Was ist unser Weg und unser Ziel?

Gottesdienstreihe

zum Leitbild unserer Gemeinde

 
Predigt von Dekan Arno Allmann, Ober-Ramstadt
Mit Generationen zusammenleben
Zu Römer 1, 16+17

 

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn und Heiland Chritsus Jesus.

Liebe Gemeinde

Brauchen die Generationen etwas, was sie verbindet? Ganz gewiss.

Das natürliche Band ist seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte jenes, das sich zwischen Kindern, Eltern und Großeltern bildet. Die hier entstehenden Beziehungen sollten von Liebe und Vertrauen getragen sein.  Wir wissen das.

Aber schon in diesem engen familiären Raum klagen Eltern über die heftigen Reaktionsweisen und abweichenden Lebensauffassungen ihrer herangewachsenen Kinder, und umgekehrt kommen diese vielfach ihrerseits mit ihren Eltern nicht mehr zurecht.

Die Spannungen setzen sich manchmal im Verhältnis zur großelterlichen Generation fort. Nicht wenige alte Menschen sind über die Unaufmerksamkeit, ja Lieblosigkeit ihrer erwachsenen Kinder tief betrübt. Von den Generationen zu sprechen heißt, Generationenkonflikten ins Auge zu sehen.

 

Was das heißt, hat Veronika Funke erfahren. Sie hat zwei Kinder, 15 und 18 Jahre alt. Sie ist Lehrerin. Ihr Mann und sie sind froh, dass die Kinder größer sind. Keine Windeln mehr wechseln, deine ständigen Kinderkrankheiten, keine Kämpfe ums Fernsehen oder um die Süßigkeiten. Richtig reden kann man jetzt mit ihnen und jede Menge von ihnen lernen.

 

Doch Veronika Funke merkt auch, dass die Kinder anfangen ihre eigenen Wege zu gehen. „Ich werde nie Lehrer, dann müsste ich ja beknackt sein“, hat neulich der jüngere Sohn von sich gegeben. „Zu viel Stress, zu wenig Kohle.“ Veronika Funke hat nie einen Wert darauf gelegt, dass eines der Kinder denselben Beruf ergreifen sollte wie sie. aber muss das Desinteresse an ihrer Arbeit gleich so massiv sein“

 

Was verbindet die Generationen?

Kinder sollten ihre eigenen Wege gehen. Theoretisch weiß das Monika Funke. Aber sie hätte es doch gern gesehen, wenn eines ihrer Kinder sich auch in einer Umweltgruppe engagiert hätte – so wie sie es schon seit Jahren tut -, einen Bogen um McDonalds machte, auch mal im Second-Hand-Laden einkaufte. Aber nein, das interessiert keinen.

 

Der Trend zeigt in die andere Richtung: teure weite Jeans kaufen, die den Hintern runter rutschen und beim ersten Tragen schon am Boden schleifen, kein Müsli sein und kein Grüner. Das wollen ihre Kinder nicht. Trotzdem ist Veronika Funke froh, dass ihre Kinder da sind. Sie bringen Unruhe und Konflikte, aber sie bringen auch Leben, Gespräche, Neuigkeiten.

 

Doch leider reicht das Problem noch weiter.

 

„Ich möchte nicht mein eigener Enkel sein“, höre ich Menschen heute sagen. Manche bemerken dies mit Trauer in der Stimme, weil sie fürchten, der Enkelgeneration keine bewohnbare Erde mehr hinterlassen zu können. Andere äußern es achselzuckend und zynisch.

Sie überlassen die Zukunft den Nachgeborenen, mögen die doch sehen, wie sie mit Verkehrsinfarkt und zubetonierten Landschaften, mit dem Sterben der Wälder, Tier- und Pflanzenarten sowie den Ozonlöchern fertig werden; zu den eigenen Lebzeiten wird es ja wohl noch nicht so schlimm kommen, denken sie in verantwortungslosem Egoismus. Zusammen mit den Kindern und Enkeln verraten sie die Zukunft überhaupt.

 

Entsprechend hart erleben die Heranwachsenden heute ihre Lage.

