Predigt am Sonntag Okuli, 15.3.2004

 

Liebe Gemeinde,

gerade eben, im Glaubensbekenntnis haben wir es miteinander gesprochen: Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen...

Heilig, heilig, heilig? Dreimal haben wir das Wort, ohne mit der Wimper zu zucken, in den Mund genommen. Im Blick auf Gott leuchtet uns das, wenn wir darüber nachdenken, ja noch ein, aber würden wir das Wort heilig auch einfach auf uns anwenden? Beim Wort heilig fällt den meisten nur noch der „Heiligenschein“ ein, der über den Köpfen schwebt, und von da aus ist es nicht weit, von „Scheinheiligen“ zu sprechen.

Denn, das ist die Vermutung, die wir hegen: Je heiliger uns einer daherkommt, desto mehr, wird er zu verbergen haben. Je höher einer die Ansprüche an sich stellt und das nach außen hin dokumentiert, desto tiefer wird er fallen. Es ist beinahe so wie beim Hochsprung in der Leichtathletik: Je höher die Latte liegt, desto mehr Platz ist, bequem unten durch zu schleichen.

Welche Ansprüche hat Gott an unser Leben? Was erwarten wir von anderen? Was muten wir uns selbst zu?

Wir hören als Predigttext auf ein Wort aus dem Epheserbrief. Ein Lehrschreiben an die Gemeinde in dieser Hafenstadt Ephesus. Es legt hohe Maßstäbe an, aber hören Sie genau hin, woher die Kraft für das Leben kommt! Besonders am Anfang und am Ende!

 

Eph 5,1-8

 

Leben im Licht

1 Nehmt also Gott zum Vorbild! Ihr seid doch seine geliebten Kinder!

2 Euer ganzes Leben soll von der Liebe bestimmt sein. Denkt daran, wie Christus uns geliebt und sein Leben für uns gegeben hat, als eine Opfergabe, an der Gott Gefallen hatte.

3 Weil ihr Gottes heiliges Volk seid, schickt es sich nicht, dass bei euch von Unzucht, Ausschweifung und Habgier auch nur gesprochen wird.

4 Es passt auch nicht zu euch, gemeine, dumme oder schlüpfrige Reden zu führen. Benutzt eure Zunge lieber, um Gott zu danken!

5 Ihr müsst wissen: Wer Unzucht treibt, ein ausschweifendes Leben führt oder von Habgier erfüllt ist - und Habgier ist eine Form von Götzendienst -, für den ist kein Platz in der neuen Welt, in der Christus zusammen mit Gott herrschen wird.

6 Lasst euch nicht durch leeres Geschwätz verführen! Genau diese Dinge sind es, mit denen die Menschen, die Gott nicht gehorchen wollen, sich sein Strafgericht zuziehen.

7 Mit solchen Leuten dürft ihr nichts zu tun haben!

8 Auch ihr gehörtet einst zur Finsternis, ja, ihr wart selbst Finsternis, aber jetzt seid ihr Licht, weil ihr mit dem Herrn verbunden seid.

 

 

Das ist viel Holz auf einmal: Lassen Sie mich dazu drei Geschichten erzählen, die mir helfen, das richtig zu verstehen: Drei kleine Geschichten auf dem Weg zur Nachfolge!

Die erste Geschichte stammt von Martin Niemöller, dem leitenden Pfarrer der Bekennenden Kirche und dem ersten Kirchenpräsident der Ev. Kirche in Hessen und Nassau. Niemöller erzählte einmal:

„Mein vor 15 Jahren heimgegangener Vater hat uns, seine fünf Kinder, nicht mit moralischen Ratschlägen und Vorschriften großgezogen; er war ein dankbarer fröhlicher Christenmensch; er trank nicht, weil es ihm nicht schmeckte, und er rauchte, weil es ihm schmeckte. Als ich als Achtzehnjähriger das Elternhaus verließ, da gab er mir eine Weisung mit, und ich habe sie nie vergessen können; er sagte ganz schlicht: ‚Mein lieber Junge, freue dich an nichts, wofür du Gott nicht danken kannst!’ Und dieses Wort hilft mir noch heute zurecht.“

 

 

Soweit Martin Niemöller. Ich glaube, dass er uns mit dieser Geschichte einen wichtigen ersten Schlüssel mitgibt, wie wir unser Leben sortieren. Es geht nicht darum, alles wegzulassen, was uns Spaß und Freude macht, weil gerade das bestimmt Sünde ist, es geht nicht moralinsauer darum, das Leben zu reduzieren, sondern die Dankbarkeit ist der Schlüssel dafür, ob ich die Dinge aus Gottes Hand nehme oder nicht:

‚Mein lieber Junge, freue dich an nichts, wofür du Gott nicht danken kannst!’

Die Dankbarkeit wird hier zum Schlüssel dafür, die Dinge zu unterscheiden: Da tut sich eine ganze Welt auf, für die ich dankbar sein kann und andere Dinge werden mir fragwürdig. Da wird mein Leben reich, weil Gott mir viel schenkt und ich erkenne, dass mir andere Dinge nicht gut tun.

