Zu Offenbarung 3, 1-6
Liebe Gemeinde,
in der italienischen Stadt Pisa war schon der eine oder andere von uns. Auf der Piazza de miracolo, dem Platz des Wunders, ist neben dem prächtigen Dom der Stadt der campagnole, der Kirchturm zu sehen. Wir wissen es alle. Er steht schief, denn der Grund auf dem er gebaut wurde, ist sandig. In den letzten Jahren musste man ihn mit Stahlseilen wie an einem Korsett halten, damit er nicht umfällt. Währenddessen wurde der sandige Boden gegen ein Fundament aus Beton ausgetauscht.
In diesem Jahr konnte man den schiefen Turm wieder aus dem Korsett entlassen und zum ersten Mal seit Jahren wieder gefahrlos begehen. Denn es bestand eine ehrliche Gefahr. Wäre die Neigung des Turms noch wenige Grad schiefer geworden, wäre er in sich zusammen gestürzt. Die Andenkenhändler hätten nur noch ein seliges Andenken zu verwalten gehabt.
In diesen Tagen reden auch alle von Pisa und dabei denkt man auch eine Schieflage. Die Pisa-Studie, eine internationale Erhebung über die Qualität von Kindergärten und Schule, macht von sich reden. Besonders in Deutschland, denn das deutsche Bildungswesen schneidet schlecht ab. In den Naturwissenschaften, in der Mathematik, landen deutsche Schüler gerade mal auf Platz 20. Besonders im Lesen und Verstehen von Texten die länger sind als Kurznachrichten auf dem Handy, sind die Leistungen der Kinder aus dem Land Goethes, Schillers und der Manns besonders schlecht. Peinlich, peinlich.
Und schmerzlich ist: Das deutsche Bildungswesen, das geprägt wird von Frauen und Männern der 68-er Generation hat es nicht in der Breite bewirkt, Kinder aus den Möglichkeiten ihrer sozialen Schicht herauszuholen. In der Schule wird die soziale Herkunft eher noch gefestigt.
Nun entbrennt in Talkshows und überall eine heftige Diskussion über die Pisa-Studie. Wie kann man diese Schieflage retten und beheben? Wo hat man auf Sand gebaut? Eines wird dabei klar. Eine Runde Schwarzer-Peter-Spielen hilft nicht weiter: Die Grundschule, der Kindergarten, der Fernseher, der Computer, die Eltern, oder am einfachsten: Das System und die Gesellschaft sind schuld. Die anderen halt.
So kommt man dabei nicht weit. Was allein hilft so ist es immer bei Kritik, wenn man sich die Worte zu Herzen nimmt, überprüft, ob sie stimmen und nachschaut, ob man die Ziele erreicht oder überprüfen muss.
Natürlich wird man lieber gelobt keine Frage. Aber ist nicht eine ehrliche Kritik wertvoller als ein billiges Lob, das gar nicht ehrlich und zuletzt liebevoll ist?
Und so geht es heute. Da gehen wir im Mittelmeerraum noch weiter, kommen nach Kleinasien, in die heutige Türkei, in die Stadt Sardes.
Im Buch Offenbarung findet sich auch ein Sendschreiben, ein Brief des auferstandenen Christus an die Gemeinde in dieser Stadt. Letzte Woche hatten wir schon so einen Brief, der ging nach Philadelphia und diese Gemeinde wurde sehr gelobt. Doch heute kommt die Botschaft nach Sardes und das fällt sehr viel kritischer aus:
Die Botschaft an Sardes
1 »Schreibe an den Engel der
Gemeinde in Sardes:
Er, dem die sieben Geister
Gottes dienen und der die sieben Sterne in der Hand hält, lässt
euch sagen:
Ich kenne euer Tun. Ich weiß,
dass ihr in dem Ruf steht, eine lebendige Gemeinde zu sein; aber
eigentlich seid ihr tot.
2 Werdet wach und stärkt den
Rest, der noch Leben hat, bevor er vollends stirbt. Was ich bei
euch an Taten vorgefunden habe, kann in den Augen meines Gottes
noch nicht bestehen.
3 Erinnert euch daran, wie ihr
die Botschaft anfangs gehört und aufgenommen habt! Richtet euch
doch nach ihr und lebt wieder wie damals! Wenn ihr nicht wach
seid, werde ich euch wie ein Dieb überraschen; ihr werdet nicht
wissen, in welcher Stunde ich komme.
