Glauben Sie an Engel?

Zwei Predigten:

Ein Ein- und Überblick (zur Version ohne Filmclip)

Engel, die den Weg zeigen

Predigt am 3. Nov. 2002: Engel, ein Ein- und Überblick

Glauben Sie an Engel?
Wenn ich jetzt ja wüsste, warum Sie heute Abend gekommen sind! 
Vielleicht weil ihnen zuhause langweilig war, und weil sie wissen möchten, ob man in der Kirche endlich wieder zur Vernunft gekommen ist und nicht mehr Engel glaubt, - in der aufgeklärten Welt von heute - 
oder ob man in der Kirche zur Vernunft gekommen ist, und endlich wieder an Engel glaubt, wenn man sieht, dass die aufgeklärte Welt nur immer abgeklärter in neue Kriege zieht! 
Tolle Aufklärung - höchste Zeit, dass die Engel wieder kommen. Ach was, sie waren immer da. Aber ändert sich für unser Leben etwas, wenn wir nach ihnen fragen?

Glauben Sie an Engel?
Wenn es Gott und seine Engel wirklich gibt, machen er und seine Engel seine freundliche Zuwendung zu uns denn davon abhängig, ob und wie stark und wie bewusst wir an ihre Existenz glauben? Wenn man in biblische Texte hineinschaut, dann sieht man, dass Engel gerade und gerade deshalb zu denen kommen, die zweifeln und verzweifeln. Von unserem Glauben an die Engel hängt deren Existenz nicht ab. 

Wir fragen etwas genauer.

Können Engel uns an-lachen?
Das wäre schön, wenn wir am Ende dieses Gottesdienstes das Wissen mitnehmen.
So ein Engel begleitet, lächelnd und freundlich, aber dennoch hilfreich und kräftig meinen Weg. 
Vielleicht ändert sich sogar mein Bild von Gott, wenn ich mich den Engeln zuwende. Lacht Gott mich an? Er lacht mich nicht aus! Wendet er sich mir zu? Er wendet sich nicht ab. Woher weiß ich das so genau? Begegnungen mit den Engeln können uns gewisser machen. Auch wenn es "nur" Begegnungen mit biblischen Engelsgeschichten sind. Sie können unsere Sinne schärfen für die Art und Weise, wie Engel heute - immer noch - uns anlachen und sich uns zuwenden. Das tun wir heute Abend mit Texten und Bildern.

An Engel zu glauben, ist eine Frage der Dimension

Ob wir Engel wahrnehmen, hängt ja auch davon ab, in welcher Dimension wir sie vermuten. Ob unsere Augen scharf sehen, hängt davon, auf welchen Bereich sie fokussiert sind.
Stellen Sie sich mal vor: Es ist Sommer und Sie liegen auf einer Wiese und schlafen ein. Und dann kommt eine Ameise, krabbelt an Ihrem Hosenbund hoch und findet den Weg - in Ihren Bauchnabel. Das ist wie der Sturz in eine Gletscherspalte. Irgendwann - nach Stunden, kommt ein Reporter und fragt die Ameise: Glauben Sie an Menschen? "Ach was!", sagt die Ameise: "Ich glaube nur, was sich sehe. Die Welt ist ein Loch, mit Baumwollfuseln und merkwürdigen Hügeln, es stinkt nach Schweiß und Käse und in der Mitte wächst ein Haar. Man kommt hier nicht raus. Menschen gibt es nicht!"
Das haben die Hirten auf dem Feld wohl auch vermutet, denen der berühmteste aller Engel, dessen Namen wir allerdings nicht kennen, den aber schon 95% aller blonden Mädchen schon einmal in Krippenspielen spielen mussten: 

Aber wie muss man sich diesen Engel vorstellen?
Dieser Engel ist größer - wie das Bild von Felix Hoffmann zeigt. Ein großer, aber freundlicher Engel. Er hat eine andere Dimension. Gottes Dimension in unser Leben gebracht. Ein Bote von Gottes Liebe: 
Seine Worte und sein Auftreten sind berühmt.

Bibelwort
8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.
9 Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.
10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;
11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

Engel sind Boten

Trotzdem sagen Sie vielleicht jetzt: Das ist doch eine zu spektakuläre Geschichte. Weihnachten, das ist doch einmalig. Da kann schon mal ein Engel kommen. Aber täglich in meinem Leben.
Ein anderes berühmtes biblisches Bild - hier von Marc Chagall gemalt sehen Sie her.
Jakob, der seinen Bruder Esau um den Segen betrogen hat und in die Wüste, in den Süden, nach Beerscheba geflohen war, schläft erschöpft ein und hat einen Traum. Und er sieht - die Himmelsleiter, an der die Engel Gottes unablässig auf und absteigen. Am Ende spürt er Gottes Gegenwart: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!

