Predigt an Pfingsten 2001

4. Mose 11

Begegnung und Begeisterung

 

Liebe Gemeinde!

Sicher wissen Sie, was ein Prototyp ist. Wenn ein neues Modell, ein Auto, eine Maschine oder sonst etwas anderes, das über lange Zeiträume hin entwickelt ist, in einem ersten Entwurf gezeigt wird, dann reden wir von einem Prototyp! Der ist noch in Entwicklung, an dem wird noch gearbeitet, aber die Forscher und Tüftler und Techniker und Erfinder wollen mit dem Prototyp zeigen, um was es gehen soll.

Wenn es dann weiter geht mit der Entwicklung, dann gibt es einen Prospekt! Der berichtet dann ausführlich von allen Fähigkeiten, die es geben wird und er soll die Käufer animieren, sich nur weiter zu interessieren und nicht vorerst schon etwas anderes zu kaufen.

Wir begegnen heute etwas ganz Ähnlichem wie einem Prototypen oder Prospekt. Es ist eine Pfingstgeschichte aus der Hebräischen Bibel – besser gesagt ein Prototyp oder ein Prospekt der Pfingstgeschichte. Sie zeigt schon viel, was dann werden soll.

Die Prototyp- und Prospektpfingstgeschichte führt uns mitten in die hohe Zeit der Wüstenwanderung. Lange Zeit waren sie schon unterwegs durch die Wüste, schon viele Rückschläge und Wartezeiten erlebt. Hohe Zeit? Es war höchste Zeit, fanden die Leute des Volkes Israel. Immer mehr verschwammen die Erinnerungen an die Sklaverei in Ägypten und immer verklärter wurde der Blick in die Vergangenheit: Sklaverei hin oder her, da gab es wenigstens etwas zu essen: Da heißt es in 4. Mose 11, kurz bevor unser Predigttext losgeht.

Num 11,5

5 Wie schön war es doch in Ägypten! Da konnten wir Fische essen und mußten nicht einmal dafür bezahlen. Wir hatten Gurken und Melonen, Lauch, Zwiebeln und Knoblauch.

Das ist übrigens die einzige Stelle der Bibel, in der Knoblauch vorkommt und bevor sich die Vegetarier zu sehr freuen: Kurz vorher wird gefragt: Wer wird uns Fleisch zu essen geben?

All das hing Mose, dem Anführer der Bewegung zum Hals heraus. Nein, nicht Fleisch, Fisch und Knoblauch. Sondern das Gemotze und Gejammer der Leute. Er hat sich vor diesen Karren gespannt und wirklich – er hat ihn durch manchen Dreck gezogen und alles was er hört ist, der Wunsch nach einem ausgewogenen Speiseplan: Die Sklaverei im Rücken, die Freiheit vor Augen denken die Leute an: Lauch und Knoblauch! Ist es denn wahr! Mose verschanzt sich immer mehr. Er ist auch nicht satt, aber er hat es gründlich satt. Er hat es sich doch auch nicht ausgesucht, sondern Gott hat ihn in dieses Amt berufen, das Volk durch die Wüste zu führen: Jetzt soll er doch sehen, wie es weitergeht!

 

Ich habe zweimal drei Punkte

Die ersten drei Punkte stehen unter dem Stichwort:

·        Begegnung

Die zweiten drei Punkte unter dem Stichwort:

·        Begeisterung

 

Num 11,11-12

10 Mose hörte die Leute klagen. Überall standen sie in Gruppen vor ihren Zelten. Er war verärgert, denn er wußte, daß sie damit den Zorn des HERRN erregten.

 

11 Er sagte zum HERRN:

»Warum tust du mir, deinem Diener, dies alles an? Womit habe ich es verdient, daß du mir eine so undankbare Aufgabe übertragen hast? Dieses Volk liegt auf mir wie eine drückende Last.

12 Schließlich bin ich doch nicht seine Mutter, die es geboren hat! Wie kannst du von mir verlangen, daß ich es auf den Schoß nehme wie die Amme den Säugling und es auf meinen Armen in das Land trage, das du ihren Vätern zugesagt hast?

13 Fleisch wollen sie; sie liegen mir in den Ohren mit ihrem Geschrei. Woher soll ich Fleisch nehmen für ein so großes Volk?

