Glauben Sie an Engel?

Zwei Predigten:

Ein Ein- und Überblick 

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Engel, die den Weg zeigen

Predigt am 3. Nov. 2002: Engel, die den Weg zeigen

Liebe Gemeinde,

ich weiß nicht, ob Sie Georg Simon Ohm kennen. Wenn Sie im Physik-Unterricht aufgepasst haben, vielleicht. Nach Ohm ist die Einheit des Widerstandes benannt, der die Spannung zu einem bestimmten Strom reguliert. Das ist das Ohmsche Gesetz des Widerstandes.

 

Manchmal gibt es auch in unserem Leben Widerstand und Widerstände, die sind dann nicht nach Gesetzmäßigkeiten zu berechnen wie in der reinen Physik, es geht da eher zu wie bei einem Fluss, der eben noch flach und breit geflossen ist, und nun in die Enge gerät: Das Wasser bricht sich vielfach an den rauen Steinen – es schäumt und strudelt unentwegt. Die Fahrt auf einem solchen Abschnitt kann gefährlich sein. Das Wasser ist wild und wer als Kanufahrer an einen Stein stößt, der kann kentern.

 

Die jungen Gemeinden, in Jerusalem und Antiochien, von denen in der Apostelgeschichte berichtet wird, kennen das: Widerstände, die sich ihrem Wachstum entgegen stemmen. Widerstände, die alles in Aufruhr und Durcheinander bringen.

Aber in diesen Kapiteln der Apostelgeschichte wird von den Aposteln berichtet, in denen ja das Wort „Post“ steckt: Sie sind Gesandte, sie haben eine Sendung, einen Auftrag, den sie zu erfüllen haben. Aber sie haben mit Verfolgung zu rechnen. Die jüdische Synagoge wehrt sich gegen die Christen, die in ihren Augen eine gefährliche Sekte sind, immer stärker. Und einige politische Herrscher sind immer froh, wenn es irgendwo eine Gruppe gibt, denen sie die Schuld in die Schuhe schieben können und auf die sie den Zorn des Volkes lenken können.

 

Nun könnte man meinen, das „Ohmsche“ Gesetz des Widerstands heißt für Leute mit gesundem Menschenverstand natürlich, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Wenn es Ärger gibt mit der guten Nachricht von Jesus, dann muss man sie doch nicht hinaustrompeten, man kann doch alles für sich behalten und in der Stille Gott dienen. Man muss doch nicht das Leben riskieren. Das wäre doch eine verständliche Reaktion. Meinen Sie nicht auch? Das Kanu aus dem Wasser nehmen, wenn die Stromschnellen kommen. Dann geht es halt nicht weiter. Muss man laufen.

 

Solcher Widerstand, solche Bedrängnis kann dazu führen, dass man nichts mehr macht, den Mut ganz verliert: Bedrängnis führt zum Einigeln, zur Depression. Man sieht Feinde in allen Menschen, die einem begegnen. Wie will man da noch Fremden Menschen von der Liebe Gottes erzählen?

 

In dieser Situation begegnen den Männern und Frauen, von denen in der Apostelgeschichte berichtet wird, Engel. Gleich mehrfach. Und es interessant, denn die Apostelgeschichte geht doch von der Gegenwart des Auferstandenen aus in der Kraft seines Heiligen Geistes: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und werdet meine Zeugen sein“. Sind denn dann Engel noch nötig

Wir erleben sie in vier kleinen Abschnitten. Ich habe 4 Konfis gebeten, diese Abschnitte zu lesen. Sie haben Sie auf den Blättern und können gerne mitlesen.

 

Aus Apostelgeschichte 8

26 Der Engel des Herrn aber sagte zu Philippus: »Mach dich auf den Weg und geh nach Süden, zu der Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt!«  Diese Straße wird kaum von jemand benutzt.

27 Philippus machte sich auf den Weg und ging dorthin.

Da kam in seinem Reisewagen ein Äthiopier gefahren. Es war ein hochgestellter Mann, der Finanzverwalter der äthiopischen Königin, die den Titel Kandake führt, ein Eunuch. Er war in Jerusalem gewesen, um den Gott Israels anzubeten.

 

Dieser äthiopische Finanzverwalter, der sich im weiteren Verlauf der Geschichte von Philippus die gute Nachricht von Jesus erklären lässt, der sich dann kurz entschlossen von Philippus taufen lässt und der erste afrikanische Christ wird, dieser Mann braucht Philippus. Doch Philippus ist gerade ganz wo anders. Wie findet er den Äthiopier? Woher weiß Philippus, wohin er gehen muss?

Es ist ein Engel, der ihm das sagt, und das Besondere an dieser Geschichte ist gar nicht der Engel. Es wird kein Ton darüber verloren, wie der Engel erscheint, wie er aussah, was für ein Gewand er trug, geschweige denn, was für einen Namen er hatte, nein, der Engel, der Angelos ist nur der Bote.

