Predigt am 4. 1. 2004; 2. Sonntag nach Weihnachten

1. Johannes 5,11-13

 

Liebe Gemeinde,

 

das neue Jahr liegt vor uns. Noch 360 Tage voller Leben. Aber was wollen wir eigentlich leben, was erleben? Es gibt Menschen', die haben den Kalender schon voll, den Urlaub schon gebucht, die wichtigsten Anforderungen stehen schon vor Augen ‑ aber ist das das Leben?

Was will ich leben?

Worauf kommt es an?

 

Wir hören den Predigttext aus dem 1. Johannesbrief:

 

1. Johannes 5, 11‑13

Gott hat uns ewiges Leben gegeben, und wir erhalten dieses Leben durch seinen Sohn.

12 Wer den Sohn Gottes hat, hat auch das Leben. Wer aber den Sohn nicht hat, hat auch das Leben nicht.

13 Ich habe euch diesen Brief geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, die ihr an den Namen des Sohnes Gottes glaubt.

 

Das Leben

Das ist ein Leben!

Das sagen wir, wenn wir das Leben genießen. Wenn wir am Ende eines langen Urlaubstages, an dem wir Sand und Sonne und Wellen miteinander genossen haben, noch da sitzen. Blick aufs Meer, ein guter Rotwein im Glas, Familie und Freunde sind dabei. So kann es immer sein. Das ist ein Leben.

 

Das ist doch kein Leben!

Das sagen wir, wenn das Schicksal Menschen um alles bringt. Wenn die Kinder aus dem Haus gegangen sind und sich nicht mehr kümmern, wenn man alt wird und keiner ist mehr da, wenn man einsam liegt und keiner ruft an, wenn man krank wird und Pflege braucht und man nur noch satt und sauber gehalten wird. So darf es doch nicht sein. Das ist doch kein Leben!

 

Was macht das Leben aus?

Gesundheit?

Freunde?

Familie?

Geld?

Ein gutes Auskommen?

Sicherheit?

Bildung?

Kultur und Kunst?

Gutes Essen und Trinken?

Reisen und ferne Länder?

Treue?

Glauben an Gott?

 

Was macht das Leben aus?

Was ist das Leben?

Mir kommt es manchmal vor wie ein komplizierter Bruch, den man, bevor man daran gehen kann, kürzen muss auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringen muss. Große aufgeblähte Nummern erweisen sich als Luftnummern, vieles was uns wichtig ist, erweist sich morgen als vergessen.

 

Was bleibt?

Was bleibt für sie, wenn Sie die Liste der Dinge, die das Leben ausmachen, noch einmal durchgehen? Was kann man kürzen, auf was kommt es wirklich an?

 

Ich kann reich sein und völlig einsam.

Ich kann gesund sein und in der Seele krank.

Ich kann kulturell gebildet sein und doch hält es kein Mensch mit mir aus.

 

Was ist das Leben?

Worauf kommt es an?

 

Der Prophet Jeremia schreibt:

Jeremia 51,17

Dumm steht da jeder Mensch, ohne Erkenntnis, beschämt jeder Goldschmied wegen des Götterbildes. Denn Lüge sind seine gegossenen Bilder. Leben haben sie nicht.

Es gibt Zeiten, da offenbart sich der Glanz als Blendwerk und es beschämt mich wirklich, um was für einen Käse ich mir Sorgen gemacht habe, während anderes, was mich hätte fordern sollen, unbeachtet an mir vorüber ging.

 

Was ist das Leben?

 

Ewiges Leben

Ich habe euch diesen Brief geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt,

das schreibt Johannes im Brief an seine Gemeinde.

 

Was ist das ewige Leben? Wir denken bei Ewigkeit einfach nur mathematisch an eine unendliche Verlängerung der Zeit. Ewigkeit hört halt nicht auf. Das ist biblisch gesehen aber viel zu wenig.

Ewiges Leben ‑ das kann ja nicht sein, dass unser Leben einfach nur verlängert wird! Da muss sich doch auch die Qualität des Lebens ändern, damit sich die Ewigkeit lohnt!

 

Wenn unser Leben gelingt, wenn es schön ist, dann gibt es Augenblicke für die Ewigkeit. So sagen wir dann. Momente, in denen uns das Glück wie ein warmer Schauer überkommt. Wenn man abends noch einmal ins Kinderzimmer schaut und die Helden des Tages friedlich schlafen sieht. Gesund sind sie ‑in Frieden zusammen sind wir.

 

Augenblicke für die Ewigkeit. Da möchten wir mit dem Dichter sagen: O, Augenblick verweile doch, du bist so schön.

