GoSpecial-Traisa Predigt im November 2003

Plötzlich und unerwartet?
Wie das
Nachdenken über den Tod lebendig machen kann.
16.11.2003
Ich kann
mir das eigentlich gar nicht richtig vorstellen, wie es ist, wenn man in 100
Meter Tiefe in engen, dunklen Schächten arbeitet und plötzlich schreit einer:
Wasser: Hier ist überall Wasser.
Und dann
flieht man irgendwie immer weiter, in der Hoffnung, eine Luftblase zu finden in
der das Wasser nicht so hoch steigen wird.
Und dann
weiß man nichts - tagelang, ob man sterben wird, ob man leben wird, ob man gehört
wird oder doch nicht.
So war es
beim Unglück in Lengede, als genau das 1963 in der westfälischen Kohlengrube
passierte. Tagelang suchte man, fand einige und andere vermisste man weiter und
gab auf. Man war schon bei der Trauerfeier, als ein kleiner Junge in die Kirche
rannte mit einem Zettel, auf dem die Zettel von weiteren 11 Überlebenden
standen. Man hatte nochmals Klopfzeichen gehört. Eine Suchbohrung hatte um
einige Meter ihr eigentliches Ziel verfehlt und so war man – aus Zufall –
aus purem Glück auf die Luftblase gestoßen, in die sich seit Tagen einige
Kumpels gerettet hatten und immer mehr mit ihrem Tod rechneten.
Die
Bergungsgeräte waren schon abgefahren und kamen zurück - so ein Glück! Das
„Wunder von Lengede“, sagte man dann. „Gott hat mitgebohrt“, so hieß es
damals.
Und die
Filmproduktion von SAT1, die am vergangenen Wochenende lief, hat sicher auch
deshalb so viele Zuschauer gehabt, weil sich die Geschichte in einem verfallenen
Bergwerksschacht in im russischen Nowoschachtinsk im Jahr 2003 fast genau
wiederholt hat.
In noch
viel größerer Tiefe hatte sich eine unterirdische Wasserblase geöffnet und
war in die Sohlen geflossen. Und wieder sprach man vom Wunder: Noch nach Tagen,
als viele die Hoffnung aufgaben, hörte man Klopfzeichen, war man nah dran,
konnte man noch 11 Kumpel retten.
Solche
Geschichten faszinieren uns. Solche Geschichten rühren uns zu Tränen. Weil in
die niederdrückende Kälte und Enge, weil in das undurchdringliche Dunkel und
Schweigen ein helles Signal dringt. Du kannst leben. Du sollst leben. Der Tod
hat dich noch nicht. Es gibt Hoffnung, es gibt da oben jemand, der an dich
denkt, der nicht weggeht.
Die
Bergleute in Russland sind jetzt zwar gerettet, aber arbeitslos, denn die Grube
in Nowoschachtinsk, in der es in den vergangenen Jahren immer wieder tödliche
Unfälle gegeben hatte, über die niemand berichtet hat, ist nach den Vorfällen
geschlossen worden.
Es gibt
tausende solche Schächte in Russland, China und der dritten Welt, wo Menschen
so arbeiten. Im unsäglichen Risiko, mit Uralttechnik, ohne Sicherheit. Den
Gedanken an das Risiko, an Tod, der überall lauert muss man verdrängen, sonst
kann man nicht leben.
Wir
schütteln darüber den Kopf – die Frage ist, ob wir nicht genau so leben.
Anders, aber doch genauso.
Wir
fahren mit 200 auf der Autobahn, in einer Hand das Handy, in der anderen die
Zigarette. Mein Auto hat doch ABS und Airbags. Was kann denn schon passieren?
Wir sind
im ganz normalen Streß mit E-Mail, Fax und Handy. Komm mal hier, schau mal
hier, schnell was essen, zum Munterwerden einen doppelten Espresso, zur
Entspannung ein Bier.
Und plötzlich
und unerwartet kommt der Tod?
Ehrlich?
Plötzlich und unerwartet?
Oder
denken wir nur nicht an ihn?
Es gibt
Menschen, die sterben wirklich plötzlich und unerwartet - mitten im Leben,
werden herausgerissen, Kinder und junge Menschen, deren Leben noch vor ihnen
lag. Schnelle und tückische Krankheiten, tragische Unfälle. Man muss sich hüten,
die Dinge über einen Kamm zu scheren.
Und doch:
Wir sagen oft „Plötzlich und unerwartet“, auch, wenn wir es doch ahnen und
wissen, dass der Tod kommen wird. In vielen Familien, in denen alte und kranke
Menschen leben, wird über den Tod nicht gesprochen, so dass man sich fragt, ob
das nicht schon abergläubische Züge hat: Will man den Tod etwa nicht
herbeireden? Oder will man dem Gespräch über Nachfolge und Erbe aus dem Weg
gehen? Will man es einfach nicht wahrhaben, was man vor Augen deutlich sieht?
Aber
nicht alle verdrängen diese Gedanken.
