Liebe Gemeinde am Osterfest!
Ich würde Sie jetzt gerne einladen, ein Spiel mit mir zu spielen: Sie kennen es: Es heißt: Stille Post. Es ist ein ganz schweres Spiel, denn dabei gibt es 3 Stationen: Ich gehe nach hinten und sage einem von Ihnen einen wichtigen Satz ins Ohr.
Und dann suchen Sie sich noch eine Person, mit denen der Satz weitergeht. Und dann noch mal. Und noch mal Und der Letzte kommt dann zu mir und sagt mir den Satz.
Das machen wir jetzt. Denn an Ostern wird gespielt.
Werder Bremen ist noch lange nicht
Deutscher Meister!
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Das Schwere am Spiel „Stille Post“ ist nicht das Reden, sondern nur das Hören. Aufmerksam hinhören, wenn einer flüstert – nicht zu schnell meinen, man hätte es schon kapiert, sondern verstehen wollen.
Das Hören ist das Schwere, denn wir wollen meistens nur das hören, was wir hören wollen oder, was für uns gerade wichtig ist:
Zum Beispiel: Als Fan, sagen wir von Werder Bremen, höre ich in diesen Tagen nur: Wie hat Werder gespielt und wie hat Bayern München gespielt? Wie viel Tore hat Ailton geschossen? Alles andere ist dann ziemlich egal. Vielleicht höre ich noch mit einem Ohr hin. Es interessiert mich nicht mehr richtig.
Oder eine andere Situation: Freitags auf der Autobahn – und im Radio werden nur noch die Staus ab 5 Kilometer genannt. Was hinter Karlruhe auf dem Weg nach Basel geschieht und auch die Lage in der Kölner Bucht interessiert mich nicht. Ich höre nur hin, wenn meine Autobahnroute und meine Richtung erwähnt werden, sonst höre ich weg. Und weil ich meistens weghöre, habe ich schon so oft verpasst, wenn meine Route nach fünf Minuten wirklich dran kommt.
Man muss also doch immer hinhören, ob genau zuhören will.
Das nennt man „selektives Hören“ – doch um zu selektieren muss ich eine Grundbereitschaft haben, Dinge aufzunehmen, sonst geht die entscheidende Information an mir vorüber.
Die Gute Nachricht von Ostern ist auch eine Information.
Eine Grundinformation unseres Glaubens.
Der Ostergruß, mit dem wir gestern in der Osternacht das Osterfest begonnen haben, ist das Urgespräch der christlichen Kirche.
Da rufen die einen:
Der Herr ist auferstanden!,
Und die so Begrüßten antworten:
Er ist wahrhaftig auferstanden.
Und alle stimmen ein:
Halleluja!
Das ist wirklich Basiskommunikation. Die einen sagen etwas. Die anderen antworten und geben zu verstehen: Wir haben verstanden! Und darüber bricht der Jubel aus!
Das ist keine stille Post. Das ist laute Post! Das ist der Osterjubel, der sich Bahn brechen will in viele Ohren hinein.
Aber ob die anderen wirklich verstanden haben, was ich sagen wollte? Ob sie es auch so wiedergeben, wie es wirklich ist? Es ist nicht egal, ob das Spiel 3:2 ausging oder 2:3. Es ist nicht egal, ob der Stau auf der A8 in Richtung Stuttgart oder in Richtung Karlsruhe war. Es ist nicht unerheblich, ob Jesus Christus von den Toten wirklich oder wahrscheinlich auferstanden ist.
Paulus hatte einst die Gemeinde in Korinth gegründet. Er hatte die gute Nachricht von Jesus Christus, der wirklich auferstanden ist, in die Herzen gerufen. Dann hat er nach langen Monaten die Stadt verlassen, und was er hört, ist wie ein schlechtes „Stille-Post-Spiel“. Die richtigen Vokabeln, aber der Sinn entstellt. Kleinigkeiten fehlen, anderes wird überbetont und ist dazu gekommen.
Nun schreibt Paulus, damit es schwarz auf weiß steht. Einer der ersten Briefe des NT ist der 1. Korintherbrief. Und dabei schreibt Paulus auch auf, was schon vor ihm und was von ihm geredet wurde. Und damit gibt er uns einen Blick in die 20 Jahre vor dem ersten Brief, als die Gute Nachricht wörtlich, aber in großer Treue weitergesagt wurde.
Aus dem 1. Korintherbrief, geschrieben etwa 20 Jahre nach Jesu Tod.
1 Brüder und Schwestern, ich erinnere euch an die Gute Nachricht, die ich euch verkündet habe. Ihr habt sie angenommen; sie ist der Grund, auf dem ihr im Glauben steht.