Engel sind Boten.
Angelos, das heißt, ganz unspektakulär: Bote, Herold, Postbote. Keine Sonderwesen, denen eigene Verehrung gilt. Man könnte, und würde zuweilen gut daran tun, alle Stellen, wo Malach steht, einfach: Bote übersetzen. 
Und das ist dann viel näher an unserem Leben dran:
Martin Luther sagt zu dieser Geschichte und zum Bild von der Himmelsleiter:

Boten zwischen Himmel und Erde
Unablässig steigen die Engel,
die Boten zwischen Gott und uns,
treue Diener, auf und nieder.
Wir sollen wissen, dass wir in dieser Welt
nicht verlassen sind,
sollen, so Gott will,
auch leiblichen Schutz durch sie haben.
Die Engel wiederum nehmen
Unsere Gebete hinauf gen Himmel
Und bringen uns die Botschaft, 
unser Gebet sei erhört.
Martin Luther


Vorsicht 2
Nun müssen wir an einer Stelle vorsichtig sein.
Das, was Sie hier sehen:

Das ist gar kein Engel, sondern Nike von Samothrake:

Kein Engel, sondern eine griechische Marmorskulptur um 190 vor Christus, aufgestellt auf Samothrake.
Gefährliche Winde und Strömungen gibt es dort, Schiffe können oft nicht landen.
Nike ist ein Wesen der Lüfte, sie beherrscht die Winde.
Von der Gischt sind die Kleider nass geworden. Die Griechen bewunderten sie als Siegesgöttin. Für uns bleibt sie stumm.
Für uns hat sie keine Botschaft.
In der Bibel sind die Engel Gottes Boten.
Sie haben was zu sagen. Es geht nicht um ihre Gestalt.

Wir dürfen phantasievoll sein, aber Engel entstehen nicht durch unsere Phantasie.

Wir tun gut daran, nach dem biblischen Zeugnis zu fragen. Dann kommen vielleicht keine so schönen Bilder heraus, aber ehrliche:


Dieses schöne Wort von Jesus macht uns hellhörig:
Jesus sagt: 
Ich sage euch: Genauso ist bei Gott im Himmel mehr Freude über einen Sünder, der ein neues Leben anfängt, als über neunundneunzig andere, die das nicht nötig haben. 
(Lukas 15,7)

Wenn Menschen auf den richtigen Weg kommen, wird im Himmel ein Fass aufgemacht. Dann freuen sich die Engel und singen Lieder. Das eine Vorstellung, die uns weggerutscht ist und die uns weiter freuen kann: Mit uns bangt und freut sich der Himmel mit, hat Interesse und Anteil an unserem Leben!

Dann ist auch eines völlig klar:


Engel sind musikalisch. Und wir können mit ihnen mitsingen. In der orthodoxen Kirche ist man der Ansicht, dass unser Gesang, unser Gottesdienst, unsere Liturgie ein blasses Spiegelbild des himmlischen Lobgesangs ist, der unablässig stattfindet. Wenn wir singen, fangen wir nicht an, sondern stimmen ein. Und es ist immer viel schöner, irgendwo mit zu singen, als allein zu singen.
Das hat biblisch seinen Halt in der Geschichte, in der der Prophet Jesaja berufen wird. Er sieht dabei in den himmlischen Thronsaal und hört unglaublich schönes:

Bibelwort

1 In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron, und sein Saum füllte den Tempel.
2 Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße, und mit zweien flogen sie. 
3 Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!
aus Jesaja 6

Ob die geflügelten Serafim Engel sind und die Engel auch Flügel haben, ist ziemlich egal. Wichtig ist, wir dürfen einstimmen. Dass du mich einstimmen lässt…

Wir singen das Lied später, vor dem Abendmahl. Und in der Liturgie des Abendmahls gibt es eine Stelle, wo ganz deutlich wird, dass wir nicht allein singen: 
Wir rühmen deine Herrlichkeit mit allen Geschöpfen; in den Lobpreis der Engel stimmen wir ein und singen:
An dieser Stelle klinken wir uns ein. Und dürfen wissen: Wir sind nicht allein, auch wenn es bei uns einmal kläglich klingt.
Aber das Lied verrät noch mehr: Wie begegnet mir Gott, an welcher Stelle in meinem Leben. Wann begegnen mir Engel?
"du führst mich den Weg durch die Wüste."

