Predigt am Altjahresabend 2002 in Traisa

Lukas 12,35-40

35 »Haltet euch bereit, und laßt eure Lampen nicht verlöschen! [a]

36 Seid wie Diener und Dienerinnen,[A] die auf ihren Herrn warten, der auf einer Hochzeit ist. Wenn er dann spät zurückkommt und an die Tür klopft, können sie ihm sofort aufmachen. [a]

37 Sie dürfen sich freuen, wenn der Herr sie bei seiner Ankunft wach und dienstbereit findet. Ich versichere euch: Er wird sich die Schürze umbinden, sie zu Tisch bitten und sie selber bedienen.

38 Vielleicht kommt er erst um Mitternacht oder sogar noch später. Freude ohne Ende ist ihnen gewiß, wenn er sie dann wachend antrifft!

39 Macht euch das eine klar: Wenn ein Hausherr im voraus wüßte, zu welcher Stunde der Dieb kommt, würde er den Einbruch verhindern. [a]

40 So müßt auch ihr jederzeit bereit sein; denn der Menschensohn wird zu einer Stunde kommen, wenn ihr es nicht erwartet.«

 

Gemeinschaft der Wartenden

Liebe Gemeinde!

Immer wieder hat einer Öl geholt. Und dann saßen sie zusammen und haben geredet. Haben sich wach gehalten. Geschichten haben sie erzählt und gelacht haben sie. Stunde um Stunde verging und sie haben manches Mal auf den Wächter gehört, der durch die Straßen ging und die neue Stunde ausgerufen hat. Eingeschlafen sind sie nicht. Denn wenn erst einer schläft, ist es für die anderen schwer, der Müdigkeit nicht zu folgen. Und gegen die Müdigkeit kann man viel tun. Singen zum Beispiel: Als einer die Gitarre geholt hat und die anderen gesungen und geklatscht haben, fingen einige an im Kreis fröhlich zu tanzen. „Warum soll nur der Herr feiern? Dann freuen wir uns doch, wenn wir zusammen sind.“ So ging Stunde um Stunde: Mitternacht war längst vorbei: Die Stadt schlief, doch sie waren wach. Sie, die Gemeinschaft der Wartenden. Sie warten auf ihren Herrn: Er ist auf einer Hochzeit und er kommt nach Hause. Und dann braucht er sie: Seine Dienerinnen und Diener, dass sie ihm öffnen, und bei ihm sind.

Die Geschichte, die Jesus erzählt, holt uns – heute am Silvesterabend zunächst in trübe Novemberzeiten zurück. Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lampen brennen. Ein Wochenspruch aus der Novemberzeit.

Haltet euch bereit, dass ihr jederzeit aufbrechen könnt. All das kennen wir aus der Zeit im November, am Ende des Kirchenjahres, wenn wir über Tod und Ewigkeit und das Ende der Zeit nachdenken.

Aber heute, am Silvesterabend, da gehen uns andere Dinge durch den Kopf. Und die Geschichte hören wir mit einem anderen Ton. Heute ist ein Tag, an dem viele Menschen miteinander feiern. Auch hier wird nachher gefeiert. Kinder bleiben lang auf. Schlafen wollen wir nicht. Das Phänomen der vergehenden Zeit soll uns heute nicht traurig machen, miteinander wollen wir über die Schwelle zum neuen Jahr gehen. Froh, dass wir uns haben. Miteinander anstoßen und uns wünschen, dass wir auch im neuen Jahr noch so zusammen bleiben. Miteinander sind wir Wartende, miteinander Grenzgänger, miteinander unterwegs.

