Predigt
Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
ich wollte heute in dieser Predigt, auch anlässlich Ihrer goldenen
Konfirmation über das Thema „Lebensbahn“ reden. Einer von Ihnen hatte sich
das gewünscht, dass wir das heute singen: „Jesu geh voran, auf der
Lebensbahn!“. Doch gerade als ich mit dem Schreiben anfangen wollte, kam die
Eil-Meldung aus dem Internet auf den Bildschirm: „ICE-in Südbaden
entgleist“ – mir stockte der Atem. Die Bilder von Eschede hatte ich noch gut
vor Augen: Die ineinander verkeilten Waggons, die vielen Toten und Verletzten,
die Helfer, die weit über die Grenze der körperlichen und seelischen Kraft
alles tun, um noch Leben zu retten. Bitte nicht schon wieder!
Dann kam die Meldung, dass der Traktorfahrer, dessen Traktor, vom
Weinberg auf die Gleise gerutscht war, zwar schwer verletzt sei, sonst aber
niemand getötet worden sei.
Etwas später die Nachricht, der entgleiste ICE habe noch die beiden
letzten Wagen eines gerade entgegenkommenden ICE gestreift! Und das vor einem
Tunnel! Nicht auszumalen, was passiert wäre
– mit ein paar Minuten oder ein paar Zentimetern Veränderung der
Situation. Gott sei Dank!
Geh voran auf der Lebensbahn.
Das Leben ist gefährlich und mehr als einmal ist unsere Lebensbahn eine
Überlebensbahn gewesen. Denn das
andere gibt es ja auch: Mehr als die Bilder von Eschede waren ja die Bilder der
Züge von Madrid in unseren Augen und Herzen – wo menschliche Gewalt so brutal
gewütet hat. Und die Bombe auf der Strecke Madrid Toledo, die gestern gefunden
wurde zeigt noch einmal mehr: Das Leben ist
gefährlich!
So ist man – vielleicht gerade an so einem Tag der Goldenen
Konfirmation – einfach nur dankbar dafür, dass man am Leben ist und Freunde
hat, mit denen man unterwegs war und ist. Was für ein Geschenk.
Geh voran auf der Lebensbahn.
Ich habe mich gefragt: Wie sah und sieht denn Ihre Lebensbahn aus? Ich
biete Ihnen einmal drei verschiedene „Bahnen“ an: Mal sehen, ob Ihre
Lebensbahn dabei ist:
Ist Ihre Lebensbahn eher eine...
Bummelbahn?
Auf der Insel Rügen gibt es eine Schmalspurbahn, die von Bergen nach Göhren
fährt, die hat nur einen schnellen Namen: Sie heißt „Rasender Roland“,
aber ein gut trainierter Radler hält locker mit. So, und nicht ICE- oder
TGV-rekordverdächtig verläuft das Leben vieler Menschen. Immer im gleichen
engen Gleis, immer die gleichen Stationen. Beschaulich und gemütlich, so wie es
immer war. Meine Lebensbahn eine Bummelbahn?
Mein Mann, meine Frau, die Kinder, die groß. Alles im Lot. Wir sind
zufrieden. Gut, wenn das so geht. Aber geht das so? Nicht nur, dass die Zeiten
das heute kaum noch zulassen, dass wir so leben. Internet und Globalisierung,
Shareholder-Value und die Siemens-Arbeitsplätze, die gerade nach Ungarn
wandern, verhindern diese Sicht der Dinge. Wer sich wünscht, dass die
Lebensbahn eine Bummelbahn ist, der übersieht, dass selbst die Lokomotive des
„Rasenden Roland“ unter Dampf stehen muss, um voran zu kommen.
Meine Lebensbahn eine Bummelbahn? Bei vielen Menschen habe ich den
Eindruck, das ist nur ein Wunsch. In Wirklichkeit ist einfach nur der Dampf raus
und es geht immer langsamer. Die Lokomotive des Willens treibt noch an, aber in
irgendeinem Waggon meiner Lebensbahn hat einer die Notbremse gezogen und ich weiß
nicht wo. An irgendeinem Bypass-Überdruckventil verliere ich meine Lebenskraft,
aber wie komme ich weiter?
Mein Leben muss kein Hochgeschwindigkeitszug sein, aber wie bekomme ich
Kraft, weiterzukommen?
Lebensbahn eine Bummelbahn?
Bei immer mehr Menschen hat man eher den Eindruck, das Leben ist eine...
Achterbahn!
