Predigt zur Jahreslosung 2003 - Neujahr in Traisa

Liebe Gemeinde,

heute am 1. Januar geht es uns um die Jahreslosung 2003. Jahreslosung – ein Wort, das ein Jahr lang mit uns gehen soll. Deswegen wird es gerne mit schönen und ausdruckstarken Bildern verziert, im Kunstdruck vervielfältigt und ziert unsere Wände für ein Jahr. Manchmal auch länger, wenn man es danach vergisst, abzuhängen. Die Jahreslosung bekommt dann schnell den Geruch eines Satzes für ein Poesie-Album. So ein schönes Sprichwort, kalligraphisch aufbereitet, nett anzusehen. So wie:

Ins Album schreib ich gern hinein
denn ich will nicht vergessen sein
doch lieber mag im Herz ich stehn
denn’s Album kann verloren gehen.

Da könnte auch die Jahreslosung für 2003 stehen, denn der Duktus ist ein ähnlicher. Nicht irgendwo, sondern im Herz fallen die Entscheidungen. Nicht irgendwas, sondern das Herz soll angeschaut werden.

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an.

Und jedem ist klar, dass es bei Herz nicht um den pumpenden Herzmuskel geht, der mit Klappen und Arterien, der Gefahr von Infarkten und der Notwendigkeit von Bypässen uns am Leben hält, nein, es geht beim Herz um Emotion. Es geht um unbestechliche Wahrheit, um das notwendige Gegenstück zum ach so verkopften Kopf. Kurzum, es geht um ehrliche Gefühle. Das wäre Poesiealbumsqualität. Und das wäre nicht so schlecht, da gibt es Schlimmeres.

 

Aber ist es das?

Hören wir noch einmal auf das Wort aus der Samuel-Geschichte:

Aber der HERR sprach zu Samuel: Sieh nicht an sein Aussehen und seinen hohen Wuchs; ich habe ihn verworfen. Denn nicht sieht der HERR auf das, worauf ein Mensch sieht. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.

Samuel hat die Aufgabe, den Nachfolger von König Saul zu finden. Und er weiß nur: Es ist einer der Söhne von Isai. Beim Ältesten und Größten will Samuel schon das Füllhorn mit dem Salböl zücken und den zum König salben. Aber Gott wehrt ab. Den nicht. Er ist es nicht. So geht es Sohn um Sohn. David taucht zunächst nicht auf. Er muss zuletzt vom Feld geholt werden. Und am Ende wird David nicht deshalb von Samuel gesalbt, weil der ihm ins Herz geschaut hätte und die Qualitäten des Jungen erkannt hätte, sondern weil Gott zu ihm sagt: „Auf salbe ihn, denn er ist es!“. Das Hören auf Gottes Wort ist etwas anderes, als Menschen in das Herz zu sehen. Das ist ein ganz wichtiger Unterschied. Das Herz kann keiner erkennen.

 

Das Herz braucht Spezialisten, keine Laien.

Kardiologen sind Fachärzte. Sie kümmern sich nur um das Herz. Sie hören die Töne, sie achten auf den Rhythmus, sie kennen jede Klappe und jede Arterie. Sie legen Sonden an zeichnen das Elektrokardiogramm auf und wenn es nötig ist, lassen sie die Patienten dabei Fahrrad fahren und nehmen ein Belastungs-EKG auf.

Gott ist der Kardiologe meines inneren Herzens: Der Herr aber sieht das Herz an. Der Mensch ist nicht in der Lage, das Herz zu sehen. Nicht einmal sein Eigenes kann er sehen. Beginnen wir bei der Jahreslosung mit dem letzten Teil: Der Herr aber sieht das Herz an. Dann kann die Jahreslosung 2003 den Charakter eines Langzeit-EKG haben: Verbunden mit der Bitte: Gott, sieh in diesem Jahr in mein Herz, und zeig mir, was da ist: Wo es nur noch unter Schwerlast pumpt, wo es in Sprüngen geht, wo es unruhig ist und ohne Rhythmus aus dem Tritt gerät. Gott ist der Kardiologe und die Bitte dieses Jahres kann jeder nur im Bezug auf sich selbst bitten: Gott sieh in mein Herz und zeig mir, was darin vorgeht. Und lass mich dann ehrlich sein.

 

Denn das Herz ist der Sitz meiner Emotion und meiner Wünsche, meiner Sehnsucht und meiner Liebe, meiner abgrundtiefen Abneigung und meines Hasses. Mein Herz kann voller Liebe sein und es kann eine Mördergrube sein. Es lohnt sich nur, ehrlich zu sein .Und das Jahr 2003 mit der Bitte zu beginnen: Gott schau in mein Herz, unbestechlich wie der Schreiber des EKG.

Denn Herz ist nicht automatisch positive Emotion und schön und gut. Wer in der Bibel, allein im NT das Stichwort Herz nachschlägt, der findet Erstaunliches: In der Apostelgeschichte heißt es zweimal als Folge auf eine Predigt:

2,37 Als sie aber das hörten, ging's ihnen durchs Herz,

Welcher Prediger wünscht sich das nicht? Dass eine Predigt das Herz erreicht, dass Menschen berührt werden, dass es sie nicht kalt lässt. Und an der ersten Stelle geht es dann weiter:

und sie sprachen zu Petrus und den andern Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder,  was sollen wir tun?