Es gibt
auch Menschen, die machen sich viele, sehr viele Gedanken über das Sterben und
den Tod.
Und viele
glauben, man müsse dabei zuerst die Frage beantworten, ob es ein Leben
nach dem Tod gibt oder nicht. Jetzt denkt jeder: Als Pfarrer bist du dafür,
aber woher willst du es denn wissen? Du warst doch auch noch auf der anderen
Seite. Ich sehe erst einmal und stelle fest:
Die einen
glauben, es kommt was hinterher und die anderen nicht. Beides kann sehr
respektabel sein.
Es gibt
Menschen, die reden offen vom Tod und glauben dass nichts hinterher kommt:
In Berlin
gibt es einen Friedhof der freireligiösen Gesellschaft aus dem 19. Jahrhundert.
Auf der Pforte steht das Sprichwort:
„macht
hier das Leben gut und schön,
kein
Jenseits gibt’s, kein Wiedersehen“
Kein
Jenseits, kein Wiedersehen? Das kann untröstlich klingen, wenn daraus Kraft erwächst,
das Leben hier gut und schön zu gestalten. Lassen wir es mal so stehen.
Es gibt
immer mehr Menschen, die glauben aber dass es ein Leben nach dem Tod gibt: Immer
größer wird die Bewegung weltweit, die sich mit der empirischen Erforschung
von Nahtod-Erfahrungen auseinandersetzt: Da sind Menschen dem Tode nahe und
treten gleichsam aus ihrem Körper heraus: Sehen sich auf dem Behandlungstisch
liegen und hören die Ärzte reden. Andere sehen ein helles Licht oder ihr Leben
im Zeitraffer-Tempo an sich vorüberziehen. Neulich sagte mir jemand: Mein Vater
hatte schon mal einen Herzinfarkt, da hat er schon die helle Wiese gesehen.
Das
Interessante dabei ist: Die meisten Menschen mit diesen Erfahrungen entwickeln
keine Todessehnsucht. Sie gehen danach anders und weiser ins Leben. Genießen es
und leben bewusster.
Viele
denken außerdem, man müsse jetzt auch vorher noch die Frage beantworten, ob
die Menschen denn eine unsterbliche Seele haben oder nicht. Man muss sich ja an
etwas festhalten.
Wenn man
diese Berichte über Nahtoderfahrungen hört, wenn einer seinen Körper von außen
sieht, dann fällt einem die klassische Aufteilung des Menschen in Leib und
Seele ein, die es seit dem griechischem Altertum gibt.
Der
Philosoph Plato hat gesagt: Der Leib und die Seele haben wenig bis gar nichts
miteinander zu tun. Der Mensch ist eigentlich Seele und nur zufällig in gerade
diesem Leib. Er sagt sogar: Der Leib ist Gefängnis der Seele.
Im
Mittelalter hat sich dieses Denken mit dem Christentum verbunden und die Lehre
von der unsterblichen Seele des Menschen war Jahrhunderte lang völlig
unbestritten: Beim Tod trennt sich Leib und Seele: Der Leib zerfällt, die Seele
kommt vor den himmlischen Richterstuhl. Und da brauchst du gute Karten, um nicht
in die Hölle zu kommen. Dann musst du besser an Gott glauben.
Menschen
dachten also immer wieder:
1.
Es gibt ein
Leben nach dem Tod.
2.
Es gibt eine
unsterbliche Seele.
3.
Es gibt ein
himmlisches Gericht.
Und dann
vermuteten sie: Es könnte nicht schaden, an Gott zu glauben, in der Kirche zu
sein, eine himmlische Überlebensversicherung zu haben. (Es lohnt sich übrigens
in den Film „Luther“ zu gehen, um zu sehen, wie sehr die Angst vor dem, was
nach dem Tod kommt, von der mittelalterlichen Kirche in bare Münze verwandelt
wurde.)
Wir müssen
das Gebilde umdrehen.
Die Bibel
denkt ganz anders über den Menschen, über Seele, Tod und Leben.
Die Bibel
sagt erstens:
Gott hat
dich und dein Leben geschaffen. Du bist Adam und Eva, Erdmann und Mutter des
Lebendigen. Das Leben in dir ist nicht eine unsterbliche Seele, sondern du
lebst, jeden Augenblick deines Lebens, weil Gott dir Leben schenkt. Gott schafft
und erhält dein Leben. Der Mensch, den Gott geschaffen hat, lebt, weil Gott ihm
Atem einhaucht. Und jeder Atemzug den ich tue, jede Sekunde, die ich lebe, ist
ein Geschenk von dem Gott, der mich lieb hat.
Der Psalm
104 weiß:
Wenn du Gott, den
Lebenshauch zurücknimmst,
kommen die Menschen um
und werden zu Staub.
Schickst du aufs neue
deinen Atem,
so entsteht wieder
Leben.
