GoSpecial-Traisa Predigt für März 2000


"Ach wenn ich doch so begehrt wäre!" - von der Anerkennung

Liebe Freunde bei GoSpecial!

Finden Sie auch? Dies war das Foto der Woche!

Angela Merkel beugt sich hinüber in die dritte Reihe des Bundestages, in die die Fraktionsführung Helmut Kohl verbannt hat und reicht ihm die Hand. Da frage ich mich oder besser Sie: Würden Sie das auch tun? Sie haben dreimal die Chance, Ja zu sagen:

1. Ja, ich würde das tun. Ich finde Kohl gut.

2. Ja, ich würde es tun, aber mir hinterher die Hände waschen.

3. Ja, ich würde es tun, aber hinterher mein Geld zählen.

Genug des Spotts. Aber wissen Sie was? Helmut Kohl, sein Fall ist das besondere Beispiel dafür, wieviel Anerkennung wir einer Person noch bereit sind zu geben, dessen Leistungen zu völligen Fehlleistungen geworden sind. Gibt es dann überhaupt noch Anerkennung der Person?


"Ach, wenn ich doch so begehrt wäre!" - von der Anerkennung. Um diesen wichtigen Unterschied geht es: Es gibt die Anerkennung meiner Person: Jemand sagt ja zu mir, einfach so. Und es gibt die Anerkennung dessen, was ich leiste, was ich kann, was ich darstelle. Schon im Titel von heute steckt beides drin. Beides auseinander zu halten, ist ziemlich schwierig, vielleicht sogar so schwierig wie ein echter Spagat, aber wir müssen das tun, denn sonst fangen wir an die Beine zu verwechseln und geraten ins Stolpern! Ich versuche einfach mal, mit Ihnen zu sortieren.

Erinnern Sie sich gerne an Ihre Schulzeit? Ich stelle jetzt einfach ein paar Fragen und Sie können sich dann immer mal melden. Es ist ja ziemlich dunkel hier das sieht ja keiner. Schule - das bedeutet doch: Leistung ist gefordert. Waren Sie gerne in der Schule? Ja, dann melden Sie sich. Menschenskinder, so viele Streber! Nein? Bin ich erleichtert!

In der Schule gibt es die Anerkennung der Leistung, und wie sollte die sich anders ausdrücken als in Noten. Denken Sie mal zurück - oder die Schüler unter uns denken vielleicht sogar an morgen früh - wie war das: Rückgabe einer Klassenarbeit. Der Lehrer geht an die Tafel und schreibt zuerst die Notenverteilung an die Tafel: 2x1, 7x2, 8x3, 5x4, 2x5 und 1x6. Auf den hinteren Rängen beginnt schon das Heulen und Zähneklappern, denn drei wird's erwischen und einen hart! Ja, ja: Man braucht wirklich keine Horrorfilme und Stephen King auch nicht, man muss nur in die Schule gehen.
So schlimm war's auch nicht? Ich frage noch mal in die Runde: Wer von Ihnen hat eher immer gute Noten geschrieben: 1 und 2? Wer war denn solides Mittelfeld: 2 bis 3 und manchmal eine 4? Und wem ging's wie Eintracht Frankfurt: Beständiger Abstiegskampf? Und jetzt die Frage: Wer von ihnen ist schon einmal sitzen geblieben? Keine Angst: Sie müssen nicht aufstehen, sie dürfen hier ruhig sitzen bleiben!

Im Sitzen kann man zwar nicht gut singen, aber ich glaube, Sitzenbleiber können ein Lied davon singen, wie es ist, wenn man mit der Leistung nicht ankommt und anerkannt wird. Wenn man eine Fehlleistung nach der anderen zu Hause abzeichnen lassen muss. Unterschrift der Erziehungsberechtigten - allein schon dieses Stichwort sorgt für Schaudern.

Kennen Sie das Lied von Reinhard Mey: Zeugnistag?
Ich denke, ich muß so zwölf Jahre alt gewesen sein,
Und wieder einmal war es Zeugnistag.
Nur diesmal, dacht' ich, bricht das Schulhaus samt Dachgestühl ein,
Als meines weiß und häßlich vor mir lag.
Dabei war'n meine Hoffnungen keineswegs hochgeschraubt,
Ich war ein fauler Hund und obendrein
Höchst eigenwillig, doch trotzdem hätte ich nie geglaubt,
So ein totaler Versager zu sein.

So, jetzt ist es passiert, dacht' ich mir. jetzt ist alles aus,
Nicht einmal eine 4 in Religion.
Oh Mann, mal diesem Zeugnis kommst du besser nicht nach Haus,
Sondern allenfalls zur Fremdenlegion.
Ich zeigt' es meinen Eltern nicht und unterschrieb für sie,
Schön bunt, sah nicht schlecht aus, ohne zu prahl'n!
Ich war vielleicht 'ne Niete in Deutsch und Biologie,
Dafür konnt' ich schon immer ganz gut mal'n!

