Was ist unser Weg und unser Ziel?

Gottesdienstreihe

zum Leitbild unserer Gemeinde

„Gästen Heimat geben"

Liebe Freunde!

Wollen wir wirklich… „Gästen Heimat geben?“

 

Machen wir zuerst einmal Fragezeichen dahinter.

Denn das klingt so klar. Die Fronten sind geklärt, die Seiten ausgemacht:

Wir die Gastgeber sollen Gästen unserer Gemeinde Heimat geben.

Könnte man also auch sagen?

„Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause“

Aber wir sind sind doch keine Bausparkasse!

Und überhaupt.

Wäre so ein Programm der abgeklärten Fronten – hier die Gastgeber, da die Gäste, die Heimat finden sollen - nicht eher geeignet, dass Menschen schnell und eilig das Weite suchen? Wenn ich spüre: Mich will einer fangen, dann arbeiten meine Reflexe: Nix wie weg!

„Komm doch mal vorbei! Es ist ganz unverbindlich, du kannst einmal schauen.

Aber mach dich darauf gefasst: Ich will dir eine Heimat geben.“

Da kann einem schon beim Zuhören eng werden.

 

Gastfreundschaft. Gästen Heimat geben. Ja, aber es gibt das schöne Wort von der Gastfreiheit, gastfrei zu sein, bedeutet, den Gast frei zu geben: Er darf kommen und darf jederzeit wieder gehen. Er darf auch vor dem Dessert wieder gehen. Ich werde ihm nicht signalisieren, dass sein Verhalten unschicklich ist. Weil ich ihn dann zwinge und verliere.

Sie ahnen wie das ist, wenn Sie selbst Gast sind und ein Gang folgt auf den anderen und Sie möchten oder müssen gar nach Hause. Da kommt man in Nöte und in die Enge.

 

Geklärte Fronten, ausgemachte Seiten sind das Gefährlichste, was der Gastfreundschaft überhaupt passieren kann.

Gästen Heimat geben?

Wir müssen noch weiter fragen. Können wir das denn? Denn biblisch gesehen können wir gar keine Heimat bieten:

… wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern  die zukünftige suchen wir.

Hebr 13,14

So sagt der Hebräerbrief. Wir können noch so tolle Häuser bauen, privat oder in der Gemeinde. Die Gefahr ist: Diese Häuser verschleiern, dass wir auf Durchreise sind.

Ein Tag, der sagt’s dem anderen, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit.
O Ewigkeit so schöne, mein Herz an dich gewöhne: Mein Heim ist nicht in dieser Zeit.

 

Eine feste Heimat könnte binden und kleben lassen. Abraham wäre als Hausbesitzer nie und nimmer aus Ur in Chaldäa ins gelobte Land aufgebrochen. Die Geschichte Israels wäre mit einem Hausbesitzer schwerlich in Gang gekommen. Weil er ein Nomade war, mit leichten Zelten, machte er sich auf den Weg. Wir sind alle Durchreisende und gewähren anderen Durchreisenden Unterschlupf, für einen Tag oder eine Nacht oder länger.

 

Und noch ein letztes an unserem guten Leitwort macht mich auf den ersten Blick stutzig. „Gästen Heimat geben.“ Immer nur geben? Wer Gastfreundschaft geben will, muss auch Gastfreundschaft annehmen. Wer gibt, muss wissen, wie es sich anfühlt, zu nehmen. Gastfreundschaft ist keine Einbahnstraße, vielleicht bin ich es morgen, der Unterschlupf sucht. Wenn ich es gewähren kann, muss ich es selbst auch nehmen können. Gastfreundschaft ist ein Wechselspiel, das von beiden Seiten her gespielt werden muss.