14 Ich allein kann dieses ganze Volk nicht tragen, die Last ist mir zu schwer.

15 Wenn du sie mir nicht erleichtern willst, dann hab wenigstens Erbarmen mit mir und töte mich, damit ich nicht länger diese Qual ausstehen muß.«

 

·        Begegnung - mit der Wirklichkeit der anderen

Mose begegnet der Wirklichkeit der anderen. Er hat sich in sein Zelt verschanzt und mag es nicht mehr hören. Aber Zeltwände sind transparent und lassen das Gemotze der Menschen durch.

Mose begegnet der Wirklichkeit der anderen. Wer Verantwortung trägt, der macht sich ganz schnell ein Bild der Lage. Ob das so stimmt, ist fraglich. Mose denkt vielleicht: Mensch, die sind doch bestimmt glücklich, die waren doch vorher Sklaven und wir sind unterwegs zur Freiheit – was könnten sie anders sein als glücklich.

Mancher Herrscher hat von seinem Land immer nur die herausgeputzten Prachtstraßen gesehen und sich zeigen lassen – und die Untergebenen setzen alles daran, dass er nichts anderes sieht.

Mancher Firmenchef glaubt die gefälschten Bilanzen seines Unternehmens, deren Fälschung er in Auftrag hat geben lassen – und die Mitarbeiter setzen alles daran, bei ihm keinen Zweifel aufkommen zu lassen.

Mancher Vater und manche Mutter glaubt und will glauben: Es ist doch alles gut in der Ehe und in der Familie. Bei uns gibt es doch keinen Streit und keine Probleme? Alles fest im Griff – nur in der Familie sind die Untergebenen nicht so gehorsam.

Trotzdem: Schneller als man denkt, glaubt man der Illusion. Redet alles schön, bildet sich alles ein, malt sich alles so aus!

Gut, dass die Zeltwände des Mose durchlässig sind. Er hört das Gemotze. Er begegnet der Wirklichkeit der anderen.

 

·        Begegnung - mit der eigenen Wirklichkeit

Und wo er das Gemotze der anderen hört, begegnet Mose der eigenen Wirklichkeit. Er spürt: Er kann nicht mehr! Lange Jahre in der Wüste haben ihm zugesetzt. Er knallt Gott die Last, die Mühe und die Verantwortung vor die Füße! Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr.

Sehen wir das richtig. All das ist Reden mit Gott! All das ist Gebet! Äußerster Vorwurf, bitteres Ausschleudern, erboste Anklage! Mose kann nicht mehr. Mose will nicht mehr. Er sucht nur den Aufkleber: „Return to sender“ „Unfrei zurück zum Empfänger“ „Annahme verweigert.“

Mose mag nicht mehr raus. Er mag nicht zu den anderen. Er steckt fest und muss der eigenen Kraftlosigkeit begegnen. Er muss sich selbst begegnen. Doch dabei bleibt es nicht.

 

 

·        Begegnung - mit der Wirklichkeit Gottes

16 Der HERR antwortete Mose:

»Versammle siebzig angesehene Männer aus dem Kreis der Ältesten Israels, die sich als Aufseher bewährt haben, und hole sie zum Heiligen Zelt. Dort sollen sie sich neben dir aufstellen.

17 Ich werde herabkommen und mit dir sprechen, und dann werde ich von dem Geist, den ich dir gegeben habe, einen Teil nehmen und ihnen geben. Dann können sie die Verantwortung für das Volk mit dir teilen, und du brauchst die Last nicht allein zu tragen.

 

Gott nimmt das Rücktrittsgebot des Mose nicht an. Er sagt nicht: „Ja, ich sehe, dass du mit diesem Job überlastet bist. Ganz ehrlich, ich hatte das schon immer vermutet, aber ich wollte dir halt eine Chance geben. Sei’s drum. Die Abfindung und der Ruhestand werden dir gefallen.“ All das nicht: Aber Mose bekommt eine sehr pragmatische Antwort.

Zuerst scheint es so zu sein, als habe Gott gar nicht zugehört. Nein, er hat Mose sehr gut verstanden. Mose ist überlastet und in seinem Amt ganz allein. Vielleicht hatte er es genossen, im Rampenlicht zu stehen, der erfolgreiche Führer aus dem Sklavenhaus Ägypten zu sein, allein Gott auf dem Berg Sinai begegnet zu sein, doch jetzt spürt er: Er muss allein alles schultern.

Das ist zuviel.

Die pragmatische Antwort Gottes stellt Mose Menschen zur Seite. Gleich siebzig! Und Mose akzeptiert das. Er geht gleich zur Sache. Er traut sich wieder hinaus! Und wir sind jetzt bei den zweiten 3 Punkten angelangt:

 

·        Begeisterung - die Sorgen vergessen lässt

24 Mose ging hinaus und teilte dem Volk mit, was der HERR gesagt hatte. Er versammelte siebzig Männer aus dem Kreis der Ältesten Israels und stellte sie rings um das Heilige Zelt auf.