Der Zauber kam natürlich schon am nächsten Morgen raus,
Die Fälschung war wohl doch nicht so geschickt.
Der Rektor kam, holte mich schnaubend aus der Klasse raus,
So stand ich da, allein, stumm und geknickt.
Dann ließ er meine Eltern kommen, lehnte sich zurück,
Voll Selbstgerechtigkeit genoss er schon
Die Maulschellen für den Betrüger, das mißrat'ne Stuck,
Diesen Urkundenfälscher, ihren Sohn.

Mein Vater nahm das Zeugnis in die Hand und sah mich an
Und sagte ruhig: "Was mich anbetrifft,
So gibt es nicht die kleinste Spur eines Zweifels daran,
Das ist tatsächlich meine Unterschrift."
Auch meine Mutter sagte. ja, das sei ihr Namenszug,
Gekritzelt zwar, doch müsse man versteh'n,
Daß sie vorher zwei große, schwere Einkaufstaschen trug,
Dann sagte sie: "Komm, Junge, laß' uns geh'n."


Dieses Lied rührt mich an. Auf einmal ist die Anerkennung meiner Leistung nicht mehr das Wichtigste, und da sehen sogar Menschen locker über meine Fehlleistung hinweg, um zu mir als Person zu stehen. Da ist einer, der sieht souverän über die Fassade meiner Leistungen und Fehlleistungen hinweg und erkennt mich dahinter. Anerkennen kommt von Erkennen - den Menschen hinter der Fassade, die er für sich und andere aufgebaut hat, erkennen. Darum geht es.

Und eines ist trotzdem klar: Schule ist nicht nur Unterricht, Noten und Zeugnistag. Die wirklichen Noten über mich als Person gibt es nicht in der Klasse, sondern auf dem Schulhof. Da stellt sich die spannende Lebensfrage: Wer gehört dazu? Wer ist cool? Wer ist witzig? Wer sieht gut aus? Wer ist gut drauf? Wer ist sportlich? Wer macht die lockersten Sachen? Wer hat die besten Klamotten an? Wer raucht? Wer ist das hübscheste Mädchen? Wer hat das hübscheste Mädchen?
Kennen Sie das? Kennen Sie das noch? Bei all dem merken wir: Nicht nur für die Schule lernen wir, sondern für das Leben. Und die Lebensnoten gibt es nicht in der Schule, sondern auf dem Schulhof. Da kann man sich zwar fragen: Wer setzt hier denn eigentlich die Maßstäbe für das, was gilt, was gut drauf ist? Aber viel zu sagen hat man da nicht!

Und dann passiert auf einmal etwas besonderes. Mir ging es so. Da kommt einer, auf den ich vorher gar nicht geschaut habe, auf mich zu und wird mein Freund: Es entsteht Freundschaft, die locker all die hohen Hürden dessen, wie einer zu sein hat, links liegen lässt. Auf einmal ist einer mein Freund, meine Freundin, deren oder dessen Freundschaft ich mir überhaupt nicht verdient habe. Haben Sie das auch erlebt? Solche wohltuende Freundschaft, die souverän ignoriert, was sonst so gilt, ist ein echtes Geschenk Gottes. In dieser Freundschaft wird ein alter Satz wahr: Der Mensch sieht was vor Augen ist, Gott sieht das Herz an. Das ist übrigens ein toller Satz, der uns weiter hilft, die Dinge zu sortieren. Was ist ein Mensch im Herzen, und was leistet er...

Trotzdem bleibt das Leben ein Kampf um Anerkennung. Und ganz oft folgen wir der Logik: Wenn meine Leistung anerkannt ist, dann wird auch meine Person anerkannt! Ob dieser Satz nun stimmt oder nicht - wir richten uns und unser Selbstwertgefühl danach aus!
Es gibt ja Bereiche, da stimmt dieser Satz: Zum Beispiel im Sport: Jeder kann Mitglied im Sport, z.B. im Fußballverein werden. Aber nur 11 Freunde wollen wir sein. Jeder kann persönlich offen aufgenommen werden. Aber wenn es um die Aufstellung geht, da zählt die Leistung. Ab und zu sollte man schon den Ball treffen. Und ich erfahre die Anerkennung meiner Person, wenn die Leistung anerkannt wird: Du darfst dabei sein, wenn du gut bist. In Klammern: Solange du gut bist.
Niemand fällt ein Urteil über meine Person. Nur, wenn ich die Leistung nicht erreiche, gehöre ich zu einer bestimmten Gruppe nicht dazu. Und das trifft mich persönlich!
Und das hört nicht mit Kindheit und Jugend auf. Das bleibt ein Leben lang: Wir wollen beides: Die Anerkennung unserer Leistung und die Anerkennung unserer Person. Nur ist ganz oft unsere Optik falsch und wir verwechseln die Dinge. Denken, Menschen finden uns nur dann gut, wenn wir es gut machen.