 

Und dann spüren wir einerseits: Das können wir nicht. Es war doch nur ein Augenblick, der geht vorüber, aber andererseits wissen wir. Und wenn es eine Ewigkeit gibt, die diesen Namen verdient, dann ist sie nicht nur unendlich lang, sondern unendlich schön, gefüllt mit dem Reichtum des Lebens.

 

Gott hat uns ewiges Leben gegeben, und wir erhalten dieses Leben durch seinen Sohn. Wer den Sohn Gottes hat, hat auch das Leben. Wer aber den Sohn nicht hat, hat auch das Leben nicht.

 

Bei der Qualitätsbeschreibung unseres Lebens haben wir gespürt, wie sehr sich der komplizierte Bruch aus Schein und Wirklichkeit auf etwas kürzen lässt, das man ehrliche und tragfähige Beziehungen nennen kann. Um nichts anderes geht es Gott: Das ist das Wunder von Weihnachten, das Wunder der Menschwerdung, das Wunder der Erscheinung Gottes in unserem Leben:

 

Gott will zu uns und mit uns, mit dir und mir eine ehrliche und tragfähige Beziehung. Er will ‑ aus freien Stücken und ungezwungen ‑ ohne dich und mich nicht sein.

 

Wer den Sohn Gottes hat, hat auch das Leben.

 

Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

 

Die Geschichte vom 12‑jährigen Jesus zeigt uns, wie es in jedem Menschen eine Sehnsucht gibt, den komplizierten mathematischen Bruch des Lebens auf diese Frage hin zu kürzen: Was ist meine Beziehung zu Gott? Vertraue ich ihm, glaube ich, dass er mir genug schenkt? Weiß ich, dass ich mein Leben habe, weil ich ihn damit loben soll? Weil alles was ich bin, etwas ist, das er geschenkt hat?

 

Ewiges Leben haben?

 

Leben haben

Es ist eine merkwürdige Formulierung: Das Leben haben? Ich kann doch das Leben nicht haben, wie ich ein Kleid oder ein Auto habe, das ich irgendwann gekauft habe und wieder verkaufen oder wegwerfen werde?

 

Das Leben haben, kann ich nur, wenn ich das Leben lebe. Ich kann es nicht haben und im Tresor liegenlassen, da bekommt es keine Luft.

 

Ich kann das ewige Leben nicht haben, in dem ich meine, ich bin einmal getauft und konfirmiert worden und habe das ewige Leben jetzt, wie ich den Narbenring von der Schutzimpfung auf dem Arm habe.

Das ewige Leben haben, das ist auch kein Optionsschein, der für mich im himmlischen Safe liegt und wenn ich einmal sterbe, mir das Anrecht gibt, auf ein Leben danach.

 

Nein. Das ewige Leben haben, das heißt: Heute und jetzt das ewige Leben leben.

 

Und was ist das? Das Leben leben?

 

Das Leben leben ist Atmen. Mein Leben ist nie Stillstand: Ich kann einmal kurz den Atem anhalten, aber mein Blut fließt weiter, das Herz schlägt? Auch mein ewiges Leben, mein geistliches Leben ist nie im Stillstand. Die russischen Pilger haben einst das Herzensgebet entdeckt, das sich im Takt der Worte auf den Atem legt. Beim Einatmen: "Herr Jesus Christus", beim Ausatmen "Erbarme dich meiner‑. Und so dringt es in das Herz. Das ewige Leben leben, heißt Atmen.

 

Das Leben leben ist Stoffwec hs el. Das klingt vielleicht etwas ordinär, aber es gehört zum Leben, so sicher wie auch der Kaiser von Japan auf s Klo geht: Es gehört zum Leben, dass wir Essen und Trinken und auch wieder Ausscheiden und das der Körper sich aus dem Guten der Nahrung die Nährstoffe und Vitamine nimmt, die er braucht. So gesehen setzen wir unser ewiges Leben oft auf Diät ‑ und viele leben so, als würden sie das ganze Jahr über von den Weihnachtsplätzchen leben. Nein, unser Leben ist auch Stoffwec hs el und wir brauchen was zum Beißen!

 

Unser Leben leben heißt Tun! So wie wir beim Stoffwechsel vieles zu uns nehmen, was wieder den Darm verlässt, so tun wir in unserem Leben auf vieles, das sich hinterher als umsonst herausstellt. Und es gibt Enttäuschungen, auch wenn wir unser Leben in den Dienst von Gott stellen. Das führt Menschen dahin, dass sie das genau überlegen, wo und ob sie sich einbringen, und ob auch etwas für sie heraus springt. Ich glaube, dass das nicht geht. Das ewige Leben leben, heißt. Jetzt das tun, was Gott mir vor die Füße legt und ihm vertrauen, dass ein Schuh daraus wird. Und während wir es tun, werden wir beschenkt, mit viel mehr und anderem, als wir erträumen konnten.

Gott ist groß.

 

Amen.

 

 

 

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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