Ein Schüler, 15 Jahre alt, er heißt Matthias, hat eine Erzählung mit dem Titel „Die Anklage“ verfasst. Darin spricht er von sich in der dritten Person als einem M. Ich zitiere einige Sätze:

 

„Es gibt Tage, da M. Angst hat, Angst vor den Sirenen, Angst vor dem letzten großen menschenvernichtenden Knall. - Heute war so ein Tag. Die Wolken hingen tief, viel zu tief für M., und er spürte den näher rückenden, unerbittlich näher rückenden Tag des Jüngsten Gerichts. M. war religiös, sogar extrem religiös, aber gerade das beunruhigte ihn, dass ein Wesen, ein höheres Wesen, Gott, seinen und den Untergang der Welt wollte. Daher suchte er nach den Sünden, die seine Art - die einzig vernunftbegabte - in den letzten 10000 Jahren begangen hatte, und er fand sie! Er fand sie auf jeder Seite seines Geschichtsbuchs, in jedem Absatz, jeder Zeile, jedem Wort. Er verfluchte die Alten, die Ahnen, die Zuerstgeborenen, denn sie waren die Schuldigen. Und er - M. - durfte dafür büßen.“

 

Matthias ist ein gläubiger Fünfzehnjähriger. Darum denkt er bei allem an Gott, und er erkennt richtig, dass Gott dies alles nicht will. Matthias gibt durch seine Erzählung zu erkennen, dass er die Rede von einem „unerbittlich näher rückenden Jüngsten Gericht“ versteht - und zugleich doch nicht begreift. Denn sollte Gott wirklich den Untergang der Welt wollen?

 

Einerseits ist M., so heißt es etwas später in dieser Erzählung, „mit seinen lächerlichen 15 Jahren von der Unausweichlichkeit der Katastrophe überzeugt“, andererseits „verflucht“ er die Alten, weil er, kaum geboren, für die Schuld der früheren Geschlechter „büßen“ muss. Wie denkt Gott wirklich im Blick auf die Kette der Generationen?

Dort, wo im Alten Testament Mose die Zehn Gebote verkündet, fallen Sätze, die mir in meiner Kindheit und frühen Jugend, als ich so alt war wie Matthias, schwer zu schaffen machten. Nach der Warnung, keine anderen Götter anzubeten und ihnen zu dienen, heißt es:

„Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.“

(2. Mose 20, 5-6)

 

Fett gedruckt starrten mich diese Sätze in meiner Bibel an, besonders wichtig, hieß das. Der eifernde und heimsuchende Gott, unabhängig davon, ob man selbst das Schlimme verschuldet hatte - ein Gefühl des wehrlosen Ausgeliefertseins überkam mich, überkommt einen wohl auch heute.

 

Ich las selten über den Satz hinaus, der von der Heimsuchung bis ins dritte und vierte Glied handelt. Und wenn, dann standen da gleichsam wie Wächter vor der Tür, die zur Barmherzigkeit Gottes führt, zwei Bedingungen: Gott lieben und seine Gebote halten. Konnte ich das denn? Seine Gebote wirklich halten?

 

Vom Evangelium als Bindeglied zwischen den Generationen konnte ich nichts vernehmen. Gottes Wesen und Handeln wurde mit einem unnachsichtig waltenden Schicksal identisch.

 

Hätte ich doch schon damals genauer gelesen! In anderen Übersetzungen heißt es nämlich von der Gnade Gottes, dass sie nicht „vielen Tausenden“ gewährt wird - was sind das doch wenige angesichts einer Erdbevölkerung, die nach Milliarden zählt! -, sondern dass Gott gnädig ist „bis ins tausendste Glied“ bzw. „Geschlecht“.

Tausend Geschlechter oder Generationen aber sind tausendmal dreißig Jahre, 30.000 Jahre - eine für die Menschen des Alten Testaments unvorstellbar lange Zeit. Mit dieser Zahl wollte schon das alte Gottesvolk ausdrücken, dass Gottes Güte und Barmherzigkeit unermesslich größer ist als sein uns heimsuchender Zorn, der sich demgegenüber nur bis in die dritte und vierte Generation erstreckt.

 

Viel später habe ich entdeckt dass sich in der Bibel, ja dass sich der Glaube und die Welt und überhaupt ich auch mich selber besser verstehen lässt, wenn ich jenen Satz höre, der heute in vielen evangelischen Kirchen aus der Bibel gelesen wird:

 

„Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben. Denn darin wird offenbart die Gnade, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben, wie geschrieben steht: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ (Römer 1, 16 + 17)

 

Das klingt sehr theoretisch und zunächst manchem beim Hören vielleicht unverständlich.

Das Evangelium ist eine Kraft Gottes. Das meint ja: Wer auf Gott hört, der bekommt Kraft für sein Leben. Der erfährt, dass er im Auf und Ab des Lebens getragen ist. Wer es hört, der erfährt die Liebe Gottes, die übergreift alle gewesenen und kommenden Generationen der Menschheitsgeschichte.

 

Die Grenzenlosigkeit dieser Liebe ermöglicht uns ein grenzenloses Vertrauen - trotz der kleinen Generationenkonflikte in der Familie, trotz der großen epochalen Generationenkrise im Erdmaßstab.

