Liebe Gemeinde,
er saß am Straßenrand von Jericho im Dreck. Alles, was er zu erwarten hatte, war ein bisschen Mitleid. Schlechtes Gewissen war gut für ihn, wenn es ein paar Geldstücke aus ihren Taschen zog. Insofern wäre Weihnachten auch nicht schlecht für ihn gewesen.
Das hätte er sicher gespürt, wenn er die Münzen gezählt hätte in seinem Korb, den er vor sich gestellt hatte. Adventszeit, Weihnachtsgefühle: Die Quote steigt. Weihnachten gab es aber nicht. Nur das Mitleid und das Almosen der Leute von Jericho, die das wussten, dass man dem blinden Bettler natürlich ein paar Groschen zu geben hat. Mehr hatte er nicht zu erwarten.
Um so erstaunlicher, dass diese blinde Bettler, dieser Bartimäus an diesem einen Tag zu schreien anfing. Er sang keine Weihnachtslieder, er schrie: Das war nicht schön und beschaulich, aber er spürte etwas: Jetzt kann etwas in mein Leben kommen, das es radikal verändert!
Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Schreit er.
Was hat Bartimäus dazu gebracht? Warum schreit er es laut heraus? Irgend etwas muss ihm Mut gemacht haben, nicht mehr still und beschaulich auf Münzen zu warten, sondern die Chance seines Lebens zu wittern!
Als die große Menge gekommen war, da hatte er nur gefragt: Was ist da los? Wer kommt denn da?
Jesus, der Nazarener!
Und das reichte als Antwort: Bartimäus springt auf und schreit.
Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!
Hatte er schon von Jesus gehört? Hatte er mitbekommen, dass ein Wunderheiler aus Nazareth durch die Lande zieht, der Kranke gesund macht? Das ist schon möglich. Möglich ist aber auch, dass Bartimäus in diesen beiden Worten: Jesus, der Nazarener! etwas gehört hat, das seine Sehnsucht geweckt hat.
Jesus, das heißt: Jeschua: Gott hilft. Schon das macht Mut, doch noch mehr: Nazarener, das ist nicht nur eine Ortsbezeichnung, dass einer aus Nazareth kommt. NEZÄR, das bedeutet auch: Spross und das ich bin ziemlich sicher, das hat Bartimäus aufspringen lassen. Denn das war die Bezeichnung des Messias im alten Jesajatext. NEZÄR, das ist der Spross, aus dem Stamm Isai, und deshalb schreit Bartimäus! Jesus, Sohn Davids (David ist der Sohn von Isai), erbarme dich meiner!
Da hat etwas seine Hoffnung geweckt. Da war ein Reizwort, das ihn mehr erhoffen lassen, als drei Münzen. NEZÄR. Jesus, der Gott hilft ist da, der Nazarener, der Spross...
Nicht wahr, das klingt etwas rätselhaft und ich möchte da noch mehr Licht hineinbringen, aber zuvor möchte ich sie fragen, was Sie für eine Sehnsucht haben.
Die Sehnsüchte, die wir an Weihnachten entwickeln sind nicht selten sehr beschaulich. Ruhe und Frieden. In der Welt und in der Familie. Kein Streit und Ausspannen. Und das ist für viele schon eine große Hoffnung, denn nicht selten schockieren uns gerade an Weihnachten die Nachrichten vom Krieg und den kleinen Kriegen, die immer weiter gehen, nicht selten packt uns auch gerade in den Familien, wo wir aufeinander hocken, die Streitsucht und es ist alles andere als harmonisch. Die Sehnsucht nach Friede und Stille, die ist an Weihnachten da.
Aber was wäre, wenn uns etwas reizen würde, noch mehr zu hoffen. So wie Bartimäus? Als er gehört hat: Jesus, der NEZÄR, der Spross, da wurde seine Hoffnung größer: Nicht nur ein paar Münzen für den Tag, nicht nur ein bisschen Frieden und Ruhe, sondern Sehen können Das ist so ziemlich das Radikalste, das sich ein Blinder wünschen kann!
Etwas muss uns reizen, damit unsere Hoffnung größer wird. Jesus, der NEZÄR! Warum hat das Bartimäus so hoffnungsvoll gemacht? Lassen Sie uns in diesen alten Jesajatext hineinschauen, der zu hoffen genug gibt.
Jesaja 11, 1-10
Der Friedenskönig und sein Reich
1 Ein Spross wächst aus dem Baumstumpf Isai,
ein neuer Trieb [hier steht NEZÄR] schießt hervor aus seinen Wurzeln.
2 Ihn wird der Herr mit seinem Geist erfüllen,
dem Geist, der Weisheit und Einsicht gibt,
der sich zeigt in kluger Planung und in Stärke,
in Erkenntnis und Ehrfurcht vor dem Herrn.
