Predigt bei der Goldenen Konfirmation 2004
zum Thema "Lebensbahn" EG 391

Predigt

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,

ich wollte heute in dieser Predigt, auch anlässlich Ihrer goldenen Konfirmation über das Thema „Lebensbahn“ reden. Einer von Ihnen hatte sich das gewünscht, dass wir das heute singen: „Jesu geh voran, auf der Lebensbahn!“. Doch gerade als ich mit dem Schreiben anfangen wollte, kam die Eil-Meldung aus dem Internet auf den Bildschirm: „ICE-in Südbaden entgleist“ – mir stockte der Atem. Die Bilder von Eschede hatte ich noch gut vor Augen: Die ineinander verkeilten Waggons, die vielen Toten und Verletzten, die Helfer, die weit über die Grenze der körperlichen und seelischen Kraft alles tun, um noch Leben zu retten. Bitte nicht schon wieder!

Dann kam die Meldung, dass der Traktorfahrer, dessen Traktor, vom Weinberg auf die Gleise gerutscht war, zwar schwer verletzt sei, sonst aber niemand getötet worden sei.

Etwas später die Nachricht, der entgleiste ICE habe noch die beiden letzten Wagen eines gerade entgegenkommenden ICE gestreift! Und das vor einem Tunnel! Nicht auszumalen, was passiert wäre – mit ein paar Minuten oder ein paar Zentimetern Veränderung der Situation. Gott sei Dank!

Geh voran auf der Lebensbahn.

Das Leben ist gefährlich und mehr als einmal ist unsere Lebensbahn eine Überlebensbahn gewesen. Denn das andere gibt es ja auch: Mehr als die Bilder von Eschede waren ja die Bilder der Züge von Madrid in unseren Augen und Herzen – wo menschliche Gewalt so brutal gewütet hat. Und die Bombe auf der Strecke Madrid Toledo, die gestern gefunden wurde zeigt noch einmal mehr: Das Leben ist gefährlich!

So ist man – vielleicht gerade an so einem Tag der Goldenen Konfirmation – einfach nur dankbar dafür, dass man am Leben ist und Freunde hat, mit denen man unterwegs war und ist. Was für ein Geschenk.

 

Geh voran auf der Lebensbahn.

Ich habe mich gefragt: Wie sah und sieht denn Ihre Lebensbahn aus? Ich biete Ihnen einmal drei verschiedene „Bahnen“ an: Mal sehen, ob Ihre Lebensbahn dabei ist:

 

Ist Ihre Lebensbahn eher eine...

Bummelbahn?

Auf der Insel Rügen gibt es eine Schmalspurbahn, die von Bergen nach Göhren fährt, die hat nur einen schnellen Namen: Sie heißt „Rasender Roland“, aber ein gut trainierter Radler hält locker mit. So, und nicht ICE- oder TGV-rekordverdächtig verläuft das Leben vieler Menschen. Immer im gleichen engen Gleis, immer die gleichen Stationen. Beschaulich und gemütlich, so wie es immer war. Meine Lebensbahn eine Bummelbahn?

Mein Mann, meine Frau, die Kinder, die groß. Alles im Lot. Wir sind zufrieden. Gut, wenn das so geht. Aber geht das so? Nicht nur, dass die Zeiten das heute kaum noch zulassen, dass wir so leben. Internet und Globalisierung, Shareholder-Value und die Siemens-Arbeitsplätze, die gerade nach Ungarn wandern, verhindern diese Sicht der Dinge. Wer sich wünscht, dass die Lebensbahn eine Bummelbahn ist, der übersieht, dass selbst die Lokomotive des „Rasenden Roland“ unter Dampf stehen muss, um voran zu kommen.

Meine Lebensbahn eine Bummelbahn? Bei vielen Menschen habe ich den Eindruck, das ist nur ein Wunsch. In Wirklichkeit ist einfach nur der Dampf raus und es geht immer langsamer. Die Lokomotive des Willens treibt noch an, aber in irgendeinem Waggon meiner Lebensbahn hat einer die Notbremse gezogen und ich weiß nicht wo. An irgendeinem Bypass-Überdruckventil verliere ich meine Lebenskraft, aber wie komme ich weiter?

Mein Leben muss kein Hochgeschwindigkeitszug sein, aber wie bekomme ich Kraft, weiterzukommen?

Lebensbahn eine Bummelbahn?

 

Bei immer mehr Menschen hat man eher den Eindruck, das Leben ist eine...

Achterbahn!

