Predigt am 2. Advent 2002: Sprechen Sie Zeichensprache?

 

1. Zeichensprache, schwere Sprache

Liebe Gemeinde,

was sind die Zeichen der Zeit? Was beschäftigt uns gerade? Welche Meldungen der Nachrichten in den letzten Tagen hat Sie so angesprochen, dass Sie die jetzt ihrem Nachbarn sagen können? Was liegt obenauf?

Fragen Sie Ihren Nachbarn. Erzählen Sie es ihm.

 

- 1 min Austausch -

Ich selbst musste nicht lange nachdenken: Was sind die Zeichen der Zeit, die viele Menschen gerade zu deuten versuchen?

 

Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist, aber im Moment fallen mir eher bedenkliche und Sorgen erregende Zeichen der Zeit auf. Dass das Nachdenken darüber nicht in die Adventszeit passt, würden wir sonst sagen, wenn es nicht so bedrängend wäre. Wir spüren aber heute: Wir müssen das angehen, sonst kommen wir gar nicht zu Advent und Weihnachten.

 

Im Predigtwort für heute geht es um solche Zeichen der Zeit.

Predigtwort: Lukas 21

25 Jesus sprach zu seinen Jüngern: „Es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, 26 und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. 27 Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. 28 Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“

29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: „Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: 30 wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass jetzt der Sommer nahe ist. 31 So auch ihr: wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.

32 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. 33 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht.“

 

Sprechen Sie die Zeichensprache? Können Sie die Zeichen der Zeit lesen und deuten? Machen Ihnen diese Zeichen Angst? Angst, weil Sie die Zeichen verstehen oder Angst, weil Sie diese gerade nicht deuten können?

Die biblische Überlieferung ist ja voller Zeichensprache. Die Wolken- und die Feuersäule, die das Volk Israel aus Ägypten geführt hat, der alte Gideon, der sein Vlies vor die Tür gelegt hat, der ein Zeichen haben wollte, der wissen wollte, ob Gott auf seinem Weg ist oder nicht.

Aber Jesus spricht von bedrohlichen Zeichen des Endes, das herannaht. Die Elemente kommen durcheinander,

– da fällt mir noch ein Zeichen der Zeit ein: Der Ätna in Sizilien, der mit aller Kraft zeigt, was ein Vulkan alles kann und was der Mensch nicht kann: Wie klein und hilflos dessen technische Kraft ist. Der Ätna ist so ein elementares Zeichen, dafür, wie wenig der Himmel und das Meer in unserer Hand sind.

 

Wie geht man mit solchen Zeichen um?

Sind sie astronomisch zu sehen? Kann man mit diesen Zeichen ausrechnen, wie weit weg das Ende noch ist, wenn diese oder jene Zeichen auftauchen? Kann und soll man sich mit dem Resultat dieser Rechnungen entlasten und sagen: Ach, was, wir haben noch Zeit? Wir können noch hundert Jahre fröhlich CO2  ausstoßen, bevor etwas passiert?

Oder sind die Zeichen astrologisch zu sehen? Soll man sie lesen wie den Kaffeesatz? Soll der Aberglaube laut werden, der alles deutet und beeinflussen will? Die Zeichen selbst, so sagt Jesus, lösen Angst aus, die das Leben aushauchen lässt. Menschen sterben nur Angst, wenn sie die Zeichen sehen! Es ist noch gar nichts passiert!

 

Beides ist keine Antwort – das scheint uns schnell klar zu sein.

Was ist die Antwort?

 

Eine Antwort nennt Jesus mit einem Bild aus der Natur.

 

2. Die Sprache des Feigenbaums

Ich habe Ihnen etwas mitgebracht – aus unserem Garten. Zwei Zweige unseres Feigenbaums, der an unserem Haus wächst. Die Früchte sind in diesem Jahr nicht reif geworden – angetrocknet sind sie noch an den Zweigen dran. Ein Zeichen der Vergangenheit: Dieser Sommer war nicht sehr gut. Sonst hatten wir schon in einigen Jahren eine gute Ernte.

Einmal hatten wir aber den Eindruck, der Frost hat den Baum erfroren. Ein Jahr lang kam nichts und dann schlug er wieder aus, trieb Knospen, Blätter und brachte Früchte.

Das Besondere am Feigenbaum ist: Er sieht im Winter aus wie tot, er verliert alle Blätter und die Zweige wirken erstorben. Er kommt im Frühjahr wirklich wieder zum Leben und die großen Blätter spenden Schatten.

