GoSpecial-Traisa Predigt für September 2000

Auch von meiner Seite aus herzlich willkommen. Ich
freue mich, dass Sie sich persönlich vom Thema: „Du Versager“ haben ansprechen
lassen. Andere haben vielleicht etwas mit dem Kopf geschüttelt. Denn es gibt
viele Leute, die sagen: So redet man
nicht! Man darf doch niemand sagen: Du bist ein Versager! Das wäre verantwortungslos. Alles was man
sagen darf. ist: Du bist enorm ausbaufähig. Du hast ein großes Potenzial. Aber doch nicht: Du bist ein Versager!
(auch wenn es auf das gleiche herausläuft.)
Das begegnet einem in Zeugnissen, in denen Firmen
nichts Schlechtes schreiben dürfen: Hinter der Formulierung: „Er hat sich sehr
bemüht.“, steckt aber der Vorwurf: „Du Versager.“ In Deutschland gibt es
haufenweise Managementkurse und Trainingsprogramme für Leute, die solche
Zeugnisse bekommen haben, Kurse bei denen sie das Versager-Feeling dann weit
hinter sich lassen sollen.
Und dann kommen wir mit diesem Gottesdienst und plakatieren
das auch noch im ganzen Dorf herum: Du
Versager! Und zum Höhepunkt kommt das alles, wenn unser Theaterteam in der
Pantomime zeigt, was ein Versager ist. Einer, der sich das Gute im Leben immer
wieder entgehen lässt, einer, der dann nicht zugreift, sondern es ausschlägt,
wenn er oder sie die Liebe und die Freundschaft geboten bekommt. Folgerichtig
zischen die Stimmen links und rechts: Du
Versager! Und obwohl der antwortet: „Das bin ich nicht!“, stimmt es doch.
Liebe Freunde, das ist die erste Knackfrage heute
Abend: Gibt es wirklich Versager oder
gibt es nur Menschen, die sich schlecht verkaufen, mal einen Durchhänger haben
und sich dann dummerweise für Versager halten?
Gibt es wirklich Versager oder bekommt man das nur eingeredet und redet
sich das selbst ein?
Wie können wir der Sache auf die Spur kommen?
Am besten schauen wir uns einfach einmal ein paar
klassische Versagertypen an. (Nein, Sie sollen jetzt nicht zu Ihrem Nachbarn
schauen!) In der Medienwelt bekommt man gerne Versager vorgeführt. Und das wird
im Allgemeinen als sehr nett empfunden, denn es entspannt ungemein, wenn andere die Versager sind und nicht man
selbst.
Und jetzt ist ja gerade Olympiade: Sydney 2000 hat
begonnen. Und die ersten Versagermeldungen trudeln schon ein. Arnd Schmitt,
Degen-Weltmeister 1999 schon im Achtelfinale ausgeschieden. Mark Warnecke,
Schwimmstar aus Magdeburg hat leider beim Schwimmen Wasser geschluckt, sich verschluckt, musste schrecklich husten
und konnte dann nicht so schnell, wie er wollte.
Aber beim Thema Versager und Olympiade musste ich
dann vor allem an einen denken. Vielleicht erinnern Sie sich auch noch: 1988 in
Seoul, Südkorea tritt als deutsche Zehnkampfhoffnung Jürgen Hingsen an. Ein
Sportler wie aus dem Katalog. Er kann es vielleicht schaffen, dem britischen
Favoriten Dailey Thompson Paroli zu bieten. Die erste Disziplin sind die 100m
Sprint. Die Athleten sind nervös wie Rennpferde. Und dann wird es unglaublich.
Ein Fehlstart nach dem anderen. Am Ende sind es vier und drei davon gehen auf
das Konto des Leverkuseners. Disqualifikation. Aus. Bevor er begonnen hat, kann
Jürgen Hingsen wieder einpacken. Ganz Deutschland stöhnt auf: So ein Versager!
Was ist das für ein Versager? Das ist: Der übereifrige Versager. Wenn alle Augen auf einen gerichtet sind.
Wenn man es ganz richtig machen will. Keinen Fehler machen will und dann gerade
versagt. Dann sagen alle: Du Versager!
Ein zweiter klassischer Versager ist die Comicfigur des letzten Jahrhunderts:
Donald
Duck! Der unglückselige Erpel
aus Entenhausen, ist doch deshalb bei vielen Leuten so beliebt, weil sie sich
in ihm so exakt wiederfinden. Sind wir nicht alle Donald?! Er wird mit seinen
drei Schützlingen oft nicht fertig – Tick, Trick und Track sind ihm haushoch
überlegen. Er kommt nie an seinen megareichen Onkel Dagobert heran. Donald ist 2.
der notorische Versager: Bei
ihm gehört das Versagen zur Persönlichkeit quasi dazu. Aus ihm wird nie ein
Glückspilz. Er wird es nie im Geld schwimmen.