25 Da kam der HERR in der Wolke herab und redete mit Mose. Er nahm einen Teil des Geistes, den er Mose gegeben hatte, und gab ihn den siebzig Ältesten. Als der Geist Gottes über sie kam, gerieten sie vorübergehend in ekstatische Begeisterung wie Propheten.

 

Unsere Pröpstin Karin Held kommt aus Gelsenkirchen. Und mit ihren beiden Söhnen fährt sie ab und zu „auf Schalke“ zu den Spielen von Schalke 04. In dieser Woche sprach ich mit ihr und kondolierte ihr zu tragisch verlorenen Meisterschaft und gratulierte ihr zum verdient gewonnen DFB-Pokal! Es waren ja auch unglaubliche Bilder. Für 4 Minuten Deutscher Meister und dann jäh aus dem Freudentaumel gerissen und zu Boden gestürzt. Doch die Bayern! Und eine Woche darauf der Ausgleich. Und endlich Freude, die Tränen vergessen macht.

Mit ekstatischer Begeisterung, wenn man „ganz aus dem Häuschen“ ist, „außer sich“ vor Glück, haben wir Deutschen sonst nicht so viel am Hut. Außer beim Fußball vielleicht. Und an Pfingsten?

Die 70 Männer bekommen von Gott ja einen schweren Auftrag und sie bekommen den Geist, der Mose zugesprochen wurde. Der wird dadurch nicht weniger, sondern mehr. Und das Erstaunliche ist: Der Auftrag und der Geist lasten nicht schwer auf den Männern: Der Geist löst Freude aus!

Das ist gut neutestamentlich! Der Geist von Pfingsten ist der Geist der auf Jesus, den Grund aller Freude hinführt. Er beruft auch, aber er zeigt uns die Freude an einem Herrn der größer ist als alle mit dem Auftrag verbundene Not!

Beigeisterung, die alle Sorgen vergessen lässt, ist das Erste!

 

·        Begeisterung - die Verantwortung sehen lässt

Und nun erst kommt die Begeisterung, die also kein Strohfeuer ist, sondern Menschen mit diesem guten Geist in die Verantwortung schickt. Und die nehmen nun vielfältig ihren Dienst wahr. Wir erleben es in der Gemeinde: Je mehr Menschen von der Begegnung mit dem Geist ergriffen werden, desto mehr Leben und Freude und auch Verantwortung wird gelebt!

Und nun wären wir schon am Ende, wenn nicht ein merkwürdiger Rechenfehler passiert wäre!

 

26 Zwei Männer, die ebenfalls auf der Liste der siebzig standen, Eldad und Medad, waren nicht zum Heiligen Zelt gegangen, sondern im Lager geblieben. Aber auch über sie kam der Geist Gottes, und sie wurden von ekstatischer Begeisterung ergriffen.

27 Ein junger Mann lief zu Mose und erzählte ihm, was mit Eldad und Medad geschehen war.

28 Josua, der Sohn Nuns, der von Jugend an Moses Diener war, mischte sich ein und sagte zu Mose: »Laß das nicht zu!«

29 Aber Mose erwiderte: »Hast du Angst um mein Ansehen? Ich wäre froh, wenn alle Israeliten Propheten wären. Wenn doch der HERR seinem ganzen Volk seinen Geist gegeben hätte!«

 

·        Begeisterung – durch einen Geist, den auch andere haben

Es waren 70 gerufen – sie standen offenbar sogar auf einer Liste – und zweien war die Sache suspekt. Also blieben sie weg und nur 68 waren bei dem denkwürdigen Ereignis dabei – man hat deshalb biblisch schon von den Alt-68ern gesprochen! ;-)

Nun entsteht der Streit zwischen Mose und Josua! Gehören die dazu? Josua meint: Nein, die waren nicht dabei und Mose sagt: Wir brauchen nicht nur 68, wir brauchen nicht nur 70, ? Ich wäre froh, wenn alle Israeliten Propheten wären. Wenn doch der HERR seinem ganzen Volk seinen Geist gegeben hätte!«

 

Und jetzt ist der Prospekt zuende und der Prototyp gezeigt und jetzt rufen wir Gottes Geist, dass er zu uns kommt und uns in den Dienst stellt.

Veni Creator Spiritus!

Amen.

 

 

 

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein

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