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Was ist unser Weg und unser Ziel? Gottesdienstreihezum Leitbild unserer Gemeinde |
Predigt von Dekan Arno Allmann, Ober-Ramstadt
Mit Generationen zusammenlebenGnade
sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn und Heiland
Chritsus Jesus.
Liebe Gemeinde
Brauchen die
Generationen etwas, was sie verbindet? Ganz gewiss.
Das natürliche
Band ist seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte jenes, das sich zwischen
Kindern, Eltern und Großeltern bildet. Die hier entstehenden Beziehungen
sollten von Liebe und Vertrauen getragen sein.
Wir wissen das.
Aber schon in
diesem engen familiären Raum klagen Eltern über die heftigen Reaktionsweisen
und abweichenden Lebensauffassungen ihrer herangewachsenen Kinder, und umgekehrt
kommen diese vielfach ihrerseits mit ihren Eltern nicht mehr zurecht.
Die Spannungen setzen sich manchmal im Verhältnis zur großelterlichen Generation fort. Nicht wenige alte Menschen sind über die Unaufmerksamkeit, ja Lieblosigkeit ihrer erwachsenen Kinder tief betrübt. Von den Generationen zu sprechen heißt, Generationenkonflikten ins Auge zu sehen.
Was das heißt,
hat Veronika Funke erfahren. Sie hat zwei Kinder, 15 und 18 Jahre alt. Sie ist
Lehrerin. Ihr Mann und sie sind froh, dass die Kinder größer sind. Keine
Windeln mehr wechseln, deine ständigen Kinderkrankheiten, keine Kämpfe ums
Fernsehen oder um die Süßigkeiten. Richtig reden kann man jetzt mit ihnen und
jede Menge von ihnen lernen.
Doch Veronika
Funke merkt auch, dass die Kinder anfangen ihre eigenen Wege zu gehen. „Ich
werde nie Lehrer, dann müsste ich ja beknackt sein“, hat neulich der jüngere
Sohn von sich gegeben. „Zu viel Stress, zu wenig Kohle.“ Veronika Funke hat
nie einen Wert darauf gelegt, dass eines der Kinder denselben Beruf ergreifen
sollte wie sie. aber muss das Desinteresse an ihrer Arbeit gleich so massiv
sein“
Was verbindet
die Generationen?
Kinder sollten
ihre eigenen Wege gehen. Theoretisch weiß das Monika Funke. Aber sie hätte es
doch gern gesehen, wenn eines ihrer Kinder sich auch in einer Umweltgruppe
engagiert hätte – so wie sie es schon seit Jahren tut -, einen Bogen um
McDonalds machte, auch mal im Second-Hand-Laden einkaufte. Aber nein, das
interessiert keinen.
Der Trend zeigt
in die andere Richtung: teure weite Jeans kaufen, die den Hintern runter
rutschen und beim ersten Tragen schon am Boden schleifen, kein Müsli sein und
kein Grüner. Das wollen ihre Kinder nicht. Trotzdem ist Veronika Funke froh,
dass ihre Kinder da sind. Sie bringen Unruhe und Konflikte, aber sie bringen
auch Leben, Gespräche, Neuigkeiten.
Doch leider
reicht das Problem noch weiter.
„Ich möchte
nicht mein eigener Enkel sein“, höre ich Menschen heute sagen. Manche
bemerken dies mit Trauer in der Stimme, weil sie fürchten, der Enkelgeneration
keine bewohnbare Erde mehr hinterlassen zu können. Andere äußern es
achselzuckend und zynisch.
Sie überlassen
die Zukunft den Nachgeborenen, mögen die doch sehen, wie sie mit
Verkehrsinfarkt und zubetonierten Landschaften, mit dem Sterben der Wälder,
Tier- und Pflanzenarten sowie den Ozonlöchern fertig werden; zu den eigenen
Lebzeiten wird es ja wohl noch nicht so schlimm kommen, denken sie in
verantwortungslosem Egoismus. Zusammen mit den Kindern und Enkeln verraten sie
die Zukunft überhaupt.
Entsprechend
hart erleben die Heranwachsenden heute ihre Lage.