Notorische Versager wie Donald haben ein
persönliches Motto: Ich kann das sowieso
nicht. Ich hab zwei linke Hände. So ein Motto ist enorm praktisch: Damit
kann man sich viel vom Leib halten. Wer ein notorischer Versager ist, ist
vielleicht gar keiner. Aber man kann mit einer Versagerrolle auch kokettieren –
erfolgreich wie Donald – und es sehr bequem haben.
Noch ein dritter Versagertyp: 3. Der tragische Versager: Wer
in den letzten Wochen und Monaten die Medien verfolgt hat, konnte einen
tragischen Versager ausmachen, ein ganzes Land: Russland. Zuerst die –
offensichtlich durch menschliches Versagen ausgelöste – Katastrophe des
Atom-U-Boots Kursk in der Barentsee. Und dann brennt der Fernsehturm von Moskau
aus. Das war wie abgefackeltes Symbol.
Russland: Das ist der tragische Versager. Wer es
nicht wahr haben will, dass Glanzzeiten vorbei sind, dass man irgendwie neu
anfangen muss, dass die Orden von gestern nicht mehr zählen, der wird zum
tragischen Versager. Das tut sicher am meisten weh.
Wenn jemand mit 45 oder 55 oder jünger oder älter
nur noch tragisch sagt: Ach ja: Früher
hätte ich das auch mal gekonnt, dann kann das auch ein Zeichen dafür sein,
dass man den Versager-Stempel stillschweigend und enttäuscht akzeptiert, aber
einfach nicht sieht, dass jede Zeit hat eine neue Aufgabe für mich, an der ich
arbeiten muss.
Ausgangsfrage war ja: Ist einer wirklich Versager
oder wird er nur dazu gemacht? Es gibt eindeutig menschliches Versagen: Darüber muss man nicht lange
reden. Menschen machen Fehler und sie versagen. Im Sport ist das nicht so
tragisch, aber in vielen Situationen des Lebens schon. Aber, ob einer darüber
hinaus diesen Stempel abbekommt: Du
Versager! – das hängt davon ab, ob es Leute gibt, die ein Interesse daran
haben, diesen Stempel aufzudrücken! Kurzum. Menschliches Versagen gibt es: Aber
das Urteil: Du Versager. Das drücken einem andere auf - oder man tut es sogar
selbst, weil es bequem sein kann, sich die Anforderungen vom Leib zu halten.
Aber wie kann man ganz persönlich weiterkommen, wenn
man sich als Versager erlebt?
Ich glaube, dass jeder Mensch ein ganz persönliches
Profil an Begabungen hat. Das Neue Testament nennt das Charismen: Solche Gaben können es sein, wenn einer die Fähigkeit
hat: Dinge zu planen und zu organisieren. Eine andere Gabe kann es sein, wenn
man erkennt, wenn mit einem Menschen etwas nicht in Ordnung ist und man die
richtigen Worte findet. Eine Gabe kann es sein, wenn man gut mit Geld umgehen
kann. Eine Gabe kann es sein, wenn man Räume so gestalten kann, dass andere
sagen: Toll hier. Musik ist eine Gabe, wissenschaftliches Durchschauen ist eine
Gabe.
An Gaben muss man arbeiten. Niemand, der musikalisch
ist, kann deshalb schon Saxophon spielen. Aber jemand, der unmusikalisch ist,
kann sich Stunde um Stunde quälen, Ansatz und Grifftechnik trainieren: Er wird
kein guter Musiker.
Das beste Mittel mit diesen Versagerstempeln
umzugehen, die andere oder ich selbst mir aufdrücken wollen, ist: Dieses
persönliche Gabenprofil entdecken. Da wird man vielleicht auch Illusionen
bloßlegen, um anderes dafür staunend neu wahrzunehmen. Ich glaube, dass
Menschen, die sich permanent als Versager wahrnehmen, sich an der falschen
Stelle ungeheuer anstrengen: Dort, wo ihre Gaben nicht liegen. Viele Menschen
kommen mir vor – um bei Olympia zu bleiben, als ob sie von den Gaben her
Kugelstoßer sind, aber nun meinen bei der rhythmischen Sportgymnastik mitwirken
zu müssen. Das wirkt und geht dann auch daneben.
Aber die Frage ist doch jetzt: Wie kann ich das
persönliche Gabenprofil entdecken? Spüren, wo ich mit Fähigkeiten beschenkt,
die unverwechselbar zu mir gehören, so dass ich mir nicht den Versagerstempel
abhole, nur weil ich in der falschen Sportart antrete, sondern damit ich das
gut machen kann, was ich kann.
