GoSpecial-Traisa Predigt für März 2002

 

Wie durch ein Wunder sind sie entkommen. Die Gefangenen von ShelterNow, die in Kabul humane Hilfe für die Ärmsten angeboten hatten. Zuerst wurden sie von den Taliban festgenommen, unter dem Vorwurf, sie sie hätten versteckte christliche Missionsarbeit geleistet . Dann kam der 11. September und der Krieg in Afgahnistan. Die Leute von ShelterNow waren jetzt lebende Schutzschilde. Täglich mussten sie mit ihrem Tod rechnen. Schließlich konnten sie nach der Eroberung Kabuls befreit werden.

Zu uns kommt an diesem Tag Margrit Stebner von ShelterNow, die mit in Kabul war, mit inhaftiert war, mit in Lebensgefahr stand, mit befreit wurde. Sie wird unser Gast sein.

Sie wollen wir nach ihren Erfahrungen befragen. Mit ihr wollen wir über die Frage nachdenken, welches Risiko das Menschsein bedeutet, dann besonders ein Menschsein, das Jesus nachfolgt.

Alles in einem GoSpecial mit viel neuen Lieder, Theater, Talk, Predigt und Kreuzverhör und selbstverständlich mit Kinderprogramm und Kleinkinderbetreuuung.


Risiko – wie viel Mut gehört zum Leben?

Liebe Freunde,

haben Sie auch draußen beim Eingang in die Kiste mit der Mutprobe gegriffen? Und war’s schön oder war es schaurig? Hatten Sie einen kleinen Adrenalinausstoß vorher? Risiko – das muss man auf sich nehmen. Aber wie viel Mut braucht man wirklich im Leben?

 

Ich frage Sie mal was:

Wofür braucht man heutzutage am meisten Mut? Drei Möglichkeiten.

A)   Für die Fahrt mit dem Rennschlitten von Georg Hackl den olympischen Eiskanal herunter. Ohne Helm.

B)   Für den Kauf eines Aktienpaketes der Deutschen Telekom.

C)   Für die Ehe und die Gründung einer Familie mit 4 Kindern.

Na, was denken Sie? A, B oder C?

 

Mut braucht man immer, wenn es gilt, eine Angst zu überwinden, wenn man ein Hindernis überqueren will und vorher noch den inneren Schweinehund erledigen muss. Aber dazu braucht es doch eine ungeheure Motivation:

 

Im Jahr 1974 machte Philippe Petit von sich reden: Da stand das World Trade Center noch und der französische Artist, ließ ein Seil vom Nord- zum Südturm spannen und balancierte hinüber. Man fragte ihn hinterher: „Warum machst du das?“ Er sagte dann: „Wenn ich drei Apfelsinen sehe, muss ich jonglieren. Und wenn ich zwei Türme sehe, muss ich gehen.“

Der schon längst verstorbene Bergsteiger und Luis Trenker hat es in seinen besten Tagen noch einfacher gesagt: „Der Berg ruft.“

 

Wer auf ein Drahtseil geht, der lässt den festen Boden hinter sich und geht hohes Risiko ein. Wer auf einen Grat geht, gesichert nur mit Seil, Pickel und Steigeisen, der weiß: Auch wenn ich umkehre, dann muss ich diesen Weg noch einmal gehen. Da gibt es unterwegs keinen Notausgang und keinen Lift, in den ich einsteige, auf „E“ drücke und in Sicherheit bin.


 

In der Bibel ruft keine Apfelsine, kein Turm und kein Berg, sondern ruft Jesus. Es gibt ganz viele und verschiedene Geschichten, in denen Jesus Menschen ruft. Manchmal reichen zwei Worte, und ein Mensch lässt alles zurück und kommt mit Jesus mit: „Folge mir!“. Diese Frauen und Männer, die dann mit Jesus gegangen sind, haben ärmliche Verhältnisse hinterlassen und gutsituierte, sie waren angesehen oder verachtet, sie waren gelehrt oder ohne große Bildung. Ganz verschiedene Typen: Doch sie verbindet eines: Als Jesus sie gerufen hat, „Folge mir“, da sind sie gegangen, haben ihren Fuß auf das Seil gesetzt.

 

Wir sind von diesen Geschichten zweitausend Jahre entfernt. Uns trennt die ganze abendländische Geistesgeschichte: „Ich denke, also bin ich.“ „Brüder zur Sonne und zur Freiheit.“ Freiheit in Autonomie. Ich will entscheiden. Wir würden es höchstens akzeptieren, wenn Jesus zu uns sagen würde: „Ich biete dir einen Beratervertrag an, na klar, mit Kündigungsklausel, ich zeige dir, wie du deiner eigenen Stimme folgen kannst.“ Da würden wir Ja sagen: Aber einem anderen folgen? Haben wir nicht die schlechtesten Erfahrungen gemacht mit einem, dem die Massen zuriefen: „Führer befiehl, wir folgen!“?