 

Und nun beginnt das Rätselhafte dieser Zeichensprache und der Worte von Jesus deutlich zu werden: Wäre nicht das ein wirklich apokalyptisches und drohendes Zeichen gewesen? Wenn Jesus gesagt hätte: „Seht auf den Feigenbaum: Wenn er seine Blätter verliert, dann wisst ihr: Der Winter kommt und der Frost nimmt alles Leben. Alles wird kahl und dürr und das Leben wird vernichtet werden.“

Das hat Jesus aber nicht gesagt. Er redet indes von Blättern die grün und frisch sprießen und nimmt die als Vergleich für die bedrohlichen Zeichen, die das Ende ankündigen. Aber die Blätter sind doch das Zeichen des Sommers und das Zeichen der kommenden Frucht. Ein gutes Zeichen, das plötzlich Zeichen des Endes sein soll? Das ist doch paradox und widersinnig!

 

Das ist genauso paradox und widersinnig wie die Aufforderung, die Jesus zuvor gegeben hat.

28 Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“

Wenn was anfängt? Wenn der Menschensohn kommt? Nein, dann ist sowieso klar, wie es ausgeht, gemeint sind die ersten Zeichen, die bedrohlichen: „wenn aber dies anfängt zu geschehen“ oder „Wenn ihr die ersten Anzeichen von alldem bemerkt, dann richtet euch auf und erhebt freudig den Kopf: Bald werdet ihr gerettet!« So übersetzt die Gute Nachricht mit Recht:

Das ist paradox: Widersprüchlich, denn die Botschaft der Christen soll ein Widerspruch sein:

Wenn alle nur noch die bedrohlichen Zeichen sehen und sagen: „Ach, lasst den Kopf hängen, es wird ja doch nichts mehr…“, und wenn die anderen den Kopf einziehen vor Angst, es stürzt der Himmel ein, da sollen Menschen, die Jesus erwarten, den Kopf erheben, freudig, denn Jesus kommt.

Da kommt noch eine Sprache zu Wort: Die Zeichen der Körpersprache sollen eine klare Sprache sprechen! Kopf hoch, wenn die Welt auch dreckig ist.

Denkt an den Feigenbaum: „Das Sprossen des Feigenbaums ist ein Vorbote des Sommers, ein Durchbruch des Lebens durch den Tod!“

 

3. Nur eine Vokabel: „Maranatha“

Eine andere, neue Sprache zu lernen, hat mit vielen fremden Vokabeln zu tun.

Ich möchte Ihnen heute zwei aramäische Vokabeln vor Augen und Ohren führen, in denen alles komprimiert steckt, was wir als Christen am 2. Advent mitnehmen müssen.

 

Dass Jesus wiederkommen soll, darum sollen die Christen beten: Am Ende des 1. Korintherbriefes schreibt Paulus:

Maranata* - Unser Herr, komm!

Die Gnade des Herrn Jesus sei mit euch

Maranatha, das ist aramäisch und es hat zwei Bedeutungen:

„Der Ruf kann entweder als „Maran – atha“ = „unser Herr ist gekommen“ oder als „Maran – tha“ = „unser Herr komme!“ verstanden werden. Beides ist richtig. Jesus ist gekommen und er kommt. Das bedeutet:

Wenn Jesus wiederkommt, kommt kein Fremder.

Es kommt der, der die Zöllner und Sünder besucht

es kommt der, der die Kranken heilt,

es kommt der und kein anderer, der für die Welt aus Liebe am Kreuz gestorben ist.

In manchen Darstellungen des wiederkommenden Jesus kommt ein strenger Richter, der keine Liebe kennt. Nein, es kommt der Christus,

der damals an einen Ort gekommen ist, in eine Zeit gekommen ist,

für alle Zeit und für die ganze Welt sichtbar zurück.

Deshalb wissen Christen:

Maran – atha = Unser Herr ist gekommen

Und deshalb bitten Christen:

Marana – tha = Komm, Herr!

 

Am Ende ändert das alles. Es verändert unseren Umgang mit den Problemen der Welt: Wir müssen nicht den Kopf hängen lassen und ohne Mut sein. Wir müssen nicht den Kopf einziehen aus Furcht und die Arbeit ruhen lassen. Wir dürfen den Kopf erheben und anpacken, was zu tun ist.

Wir sind umschlossen von der Gegenwart Christi. Er ist gekommen und er kommt. Diese Welt ist nicht ohne ihn. Er ist in die Welt gekommen und wird wieder kommen.

In die Welt – deshalb dürfen Christen die Welt und ihre Aufgaben nicht fliehen, sondern sollen sich ernsthaft und kritisch und engagiert in die Welt und in der Welt einmischen.

Im frohen Ton!

Amen.

 

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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