Da gibt es einen verrückten Streit, darüber, welcher Freizeitpark in Deutschland die schnellste und gefährlichste Achterbahn hat: Der Holidaypark in Hassloch mit der „Expedition GE-Force“ oder der Europapark in Rust mit der Silverstar-Bahn? Mir ist das ziemlich egal.

Aber für viele Menschen ist das Leben wie eine Achterbahn. Heute mehr als früher: Man lebt im ständigen Vergleich: Wer kommt schneller weiter, wer schafft es höher hinaus, wer kann den anderen an Höhe und Geschwindigkeit noch übertrumpfen? Das alles wird zum beinharten Konkurrenzkampf: Die Zeiten der Vollbeschäftigung sind längst vorbei. Bei diesem Lebensbahnwettbewerb geht es nicht immer nur bergauf, sondern auch rapide bergab.

Auch viele Menschen, die studiert haben und tolle Jobs hatten, geben sich heute ganz bescheiden.

Die Werbung, mit der die Sparkasse noch vor Jahren Schlagzeilen machte, in der die beiden jungen Männer sich treffen und die Trumpfkarten ihres Lebens auf den Tisch knallen, „Mein Haus, mein Boot, mein Pferd...“ ist irgendwie aus einer vergangenen Zeit.

Fast jeder hat heute den Eindruck: So kann es nicht gehen: Auch eine Achterbahn muss den Gesetzen der Physik folgen. Und selbst der härteste Stahlbeton kann Risse bekommen. Leben im ständigen Vergleich lässt mich aus der Kurve fliegen!

 

Lebensbahn als Achterbahn? Dann doch lieber Bummelbahn? Es muss doch einen Weg dazwischen geben. Aber auf der Suche nach diesem Weg, kommen sich viele mittlerweile vor wie auf einer...

 

Schlittschuhbahn

Ist das Leben beschauliche Bummelbahn oder nervenaufreibende Achterbahn? Es muss doch was dazwischen geben. Doch auf der Suche danach kommen viele ins Schlittern und es ist, als ob sie aufs Eis geraten sind.

Ich selbst kann nicht Schlittschuh fahren und gehe lieber mit den Schuhen auf das Eis – und immer dann merke ich: Das geht auch nicht. Ich bräuchte schon die Kufen, um Halt zu bekommen, sonst gerate ich aus dem Tritt. Ich bräuchte die scharfen Kanten, damit ich in den Kurven einen Halt habe.

Vielleicht ist das Leben weder Bummelbahn, noch Achterbahn, eher eine Schlittschuhbahn und die Frage ist: Kann ich das? Habe ich einen Halt auf dem Eis?

 

Da gibt es Menschen, die haben schon viel erlebt: Krankheiten haben sie durchgebeutelt und Schicksalsschläge haben sie kalt erwischt, aber man hat das Gefühl: Sie haben die Kufen fest auf dem Eis.

Und andere, die scheinen so sicher zu gehen, doch wenn sie der erste anstößt, merken sie, dass sie eher mit der Leder- als mit der Gummisohle auf das Eis gegangen sind. Und sie straucheln und fallen hin.

Viele von Ihnen haben den Psalm 23 einmal auswendig gelernt: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.“

Haben Sie das erfahren und gespürt in ihrem Leben, dass diese vier Worte gut geschliffene Kufen sind, um auf der Schlittschuhbahn des Lebens nicht wegzurutschen, sondern voranzukommen? Du bist bei mir!

 

Und?

Wie ist ihre Lebensbahn? Wie ist sie gewesen? Wie ist sie geworden?

Schlittschuhbahn? Hatten Sie dieses Halt der Kufen auf dem Eis? Dieses Wissen: Du bist bei mir?

Achterbahn? Turbulente Zeiten gab und gibt es gewiß? Kennen wir den, der uns in den Kurven hält?

Bummelbahn? Gut, wenn Ruhe in meinem Leben ist; aber ohne Dampf und Kraft kommt auch eine Bummelbahn nicht vorwärts. Wer treibt mich an?

 

Das Segenswort, das Ihnen, liebe goldenen Konfirmanden vor 50 Jahren und uns allen zu anderen Zeiten zugesprochen wurde, sollte solch eine Zusage sein.

Gott will dich im Leben begleiten – Jesus geh voran, auf der Lebensbahn. Und damals wie heute war es der Palmsonntag, bei ihnen. Der Tag, der uns daran erinnert, dass Jesus Christus damit ernst gemacht hat, bei uns zu sein.

