Predigt am 16. S. n. Trinitatis
2. Tim. 1, 7-10 (in Auswahl)
5 gute Gründe für und gegen ein Feigenblattchristentum
Liebe Freunde, liebe Gemeinde,
ich muss heute eine Herbstpredigt halten. Nicht nur, weil es so kalt ist und der Sommer definitiv vorüber ist, sondern weil im Herbst die Blätter fällen. Und das soll auch bei uns passieren. Heute sollen auch bei uns die Blätter fallen. Herbst ist Zeit zum Entblättern.
Keine Angst, behalten Sie Ihre Kleider alle an – ich meine das im übertragenen Sinn. Ich habe Ihnen die Blätter auch schon mitgebracht.
Sie erkennen die? Das sind echte Feigenblätter – an unserem Haus wächst dieser Feigenbaum. Und jetzt ahnt jeder worüber ich reden möchte: Über Adam und Eva und das Paradies, den Garten Eden, in dem die einzige Bekleidung eben ein solches Feigenblatt an entscheidender Stelle war. Doch darüber möchte ich gar nicht reden, außer über die Tatsache, dass das Feigenblatt das Symbol ist für den Scham ist. Man schämt sich, wenn man ganz nackt steht. Dann doch wenigstens ein Feigenblatt – auch wenn mir gar nicht klar ist, wie man so was befestigt.
Das Feigenblatt – Zeichen und Symbol für Scham. In dem Predigttext für heute geht es um Scham, die ein Mensch empfindet, nicht wenn er nackt ist, sondern wenn er von seinem Glauben an Jesus Christus erzählen soll. Und diese Situation kommt für viele dem Nacktsein auf offener Straße ziemlich nah!
Ein Wort aus dem 2. Timotheusbrief. Timotheus war Gemeindeleiter der dritten Generation. Dritte Generation heißt: Vieles hat sich abgeschliffen und eingeschliffen. Es gab Widerstände und Streit, erste Ermüdungserscheinungen und viele gaben schon die Parole „Rückzug“ aus: Müssen wir denn so öffentlich auftreten?
Und der Apostel schreibt an Timotheus:
2. Tim. 1,8
"Schäme dich also nicht, dich zu unserem Herrn zu bekennen; schäme dich auch meiner nicht, der ich seinetwegen im Gefängnis bin, sondern leide mit mir für das Evangelium. Gott gibt dazu die Kraft."
Schäme dich also nicht!? Es gibt aber Menschen, die sich schämen: Die führen ein Feigenblattchristentum. Die legen alles darauf an, dass niemand erfährt, dass sie an Gott glauben. Schon ein Besuch im Gottesdienst ist zu riskant. Man könnte gesehen werden. Es gibt aber gute Gründe für ein Feigenblattchristentum, für einen Inkognitoglauben, für ein Versteckspiel vor der Welt. Die fünf Gründe möchte ich gerne aufführen:
5 gute Gründe für ein Feigenblattchristentum
(Dabei die fünf Feigenblätter mit Stichworten, die auf einem Blatt
stehen an einer Latte befestigen.)
1. Feigenblatt: Religion ist Privatsache! Das, was ich glaube und hoffe, zweifle und fühle, das geht niemand etwas an. Ich höre das oft: Ich habe doch meinen Glauben und muss dazu nicht in die Kirche rennen, Herr Pfarrer. Religion ist Privatsache.
2. Feigenblatt: Ich bin doch kein Fanatiker. Offensichtlich empfinden da schon viele die messerscharfe Kante. Diese Welt leidet unter religiösem Fanatismus. Davon kann man sich nur distanzieren. Und wer will schon zu den Zeugen Jehovas gehören, die Klinken putzen und vor dem Kaufhof Wachtturm haltend Spalier stehen. Ich bin doch kein Fanatiker!
3. Feigenblatt: Dann müsste mein Leben perfekt sein. Es gibt ja Menschen, die kleben sich – das ist schön – einen Fisch auf das Auto, um sich als Christ andern zu erkennen zu geben. Es gibt Christen, die kleben sich bewusst keinen Fisch aufs Auto, damit angesichts ihres Fahrstils niemand vom Glauben abfällt! Im Ernst: Viele haben Skrupel: Wenn mein Glaube nach außen dringt, dann müsste mein Leben doch ganz glaubhaft sein. Ich habe aber doch so viele Macken und Fehler!
