt: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.
Versöhnung an der Krippe, unter dem Kreuz, im Segen dessen, der für uns gekommen ist und für uns gestorben ist, ist die neue Realität, die uns Mut machen kann.
Allem Streit zum Trotz. Zu dieser Versöhnung sind wir gerufen.
Hören wir auf den Text zur Versöhnung aus dem neuen Testament, auf 2. Korinther 5:
19 Gott war in Christus und versöhnte
die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu
und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
20 So sind wir nun Botschafter
an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun
an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!
Erschrocken
weil das nicht normal ist, dass Gott uns so nahe kommt.
Erfreut
weil seine Nähe uns, wenn wir an ihm bleiben, zur Freude in unserem Leben wird.
Ermutigt
weil er uns versöhnt, nimmt er uns die Angst vor anderen.
Am Ende noch ein Wort von Dietrich Bonhoeffer:
Wie zur Beschämung der
gewaltigsten menschlichen Anstrengungen und Leistungen wird hier
ein Kind in den Mittelpunkt der Weltgeschichte gestellt.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher
ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus
Christus.
Lied nach der Predigt: EG 37, 1-3: Ich steh an deiner Krippen hier
Die Bilder stammen aus dem
Buch: Wilhelm Böhm: Lieder, Texte und Bilder zum Kirchenjahr I;
Advent, Weihnachten, Epiphanias, Dreikönig. AV-Edition, ISBN 3-88424-200-8.
Ein sehr schönes Medienbuch mit Dias und Beschreibungen.
| ©
Evangelische Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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