Ein Schüler,
15 Jahre alt, er heißt Matthias, hat eine Erzählung mit dem Titel „Die
Anklage“ verfasst. Darin spricht er von sich in der dritten Person als einem
M. Ich zitiere einige Sätze:
„Es
gibt Tage, da M. Angst hat, Angst vor den Sirenen, Angst vor dem letzten großen
menschenvernichtenden Knall. - Heute war so ein Tag. Die Wolken hingen tief,
viel zu tief für M., und er spürte den näher rückenden, unerbittlich näher
rückenden Tag des Jüngsten Gerichts. M. war religiös, sogar extrem religiös,
aber gerade das beunruhigte ihn, dass ein Wesen, ein höheres Wesen, Gott,
seinen und den Untergang der Welt wollte. Daher suchte er nach den Sünden, die
seine Art - die einzig vernunftbegabte - in den letzten 10000 Jahren begangen
hatte, und er fand sie! Er fand sie auf jeder Seite seines Geschichtsbuchs, in
jedem Absatz, jeder Zeile, jedem Wort. Er verfluchte die Alten, die Ahnen, die
Zuerstgeborenen, denn sie waren die Schuldigen. Und er - M. - durfte dafür büßen.“
Matthias ist
ein gläubiger Fünfzehnjähriger. Darum denkt er bei allem an Gott, und er
erkennt richtig, dass Gott dies alles nicht will. Matthias gibt durch seine Erzählung
zu erkennen, dass er die Rede von einem „unerbittlich näher rückenden Jüngsten
Gericht“ versteht - und zugleich
doch nicht begreift. Denn sollte Gott wirklich den Untergang der Welt wollen?
Einerseits ist
M., so heißt es etwas später in dieser Erzählung, „mit seinen lächerlichen
15 Jahren von der Unausweichlichkeit der Katastrophe überzeugt“, andererseits
„verflucht“ er die Alten, weil er, kaum geboren, für die Schuld der früheren
Geschlechter „büßen“ muss. Wie denkt Gott wirklich im Blick auf die Kette
der Generationen?
Dort, wo im
Alten Testament Mose die Zehn Gebote verkündet, fallen Sätze, die mir in
meiner Kindheit und frühen Jugend, als ich so alt war wie Matthias, schwer zu
schaffen machten. Nach der Warnung, keine anderen Götter anzubeten und ihnen zu
dienen, heißt es:
„Denn
ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter
heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen,
aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine
Gebote halten.“
(2.
Mose 20, 5-6)
Fett gedruckt
starrten mich diese Sätze in meiner Bibel an, besonders wichtig, hieß das. Der
eifernde und heimsuchende Gott, unabhängig davon, ob man selbst das Schlimme
verschuldet hatte - ein Gefühl des wehrlosen Ausgeliefertseins überkam mich,
überkommt einen wohl auch heute.
Ich las selten
über den Satz hinaus, der von der Heimsuchung bis ins dritte und vierte Glied
handelt. Und wenn, dann standen da gleichsam wie Wächter vor der Tür, die zur
Barmherzigkeit Gottes führt, zwei Bedingungen: Gott lieben und seine Gebote
halten. Konnte ich das denn? Seine Gebote wirklich halten?
Vom Evangelium
als Bindeglied zwischen den Generationen konnte ich nichts vernehmen. Gottes
Wesen und Handeln wurde mit einem unnachsichtig waltenden Schicksal identisch.
Hätte ich doch
schon damals genauer gelesen! In anderen Übersetzungen heißt es nämlich von
der Gnade Gottes, dass sie nicht „vielen Tausenden“ gewährt wird - was sind
das doch wenige angesichts einer Erdbevölkerung, die nach Milliarden zählt! -,
sondern dass Gott gnädig ist „bis ins tausendste Glied“ bzw.
„Geschlecht“.
Tausend
Geschlechter oder Generationen aber sind tausendmal dreißig Jahre, 30.000 Jahre
- eine für die Menschen des Alten Testaments unvorstellbar lange Zeit. Mit
dieser Zahl wollte schon das alte Gottesvolk ausdrücken, dass Gottes Güte und
Barmherzigkeit unermesslich größer ist als sein uns heimsuchender Zorn, der
sich demgegenüber nur bis in die dritte und vierte Generation erstreckt.
Viel später
habe ich entdeckt dass sich in der Bibel, ja dass sich der Glaube und die Welt
und überhaupt ich auch mich selber besser verstehen lässt, wenn ich jenen Satz
höre, der heute in vielen evangelischen Kirchen aus der Bibel gelesen wird:
„Ich
schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig
macht alle, die daran glauben. Denn darin wird offenbart die Gnade, die vor Gott
gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben, wie geschrieben steht: „Der
Gerechte wird aus Glauben leben.“ (Römer 1, 16 + 17)
Das klingt sehr
theoretisch und zunächst manchem beim Hören vielleicht unverständlich.
Das Evangelium
ist eine Kraft Gottes. Das meint ja: Wer auf Gott hört, der bekommt Kraft für
sein Leben. Der erfährt, dass er im Auf und Ab des Lebens getragen ist. Wer es
hört, der erfährt die Liebe Gottes, die übergreift alle gewesenen und
kommenden Generationen der Menschheitsgeschichte.
Die
Grenzenlosigkeit dieser Liebe ermöglicht uns ein grenzenloses Vertrauen - trotz
der kleinen Generationenkonflikte in der Familie, trotz der großen epochalen
Generationenkrise im Erdmaßstab.
Wir erleben
heute ja, dass unsere Gesellschaft sich immer mehr zersplittert. Schon unter
Jugendlichen gibt es zahllose Gruppen, die sich unterscheiden durch ihre
Kleidung, durch die Musik, die sie hören, durch das, was sie lesen.