Da gibt es einen verrückten Streit, darüber, welcher Freizeitpark in
Deutschland die schnellste und gefährlichste Achterbahn hat: Der Holidaypark in
Hassloch mit der „Expedition GE-Force“ oder der Europapark in Rust mit der
Silverstar-Bahn? Mir ist das ziemlich egal.
Aber für viele Menschen ist das
Leben wie eine Achterbahn. Heute mehr als früher: Man lebt im ständigen
Vergleich: Wer kommt schneller weiter, wer schafft es höher hinaus, wer kann
den anderen an Höhe und Geschwindigkeit noch übertrumpfen? Das alles wird zum
beinharten Konkurrenzkampf: Die Zeiten der Vollbeschäftigung sind längst
vorbei. Bei diesem Lebensbahnwettbewerb geht es nicht immer nur bergauf, sondern
auch rapide bergab.
Auch viele Menschen, die studiert haben und tolle Jobs hatten, geben
sich heute ganz bescheiden.
Die Werbung, mit der die Sparkasse noch vor Jahren Schlagzeilen machte,
in der die beiden jungen Männer sich treffen und die Trumpfkarten ihres Lebens
auf den Tisch knallen, „Mein Haus, mein Boot, mein Pferd...“ ist irgendwie
aus einer vergangenen Zeit.
Fast jeder hat heute den Eindruck: So kann es nicht gehen: Auch eine
Achterbahn muss den Gesetzen der Physik folgen. Und selbst der härteste
Stahlbeton kann Risse bekommen. Leben im ständigen Vergleich lässt mich aus
der Kurve fliegen!
Lebensbahn als Achterbahn? Dann doch lieber Bummelbahn? Es muss doch
einen Weg dazwischen geben. Aber auf der Suche nach diesem Weg, kommen sich
viele mittlerweile vor wie auf einer...
Schlittschuhbahn
Ist das Leben beschauliche Bummelbahn oder nervenaufreibende Achterbahn?
Es muss doch was dazwischen geben. Doch auf der Suche danach kommen viele ins
Schlittern und es ist, als ob sie aufs Eis geraten sind.
Ich selbst kann nicht Schlittschuh fahren und gehe lieber mit den
Schuhen auf das Eis – und immer dann merke ich: Das geht auch nicht. Ich bräuchte
schon die Kufen, um Halt zu bekommen, sonst gerate ich aus dem Tritt. Ich bräuchte
die scharfen Kanten, damit ich in den Kurven einen Halt habe.
Vielleicht ist das Leben weder Bummelbahn, noch Achterbahn, eher eine
Schlittschuhbahn und die Frage ist: Kann ich das? Habe ich einen Halt auf dem
Eis?
Da gibt es Menschen, die haben schon viel erlebt: Krankheiten haben sie
durchgebeutelt und Schicksalsschläge haben sie kalt erwischt, aber man hat das
Gefühl: Sie haben die Kufen fest auf dem Eis.
Und andere, die scheinen so sicher zu gehen, doch wenn sie der erste
anstößt, merken sie, dass sie eher mit der Leder- als mit der Gummisohle auf
das Eis gegangen sind. Und sie straucheln und fallen hin.
Viele von Ihnen haben den Psalm 23 einmal auswendig gelernt: „Und ob
ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du
bist bei mir.“
Haben Sie das erfahren und gespürt in ihrem Leben, dass diese vier
Worte gut geschliffene Kufen sind, um auf der Schlittschuhbahn des Lebens nicht
wegzurutschen, sondern voranzukommen? Du
bist bei mir!
Und?
Wie ist ihre Lebensbahn? Wie ist sie gewesen? Wie ist sie geworden?
Schlittschuhbahn? Hatten Sie dieses Halt der Kufen auf dem Eis? Dieses
Wissen: Du bist bei mir?
Achterbahn? Turbulente Zeiten gab und gibt es gewiß? Kennen wir den,
der uns in den Kurven hält?
Bummelbahn? Gut, wenn Ruhe in meinem Leben ist; aber ohne Dampf und
Kraft kommt auch eine Bummelbahn nicht vorwärts. Wer treibt mich an?
Das Segenswort, das Ihnen, liebe goldenen Konfirmanden vor 50 Jahren und
uns allen zu anderen Zeiten zugesprochen wurde, sollte solch eine Zusage sein.
Gott will dich im Leben begleiten – Jesus geh voran, auf der
Lebensbahn. Und damals wie heute war es der Palmsonntag, bei ihnen. Der Tag, der
uns daran erinnert, dass Jesus Christus damit ernst gemacht hat, bei uns zu
sein.