Er zieht in Jerusalem ein. Er lässt sich bejubeln und weiß doch, dass er 5 Tage später hören wird: „Kreuzigt ihn“. Er ist voller Liebe und kreuzt und durchkreuzt doch unsere Pläne. Er ist ein Trost, und ist doch mehr als das Trostkärtchen, das an der Wand hängt. Bei ihm kommt von nirgendwo ein Lichtlein her, denn er ist das Licht.

 

Einer von ihnen hat sich dieses Lied gewünscht, das wir nun singen:

Schlagen Sie es einmal auf, das Lied 391.

 

Jesu geh voran auf der Lebensbahn. Aber – Hand aufs Herz: Habe ich ihn denn wirklich vorangehen lassen in meinem Leben, in meinen Entscheidungen? War dieser Jesus Christus die Kompassnadel meines Lebens, die zeigt wohin es geht, oder nur der Notnagel, wenn nichts mehr geht?

Wir wollen nicht verweilen, dir getreulich nachzueilen? Frage ich in meinem Leben danach? Wohin soll ich gehen? Was hast du mit meinem Leben vor?

Und dann heißt es im zweiten Vers: Und auch in den schwersten Tagen niemals über Lasten klagen Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Wir dürfen Gott alles sagen und ihm alles klagen, aber er hat auch immer einen Weg darin. Es gibt Menschen, die klagen und fahren sich fest, wie ein Auto im Sand und kommen nicht mehr auf die Bahn.

Und in Vers drei heißt es: Kümmert uns ein fremdes Leiden. Mensch, mein Gott ist nicht nur für mich und meine Lieben da? Wie weit reicht mein Blick? Für wen habe ich ein liebevolles Herz?

Und dann: Ordne unsern Gang! Das wünsche ich mir und ihnen. Dass wir Jesus als den erleben, der Struktur und Klarheit in unser Leben bringt. Manchmal sehen wir nichts.

Führst du uns durch rauhe Wege, gib uns auch die nöt'ge Pflege; Jesus Christus als den zu erleben, der „pfleglich“ sorgsam, liebevoll mit mir umgeht, das wäre wirklich gut.

 

 

In Jesus Christus, so erzählt dieses Lied, kommt Gott ganz nah zu uns. Seine Lebensbahn kreuzt und durchkreuzt unsere Lebensbahnen. Sein Segen ist nicht aus der Höhe des Himmels herunter gesprochen. Nein in Jesus lässt es Gott sich nehmen, sich zu uns zu bücken, unsere Last zu schultern und dabei unsere Liebe zu suchen.

Vielleicht geben Sie mir recht: Es gehört zu den glücklichsten Erfahrungen des Lebens, wenn sich jemand da, wo ich hingefallen bin, zu mir aufgemacht hat, sich gebückt hat, zu mir heruntergekommen ist – nicht nur gerufen hat, auf komm doch, sondern mir die Hand hingehalten hat.

Gott ist sich für meine Lebensbahn nicht so schade – und wenn es noch so viele Momente in meinem Leben gibt, wo ich sagen muss: Dass ich in dem Schlamassel stecke, das ist doch nur meine Schuld. Selbst da gilt es. Wenn ich das Leben von Jesus anschaue, dann entdecke ich an keiner Stelle Häme: An keiner Stelle: Na ist doch klar, dass die im Dreck stecken, so wie die leben. Nein, Gott kennt keine Häme – er führt mich weiter:

Was habe ich mit meinem Leben – denn jetzt noch vor – was sind meine Wünsche und Träume, wo will ich hin? Mein Leben soll keine langweilige Bummelbahn sein, es muss keine allen Vergleich sprengende Achterbahn sein und es wird keine rutschige Schlittschuhbahn sein. Gott selbst kreuzt mein Lebensbahn.

Das wünsche ich Ihnen, dass Sie sich das jetzt oder jetzt neu fragen. „Gott, was hast du mit meinem Leben vor?“ Ich habe so viel empfangen, wie kann ich dir danken? Führ mein Leben aus der Enge, zeig mir, das was ich tun kann.

Wo Sie auch leben, hier in Traisa oder ganz woanders: Es gibt einen Platz, an dem Sie Gott braucht, ganz neu braucht – mit ihren Gaben und Kräften, mit Ihren Ideen und Visionen. Da muss ich nicht Udo Jürgens zitieren, der schon Recht hat, dass mit 66 das Leben anfangen kann, nein meine und deine Lebensbahn hat mit Christus immer einen neuen Anfang.

Amen.

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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