 

Gemeinschaft der Fragenden

Als dann die Wächter vier Uhr ausgerufen haben, wurde es einigen doch lang. Unter lauten Gähnen beteuern sie einander, dass es schön war, sie jetzt aber doch so müde sind und sie gerne ins Bett fallen würden. „Wo bleibt er denn nur, der Herr?“, klagen einige der Diener laut. „War er denn schon jemals so lange weg?“

Fragen kommen auf. Aus der Gemeinschaft der Wartenden wird die Gemeinschaft der Fragenden. Auch das kennen wir als Feiernde: Irgendwann hat jede Silvesterfeier einen toten Punkt, wo alle nacheinander „ach, ja“ sagen und wehmütig ins Rotweinglas schauen. Das ist dann die Zeit der Fragen.

Fragen wir einfach: Was war alles los in diesem Jahr?

·        Attentate auf Dscherba und auf Bali.

·        Kriegsangst im Blick auf den Irak, kein Ende des Hasses in Israel.

·        Flutkatastrophe und Millionenhilfe.

·        Sven Hannawald und Oli Kahn.

·        Und am Ende ein Klonbaby einer Sekte, das vielleicht gar keines ist, was ein schwacher Trost wäre, weil das nächste vielleicht schon das echte ist.

Gut wenn man anfängt zu fragen, was da eigentlich vor sich geht in dieser Welt. Wir warten nicht nur, wir fragen auch, wir hören wach in die Nacht hinein und begegnen der Welt mit unseren Fragen.

1000 Fragen, vielleicht haben einige von Ihnen auch in diesem Jahr die Plakataktion der „Aktion Mensch“ gesehen. Da wurden besonders im Blick auf die Fragen der Genethik viele Fragen gestellt, die besser sind, als ein Achselzucken. Fragwürdig? Soll man das machen? Darf man das? Ist das gut?

·        London erlaubt die Embryo-Selektion.

·        Klonen für die Unsterblichkeit?

·        2/3 aller Hausärzte in den Niederlanden leisten Sterbehilfe.

Die Silvesterfeier bekommt plötzlich einen anderen Klang. Ja, wir feiern noch, aber wir fragen auch: Wir haben getanzt, aber nun raucht der Kopf: Ist das eigentlich gut, wenn der Mensch das macht, darf man das? Vielleicht knöpfen Sie sich heute Abend auch einmal eine oder andere der offenen Fragen vor: Spannend ist, wenn man merkt: Nein, man ist nicht einer Meinung, aber das hebt die Gemeinschaft nicht auf: Gemeinsam fragen wir und suchen wir, sind zu später Stunde müde, aber zugleich hellwach, weil die Fragen unter den Nägeln brennen:

·        Dürfen die USA den Irak angreifen?

·        Ja, sind die denn die Herren der Welt?

·        Willst du vielleicht warten, bis Saddam mit Giftgas nach Israel gezogen ist?

Nein, die Fragen finden nicht alle eine Antwort – heute Nacht. Manche finden gar keine Antwort.

In diesen Tagen traf ich eine junge Frau aus Deutschland, die christliche Kinderarbeit in arabischen Gemeinden in Israel macht. Seit 8 Jahren lebt und arbeitet sie in Nazareth und will in einigen Wochen, nach dem Weihnachtsurlaub wieder hinunter. Ob sie keine Angst habe vor dem Krieg, habe ich sie gefragt: Nein, davon redeten die doch schon ein halbes Jahr. Sie wolle gehen. Und ob es denn eine Hoffnung für Israel und Palästina gebe: Nein, da habe sie keine Hoffnung: Da gebe es Frieden wohl nur, wenn Jesus wiederkommt oder wenn beide Seiten wirklich nachgeben, was fürs Erste wohl unwahrscheinlicher ist.

Wir fragen in diesen Tagen. Wir sind Gemeinschaft der Wartenden und Fragenden: Wir sind noch nicht am Ziel und das wissen wir auch. Wir fragen, auch wenn viele Fragen keine Aussicht auf erfolgsversprechende Antworten haben. Schlimmer ist, wenn man die Sache aufgibt und gar nicht mehr fragt.