Ich lebe
nicht, weil in mir etwas Unsterbliches ist, sondern weil ich jeden einzelnen
Atemzug geschenkt bekomme. Das ist ein anderes Bild: Mein Leben ist nicht etwas
von Gott Abgelöstes, in mir tickt keine unsterbliche Seele, sondern ich lebe
nur, weil Gott mich keinen Augenblick lang vergisst. Meine Hoffnung ruht nicht
in mir, im göttlichen Kern oder Funken in mir – sondern, weil Gott mit jedem
Atemzug eine Beziehung zu mir aufnimmt und sich daran freut, dass es mich gibt.
Viele
glauben, die Bibel ist ein Lehrbuch mit dogmatischen Glaubenssätzen: 1. Leben
nach dem Tod; 2. Unsterbliche Seele; 3. Himmlisches Gericht.
Ich
glaube, das ist großer Unsinn:
Die Bibel
ist ein Beziehungsbuch – sie berichtet auf jeder Seite davon, wie Gott mit den
Menschen gute Beziehungen haben will, wie er liebt und sich nach Liebe sehnt.
Gott
kommt in Jesus und Jesus macht echte Beziehungsarbeit, freut sich an Gegenliebe,
hält es bitter aus, wenn Liebe nicht erwidert wird.
Es geht
Gott um gute Beziehungen, zu ihm, zu uns, unter uns, hier und heute in unserem
Leben. Jesus ist auf Wanderschaft gegangen hat mit Tausenden von Menschen
geredet, hat Hunderte besucht. Gott ist schon verrückt, er kann von uns
Menschen nicht genug bekommen. Und er hält es aus, wenn die Menschen sagen:
Ach, scher dich doch zum Teufel.
Und noch
da, wo Jesus von den Menschen zum Teufel geschickt wurde, wo er am Kreuz hängt
und elend verreckt, da knüpft er Beziehungen: Links und rechts von ihm hingen
zwei Verbrecher:
Beide
verlassen, von allen guten Geistern, von Freunden und Kumpanen auch. Elende
Strafe und Fluch nach einem elenden Leben. Nun hängen sie da und in der Mitte
der berühmte Rabbi Jesus. Auch kein Trost, im Gegenteil: Überall waren
Schaulustige da und sahen wie sie nackt und blutend am Kreuz hingen.
Einer
giftet Jesus an:
„Bist du denn nicht der versprochene Retter? Dann hilf dir
selbst und uns!“
Und der
andere antwortet:
„Nimmst du Gott immer noch nicht ernst? (…) Wir beide
leiden hier die Strafe, die wir verdient haben. Aber der da hat nichts Unrechtes
getan!“
Und zu
Jesus sagte er: „Denk an mich, Jesus, wenn du deine Herrschaft antrittst!“
Und dann
sagte Jesus:
„Du
wirst noch heute mit mir im Paradies sein.“
Für
diesen Mann hat in diesem Moment das Leben angefangen.
Auch wenn
er den Tod vor sich hat.
Jesus hat
nicht gesagt:
Morgen
lege ich ein gutes Wort für dich ein, du armer Wicht.
Er hat
nicht gesagt:
Morgen,
wenn du vor Gericht stehst, bin ich dein Anwalt,
sondern
sagt: Heute:
Es geht
Gott um unser heute.
Es geht
um unsere Beziehung zu ihm, zu uns und unter uns.
Es geht
darum, dass ich heute Leben habe, weil ich mit dem lebe, der mir Leben schenkt,
jeden Atemzug.
Und wenn
ich heute mit ihm lebe, dann auch morgen.
Wir müssen
das ganze Denkgebilde umdrehen.
Es gibt
nicht erstens die dogmatischen Sätze vom Leben nach dem Tod, der unsterblichen
Seele und dem Gericht und deshalb wäre es gut Beziehungen zu haben. Wir spüren:
Solche Beziehungen wären Connections, sie verfolgen nur eine Absicht, sind
nicht echt.
Es geht
Gott um echte und tragfähige Beziehungen. Die machen vor dem Tod nicht halt,
die halten Prüfsteine aus: Gott kennt mich, sieht mein Herz, heute und morgen
und in wenn ich einmal sterbe.
Heute
wirst du mit mir im Paradies sein.
Diese
Beziehung ist das Wesentliche, sie verfolgt nicht die Absicht, irgendwann mal im
Himmel zu sein.
Hier gibt
es wirklich noch viel zu tun. Und Gott braucht meinen Einsatz.
Das
Nachdenken über den Tod lähmt nicht, sondern macht lebendig, wenn ich das
Vertrauen entdecke in den Gott, der mich heute trägt.
Der wird
mich auch morgen tragen.
Eine Frau aus dem Vorbereitungsteam sagte bei einem Gespräch: Mein Vater sagte immer: Ein Christ stirbt nie "Plötzlich und unerwartet". Er weiß, dass sein Leben eine Zeit hat und dass der Tag kommt, an dem er oder sie geht. Dieser Mann fiel eines Tages am Frühstückstisch tot um. Herzversagen. Von jetzt auf gleich. Jeder würde sagen: Plötzlich und unerwartet.
Für diesen Mann war es "Geborgen und getragen".
Amen.
| © Evangelische Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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