4 Aber einige von euch in Sardes
haben sich nicht beschmutzt. Sie werden weiße Kleider tragen und
immer bei mir sein; denn sie sind es wert.
5 Alle, die durchhalten und den
Sieg erringen, werden solch ein weißes Kleid tragen. Ich will
ihren Namen nicht aus dem Buch des Lebens streichen. Vor meinem
Vater und seinen Engeln werde ich mich offen zu ihnen bekennen.
6 Wer Ohren hat, soll hören,
was der Geist den Gemeinden sagt!«
Liebe Gemeinde, wissen Sie eigentlich, dass jede konstruktive Kritik ein gehörig Maß an Lob und Wertschätzung enthält? Es kommt einem im ersten Moment nicht so vor, aber das muss gesagt werden:
Die Alternative zur Kritik ist nun nicht das Lob, sondern dass einer sagt: Ach, bei dem verschwende ich keinen Tropfen Tinte, strapaziere ich meine Nerven und Stimmbänder nicht, bei dem ist Hopfen und Malz verloren. Das ist dann nicht Kritik, sondern eine Lieblosigkeit. Kritik, das kommt von Trennen und Unterscheiden, nicht von herumkritteln. Jesus unterscheidet zwischen dem, was sind wir sind und dem, was wir sein können und sollen. Es ist ihm nicht egal, er schreibt uns nicht ab. Kritik kann ein Lob sein: Du bist es wert, kritisiert zu werden.
Und was sagt er dieser Gemeinde in Sardes?
Ich kenne euer Tun. Ich weiß,
dass ihr in dem Ruf steht, eine lebendige Gemeinde zu sein; aber
eigentlich seid ihr tot.
Neulich sagte mir ein Schulleiter. Viele Schulen haben einen guten Ruf, weil sie vor Jahren einmal wirklich gut waren. Das muss im Moment gar nicht stimmen, der gute Ruf haftet einfach noch an. Mehr noch der schlechte Ruf. Wenn der erst einmal ruiniert ist, dann lebt es sich nicht nur ungeniert, sondern es ist schwer, davon weg zu kommen. Der Ruf, man kann auch sagen, das Image einer Schule oder auch einer Gemeinde oder eines Menschen muss mit der Wirklichkeit längst nicht übereinstimmen. Da werden Glanzzeiten von gestern beschworen, doch längst ist alles matt. Da werden Pokale in den Vitrinen gewienert, doch keiner mehr geht auf die Aschenbahn und läuft.
Sardes hat den Ruf einer lebendigen Gemeinde, doch vieles ist träge geworden. Offensichtlich gab es auch viel persönliche Schuld. Viele schliefen in den falschen Betten. Und der Kraftaufwand, alles zu verbergen, nahm alle Kraft von der Gemeinde. Man wollte es nicht zugeben und hatte damit viel zu tun.
Und was tut Jesus? Er konfrontiert die Gemeinde mit der Wirklichkeit: Wenn ich komme, wie ein Dieb in der Nacht, dann liegt alles Verborgene offen, dann kannst du nicht deine Hochglanzseite zeigen, sondern dann siehst du nur noch alt aus. Wenn du nur von deinem guten Ruf zehrst und nicht auf meinen Ruf hörst, denn bist du jetzt schon im Tod.
Und Jesus erinnert die Gemeinde, wie es Gott im Alten Testament durch viele Propheten tun lässt an die Liebe des Anfangs:
Erinnert euch daran, wie ihr die Botschaft anfangs gehört und aufgenommen habt! Richtet euch doch nach ihr und lebt wieder wie damals!
Und er zeigt ihnen die verloren gegangene Perspektive ganz neu: Er sieht die Menschen in der Gemeinde in weißen Kleidern, er sieht sie im himmlischen Thronsaal mit dem Bild vom Buch des Lebens und die Namen werden genannt und bekennt sich zu den Namen. Er erinnert die Menschen an die große Liebe Gottes, die er für die Menschen hat: Sie stehen in seinem Buch, er bekennt sich, er steht zu ihnen.
Und Jesus ruft die Menschen aus dem Tod ins Leben. Dabei geht es um ein Wachrufen aus dem Todesschlaf! Es geht um Neuschaffung wie im Schöpfungsbericht und wie im Ostergeschehen!