Er zieht in Jerusalem ein. Er lässt sich bejubeln und weiß doch, dass
er 5 Tage später hören wird: „Kreuzigt ihn“. Er ist voller Liebe und
kreuzt und durchkreuzt doch unsere Pläne. Er ist ein Trost, und ist doch mehr
als das Trostkärtchen, das an der Wand hängt. Bei ihm kommt von nirgendwo ein
Lichtlein her, denn er ist das Licht.
Einer von ihnen hat sich dieses Lied gewünscht, das wir nun singen:
Schlagen Sie es einmal auf, das Lied 391.
Jesu geh voran auf der Lebensbahn. Aber – Hand aufs Herz: Habe ich ihn
denn wirklich vorangehen lassen in meinem Leben, in meinen Entscheidungen? War
dieser Jesus Christus die Kompassnadel meines Lebens, die zeigt wohin es geht,
oder nur der Notnagel, wenn nichts mehr geht?
Wir
wollen nicht verweilen, dir getreulich nachzueilen? Frage ich in meinem Leben danach? Wohin soll ich gehen? Was hast du mit
meinem Leben vor?
Und dann heißt es im zweiten Vers: Und
auch in den schwersten Tagen niemals über Lasten klagen Ich weiß nicht, ob
man das so sagen kann. Wir dürfen
Gott alles sagen und ihm alles klagen, aber er hat auch immer einen Weg darin.
Es gibt Menschen, die klagen und fahren sich fest, wie ein Auto im Sand und
kommen nicht mehr auf die Bahn.
Und in Vers drei heißt es: Kümmert
uns ein fremdes Leiden. Mensch, mein Gott ist nicht nur für mich und meine
Lieben da? Wie weit reicht mein Blick? Für wen habe ich ein liebevolles Herz?
Und dann: Ordne unsern Gang!
Das wünsche ich mir und ihnen. Dass wir Jesus als den erleben, der Struktur und
Klarheit in unser Leben bringt. Manchmal sehen wir nichts.
Führst
du uns durch rauhe Wege, gib uns auch die nöt'ge Pflege; Jesus Christus als den zu erleben, der
„pfleglich“ sorgsam, liebevoll mit mir umgeht, das wäre wirklich gut.
In Jesus Christus, so erzählt dieses Lied, kommt Gott ganz nah zu uns.
Seine Lebensbahn kreuzt und durchkreuzt unsere Lebensbahnen. Sein Segen ist
nicht aus der Höhe des Himmels herunter gesprochen. Nein in Jesus lässt es
Gott sich nehmen, sich zu uns zu bücken, unsere Last zu schultern und dabei
unsere Liebe zu suchen.
Vielleicht geben Sie mir recht: Es gehört zu den glücklichsten
Erfahrungen des Lebens, wenn sich jemand da, wo ich hingefallen bin, zu mir
aufgemacht hat, sich gebückt hat, zu mir heruntergekommen ist – nicht nur
gerufen hat, auf komm doch, sondern mir die Hand hingehalten hat.
Gott ist sich für meine Lebensbahn nicht so schade – und wenn es noch
so viele Momente in meinem Leben gibt, wo ich sagen muss: Dass ich in dem
Schlamassel stecke, das ist doch nur meine Schuld. Selbst da gilt es. Wenn ich
das Leben von Jesus anschaue, dann entdecke ich an keiner Stelle Häme: An
keiner Stelle: Na ist doch klar, dass die im Dreck stecken, so wie die leben.
Nein, Gott kennt keine Häme – er führt mich weiter:
Was habe ich mit meinem Leben – denn jetzt noch vor – was sind meine
Wünsche und Träume, wo will ich hin? Mein Leben soll keine langweilige
Bummelbahn sein, es muss keine allen Vergleich sprengende Achterbahn sein und es
wird keine rutschige Schlittschuhbahn sein. Gott selbst kreuzt mein Lebensbahn.
Das wünsche ich Ihnen, dass Sie sich das jetzt oder jetzt neu fragen.
„Gott, was hast du mit meinem Leben vor?“ Ich habe so viel empfangen, wie
kann ich dir danken? Führ mein Leben aus der Enge, zeig mir, das was ich tun
kann.
Wo Sie auch leben, hier in Traisa oder ganz woanders: Es gibt einen
Platz, an dem Sie Gott braucht, ganz neu braucht – mit ihren Gaben und Kräften,
mit Ihren Ideen und Visionen. Da muss ich nicht Udo Jürgens zitieren, der schon
Recht hat, dass mit 66 das Leben anfangen kann, nein meine und deine Lebensbahn
hat mit Christus immer einen neuen Anfang.
Amen.
| © Evangelische
Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
Zur Homepage Kommentare erwünscht ! |