Eine der frühesten Geschichten um das Eingreifen eines Engels zeigt sich einer Frau die gebraucht, aber nicht wirklich geliebt den Weg in die Wüste gegangen ist.
Rembrandt hat das Bild dazu gemalt: Es ist Hagar, die Magd Abrahams, von dem sie das Kind Ismael hatte. Abraham hatte sie in die Wüste geschickt, weil seine Frau Sarah, die lange kinderlos gewesen war ihre Eifersucht nicht bändigen konnte. Aber was hatte diese Frau in der Wüste? Nur den Tod zu erwarten. Das Bündel Kind liegt vor ihr. Die Wasserflasche liegt daneben leer ausgeschüttet.

Bibelwort

17 Aber Gott hörte das Kind schreien. Da rief der Engel Gottes vom Himmel aus Hagar zu: "Warum bist du verzweifelt, Hagar? Hab keine Angst, Gott hat das Schreien des Kindes gehört!
18 Steh auf und nimm den Jungen bei der Hand; denn ich werde seine Nachkommen zu einem großen Volk machen."
19 Gott öffnete Hagar die Augen, da sah sie einen Brunnen. Sie ging hin, füllte den Schlauch mit Wasser und gab dem Kind zu trinken.
Gen 21, 17-19


(Ein Engel der uns beschützt? Viele von uns kennen dieses Bild. Es hing früher bei vielen im Schlafzimmer. Der Engel der uns beschützt. Den Jungen, den Hans-guck-in-die-Luft, der Schlange und Wildbach nicht sieht, das Mädchen, das die Blumen am Abhang pflückt. 
Bei Wanderungen auf der Schwäbischen Alb, wenn man am ungeschützten Albtrauf entlang läuft und die Kinder am Abgrund stehen, wünscht man sich solche Engel. Einige haben sie schon agieren sehen, ihre Hilfe erfahren. Es sind keine "Schutzengel" - das klingt nach Schutzpolizist. Es ist Gottes Liebe und Hilfe in diesem Moment durch Engel, die er sendet. Deshalb kann man kritisch sein, ob man ein persönliches Verhältnis zu einem Engel suchen sollte: Es ist doch Gott, der ihn sendet. Und die Personalität des Engels ist so eine Sache. Aber trotzdem gilt Gottes Zusage aus Psalm 91

Und es das Gedicht von Mascha Kalèko tut uns gut:
Wie du auch heißt - seit vielen Jahren schon
Hältst du die Schwingen über mich gebreitet
Und hast - der Toren guter Schutzpatron,
durch Wasser und durch Feuer mich geleitet.

Seit langem bin ich tief in deiner Schuld.
Verzeih mir noch die eine - letzte - Bitte:
Erstrecke deine himmlische Geduld
Auch auf mein Kind und lenke seine Schritte.

Gib du dem kleinen Träumer das Geleit.
Hilf ihm vor Gott und vor der Welt bestehen.
Und bleibt dir dann noch etwas Zeit,
magst du bei mir auch nach dem Rechten sehen.
Mascha Kaléko


Aber wie kann man sich heute Engel vorstellen? 


Ein Film, der in den letzten Jahren sehr populär war, zeigt es: Es ist die Antwort auf den Film "Himmel über Berlin": Die Stadt der Engel, es ist "Los Angeles" - das kann man so übersetzen. Engel haben keine Flügel in diesem Film. Einer - das ist Hollywood - verliebt sich dabei in eine Ärztin. Doch wir schauen uns einen Ausschnitt an, da unterhalten sich zwei Engel, mit dunklen Gewändern, weil sie keiner sehen kann und keiner sehen muss darüber, warum man sie nicht sehen kann. Dann gibt es einen Überfall in diesem Laden - und beobachten Sie einmal, wie die Engel eingreifen. Und ob man sie sehen muss:

(Nach dem Laden zum Starten mit der Maus über das Fenster fahren.)

Filmclip


Ich danke Ihnen für Ihre lange Geduld. Und hoffe Sie sind neugierig geworden. Auf die nächsten Wochen! 


Die Engel

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, 
die Engel. 
Sie gehen leise, sie müssen nicht schrein, 
manchmal sind sie alt und hässlich und klein,
die Engel. 
Sie haben kein Schwert, kein weißes Gewand, 
die Engel. 
Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand, 
oder wohnt neben dir, Wand an Wand, 
der Engel. 
Dem Hungernden hat er das Brot gebracht, 
der Engel. 
Dem Kranken hat er das Bett gemacht, 
er hört, wenn du rufst, in der Nacht, 
der Engel. 
Er steht im Weg, und er sagt: Nein, 
der Engel. 
Groß wie ein Pfahl und hart wie ein Stein - 
Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein,
die Engel. 

Rudolf Otto Wiemer

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein

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