Es steht ja ein österliches Vorzeichen vor allen Sendschreiben: Fürchte dich nicht! ... Ich war tot, und siehe ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. Dieser Jesus ruft und wenn er ruft ist das nicht vergeblich, das ist ein schöpferisches Wort.
Und zuletzt zeigt er der Gemeinde ihren Auftrag neu: Stärke das andere, das leben will. Es geht nicht um ein Kreisen um sich selbst, sondern um den Dienst der Gemeinde für die Welt!
Wissen Sie, wie mir das vorkommt?
Ich stelle mir einen Fußballspieler vor, der seine besten Tage fast schon hinter sich hat. In den letzten Spielen hat er versagt. Die Erwartungen nicht erfüllt, die Hoffnungen nicht befriedigt. Zufrieden ist er mit sich selbst auch nicht. Und nun ist sein Platz in der Stammelf wacklig geworden und er weiß es: Ich lebe nur noch vom guten Ruf, den ich gestern noch hatte: Damit kommt er nicht zurecht und an den Abenden vor den Spielen, wenn er nicht weiß, ob er eingesetzt wird, gibt er sich lieber dem 4. Glas Bier hin. (nicht Bierhoff).
Und an einem Abend in der Kneipe vor dem Spiel, spürt er die Hand des Trainers auf dich liegen: Komm, mach keinen Mist: Ich brauche dich. Ich halte viel von dir. Sei mein Co-Trainer. Ich brauche dich für neue Aufgaben. Die Kritik, dass er als Spieler nicht mehr der Schnellste und Versierteste ist, hört er, doch noch mehr hört er die Achtung, und Anerkennung, ja man kann auch sagen, die Liebe heraus.
Nun sind wir den Weg gegangen über Pisa, nach Sardes und kommen nun wieder in unseren Ort.
Martin Luther hat darauf hingewiesen, dass wir uns nicht immer alle Schuhe anziehen müssen, die in der Bibel ausgeteilt werden: Das Evangelium der Liebe Gottes gilt uns immer, aber es gilt uns nicht jeder Vorwurf.
Deshalb ist auch nicht das schlechte Gewissen gefragt, wenn es gilt, auf solche harten Worte neu zu hören, aber es ist die Offenheit gefragt, es einmal probeweise an sich heranzulassen, um es gelassen zur Seite zu tun, wenn es nicht trifft oder neu vor Gott zu bringen, wenn es trifft:
Fragt Jesus uns in Traisa auch?
Seid ihr wirklich lebendig oder tut ihr nur so? Beschäftigt ihr euch hauptsächlich mit dem, was ihr seid oder mit dem, wie es ankommt?
Liegt euch daran, dass meine Liebe bei anderen ankommt oder denkt ihr hauptsächlich darüber nach, was andere über euch denken?
Brennt bei euch das leidenschaftliche Feuer der Begegnung mit Christus oder ist alles zu verwalteten Selbstverständlichkeit geworden?
Gibt es konkrete Vorkommnisse, Beleidigungen, Verletzungen, Schuld aneinander, die wie ein Riegel davor liegt, dass ihr neu auf einander zu geht?
Stehen unausgesprochene Dinge im Raum liegen Leichen im Keller eurer Beziehungen?
Kritik ist dann kein Herumkritteln, sondern ein Unterscheiden, wenn einer ein Bild von mir hat: Wer ich sein soll, in der Liebe Gottes und nicht nur, wer ich gerade bin:
Die Grundlage der liebevollen Kritik von Jesus ist, dass er solch ein Bild von uns hat: Von uns als Gemeinde wie für jeden und jede von uns persönlich:
Die Kraft dieser liebevollen Kritik ist der Ruf von Jesus selbst. Der Ruf Folgt mir nach wird dabei neu laut. Wir werden ins Leben gerufen. Sein Wort hat Kraft und herauszurufen.
Das Ziel dieser liebevollen Kritik ist, dass wir Menschen sind, bei denen Gott zum Zug kommt. Menschen die, die anderen stärken.
Von Pisa, vom Turm, der schief ist, und doch nicht umfällt, über Sardes, von der Gemeinde, die fast tot ist und ins Leben gerufen wird, nach Traisa, wo dieser auferstandene Jesus heute uns ruft! Amen.
Lied nach der Predigt: EG 147,1+3
| © Evangelische
Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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