Ich bin mir sicher, dass es beim Entdecken dieses
persönlichen Gabenprofils, eine Initialzündung
geben muss, die sehr viel mit dem Glauben zu tun hat. Es geht um einen
Knackpunkt: Um meine persönlichen von Gott geschenkten Gaben zu entdecken, kann
ich spüren: Gott hat mir diese Gaben einfach
so geschenkt hat weil er mich
liebt. Aber er liebt mich nicht deshalb,
weil ich diese Gaben von ihm bekommen habe! Er würde mich auch ohne diese Gaben
lieben. Es geht ihm um mich.
Warum halten Menschen denn fest an einem falschen
Gabenprofil, das vielleicht gar nicht zu ihnen passt? Mühen sich ab mit Dingen,
die ihnen schwer fallen und holen sich dann noch das Versageretikett ab? Weil
sie verrückterweise glauben, dass andere Menschen – die Eltern, der Ehepartner,
die Kinder, der Chef, die Kollegen – oder vielleicht auch Gott (!) sie um
dieser Fähigkeiten, die sie vielleicht gar nicht haben, anerkennen und
dabeihaben wollen. Und wenn sie dann scheitern, weil diese Fähigkeiten gerade
das sind, was sie nicht gut können, dann haben sie Angst um die Liebe und
Anerkennung.
Das ist die Initialzündung. Wenn ich begreife: Gott
liebt mich nicht wegen dieser
Fähigkeiten und wenn ich sie perfekt
einsetze. Sondern meine Fähigkeiten sind richtiggehend befreit vom Zwang, durch
sie Bestätigung und Liebe zu bekommen.
Die Bibel sagt: Diese Liebe Gottes bekommst du
gratis. Einfach so. Und deswegen werden die Gaben frei. Müssen nichts mehr leisten,
sondern können sich einfach entfalten.
Petrus, der engste Freund von Jesus im Jüngerkreis
hat genau das eindrücklich erlebt, wie kaum ein Mensch zuvor. Er wollte mit
allen Kräften viel für Jesus leisten und hat sich viel geleistet. Sein großes
Treueversprechen: „Jesus, wenn alle dich verlassen, ich verlasse dich
nicht...“, hat er nicht halten können. Die Angst hat ihn gepackt. Tief
gedemütigt hat er dreimal, als Jesus zum Tode verurteilt wurde, gesagt, dass er
mit ihm nichts zu tun habe, dass er ihn nicht kenne, dass er verflucht sein
solle, wenn er ihn kennt. Petrus – er ist der klassische Versager, wenn wir in
die Bibel schauen.
Dabei ist er ein prächtiger Mann, mit klarem Blick,
mit Leitungsfähigkeiten und Entschiedenheit. Doch sein Weg, mit diesen Gaben
bei Jesus Eindruck schinden zu wollen, muss scheitern.
Als Petrus in dieser Nacht auf dem Hof vor dem
Gerichtsgebäude gleich dreimal gesagt hat, er kenne Jesus nicht, war Petrus
selbst down under, ganz unten. Sein ganzes Ich fiel in sich zusammen. Du
Versager! Viel mehr hatte er sich nicht zu sagen.
Nun könnte man meinen, Gott kann mit so jemand
nichts mehr anfangen. Konto überzogen. Kein Kredit mehr möglich?
Als der auferstandene Jesus Petrus in den Wochen
nach Ostern begegnet, rechnen viele mit der Standpauke. Und was geschieht?
Zuerst essen sie zusammen. Einfach so am Tisch und dann fragt Jesus Petrus
dreimal: Hast du mich lieb? Petrus kann nur einfach und fröhlich stammeln!
Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.
Und dann sagt Jesus zu ihm: »Sorge für meine
Lämmer!« Das waren nicht die Schafe auf der Weide, sondern die Gemeinde. Petrus
bekommt eine Leitungsgabe zugesprochen.
Du Versager! Wie Gott mit so jemand was anfangen
kann? Ich würde sagen: Gott kann gerade mit
so jemand anfangen. Weil Versager kapiert haben: Bei allem, was ich nicht
leiste und dazu noch an Fehlern mir leiste: Christus versagt mir die Liebe
nicht. Und meine Fähigkeiten müssen nicht mehr betont lässig und in Wahrheit
verkrampft sein, sondern gelassen und befreit vom Kampf um die
Selbstbestätigung.
Ich möchte Sie einladen zu dieser Initialzündung.
Die Liebe von Christus gilt dir einfach so. Dein falsches Gabenpaket, was zur
Belastung für dich geworden ist, das dich zum Versager macht, darfst du
loswerden und abwerfen und deine befreiten
Gaben entdecken. Vielleicht gehen Sie am Ende auf einen von uns
Mitarbeitern zu und sprechen mit uns.
Haben Sie Mut!
Amen.
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© Evangelische Kirchengemeinde Traisa |