Wir erleben,
dass das Bild von Familie sich verändert. Wer heute in einer einzigen
Schulklasse die Kinder nach ihren Familien befragt, erfährt, wie viele
Trennungen es gab, wie viele von nur einem Elternteil erzogen werden, dass Großeltern
weit weg sind, wie viele neue Partner sich Eltern suchen.
Und man fragt
sich gibt es überhaupt noch das Bild von Familie, das auf den Wahlplakaten
zurzeit so viel versprechend gefördert werden soll.
Ich weiß es
nicht.
Aber eins weiß
ich:
Es gibt kaum
einen anderen Ort, an dem Generationen so zusammen sein können wie in
Kirchengemeinden und da wie im Gottesdienst. Dort, wo wir etwas von der Kraft
Gottes hören.
Keine Gruppe,
kein Verein führt Menschen so zusammen wie das Evangelium. Von der Taufe, bis
ins Alter.
Ich finde es
sehr gut, wenn eine Kirchengemeinde wie Traisa das ernst nimmt und es sich zum
Leitbild macht: Mit Generationen leben.
Ich weiß:
Gerade für einen Gottesdienst ist das nicht einfach. Es ist nie einfach: Die
einen wollen ihren gewohnten Ablauf haben, die anderen modernere Lieder, manche
fühlen sich gestört durch die Kinder, Konfirmanden finden die Predigt oft zu
schwer verständlich.
Und gerade das
ist die Herausforderung und eine unglaubliche Chance: Das Evangelium, diese
Kraft, die von Gott kommt, für Groß und Klein fassbar, begreifbar, erlebbar zu
machen. Es ist eine große Herausforderung.
Und sie steht
unter einer großen Verheißung:
Wer der Liebe
Gottes vertrauen kann, wird selbst stark und geduldig in seiner Liebe zu anderen
und vertrauenswürdig für andere. Er wird zugleich erfüllt von der
Verantwortung, im Namen dieser Liebe seinen nahen und ganz fernen Mitmenschen,
ja, dem Leben auf dieser Erde insgesamt jede nur erdenkliche Pflege angedeihen
zu lassen.
Was bräuchten
wir in unserem Land in unserer Welt mehr als dies!
Gemeinsam mit
den Kindern und Jugendlichen der jungen Generation können wir Älteren uns
jetzt auf den Weg machen, um „füreinander leben“ zu lernen, für eine leb
bare Zukunft zu sorgen, für eine bewohnbare Erde zu kämpfen.
Wir Älteren
werden uns hüten, uns an den Kindern zu versündigen; wir erkennen, dass gerade
in den Kindern Gott uns fragend-fordernd, aber auch verheißungsvoll anschaut.
Jesus hat das
deutlich gemacht, wenn er Kinder segnet.
Wer anfängt
das zu hören und auch in einer Kirchengemeinde zu leben wird erfahren, was das
bedeutet: Der Gerechte wird aus Glauben leben.
Claudia ist 20
Jahre alt. Sie hat ein Gebet in Form eines Gedichts verfasst und nennt es
bescheiden „Vielleicht ein Dank an den lieben Gott“; Es handelt von Gott als
dem auch heute noch seine Schöpfung malenden, einfallsreichen, gütigen Künstler,
der uns nicht im Stich lässt:
„Du hast
einen herrlichen Himmel aufgespannt
und die Erde
liebevoll in ihm eingebettet.
Du hast eine
Sonne an den Himmel gemalt,
denn du
wolltest, dass es warm wird
und wir nicht
im Dunkeln bleiben.
Du hast viele
Wolken getupft und gelacht,
wenn sie wie
Gesichter aussahen.
Du hast Vögel
in den Himmel geworfen,
und
du hast dich mit ihnen über ihre Freiheit gefreut.
Du
hast auch den Mond und die Sterne gemalt, denn du wolltest ja, dass wir auch die
Nacht lieber Du hast über die Erde gestrichen
und
im Streicheln deiner Hände Berge geformt.
Du hast
Tausende von Farben erfunden
und
sie mit satten Strichen über unser neues Zuhause gezogen.
Es war ein
kunterbuntes Bild
mit unendlich
vielen Tieren und Pflanzen,
und
du wolltest, dass der Mensch auf das alles ein bisschen acht gibt,
obwohl schon
damals bekannt war,
dass
er eigentlich nicht sehr vertrauenswürdig ist.
Heute,
Anfang des 21. Jahrhunderts, zweitausendundeins,
sitze ich auf
einem Stein und denke daran,
wie du immer
noch dasitzt und malst.
Wir lachen plötzlich
beide,
und ich finde
es gar nicht merkwürdig,
dass du jetzt
auch noch neben mir stehst.“
Amen.
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© Evangelische
Kirchengemeinde Traisa |