3 Gott zu gehorchen ist ihm eine Freude.
Er urteilt nicht nach dem Augenschein
und verlässt sich nicht aufs Hörensagen.
4 Den Entrechteten verhilft er zum Recht,
für die Armen im Land setzt er sich ein.
Seine Befehle halten das Land in Zucht,
sein Urteilsspruch tötet die Schuldigen.
5 Gerechtigkeit und Treue umgeben ihn
wie der Gürtel, der seine Hüften umschließt.
6 Dann wird der Wolf beim Lamm zu Gast sein,
der Panther neben dem Ziegenböckchen liegen;
gemeinsam wachsen Kalb und Löwenjunges auf,
ein kleiner Junge kann sie hüten.
7 Die Kuh wird neben dem Bären weiden,
und ihre Jungen werden beieinander liegen;
der Löwe frisst dann Häcksel wie das Rind.
8 Der Säugling spielt beim Schlupfloch der Schlange,
das Kleinkind steckt die Hand in die Höhle der Otter.
9 Niemand wird Böses tun und Unheil stiften
auf dem Zion, Gottes heiligem Berg.
So wie das Meer voll Wasser ist,
wird das Land erfüllt sein von Erkenntnis des HERRN.
10 Wenn jene Zeit gekommen ist,
dann wird der Spross aus der Wurzel Isais
als Zeichen dastehen, sichtbar für die Völker;
dann kommen sie und suchen bei ihm Rat.
Von dem Ort, den er zum Wohnsitz nimmt,
strahlt Gottes Herrlichkeit hinaus in alle Welt.
Vielleicht stand dem blinden Bartimäus diese Vision vor Augen, der er als Blinder auf eigene Weise gesehen hat. Sehnsucht nach dem Retter, der besondere Fähigkeiten hat. Nach dem Retter, dem Messias, der besondere Charaktereigenschaften hat. Vielleicht hat es Bartimäus angesprochen, dass da einer kommt, der nicht nach dem Augenschein urteilen wird. Das hat er oft genug erlebt, dass die, die sehen können, in seinen Augen wirklich blind sind. Zuletzt wollten sie ihn ja noch zurückhalten, als er sich Jesus zuwendet.
Bartimäus wurde mit dem Stichwort Jesus, der Nazarener erinnert an den NEZÄR, den Spross, den jungen Trieb, mit dem Jesaja einst seine Vision entworfen hat, wie ein König nach Gottes Wunsch aussieht und wie sein Reich aussieht.
Wie sieht die Welt aus, in der sich Gottes Wille durchsetzt, nicht in Kompromissen und kleinlich, sondern in großen Zügen? Und wie sieht der aus, der diese neue Welt Gottes in unserer Welt kraftvoll durchsetzen kann? Darum geht es jetzt und gleich in drittens um die Grundzüge dieser neuen Welt.
Wie sieht der Retter aus? Was zeichnet ihn aus?
Man könnte das auch bestimmen, wenn man sieht, was in dieser Welt fehlt. Ich erinnere an drei Konstellationen in diesem Jahr, wo dieser Retter gefehlt hat:
In Den Haag haben sich in diesem Jahr Regierungsvertreter aus aller Welt zum Klimagipfel getroffen. Endlich sollte umgesetzt werden, was vor Jahren in Rio und Kyoto bestimmt wurde. Dass man verantwortlicher mit den fossilen Brennelementen umgeht, deren Verbrennung das Welt-Klima anheizen. Es war kein guter Gipfel, es war der Gipfel der Frechheit, der dann gescheitert ist. Es wurde um Anteile geschachert, es sollten Rechte verkauft, mehr Dreck und CO2 produzieren zu dürfen. Das Ziel war nicht mehr vor Augen, die Verantwortung wurde nicht gesehen, nur kurzfristige Interessen einzelner wurden gewahrt. Lobbyisten sind keine Visionäre.
Oder denken Sie an die neue Intifada in Israel. Kein Friede in Sicht, keine Führungspersönlichkeit da, weder auf der einen noch auf der anderen Seite, nur Anheizer des Konflikts. Was wäre, wenn Rabin nicht getötet worden wäre.
Oder denken Sie an die amerikanische Präsidentenqual, äh wahl. Da wurde ganz lange erst gar keiner ermittelt, der das Amt übernimmt!
Jesaja sagt. Es wird einer gefunden, durch den Gott seine Welt verändert. Er wird nicht erkannt werden an großer Macht. Am Anfang ist es nur ein Spross an einem alten Baumstamm, aber wer ihn zu Gesicht bekommt, den verändert er und seine Perspektive ist groß:
2 Ihn wird der Herr mit seinem Geist erfüllen,
dem Geist, der Weisheit und Einsicht gibt,
der sich zeigt in kluger Planung und in Stärke,
in Erkenntnis und Ehrfurcht vor dem Herrn. [a b]
Drei Charaktereigenschaften einer wirklichen Führungspersönlichkeit. Die Intelligenz und die Kraft und die Rückbindung an Gott selbst. Das zeichnet gute Leiter aus und der Messias ist der Leiter, den die Welt braucht.