Das harte Gesetz des Schulhofes setzt sich fort im Leben. Und es gibt viele Menschen, die setzen jeden Morgen ihr perfektes Make-up auf und gehen ins Leben und wollen anerkannt werden für das, was sie tun. Wir haben im GoSpecial-Team darüber gesprochen, ob der Titel "Ach wenn ich doch so begehrt wäre!" richtig passt: Ist das denn Anerkennung, wenn man begehrt wird, ist das nicht oberflächlich, ob einer nett ist, eine sexuell ansprechende Verpackung hat. Das ist doch noch keine Anerkennung. Aber hier wird genau das Problem aufgerissen: Wir suchen nach Anerkennung, meinen aber, sie erreicht zu haben, wenn wir nur begehrt sind. Das genau bringt uns in Stolpern! Es ist z.B. das tragische Schicksal von Marilyn Monroe, dass Sie immer nur wegen ihres Aussehens geliebt wurde. Das hat ihren Lebensdurst nie gestillt: I want to be loved by you! Diese Sehnsucht ist doch viel tiefer!

Ich möchte Sie zum Schluss mit der Geschichte einer biblischen Person bekannt machen. Simon, einer von den 12 Freunden von Jesus. Simon hat von Jesus den Beinamen Petrus bekommen und das war schon Anerkennung, denn Petrus bedeutet Fels. Zuverlässig und standhaft, wenn es sein muss auch hart. Das hat Simon gefallen, denn so wollte er sein, das war sein Ideal. Simon war extrovertiert und stark und er wusste, was er tun und sagen musste, damit die anderen das auch merkten. Simon konnte ein perfekter Schauspieler seiner selbst sein.
Wir sind gerade kurz vor Karfreitag und Ostern. Es war in diesen Tagen, als sich die Schlinge um Jesus immer mehr zuzog. Immer mehr Feinde traten auf, die deutlich machten, dass sie die grenzenlose Liebe Gottes, von der Jesus redete, für brandgefährlich hielten.
In dieser Zeit herrschte im Freundeskreis von Jesus ein mulmiges Gefühl. Und einmal sagte Jesus, was ihn erwartete: Ich werde sterben und ihr werdet mich verlassen.
Es war nicht aufgesetzt, sondern ehrlich, als Simon sich als erster meldete: Und wenn sie dich alle verlassen, ich bleibe bei dir, ich werde sogar zu dir stehen, wenn du stirbst.
"Nicht wahr Jesus! Dafür musst du mich doch anerkennen. Dafür bist du mein Freund!" Simon will sich die Liebe und Freundschaft von Jesus verdienen!
Sie wissen, was passiert ist: Jesus wurde verhaftet, die Freunde sind abgehauen, aus Angst, mit in das Verfahren gerissen zu werden. Fast inkognito hält sich Petrus im Vorhof des Gerichtsgebäudes auf, fühlt sich an sein Versprechen gebunden und hat doch Riesenangst. Und dann sprechen sie in der dunklen und gefährlichen Atmosphäre immer wieder Menschen an. Du warst doch auch bei Petrus, du sprichst so wie er, ich habe dich mit ihm gesehen. Simon wollte jetzt groß auftrumpfen, es Jesus und allen beweisen, dass er treu ist. Und er versagt kläglich. Dann kräht der Hahn und Petrus kann nur noch heulen. Er hat alle Selbstachtung verloren.
Ende und Aus? Nein, Neuanfang. Die Bibel erzählt, wie Jesus, der auferstandene Jesus dem Petrus begegnet ist. Nicht mit Vorwürfen, nicht mit "ich hab's dir doch gleich gesagt", nicht mit: "Na, altes Großmaul!" Nicht mit Belehrungen, nicht mit "Beim nächsten Mal strengst du dich aber an!"
Jesus begegnet Petrus, der denkt, dass er alle Anerkennung bei ihm verloren hat und der selbst alle Selbstachtung verloren hat nur dreimal - so oft wie Petrus ihn verleugnet hat - mit der Frage: Hast du mich lieb. Und Petrus kann nur dreimal, und da fallen alle Fassaden, da gibt es keine Show mehr, da fällt die Maskerade ab - mit der Stimme seines Herzens sagen: Ich habe dich lieb.

Und plötzlich ist es wie im Lied von Reinhard Mey und der gefälschten Unterschrift. Vater und Mutter sehen mich an und erkennen mich hinter meinen Fehlern.

Und plötzlich ist es, wie der Freund, der mir die Hand hinhält. Es ist egal, was andere sagen und denken: Du bist mein Freund.

Und so kann es bei uns persönlich sein. Unser Show-Biz darf schließen, unser Fassadenbauunternehmen abreißen. Die Liebe von Jesus gilt uns, und dass wir diese Liebe neu spüren, das ist das Ziel von GoSpecial.

Diese Liebe gilt dir.

Amen.

 

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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