Es geht nur um die Nachricht: Eine Aufforderung und eine Wegbeschreibung. Auch das ist mager genug: Kein Grund wird genannt, kein Zweck anvisiert, was Philippus da machen soll: »Mach dich auf den Weg und geh nach Süden, zu der Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt!«  Mehr nicht.

Entscheidend ist, das Philippus hört und gehorcht. Dass er tut, was der Engel sagt. So kommt es zu der lebensverändernden Begegnung mit dem Afrikaner. Philippus hätte das Signal des Engel auch überhören können. Wir hätten von der Geschichte nie etwas erfahren.

 

Für mich ist dieser Abschnitt ein guter Grund, hellhörig zu werden, für das wenig auffallende, ganz unspektakuläre, aber klare und eindeutige Reden Gottes zu uns.

Sind wir Hörende? Wären wir bereit, Gehorchende zu sein? Oder verstopft unsere Skepsis, zu tun, was wir hören, schon die Ohren?

Die Botschaft kann von meinem Nachbarn kommen: Hast du gehört: Die Frau Müller hat den Arm gebrochen. Was bedeutet das?

 

Die nächste Begebenheit berichtet ebenfalls von einem hellhörigen Menschen:

 

Aus Apostelgeschichte 10

1 In Cäsarea lebte Kornelius, ein Hauptmann, der zum so genannten Italischen Regiment gehörte.

2 Er glaubte an Gott und hielt sich mit seiner ganzen Hausgemeinschaft zur jüdischen Gemeinde. Er tat viel für Not leidende Juden und betete regelmäßig.

3 An einem Nachmittag gegen drei Uhr hatte er eine Vision. Er sah deutlich, wie ein Engel Gottes bei ihm eintrat, und hörte, wie er zu ihm sagte: »Kornelius!«

4 Erschrocken blickte er den Engel an und fragte: »Warum kommst du, Herr?«

Der Engel antwortete: »Gott hat genau bemerkt, wie treu du betest und wie viel Gutes du den Armen tust, und er will dich dafür belohnen.

5 Darum schicke jetzt Boten nach Joppe und lass einen gewissen Simon zu dir bitten, der den Beinamen Petrus trägt.

6 Er ist zu Gast bei einem Gerber Simon, der sein Haus unten am Meer hat.«

7 Als der Engel wieder fort gegangen war, rief Kornelius zwei Diener und einen frommen Soldaten aus seinem persönlichen Gefolge.

8 Er erzählte ihnen, was er erlebt hatte, und schickte sie nach Joppe.

 

Diese Erzählung ist viel ausführlicher und breiter. Wir erfahren über den römischen Hauptmann Kornelius mehr als über den Jünger Philippus. Dieser Kornelius war ein Römer, der sich der jüdischen Gemeinde zugezogen fühlte. Er ging in die Synagogengottesdienste und war ein Mensch offenen Herzens und eines offenen Geldbeutels. Er gab tat viel und betete viel. Er war ein hellhöriger Mensch für den Himmel und für die Welt. Und Kornelius hört nicht nur einen Engel, er sieht ihn auch. Und wie Philippus hört er ihn nicht nur, er gehorcht auch dem genauen Auftrag, den der Engel ihm gibt.

Eine Geschichte beginnt, die sich nach zu lesen lohnt: Es ist eine entscheidende Weichenstellung, ohne die wir vielleicht gar keine Christen wären: Dem Apostel Simon-Petrus wird in der darauf folgenden Begegnung mit dem Heiden, dem Römer Kornelius klar, dass die gute Nachricht von Jesus auch für die Heiden, die Nicht-Juden, die Griechen und Römer und alle bestimmt ist. Diese entscheidende Geschichte nimmt hier ihren Anfang. Der Engel trägt dazu bei.

Die Zeiten waren gefährlich geworden, aber der Aufbruch muss gegangen werden. Gottes Engel bereitet Menschen darauf vor, setzt ihre Füße auf die richtigen Wege. Entscheidend ist, dass wir tun, was Gott uns sagt.

Vielleicht sind wir auch resigniert und sagen: Das kann doch gar nicht sein, dass Gott so mit mir redet, dass er mich meint, mich anspricht und mir den Weg zeigt. Vielleicht gibt es gar keine stille Stunde in unserem Leben, kein Spazierganz allein, kein Moment, wo wir Gott zu uns sprechen lassen. Dann sind wir gefangen, in dem, was wir für möglich halten.

 

Die Apostelgeschichte berichtet auch von Gefängnisaufenthalten der Apostel. Und antike Gefängnisse waren die absolute Hoffnunsglosigkeit. Wer kommt da noch heraus. Die folgende Geschichte berichtet von einem Einsatz eines Engels, der Petrus, der beim König Herodes in Haft saß, aus dem Gefängnis befreit. Petrus ist überhaupt nicht hellhörig. Der Engel muss sehr deutlich werden.