Und Bartimäus hat das gespürt als Jesus kommt und gewusst, was dieser Messias tun wird, wenn er herrscht:
3 Gott zu gehorchen ist ihm eine Freude.
Er urteilt nicht nach dem Augenschein
und verlässt sich nicht aufs Hörensagen.
4 Den Entrechteten verhilft er zum Recht,
für die Armen im Land setzt er sich ein.
Seine Befehle halten das Land in Zucht,
sein Urteilsspruch tötet die Schuldigen.
Dieser Leiter ist unbestechlich, er lässt sich nichts vormachen. Sein Ziel ist, denen zu helfen, denen keiner hilft. Und seine Worte markieren auch gut und böse und bewirken Veränderung.
Eine Veränderung, die die ganze Welt erreicht. Dieser Messias, den Bartimäus in dem vorbeikommenden Jesus für sich persönlich erwartet, den wir in Jesus Christus erkennen, der ein zu uns kommt, dieser Jesus ist der, von dem wir noch mehr für unsere Welt erwarten können.
Wagemutig beschreibt Jesaja die Welt, die dieser Messias mit sich bringt. Das klingt alles sehr utopisch. Der Tierfriede, so bezeichnet man das in den Kommentaren: Wie sieht diese Welt aus?
Dann wird der Wolf beim Lamm zu Gast sein...
Diese Welt wird eine Welt souveräner Gastfreundschaft werden. Gastfreundschaft, die sich jetzt schon in unserem Leben einladen, die dann spannend wird, wenn sich nicht nur Gleich zu Gleich einlädt, sondern, wenn das Lamm den Wolf einlädt und der lammfromm wird.
Das Lamm hat offenbar die Angst überwunden, hat sich zu eigen gemacht, dass das Böse mit dem Guten überwunden wird. Jesus selbst hat solche Gastfreundschaft gelebt, er hat sie auch eingefordert und ist als Lamm nicht selten in die Höhle des Löwen gegangen, war selbst bei Pharisäern und bei Zöllnern zu Gast. Eine Welt, in der Gastfreundschaft, die die Angst besiegt, ein Gestaltungsprinzip ist, wird die Welt des Messias sein.
der Löwe frisst dann Häcksel wie das Rind...
Dass es nun heißen kann: Ihr Rinderlein kommet, das liegt nicht nur daran, dass wir aus BSE-Angst zu Weihnachten auf die Rumpsteaks verzichtet haben und die Rinder den Schlachtern noch einmal entgangen sind.
Nein, dass in dieser Vision der Löwe zum Vegetarier wird und Häcksel-Gras frisst, das deutet wohl eher an, wie weit wir entfernt sind von Gottes Willen, wenn wir den gestandenen Vegetarier Rindvieh ungefragt und gegen die Natur zum Fleischfresser des Tiermehls gemacht haben, um schneller und billiger immer mehr vom Fleisch zu haben. Die Tierwelt ist nicht nur Vergleich, sie ist mit der Inhalt von Gottes ganzer Schöpfung, die in Jesus Christus neu (Röm. 8) werden soll. Gerade uns Christen sollte nicht die Angst vor BSE, wie in diesem Jahr geschehen, sondern eher die Ehrfurcht vor dem Leben, wie Albert Schweitzer richtig sagte, einen Impuls geben zu einem anderen Umgang mit der Welt, die Gott geschaffen hat.
Der Säugling spielt beim Schlupfloch der Schlange.
Die Schlange seit der Schöpfungsgeschichte ist sie das Symbol für die List und die Täuschung und die Lüge, hinter der sich die Sünde versteckt. Vor ihr, vor ihren Giftzähnen kann man nur Angst haben. Die Schlange ist das Zeichen für die Schöpfung, die Gott nicht traut und der deshalb nicht zu trauen ist.
Und das wird anders. Der Gegensatz könnte nicht größer sein. Das Geschöpf, das am meisten zu schützen ist, spielt mit dem Tier, das am meisten zu fürchten ist. Der Messias, der dieses Reich herbeiführt, hat das Böse überwunden und die Ängste überwunden, und das Misstrauen. Und dass am Ende der Vision das Spiel als Ziel dasteht, das ist eine tolle Perspektive.
Jesus von Nazareth der NEZÄR, der Spross aus dem Stamm Davids. Er bringt heute schon im Kleinen diese Welt zu uns. Grund genug, sehnsüchtig zu werden, wie ganz groß - Bartimäus zu wünschen, dass er unsere Blindheit heilt, uns die Augen aufmacht für die Welt und uns Mut macht.
Amen.
P.S. Ich verdanke diese Predigt der guten Exegese von Dr. Werner Grimm (GPM 55/1)
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Evangelische Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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