Das Wort aus dem Epheserbrief benennt zwei besonders kritische Bereiche unseres Lebens, die das deutlich machen: Unzucht und Habgier. Unser Umgang mit Sexualität und unser Umgang mit dem Geld. In beiden Dingen ist die Frage entscheidend: „Kann ich Gott für die Gaben einfach dankbar sein oder kommt mir der Dank ehrlicherweise nicht über die Lippen?“

Als wir über die Finanzierung unseres Umbaus nachdachten, fiel mir ein, dass vor einigen Jahren einer anderen Kirchengemeinde das Geld für ein ganzes Gemeindehaus als Geschenk angeboten wurde. Ein großartiges Geschenk: Das ganze hatte nur einen Haken, oder besser ein Hakenkreuz: Das Geld stammte von einer alten und betuchten Nazigröße aus dem Dorf und er bestand darauf, das von ihm gestiftete Gemeindehaus solle dann seinen Namen tragen. Die Kirchengemeinde hat das Geschenk abgelehnt. Dafür kann man schlechterdings dankbar sein.

Und beim Thema Sexualität fällt mir ein, dass wir in dieser Woche mit den Konfis über darüber gesprochen haben: Ich habe einige von euch gefragt: Wie viel Prozent der Geschichten auf dem Schulhof, die von großen und leidenschaftlichen Erlebnissen berichten, sind eigentlich erlogen: 80% habt ihr gesagt! Es wird viel lose geredet und BRAVO druckt immer wieder die verzweifelten Briefe von 15-jährigen Mädchen, die verunsichert sind, weil sie das Erste Mal noch vor sich haben. Wenn man dann etwas tut, was man gar nicht will, oder tut es nur um mitzuhalten oder mitzureden, dann kann man dafür nicht dankbar sein.

Dankbar bin ich nur, wenn mich ein Geschenk wirklich frei macht. Wenn die Freiheit auf der Strecke bleibt, dann ist das, was mir wie ein Geschenk vorkommt, eine Mogelpackung.

 

Die zweite Geschichte, die ich erzählen möchte, berichtet von dem, wofür Christen dankbar sein können und sollen.

Da erzählte mir einer:

„Ich traf vor wenigen Tagen eine Frau, die seit einigen Monaten verwitwet ist. Sie hatte vorher viele Jahre in einer auch nach außen hin glücklichen Ehe gelebt. Viele Freunde hatten sich Gedanken gemacht, wie sie den Abschied von ihrem Mann aushalten würde. Auch wir machten uns Sorgen. Aber als ich sie traf, wirkte sie eigentümlich gefasst und wie von einer inneren Freude erfüllt. „Mir geht es sehr gut“, sagte sie, „es ist, als ob ich einen Vorrat an Liebe bekommen hätte in den langen Jahren unserer Ehe. Von dem zehre ich jetzt.“

 

Als geliebte Menschen zur Liebe finden! Im Brief an die Epheser sind die ganzen harten Mahnungen, in denen die es um Habgier und Unzucht geht, von einer Klammer umschlossen.

1 Nehmt also Gott zum Vorbild! Ihr seid doch seine geliebten Kinder!

2 Euer ganzes Leben soll von der Liebe bestimmt sein. Denkt daran, wie Christus uns geliebt und sein Leben für uns gegeben hat

So heißt es am Anfang! Und am Ende:

8 Auch ihr gehörtet einst zur Finsternis, ja, ihr wart selbst Finsternis, aber jetzt seid ihr Licht, weil ihr mit dem Herrn verbunden seid.

Am Anfang und am Ende steht die Zusage der Liebe. Und die Dankbarkeit für die geschenkte Liebe ist der Schlüssel zu einem veränderten Leben. Christen leben nicht anders, um sich diese Liebe noch zu verdienen. Sie versuchen nicht so heilig, wie möglich zu sein, um möglichst viel von dieser Liebe abzubekommen. Nein, diese Liebe geht voraus und nur als geliebte Kinder kann unser Leben von der Liebe bestimmt sein.

Diese Liebe geht uns noch dann nach, wenn Schwierigkeiten und Trauer nach uns greifen. Dann geht es uns so wie dieser Witwe in der Geschichte.

 

Und trotzdem – die Frage bleibt: Sind wir die heilige christliche Kirche, sind wir die Gemeinschaft der Heiligen? Wenn wir das von uns selbst sagen wollten, dann würde man sicher eine Liste von Punkten zusammentragen, warum das nur ein dünner Lack wäre, der ganz und gar nicht glänzen kann.

Die Frage bleibt: Wie gehen wir mit Menschen in der Gemeinde, in der Mitarbeiterschaft um, deren Leben auf schiefe Bahnen kommt? Die ohne Verantwortung und Liebe mit ihren Ehepartnern umgehen, deren Lebensstil sich nur nach dem Haben und nicht nach dem Sein ausrichtet?