 

Im vergangenen Jahrhundert sind viele Menschen – Frau Weißer hat uns noch einmal daran erinnert – aus festen, großen Häusern vertrieben worden, um später in Auffanglagern, kleinen Mietswohnungen zu landen. Die Flüchtlinge aus Pommern, Schlesien und dem Sudetenland. Haben sie Gastfreundschaft erlebt? Wir wähnen uns völlig sicher auf der einen Seite.

 

Der russische Romancier Fjodor Dostojewski hat gesagt:

„Es müsste so ein, dass jeder Mensch irgendwo hingehen könnte, denn es kommen Zeiten, da man sich unbedingt an jemanden wenden muss.“

 

Das Volk Israel wird immerzu ermahnt, mit Flüchtlingen und Fremden liebe- und würdevoll umzugehen:

Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der HERR, euer Gott.

3.Mose 19,34

 

Dass Gastfreundschaft keine Einbahnstraße, sondern ein Wechselspiel ist, wird deutlich wenn man in die Bibel hineinschaut, die in orientalischer Welt, voller Geschichten der Gastfreundschaft steckt.

Als der alte Abraham am Mamre-Hain mit seiner schon alten Frau Sarah drei Männer hinein bittet, die auf Wanderschaft sind, ahnt er nicht, was passieren wird. Er lädt die Männer ein, auf einen Bissen Brot zu bleiben – und schlachtet schnell das feinste Kalb und lässt es zubereiten. Doch dann wandelt sich das Bild. Die drei Männer, die Abraham so königlich bewirtet, sind Boten Gottes, sind Gott selbst, der Abraham besucht und die größere Gabe hat: Die Verheißung: Dein Leben verläuft nicht im Sand: Du wirst einen Sohn bekommen und ein großes Volk werden. Am Ende sind Abraham und Sarah reich beschenkt.

 

Die Geschichte von Jesus beginnt – das weiß jeder, der schon einmal ein Krippenspiel gesehen hat, mit der skandalösen Verweigerung der Gastfreundschaft: denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. Hinter diesen Worten verbirgt sich mehr als Flüchtlingselend. Es ist das große Geheimnis Gottes, dass er nicht als der große Gastgeber herkommt, der alle Menschen einlädt, sondern kommt als der Schutzlose, der Fremde, der Gast werden will, der Einlass braucht. „Gott besucht sein Volk!“, (Luk 7,16) so rufen die Menschen laut, als sie die Wunder von Jesus sehen! Gott hat die Sache umgedreht – er selbst kommt zu Besuch.

 

Viele Geschichten, die von Jesus erzählen, handeln in Häusern von Menschen, bei denen Jesus zu Gast war: Und bei was für Leuten: Bei gerechten Pharisäern, bei armen und reichen Leuten, bei Freunden, bei Skeptikern, bei Simon, dem Aussätzigen, und bei Zöllnern, wie Zachäus. „Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.“, ruft Jesus ihm zu, lädt sich selbst ein. Und im Haus kommt Jesus die Rolle des wirklichen Gastgebers zu: Der Eingeladene spricht die Einladung Gottes aus. Zachäus, der Betrüger fängt sein Leben neu an.

 

Oder gehen wir mit den Emmaus-Jüngern. Voller Sehnsucht laden sie den Fremden ein, der sie auf dem Weg begleitet hat: „Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden“: Dann geht der Fremde mit ihnen ins Haus. Und dieser Fremde, der Gast nimmt das Brot und bricht es wie ein Gastgeber und sie erkennen im Fremden Jesus, den Auferstandenen! Wer Jesus ins Haus lässt, den nimmt er ins Haus Gottes mit, in den Bereich seiner Liebe mit! Jesus, der Gast wird zum Gastgeber der Liebe Gottes!

 

Aber wie soll man heute Jesus aufnehmen? Jesus sagte am Ende seines Lebens zu seinen Freunden: Da wo ihr einen Fremden aufnehmt, einem Nackten Kleider gebt, einem Hungernden zu essen, einen Gefangenen besucht, da tut ihr all das Gute mir.

Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Mt 25, 40

Im Mittelalter, als die Mönchsbewegung erste Klöster baute, wusste man das noch:

Im Gast kommt Christus.

So steht es in der Regel, die Bendikt von Nursia aufgeschrieben hat und die wegweisend für die ganze Mönchsbewegung geworden ist. Und es passt zum ganzen Wechselspiel der Gastfreundschaft, zum Geben und Nehmen, dazu, dass wir alle keine Heimat zu bieten haben, sondern nur Unterschlupf für Durchreisende: Es ist nicht so, dass in der Gastfreundschaft, die die haben, geben und am Ende weniger haben, sondern sie werden reicher beschenkt, als sie sich vorstellen können. Im Gast kommt Christus. Der Gast ist nicht unser diakonisches oder missionarisches Ziel: In ihm kommt der Herr!

 

All das sollte man wissen, wenn man den Satz ins Leitbild einer Gemeinde schreibt:

Gästen Heimat geben.

 

Keine Einbahnstraße soll befahren werden, sondern ein Wechselspiel soll beginnen, bei dem der Gastgeber am Ende reicher beschenkt wird, als er meint.

Im Jesajabuch heißt es (Jesaja 58, 7+8):

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! … Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten.

Gastfreundschaft wirkt heilend! Nicht nur für die Gäste, sondern für die Gastgeber.

 

Aber was, tun, wenn der Gast nicht mehr geht? Gäste gehören doch nicht zur Familie! Es ist doch schön, wenn Gäste kommen, aber auch erholsam, wenn man irgendwann „Auf Wiedersehen“ sagen kann… Würde man meinen:

Ein afrikanisches Sprichwort sagt:

„Nach dem dritten Tag drücke deinem Gast eine Hacke in die Hand.“

Wer immer nur beschenkt wird, ist am Ende nur noch beschämt. Gäste, die bleiben sollen, muss man ins Leben nehmen. Lateinisch heißt einladen: „invitare“, englisch, to invite. In-vitare, da könnte man auch sagen: Ins Leben mit hineinnehmen. Gäste sollen gar nicht spüren, dass sie Gäste sind und irgendwie eine Last. Wenn sie bleiben sollen, müssen sie geben können und ein Wechselspiel wird beginnen, bei dem jeder beschenkt wird.

 

Nur so kann es sein, dass man „Gästen Heimat gibt.“. Wenn sie bald spüren, dass sie gar keine „Gäste“ im klassisches Sinne sind, sondern Menschen, die dazu gehören, die man beschenkt, und von denen man sich beschenken lässt. Wir möchten, dass Menschen in unserer Gemeinde der Liebe Gottes so begegnen, dass es Auswirkungen auf das ganze Leben hat. Aber das können wir nicht erzwingen. Gottes Liebe zwingt nicht. Gottes Liebe ehrt Menschen. Und Menschen ehrt man, wenn man sich von ihnen beschenken lässt. Das ist das Geheimnis von Gastfreundschaft als Wechselspiel. „Ehrung kommt vor Bekehrung.“.

 

In der Church of England hat man vor 10 Jahren eine Umfrage gemacht, bei Menschen, die aus der Distanz heraus, den Weg zur Gemeinde gefunden haben. Fast nie war es so, dass sie von den Glaubensinhalten überzeugt waren und dann zur Gemeinde gekommen sind. Fast immer war es so, dass die Gemeinde selbst anziehend war und sie spürten, sie gehören dazu, sie werden nicht abgecheckt und überprüft. Man hat das auf die prägnante Formel gebracht:

„belong and believe“

(Zuerst) dazu gehören und
(dann) zum Glauben finden.

Mir wird vertraut – deshalb kann ich neu vertrauen.

 

Das ist ein spannender Weg.

Lasst uns Gästen Heimat geben. Und auf dem Weg selbst immer wieder Gäste sein. Gäste unserer Gottes und Gäste anderer Menschen.

Amen.

 

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein

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