Predigt bei der Konfirmation 2002 - Jesus wirkt

Hebr 12,1-2 / Mk 2,13-17

 

Liebe Gemeinde, liebe Konfis, liebe Freunde,

Wie das Vertrauen entstehen kann, wie es wachsen kann und bleiben kann, haben wir letzten Sonntag gefragt. Die Fahnen hängen sie heute noch da, auf denen steht, dass es mit Sympathie und Respekt beginnt, dass man sich etwas anvertrauen können muss, dass man miteinander etwas erleben muss, damit Vertrauen entsteht und wächst und bleibt. Nur wenn man sich kennen lernt, kann man auch vertrauen.

Gleich werdet ihr konfirmiert werden. Wir werden das Glaubensbekenntnis miteinander sprechen, in dem es heißt: „Ich glaube, ... an Jesus Christus, seinen ein-zig-geborenen Sohn, unseren Herrn“. Das ist die Mitte des christlichen Glaubens. Ich glaube an Jesus Christus. Das ist eine Vertrauenszusage.

Wisst ihr, was des bedeutet? Das ist mehr als: „Ich vermute, dass es ihn gibt.“ Das bedeutet: „Ich vertraue ihm, dass er in meinem Leben wirkt.“ Ich will das an einem Beispiel zeigen: Gestern begann der Parteitag der Grünen in Wiesbaden. Das Logo auf deren Transparent für den jetzt beginnenden Wahlkampf ist kurz und knapp: „Grün wirkt.“ Das ist also das Glaubensbekenntnis der Grünen. Kommt gut im Frühling. Wie platt wäre es, wenn sie sagen würden: „Grün gibt’s“. Alle würden fragen: Und- wie lange noch?

Die Frage heute ist, für euch und für uns alle, nicht ob ihr glaubt, dass es Gott gibt und Jesus gelebt hat, sondern ob ihr vertraut, dass Jesus in eurem Leben wirkt.

Das kann das Motto sein, nicht für den Parteitag, sondern den Konfirmationstag und darüber hinaus: Jesus wirkt!

 

Wie kann dieses Vertrauen zu Jesus Christus, entstehen, wachsen und bleiben? Genau so, schaut auf eure Transparente, wie bei uns Vertrauen entsteht, wächst und bleibt. Wenn man sich Zeit nimmt, den anderen besser kennen zu lernen, wenn man einander etwas anvertraut, wenn man etwas miteinander erlebt. Und das geht alles mit Jesus.

Wir haben in der vergangenen Woche Petrus erlebt und seinen unerwarteten spektakulären Fischfang am helllichten Tag, wo Fische normalerweise auf Tiefgang sind. Am Anfang war bei Petrus ein großes Staunen, eine Furcht: Mit wem hat er es hier zu tun?

Ihr habt das ja heraus gearbeitet: Da wird bei Simon, die Stimme des „alten Adam“ laut, der sagt: Das ist doch Zufall, das ist doch Einbildung, das ist doch alles – mit Verlaub: Verarschung. Alles Erfindung der Kirche, die dich binden will.

Aber da war auch die Stimme des Petrus, des neuen Menschen in ihm, der das sichere Gespür hatte: Nein, da beginnt etwas Neues in meinem Leben. Mehr als ein Gefühl: Es lohnt sich, diesem Jesus zu vertrauen. Und das nicht nur im Kopf und im Herzen, sondern in den Füßen: Ich will ihm folgen, gehen, wohin er geht: Menschenfischer sein und nicht nur Fischefischer. Mein Leben hat eine Berufung bei ihm. Ich will sehen, ob er in meinem Leben wirkt, was er bewirkt.

Im ganzen Leben muss das überprüft werden, ob Jesus wirkt. Wie geht das? Im Brief an die Hebräer: (12, 1-2*) heißt es:

Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.

Vertrauen kann entstehen, wachsen und bleiben, wo aufsehen zu ihm, wo wir Kontakt haben, am besten Blickkontakt. Wie geht das bei Jesus? Sein sichtbares Wirken ist doch schon lange her! Aufsehen zu Jesus? Wohin soll ich denn sehen, wenn ich zu Jesus aufsehen will?

Um zu entdecken, wie Jesus heute wirkt, kann man sich die Geschichten anschauen, wie Jesus gewirkt hat. Die Berichte im Neuen Testament sind immer wieder Grundlage für eine neue Begegnung mit ihm: Das kann dann wie ein Deja-Vú-Erlebnis sein, denn so wie er war, so ist er noch heute: So wie er mit den Menschen umgegangen ist, so wirkt er noch heute:

Ich möchte das an einer Beispielgeschichte zeigen und kurz demonstrieren: Diese kurze Geschichte steht im 2. Kapitel des Markusevangeliums.

13 Und er ging wieder hinaus an den See; und alles Volk kam zu ihm, und er lehrte sie.

14 Und als er vorüberging, sah er Levi, den Sohn des Alphäus, am Zoll sitzen und sprach zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach.

15 Und es begab sich, dass er zu Tisch saß in seinem Hause, da setzten sich viele Zöllner und Sünder zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern; denn es waren viele, die ihm nachfolgten.

16 Und als die Schriftgelehrten unter den Pharisäern sahen, dass er mit den Sündern und Zöllnern aß, sprachen sie zu seinen Jüngern: Isst er mit den Zöllnern und Sündern?

17 Als das Jesus hörte, sprach er zu ihnen: Die Starken bedürfen keines Arztes, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

-          Da sitzt Levi, der Jude am Zoll. Zoll war römische Angelegenheit, er war also ein Jude, der mit Besatzern kollaboriert. An dem gehen alle vorbei. Jesus zunächst auch, doch dann spricht er ihn an. Folge mir nach. Levi hat damit nicht gerechnet, dass ein Wanderprediger etwas zu ihm sagt, höchstens übelste Schimpftiraden. Aber: Lasst und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger! Jesus kann mit Levi etwas anfangen. Er ruft ihn. Jesus wirkt! Er geht nicht an Menschen vorbei. Jesus wirkt.