Stellen wir solche Menschen öffentlich bloß? Lassen wir still und heimlich den Kontakt abreißen? Stellen wir solche Menschen zur Rede?

 

Kennen Sie die Wüstenväter? Das waren die Mönche der ersten Stunde. Sie lebten allein oder in kleinen Gemeinschaften und wollten ganz intensiv Christsein leben. Ganz für Gott da sein, nur mit ihm leben: Familie und Eigentum soll nichts gelten, nur das Leben mit Gott.

Aber so einfach war das gar nicht. Die ganze Welt mit ihrer Schönheit und ihrem Glanz und besonders die weibliche Schönheit lockte und machte den Wüstenvätern ganz schön zu schaffen.

 

Es gibt viele kleine Anekdoten und Begebenheiten aus deren Leben: Einige sind in Büchern gesammelt worden. Eine davon erzähle ich jetzt:

"Der Altvater Ammonas kam einmal irgendwohin, um zu essen. Dort befand sich auch ein Mönch, der einen schlechten Ruf hatte. Es begab sich aber, dass eine Frau daherkam und in die Zelle des Bruders mit dem üblen Ruf ging. Als die Bewohner des Ortes das erfuhren, gerieten sie in Aufregung und taten sich zusammen, um ihn aus seiner Zelle zu vertreiben.

Als sie erfuhren, dass der Bischof, der Altvater Ammonas am Orte sei, gingen sie zu ihm und forderten ihn auf, mit ihnen zu kommen: Als der Bruder das merkte, nahm er die Frau und verbarg sie in einem großen Fass. Wie nun die Menge eintraf, da wusste der Altvater Ammonas bereits, was vorgefallen war, doch um Gottes Willen verdeckte er die Sache. Er trat ein, setzte sich auf das Fass und ordnete eine Untersuchung an. Aber obwohl sie sorglich suchten, fanden sie das Weib nicht. Da sagte der Altvater Ammonas: Was ist das? Gott soll euch vergeben, dass ihr den Bruder verleumdet habt: Er ließ ein Gebet verrichten, dann nahm er den Bruder bei der Hand und ermahnte ihn: »Gib auf dich acht, Bruder« Nach diesen Worten ging er weg.“

 

Von außen könnte man den Anschein haben, dieser Mönchsvater spielt mit beim unsauberen Spiel: Husch ins Körbchen und das Mäntelchen der Unschuld darüber werfen. Aber ich nehme an, die Geschichte ist so noch nicht zu Ende, denn die Frau sitzt ja noch im Fass. Nein, im Ernst: Die Konsequenz dieser Geschichte kann nur heißen, dass dieser Mönch seinen Lebensstil ändert: Entweder Mönch bleibt oder Mann dieser Frau wird. Ein verlogenes Spiel kann man nicht gewinnen.

Aber, was mich an dieser Geschichte beeindruckt, ist der Stil, den der Altvater wählt. Es ist ein Unterschied, ob eine Sache ins geifernde Licht der Öffentlichkeit kommt oder ins heilende Licht Gottes. Die Menschen zerreißen sich das Maul und eilen zur nächsten Sensationsschuld. Gott zerreißt sein Herz und erbarmt sich voller Liebe über Menschen, die sagen: Ich habe es gewollt, aber nicht geschafft.

Der Altvater hat gespürt: Dieser Bruder braucht nun einen Schutzraum, um sein Leben zu klären. Und wir brauchen eine neue Qualität unseres Miteinanderredens. Nicht nur der Pfarrer ist Seelsorger. Viele Menschen in der Gemeinde haben diese Gabe und die kann man schulen. Man spürt das ja: Es gibt Menschen, denen kann man vertrauen, denen kann man sich anvertrauen und weiß: Was ich zu sagen habe, ist gut aufgehoben. Dieser Bruder, diese Schwester bringt meine Not in das Licht Gottes. Ich wünsche uns – auch in unserer Gemeinde – einen guten Stil vertrauenswürdigen, seelsorglichen Redens.

 

Was Gott in unserem Leben mit uns vorhat, ist die „Heiligung“ unseres Lebens. Das haben die Alten Reformatoren so genannt und damit richtig begriffen, dass wir nicht mit einem Mal „Heilige“ werden, sondern unser Leben, solange wir leben ein Weg ist zum Ziel. Heiligung heißt dann eben nicht, den Heiligenschein polieren, sondern an den Wurzeln und Sehnsüchten meines Lebens arbeiten: In Dankbarkeit das Geschenk der Liebe Gottes empfangen. Verstehen und begreifen, dass ich Gott das Glück meines Lebens nicht aus der Hand reißen muss, sondern, dass er gibt.

Amen.

 

Mit dankbarem Verweis auf die Predigtmeditation von Dr. Ratzmann GPM z.St.

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
Zur Homepage
Kommentare erwünscht !