Auch das wünscht man sich: Dass Menschen nach der Predigt fragen: Wie geht es vom Herz zur Hand? Welche Konsequenz hat das in meinem Leben? Und dann wünscht man sich, dass es immer so ist. Und siehe da, in Kapitel 5 predigt wieder einer und wieder wird die Reaktion auf das Zeugnis mehrerer berichtet:

Apg 5,33: Als sie das hörten, ging's ihnen durchs Herz, und sie wollten sie töten.

Das ist auch das Herz: Es kann verstockt und verhärtet sein. Beharrlich zu behaupten: Ich und meine Sünde, wir lassen uns nicht schlecht machen. Das Herz kann der Ort des beharrlichen Widerstandes sein, dagegen, dass Gott in mein Herz schaut. Ich lasse mir nicht in die Karten schauen, und schon gar nicht in mein Herz..

 

Spüren wir das?

Hier geht es nicht um Poesie-Album, sondern um Leben und Tod, wie es beim Herz immer um Leben und Tod geht. Hier geht es nicht um schöne Gefühle, sondern um Sünde und Rechtfertigung: Wie ich vor Gott dastehe.

Das Jahreslosungswort ist keine Aufforderung: Schaut euch nun mal alle in diesem Jahr ins Herz, betrachtet euch wie Hobbypsychologen und sagt euch gegenseitig wie Humphrey Bogart: „Ich schau dir auf die Herzklappen, Kleines!“ Das wäre unerträglich.

Alles was die Jahreslosung 2003 im Blick auf meinen Umgang mit Anderen sagt, ist: „Lass dich nicht vom Äußeren leiten!“. Achte nicht darauf, dass du Menschen nicht erst dann akzeptierst, wenn sie schön sind und lächeln, wenn sie jung und sportlich sind, wenn sie Abitur haben und gebildet sind. Gott spricht durch Konfirmanden und durch Alte, durch Menschen, die einfach daherkommen und krumme Nasen haben, die schief singen und Mundgeruch haben und keinen Modegeschmack. Ich merke immer wieder, dass ich auf solche äußeren Dinge reagiere. Das zu beachten, ist Arbeit für mehr als ein Jahr. Das sagt die Jahreslosung: Achte darauf nicht. Blick nicht auf das Äußere.

Sie sagt nicht: Blick auf das Innere. Sie sagt nicht: Blick ins Herz. Denn das Innere können wir nicht sehen. Das Herz sieht Gott an.

Wenn wir diesen Unterschied behalten, sind wir einen Schritt weiter. Und noch einen Schritt sind wir weiter, wenn wir sehen: Gott beginnt mit meinem Herz. Er sieht mein Herz an. Und was will er damit?

Er will es heilen.

Das wird dann meinen Blick auf andere verändern, aber darum geht es jetzt nicht.

Er will es heilen von unnötigen Belastungen, von alter Schuld, von Verletzungen, die mich immer noch ärgern. Die soll ich kein Jahr mit mir herum schleppen.

Ein Kardiologe achtet darauf, dass alle Arterien eines Herzens weit genug sind, damit das Blut fließen kann. Ablagerungen sind gefährlich, können den Durchfluss verengen oder gar verhindern. Arterien müssen weit sein. Das Herz muss weit sein, es soll nicht eng sein. Wir sollen unser Herz weit machen, offen lassen, dass seine Liebe uns heilt.

 

Aber eines muss dann noch gesagt werden.

Unser Herz sagt nicht die ewige Wahrheit.

Unser Herz schleppt, solange wir leben, Erinnerungen und Ärger mit sich herum, an eigene Schuld und Versagen und an das, was andere uns angetan haben. Und manchmal klagen wir darüber, dass diese Dinge uns immer wieder einfallen und sie uns belasten. Wir wären sie gerne los, wir wüssten es gerne vergeben und vergessen, haben darüber auch gebetet, aber es kommt hoch wie schlechtes Aufstoßen.

 

Nein unser Herz behält Dinge, die sind nicht für die Ewigkeit.

Am Ende sollen wir nicht auf unser Herz hören, sondern – so wie Samuel auf Gottes Wort – auf ein Wort, das wir uns nicht selbst sagen können, das uns befreit, weil wir nur von außen befreit werden können:

 

Es sind zwei Verse aus dem 1. Johannesbrief.

19 Daran werden wir erkennen, dass die Wahrheit Gottes unser Leben bestimmt. Damit werden wir auch unser Herz vor Gott beruhigen können, 20 wenn es uns anklagt, weil unsere Liebe doch immer Stückwerk bleibt. Denn wir dürfen wissen: Gott ist größer als unser Herz und weiß alles, er kennt unser Bemühen wie unsere Grenzen.

Amen.

 

 

 

Lieder

58 1-7 Nun lasst uns gehen und treten

637 Alle Knospen springen auf

251 Herz und Herz vereint zusammen

461 Aller Augen

446, 8+9 Sprich ja zu meinen Taten

 

 

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein

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