2 Durch sie werdet ihr gerettet, wenn ihr sie unverfälscht festhaltet - und zwar dem Wortlaut entsprechend, in dem ich sie euch übermittelt habe. Anderenfalls wärt ihr vergeblich zum Glauben gekommen!
3 Ich habe an euch weitergegeben, was ich selbst als Überlieferung empfangen habe, nämlich als erstes und Grundlegendes: (Und hier zitiert Paulus die mündliche Überlieferung:)
Christus ist für unsere Sünden gestorben, wie es in den Heiligen Schriften vorausgesagt war,
4 und wurde begraben.
Er ist am dritten Tag vom Tod auferweckt worden, wie es in den Heiligen Schriften vorausgesagt war,
5 und hat sich Petrus gezeigt, danach dem ganzen Kreis der Zwölf.
6 Später sahen ihn über fünfhundert Brüder auf einmal; einige sind inzwischen gestorben, aber die meisten leben noch.
7 Dann erschien er Jakobus und schließlich allen Aposteln. (Zitat Ende)
8 Ganz zuletzt ist er auch mir erschienen, der »Fehlgeburt«.
9 Ich bin der geringste unter den Aposteln, ich verdiene es überhaupt nicht, Apostel zu sein; denn ich habe die Gemeinde Gottes verfolgt.
10 Aber durch Gottes Gnade bin ich es dennoch geworden, und sein gnädiges Eingreifen ist nicht vergeblich gewesen. Ich habe viel mehr für die Gute Nachricht gearbeitet als alle anderen Apostel. Doch nicht mir habe ich das zuzuschreiben - die Gnade Gottes hat durch mich gewirkt.
11 Mit den anderen Aposteln bin ich in dieser Sache völlig einig. Wir alle verkünden die Gute Nachricht genau so, wie ich es gerade angeführt habe, und genau so habt ihr sie auch angenommen.
Paulus zitiert die Gute Nachricht – schreibt auf, was schon längst geredet wurde:
Gute Nachricht, auf der der Glaube steht,
Gute Nachricht, durch die man gerettet wird.
Das ist:
Gute Nachricht, auf der der Glaube steht,
Gute Nachricht, durch die man gerettet wird.
Aber warum beharrt Paulus darauf, dass die Korinther das unverfälscht festhalten –
man kann es doch auch sicher in anderen Worten sagen?
Warum ist der Glaube sonst vergeblich?
Ist das nicht fast schon Fundamentalismus?
Ich glaube, dass die Dinge anders liegen:
Denn der
· Glaube braucht echte Bodenhaftung
· Glaube braucht wirkliche Hoffnung
· Glaube will mich
Jesus
Christus ist gestorben – gemäß
der Schrift
Jesus
Christus wurde begraben
Warum besteht Paulus darauf, dass diese beiden ersten Sätze der alten Überlieferung immer noch einmal genannt werden? Ist das nicht nach Ostern wirklich überflüssig? Der Tod ist besiegt! Hölle, wo ist dein Stachel? So wird Paulus gleich schreiben – triumphierend und froh! Warum noch an den Karfreitag erinnern? Warum die lange Passionszeit lang an das Leiden und Sterben von Christus erinnern? Ist nicht einmal genug?
Reicht es nicht, zu sagen: „Jesus Christus ist auferstanden!“ – warum müssen wir immer wieder wiederholen, dass das der Auferstandene der Gekreuzigte ist? Warum immer wieder das Kreuz in den Mund nehmen. Kann man das nicht einmal ablegen?
Warum besteht Paulus darauf, dass das nicht übersehen wird? Die Korinther hatten ein Problem mit dem Kreuz. Es war ihnen eine peinliche Angelegenheit, vor den griechischen Freunden preisgeben zu müssen, dass der Gott an den sie glauben, am römischen Henkerspfahl für Schwerverbrecher verreckt ist.
Und Paulus gibt offen zu: Das Kreuz ist eine Torheit, eine Narretei, für alle, die nicht daran glauben. Für uns ist es eine Gotteskraft! (1. Kor. 1,18)
Das kommt aus dem jüdischen Glauben. Der jüdische Glaube weiß und vergisst nicht, woher man kommt:
Mein Vater war ein Aramäer, dem Umkommen nahe, und zog hinab nach Ägypten
und war dort ein Fremdling mit wenig Leuten und wurde dort ein großes, starkes
und zahlreiches Volk. Aber die Ägypter behandelten uns schlecht und bedrückten
uns und legten uns einen harten Dienst auf. Da schrien wir zu dem HERRN, dem
Gott unserer Väter. Und der HERR erhörte unser Schreien und sah unser Elend,
unsere Angst und Not und führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand und
ausgerecktem Arm und mit großem Schrecken, durch Zeichen und Wunder, und
brachte uns an diese Stätte und gab uns dies Land, darin Milch und Honig fließt.