 

Wir erleben heute ja, dass unsere Gesellschaft sich immer mehr zersplittert. Schon unter Jugendlichen gibt es zahllose Gruppen, die sich unterscheiden durch ihre Kleidung, durch die Musik, die sie hören, durch das, was sie lesen.

Wir erleben, dass das Bild von Familie sich verändert. Wer heute in einer einzigen Schulklasse die Kinder nach ihren Familien befragt, erfährt, wie viele Trennungen es gab, wie viele von nur einem Elternteil erzogen werden, dass Großeltern weit weg sind, wie viele neue Partner sich Eltern suchen.

Und man fragt sich gibt es überhaupt noch das Bild von Familie, das auf den Wahlplakaten zurzeit so viel versprechend gefördert werden soll.

Ich weiß es nicht.

Aber eins weiß ich:

Es gibt kaum einen anderen Ort, an dem Generationen so zusammen sein können wie in Kirchengemeinden und da wie im Gottesdienst. Dort, wo wir etwas von der Kraft Gottes hören.

Keine Gruppe, kein Verein führt Menschen so zusammen wie das Evangelium. Von der Taufe, bis ins Alter.

Ich finde es sehr gut, wenn eine Kirchengemeinde wie Traisa das ernst nimmt und es sich zum Leitbild macht: Mit Generationen leben.

 

Ich weiß: Gerade für einen Gottesdienst ist das nicht einfach. Es ist nie einfach: Die einen wollen ihren gewohnten Ablauf haben, die anderen modernere Lieder, manche fühlen sich gestört durch die Kinder, Konfirmanden finden die Predigt oft zu schwer verständlich.

 

Und gerade das ist die Herausforderung und eine unglaubliche Chance: Das Evangelium, diese Kraft, die von Gott kommt, für Groß und Klein fassbar, begreifbar, erlebbar zu machen. Es ist eine große Herausforderung.

Und sie steht unter einer großen Verheißung:

Wer der Liebe Gottes vertrauen kann, wird selbst stark und geduldig in seiner Liebe zu anderen und vertrauenswürdig für andere. Er wird zugleich erfüllt von der Verantwortung, im Namen dieser Liebe seinen nahen und ganz fernen Mitmenschen, ja, dem Leben auf dieser Erde insgesamt jede nur erdenkliche Pflege angedeihen zu lassen.

 

Was bräuchten wir in unserem Land in unserer Welt mehr als dies!

 

Gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen der jungen Generation können wir Älteren uns jetzt auf den Weg machen, um „füreinander leben“ zu lernen, für eine leb bare Zukunft zu sorgen, für eine bewohnbare Erde zu kämpfen.

Wir Älteren werden uns hüten, uns an den Kindern zu versündigen; wir erkennen, dass gerade in den Kindern Gott uns fragend-fordernd, aber auch verheißungsvoll anschaut.

Jesus hat das deutlich gemacht, wenn er Kinder segnet.

Wer anfängt das zu hören und auch in einer Kirchengemeinde zu leben wird erfahren, was das bedeutet: Der Gerechte wird aus Glauben leben.

 

Claudia ist 20 Jahre alt. Sie hat ein Gebet in Form eines Gedichts verfasst und nennt es bescheiden „Vielleicht ein Dank an den lieben Gott“; Es handelt von Gott als dem auch heute noch seine Schöpfung malenden, einfallsreichen, gütigen Künstler, der uns nicht im Stich lässt:

 

„Du hast einen herrlichen Himmel aufgespannt

und die Erde liebevoll in ihm eingebettet.

Du hast eine Sonne an den Himmel gemalt,

denn du wolltest, dass es warm wird

und wir nicht im Dunkeln bleiben.

Du hast viele Wolken getupft und gelacht,

wenn sie wie Gesichter aussahen.

Du hast Vögel in den Himmel geworfen,

und du hast dich mit ihnen über ihre Freiheit gefreut.

Du hast auch den Mond und die Sterne gemalt, denn du wolltest ja, dass wir auch die Nacht lieber Du hast über die Erde gestrichen

und im Streicheln deiner Hände Berge geformt.

Du hast Tausende von Farben erfunden

und sie mit satten Strichen über unser neues Zuhause gezogen.

Es war ein kunterbuntes Bild

mit unendlich vielen Tieren und Pflanzen,

und du wolltest, dass der Mensch auf das alles ein bisschen acht gibt,

obwohl schon damals bekannt war,

dass er eigentlich nicht sehr vertrauenswürdig ist.

Heute, Anfang des 21. Jahrhunderts, zweitausendundeins,

sitze ich auf einem Stein und denke daran,

wie du immer noch dasitzt und malst.

Wir lachen plötzlich beide,

und ich finde es gar nicht merkwürdig,

dass du jetzt auch noch neben mir stehst.“

 

Amen.

 

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein

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