-          Und was macht er mit den Menschen? Ein Vers später sitzt Jesus bei Levi im Haus. Er lässt sich einladen ins Leben! Er sagt „Folge mir“ aber etwas später sitzt er bei ihm, ist in seinem Leben angekommen. Und er trinkt und isst mit ihm. Das Ganze hat Festcharakter. In diesem Haus war schon lange keiner mehr. Jesus wirkt.

-          Und da gibt es Leute, die gönnen Levi diese Zuwendung nicht. Sie sagen: Falsches Tun schließt von der Liebe Gottes aus. Und Jesus ist unbestechlich und gradlinig. Seine Worte haben Kraft: Die Starken bedürfen keines Arztes, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten. Jesus wirkt.

Jesus wirkt: Wetten dass? Ich glaube, wer diese Geschichte eine Woche lang morgens liest, verbunden mit der Bitte, lass mich sehen wie du wirkst, der wird das spüren. Der wird auf einmal Menschen entdecken, die am Rand sitzen und gar nicht vermuten, dass sie dazugehören, der wird spüren, was es bedeutet wirklich eingeladen zu sein, und der wird auch in den Hochmut und den Stolz entdecken, wahrscheinlich zuerst bei sich selbst.

Jesus wirkt. Ich wünsche mir, dass das euer Glaubensbekenntnis wird. Jesus wirkt. Und besonders dann, wenn auf meiner Seite alles dagegen spricht. Wenn meine Gefühle, wenn mein Glauben nicht der Rede wert ist, wenn ich mich selbst gar nicht ok und anziehenswert finde.

Jutta Neddermeyer hat eben eine andere Geschichte vorgelesen. Es ist die letzte Geschichte, die wir von Petrus in den Evangelien hören. Petrus hatte ja alles verbockt und verwirkt. Sein Treueversprechen war heilig gewesen: „Jesus, wenn alle dich verlassen, ich bleibe bei dir, ich werde sogar für dich sterben.“ Beim Hahnenschrei war klar: Versprechen, gebrochen verkrochen. Dreimal hatte er gesagt: Jesus – kenne ich nicht. Verflucht soll ich sein. Jesus? Was redet ihr für einen Müll!?

Ist da nicht alle Freundschaft vorbei? Wenn dein Freund in der Klasse bei allen unten durch ist und du wirst darauf angesprochen und sagst: „Ja, der ist echt eine Flasche – ist auch nicht mein Freund“. Dann ist doch die Freundschaft vorbei?

Jesus ist der Anfänger, deines Glaubens. Er wird immer wieder neu mit dir anfangen. Aber wie? Petrus hat er nur dreimal gefragt. Hast du mich lieb? Das war alles: Keine Belehrungen, kein Kommentar, keine Bedingungen! Nur dreimal: Hast du mich lieb? Nach der größten Verleugnung, die man sich vorstellen kann! Und dann hört Petrus dreimal: Weide meine Schafe! Kümmere dich um meine Jünger. Du, der du ganz unten warst, du wirst gnädig sein mit ihnen! Ich traue dir etwas zu.

Du darfst zu Jesus kommen mit allem Mist, mit allen Fehlern, mit dem größten Versagen: Jesus wirkt. Er wird für dich der „Anfänger“. Er kann etwas mit dir anfangen. Er fängt immer wieder neu mit dir an. Wenn du kommst, ist bei ihm nie Feierabend. Er hat für dich immer offen.

Warum ich das sage?

Ich sage das nun auch im Eindruck der letzten Tage. Ich glaube, Robert Steinhäuser, als er vom Gutenberg-Gymnasium in Erfurt verwiesen wurde, hatte keinen Menschen, zu dem er konnte, mit allem Mist, mit allem Hass, mit aller Schuld, mit Fehlstunden, Faulheit und gefälschten Attesten. Er hatte keinen, bei dem er mit allem kommen konnte. Wir machen uns viel vor.

Jesus ist der, zu dem du kommen kannst, so wie du bist.

Jesus ist der, bei dem du dich geben kannst, wie du bist.

Und er ist der, bei dem du nicht bleiben musst, wie du bist.

Ich möchte schließen mit einem Gebet:

Jesus, zu dir kann ich so kommen, wie ich bin.

Du hast gesagt, dass jeder kommen darf.

Ich muss dir nicht erst beweisen,

dass ich besser werden kann,

was mich besser macht vor dir,

das hast du längst am Kreuz getan.

Und weil du mein Zögern siehst,

streckst du mir deine Hände hin,

und ich kann so zu dir kommen, wie ich bin.

 

Jesus, bei dir kann ich mich geben, wie ich bin.

Ich muss nicht mehr als ehrlich sein vor dir.

Ich muss nichts vor dir verbergen,

der mich schon so lange kennt.

Du siehst, was mich zu dir zieht,

und auch, was mich von dir noch trennt.

Und so leg ich Licht und Schatten

meines Lebens vor dich hin,

denn bei dir darf ich mich geben wie ich bin.

 

Jesus, bei dir muss ich nicht bleiben, wie ich bin.

Nimm fort, was mich und andere zerstört.

Einen Menschen willst du aus mir machen,

wie er dir gefällt,

der ein Brief von deiner Hand ist,

voller Liebe für die Welt.

Du hast schon seit langer Zeit

mit mir das Beste nur im Sinn,

darum muss ich nicht so bleiben wie ich bin.

Manfred Siebald

Lasst uns aufsehen zu Jesus. Jesus wirkt.

Amen.

 

 

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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