Es war mitten in der „besten“, euphorischen Zeit des dritten Reiches 1937, da schrieb Dietrich Bonhoeffer, der damals ein illegales Seminar für die Bekennende Kirche leitete, im Buch „Nachfolge“: „Der Ruf in die Nachfolge ist also Bindung an die Person Jesu Christi allein.“. Bindung, das ist verbindliche Beziehung. Nicht bloß: Find ich ganz gut, was der gesagt hat. Sondern er als Person ist entscheidend. Und dann heißt es: Jesus Christus allein. Man kann also nicht Jesus folgen und dem Führer. Kurz nachdem das Buch herausgekommen ist, wurde das Seminar in Finkenwalde aufgelöst, Martin Niemöller, der leitende Pfarrer der Bekennenden Kirche ins Gefängnis gesteckt, wie 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in 1937 für kürzere oder längere Zeit in Gestapogefängnissen waren. An der Person hat sich auch entschieden, auf welche Seite ich gehöre.

Wir tun heute nur so, als würden wir niemand folgen. Dabei folgen wir „ganz autonom“ Tausenden von Werbebotschaften, die uns nur versichern müssen, dass das Auto, Möbel- oder Schmuckstück, unseren „individuellen Charakter betont“! Dann sind wir schon zufrieden.

Und den großen politischen Führern vertrauen wir heute zwar nicht blind, aber stumm. Und lassen Sie alles machen, was sie wollen, solange es uns gut geht. Oder? Wem folgen wir nach, wenn wir meinen, niemand zu folgen?

 


Was Jesus gemacht hat, war wirklich eine Herausforderung. Er hat die Menschen „heraus gefordert“. Manchmal heftig: Ein Mensch, der ihm nachfolgen wollte hatte ihn noch gebeten: : »Herr, erlaube mir, dass ich erst noch hingehe und meinen Vater begrabe.«

22 Aber Jesus sagte zu ihm: »Komm, folge mir! Überlass es den Toten, ihre Toten zu begraben!«

Mt 8,22

Das klingt hart. Ein hartes, pietätloses Beispiel? Nein, nur deutlich. Nicht selten sind Menschen im Clan, in der Clique, in der Familie gefangen und tun, was man da tut und sonst nichts. Eine Frau, die wirklich toll singen kann, erzählte mir neulich: „Ich habe mich nie getraut, weil meine ganze Familie immer sagte: Ach was, bei uns ist niemand musikalisch!“ Das Theaterstück hat eben gesagt. „Wer Ja sagt, muss manchmal auch deutlich Nein sagen.“

 

Diese Geschichte geht übrigens so weiter, dass die Jünger Jesus dann nachfolgen und ins Boot steigen und was passiert dann? Ein Sturm kommt und Jesus schläft zunächst. Die Jünger sind erstaunt und wecken Jesus auf, und dann sagte Jesus zu ihnen: »Warum habt ihr solche Angst? Ihr habt zuwenig Vertrauen!« Dann stand er auf und sprach ein Machtwort zu dem Wind und den Wellen. Da wurde es ganz still.

 

In der Nachfolge wird es stürmisch. Im Sturm kommt der Zweifel und die Angst. Und im Zweifel und der Angst, kommt es auf das Vertrauen an. Das hätten die Jünger alles nicht erlebt, wenn sie nicht in das Boot gestiegen wären.

Es gehören hier immer zwei Sachen dazu:

·        Das Vertrauen kommt erst nach dem Losgehen.

·        Das Losgehen startet man erst nach dem Vertrauen.

 

Beides gehört dazu. Und dann kann es wachsen. Dabei geht es nicht um Mut und Tapferkeit als alter Tugend. Sondern um die Beziehung zu Christus, der in allen Zweifeln und Ängsten heute noch verspricht: Ich bin bei dir.

Wissen Sie, was ich dabei wichtig finde? Vor kurzem begegnete mir ein Buch mit dem Titel: „Gott braucht keine Helden.“ Oder anders gesagt: Gott kann mit Waschlappen was anfangen. Manchmal fehlt mir der Mut, Besuche bei Kranken zu machen, Telefonate zu führen, bei denen sich Ärger ankündigt, Gespräche zu führen, die nötig aber unangenehm sind. Da im Kontakt mit Jesus zu bleiben, darauf kommt es an: Zu spüren: Gerade folge ich ihm nicht nur, er steht auch hinter mir, schubst mich ein bisschen, fordert mich heraus – macht mich mutig.

Amen.

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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