(Dtn 26,5)
Wer das so sagt, war selbst mit Abraham unterwegs, wer das so sagt, war selbst Sklave unter dem Pharao, war mit Mose in der Wüste unterwegs und ist im Land angekommen. Nicht zu vergessen wo man herkommt, eröffnet erst die Richtung für die Zukunft.
Und wenn Paulus nicht vergessen will, dass Jesus Christus gekreuzigt und begraben wurde, dann weil er bei Leidenden und Gequälten nicht vergessen will, mit denen Jesus doch war, dann weil er sogar noch die Hoffnung für die Toten haben will, weil Christus doch bei den Toten war, weil Ostern nicht der „Bin-gerade-gut-drauf-Glaube für die Gewinner ist, sondern der Trost für die Verzagten.
Dazu ist doch Jesus gekommen, für die Mühseligen und Beladenen. Das ist doch nicht vergessen! Der Weg des Erbarmens Gottes muss auch an Ostern miterzählt werden. Es gibt doch keine Hoffnung über die Köpfe und über das Leiden der Hoffnungslosen hinweg!
Der Glaube braucht echte Bodenhaftung!
Jesus Christus wurde auferweckt
– gemäß der Schrift
Jesus Christus hat sich den Zeugen gezeigt:
Petrus, den 12, den fünfhundert.
Was mit wirklicher Hoffnung gemeint ist, das ist nun schon angeklungen. Nicht das, was die Korinther bei ihrem Stille-Post-Spiel übrig ließen. Für sie war, wer getauft war, auch schon auferstanden. Eine zusätzliche Hoffnung hatten sie nicht – es war nicht chic, an die Auferstehung der Toten zu glauben. Es galt das jetzige Leben und in dem wollte man geistig und spirituell höher hinaus!
Doch Paulus kommt das verlogen vor. Wer keine Bodenhaftung hat, findet auch keinen Tritt zum Abspringen. Wer das Leiden der Menschen nicht ernst nimmt, kann ihnen auch keinen Trost in ihr Leid sagen. Da wird alles zur Gefühlssache, zum innerpsychologischen Phänomen. Eine wirkliche Hoffnung ist das nicht. Es ist nur Gerede.
Und Paulus hält dagegen. Christus ist auferstanden und ist den Jüngern begegnet. Dem Petrus, dem 12, den fünfhundert. Er hat sich gezeigt. Es war eine Begegnung, es war nicht nur eine Impression, es war eine Veränderung, die anders nicht zu erklären ist.
Und an dieser Begegnung hängt für Paulus alles: Er glaubt nicht an die Auferweckung von Christus, weil er allgemein und überhaupt glaubt, dass es so etwas wie ein Leben nach dem Tod gibt, sondern, weil Christus auferstanden und in den Begegnungen den Menschen erschienen ist, erschließt sich die Hoffnung, dass es Leben gibt.
Der Glaube, der echte Bodenhaftung hat, hat auch wirkliche Hoffnung. Dieser Gott, der sich voller Erbarmen zu mir beugt, der hält mich doch und ist treu. Auch im Tod.
Und das letzte:
Ganz
zuletzt ist er auch mir erschienen, der »Fehlgeburt«.
Paulus selbst reiht sich in die Reihe der Osterzeugen ein. Er tut es froh und stolz, aber gleichzeitig fühlt er sich ganz fehl am Platz: Er war doch der Saulus, der aufs Blut die Gemeinden von Jesus verfolgt hat. Deshalb nennt er sich „Fehlgeburt“.
Aber diesem Saulus ist der auferstandene Christus auch begegnet. Ließ ihn im Staub vor Damaskus nicht liegen. Begegnete ihm in Liebe und der Fürsorge lieber Menschen. Und deswegen sagt Paulus.
Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.
Ohne das Erbarmen und die Liebe des Gekreuzigten hätte Paulus die Hoffnung des Auferstandenen nicht überlebt! Das, was Paulus erfahren hat, war doch selbst eine Ostergeschichte, in der Gott, der die Leiden und die Schuld nicht wegblendet, sondern vergibt, zum Ziel kommt
Der Glaube will mich.
Der Glaube will dich.
Der auferstandene Christus ist nicht der abgehobene Guru, der freudestrahlenden Glauben von dir verlangt, was du gar nicht kannst. Aber der Gekreuzigte ist der Auferstandene – und alles Versagen, und alle Schuld die er trug, alles Leiden das er kennt, wendet er durch seine Liebe zum Leben.
Willst du einer oder eine werden, die anderen davon weitersagt? Keine Hoffnung über das Leiden hinweg, aber in die Angst, ob es denn wahr ist, hinein, andern zusagen: Ja, für dich auch!
Du sollst ein Osterbote sein!
Amen.
| © Evangelische
Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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