 

Aus Apostelgeschichte 12

So saß Petrus also streng bewacht im Gefängnis. Die Gemeinde aber betete Tag und Nacht inständig für ihn zu Gott.

6 In der Nacht, bevor Herodes ihn vor Gericht stellen wollte, schlief Petrus zwischen zwei der Wachsoldaten, mit Ketten an sie gefesselt. Vor der Tür der Zelle waren die zwei anderen als Wachtposten aufgestellt.

7 Plötzlich stand da der Engel des Herrn, und die ganze Zelle war von strahlendem Licht erfüllt. Der Engel weckte Petrus durch einen Stoß in die Seite und sagte: »Schnell, steh auf!« Da fielen Petrus die Ketten von den Händen.

8 Der Engel sagte: »Leg den Gürtel um und zieh die Sandalen an!« Petrus tat es, und der Engel sagte: »Wirf dir den Mantel um und komm mit!«

9 Petrus folgte ihm nach draußen. Er wusste nicht, dass es Wirklichkeit war, was er da mit dem Engel erlebte; er meinte, er hätte eine Vision.

10 Sie kamen ungehindert am ersten der Wachtposten vorbei, ebenso am zweiten, und standen schließlich vor dem eisernen Tor, das in die Stadt führte. Das Tor öffnete sich von selbst. Sie traten hinaus und gingen die Straße entlang, doch als Petrus in die nächste einbog, war der Engel plötzlich verschwunden.

 

Was hier auffällt, ist einfach wie der Engel mit dem Chefapostel Petrus umspringt. Er steht strahlend und leuchtend im dunklen Loch um Petrus schläft weiter, merkt den Glanz gar nicht. „Im Gefängnis kann es doch gar nicht so hell sein. Ich bilde mir das doch nur ein.“ Noch als er frei ist, denkt er, das war eine Vision!

Der Engel weckt Petrus mit einem Stoß! Wie sehr können unsere Sinne abstumpfen. Und dann wird Petrus an die Hand genommen: »Schnell, steh auf!« Da fielen Petrus die Ketten von den Händen. »Leg den Gürtel um und zieh die Sandalen an!« Petrus tat es, und der Engel sagte: »Wirf dir den Mantel um und komm mit!«

Schritt für Schritt und sehr deutlich nimmt der Engel Petrus mit. Petrus, der ungläubig und träge ist, der – darin könnte er glatt ein moderner Theologe sein, der alles für einen innermenschlichen Effekt hält. Am Ende ist er wirklich frei.

 

Vielleicht haben Sie bei dieser Geschichte aber auch gedacht: Das ist unglaublich. So was passiert heute doch nicht! Warum tun das Engel nicht immer? Warum taten sie es nicht in Moskau in der vergangenen Woche? Warum passiert dennoch so viel? Sind Engel wirklich für uns da? Sind Engel manchmal Teil eines Kampf der Mächte, wie hier auch die Mächte der Gewalt und der Verdunklung mächtig sind? Herodes war Machtmensch – Putin ist Machtmensch. Gegen Machtmenschen müssen Engel mächtig ankämpfen.

Nein, die biblischen Geschichten sind Teil unserer Wirklichkeit. Engel haben in dieser Welt zu tun, sie haben zu kämpfen gegen bedrohende Mächte und sie kämpfen mit der Taubheit und Trägheit der Gemeinde!

Die kann es gar nicht fassen, dass Petrus frei kommt. Denn nach seiner Befreiung macht er sich auf den Weg zu seiner Gemeinde.

 

Aus Apostelgeschichte 12

13 Petrus klopfte an das Hoftor, und die Dienerin Rhode kam, um zu hören, wer draußen sei.

14 Als sie Petrus an der Stimme erkannte, vergaß sie vor Freude, das Tor zu öffnen; sie rannte ins Haus und meldete, Petrus stehe draußen.

15 »Du bist nicht ganz bei Verstand!« sagten die im Haus. Und als Rhode darauf bestand, meinten sie: »Das ist sein Schutzengel!«

16 Petrus aber klopfte und klopfte, bis sie schließlich aufmachten. Als sie ihn sahen, gerieten sie außer sich.

 

All das kommt mir in unserer heutigen Situation wie ein Witz vor: Die Gemeinde bleibt verschanzt. Sie sagen der Magd, dass sie spinnt. Sie halten eher für möglich, dass ein Engel vor der Tür steht, als der befreite Petrus! Diese Gemeinde ist nicht viel anders als wir. Auch bei ihr gibt es viele Widerstände, zu glauben und zu hoffen.

Gottes Liebe macht die Türen trotzdem auf.

Amen.

 

 

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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