Wir sind Gemeinschaft der Wartenden und wir sind Gemeinschaft der Fragenden.

 

Und zuletzt sind wir

Gemeinschaft der Hoffenden

Die Gemeinschaft der Wartenden und der Fragenden hört irgendwann das Klopfen an der Tür. Wer ist da? Es ist der Herr! Schnell macht auf! Endlich ist er da.

Nun könnte man meinen, dass Diener großen Respekt davor haben, was der Herr sagt, wenn er sie so antrifft. Die eine oder andere Flasche liegt da und die Gitarre und der Kreis, in dem getanzt wurde, ist auch noch zu sehen. Was wird der Herr sagen, wenn er die Dienerinnen und Diener so sieht? Nein, sie sind nicht betrunken, sie sind Feiernde und Wartende, Wartende und Fragende und sie sind Hoffende.

Und warum sie hoffen können, klärt sich jetzt.

Ich glaube, die überraschende Wendung der Geschichte überhört man beim ersten Hören: Von denen, die gewartet haben, heißt es:

37 Sie dürfen sich freuen, wenn der Herr sie bei seiner Ankunft wach und dienstbereit findet. Ich versichere euch: Er wird sich die Schürze umbinden, sie zu Tisch bitten und sie selber bedienen.

Das passt, gelinde gesagt, nicht ins Bild. Dass sich ein Herr, der müde von der Hochzeit kommt, zuhause angekommen, mitten in der Nacht die Schürze umbindet und den Knechten dient? Dass er den Tisch deckt und die Knechte einlädt? Dass er sich nicht von der Hochzeit ins Bett legt, sondern den Dienern die Hochzeit mitbringt.

All das bestätigt, dass die Diener schon vorher gewartet, gefeiert, gefragt, getanzt und gelacht haben. Das war nicht mehr als die kleine Vorwegnahme dessen, was jetzt geschieht, wenn der Herr kommt. Dann spüren sie, was der Grund ihres Feierns schon immer war.

Der weihnachtliche Grundgedanke kommt hier zum Ziel: Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein! So vehement wie hier wird es sonst kaum gesagt. Der wunderbare Wechsel, von dem Luther oft redet, ist kein ewiges Wechselspiel. Dass Jesus Mensch wird, ist keine kurze dreißigjährige Episode, ein Wimpernschlag in der ewigen Geschichte des Himmels, nein! Wir erwarten einen Herrn, der wenn er kommt dient. Dessen Wesen es ist, bei uns zu sein. Der das Leben wirklich zum Fest macht, der die Sehnsucht der Wartenden stillt und die Fragen der Fragenden beantwortet.

 

Ich möchte noch einmal sagen, was mitzunehmen sich lohnt:

Die Dienerinnen und Diener sind eine Gemeinschaft. Miteinander verbringen sie die Nacht im Vorklang des Morgens. Sie sind nicht vereinzelt, sie sind die Gemeinschaft der Wartenden.

Die Dienerinnen und Diener sind als Wartende gegenwärtig für die Fragen und Zeichen der Zeit. Was geht jetzt vor? Hören wir die Wächter? Hören wir die Fragen der Menschen? Was haben wir dazu zu sagen? Die Wartenden warten gegenwärtig: Sie sind die Gemeinschaft der Fragenden.

All das Fragen macht sie nicht depressiv: Denn am Ende begegnen die Wartenden und Fragenden einem Herrn, der alles andere ist als ein herrischer Herr: Er ist ein Diener und er lädt sie ein zum Fest. Es stimmt. Es war richtig, schon mit dem Fest zu beginnen. Sie sind die Gemeinschaft der Hoffenden.

Sie sind Gemeinschaft – wenn mir eines wichtig ist, für das nächste Jahr hier in Traisa, dann ist es, dass wir Gemeinschaft sind: Gemeinschaft der Wartenden, der Fragenden, der Hoffenden. Weil Jesus schon da ist.

Amen.

 

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein

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