4. Feigenblatt: Dann dürfte ich keine Zweifel haben. Das ist ganz ähnlich – nur da geht es nicht um das Auftreten und die Ethik, sondern um das, was man glaubt. Und viele haben viele sachlich offene Fragen, dass sie Dinge in der Bibel nicht verstehen und andere haben Glaubenszweifel: Tage in denen alles in Frage steht. Ein Zweifler kann doch kein Zeuge sein, sagen sie sich und schweigen liebe.
Und das 5. Feigenblatt: Das habe ich noch nie gemacht! Das ist wahrscheinlich das Effektivste! Vom eigenen Glauben zu reden, da komme ich ins Stottern, da fehlt mir die Sprache. Die lachen mich doch aus.
Schäme dich also nicht!
So sagt der Apostel zu seinem Schüler Timotheus und gibt ihm noch etwas mit auf den Weg:
Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Wir spüren: Hinter diesen fünf Feigenblättern steht der Geist der Furcht. Angst vor den anderen, Angst vor den eigenen Fehlern und Zweifeln, Angst vor Neuland.
Dagegen steht ein anderer Geist: Es ist der Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Wie kann man voller Überzeugungskraft, also nicht bemüht und verkrampft, wie kann man voller Liebe, also nicht aus Rechthaberei, wie kann man in Besonnenheit, also nicht im Übereifer reden? Wie werden wir die Feigenblätter los?
Wir versuchen die Blätter mit guten Gründen abzulegen. Ganz unverschämt!
1. Feigenblatt: Religion ist Privatsache! Dieser Satz kommt aus den Zeiten des gepflegten Bürgertums. Außer der Religion war auch der familiäre Streit, das Geld und die Schwangerschaft der unverheirateten Tochter Privatsache. Andere Leute geht nur an, was man sehen lassen will!
Aber die Zeiten des gepflegten Bürgertums sind vorbei. Wir leben in Zeiten, in denen die Dinge radikaler werden. Radikaler Islam, radikale Globalisierung, radikale Jugend (siehe die Landtagswahlen vom letzten Sonntag.). Die Zeiten sind vorbei, in denen man ein Wohnzimmer-Christentum führen kann, ein Gesinnungschristentum, von dem niemand etwas erfährt! Warum? Um der Liebe willen! Diese Welt braucht eine offene Botschaft. Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen! Wer das verschweigt, gibt dem Tod die Macht zurück. Und lässt andere im Bereich des Todes. Um der Liebe willen muss geredet werden.
2. Feigenblatt: Ich bin doch kein Fanatiker. Im Glaubensbekenntnis haben wir es gesprochen: Ich glaube an Jesus Christus, gekreuzigt, gestorben und begraben. Das ist doch nicht geschehen, weil Jesus so nett war und schöne Geschichten erzählt hat. Er wurde gekreuzigt, weil ihn viele als brandgefährlichen Fanatiker angesehen haben, der das Gesetz nicht hält, es aber mit den Zöllnern und Dirnen hält. Jesus hat es nicht darauf angelegt: Er hat keinen Sprach-, Kleidungs-, Lebensstil entwickelt um die Leute zu ärgern. Aber seine Form, Gottes Liebe zu leben hat definitiv Menschen verärgert. Er war offen und ehrlich – er hat seine Meinung nicht versteckt. Und dass er seine Meinung gesagt hat, hatte immer nur eine Motivation: Liebe. Nie moralinsaure Besserwisserei, sondern Liebe. Glaube heißt doch Nachfolge – diesem Jesus gilt es zu folgen.
3. Feigenblatt: Dann müsste mein Leben perfekt sein. Dann kannst du lange warten. Schauen wir uns die ersten Nachfolger an, die Jünger, die auch Apostel wurden, Botschafter seiner Liebe in der Welt. Diese Jüngerschar war ein exklusiver Club von Losern, von Verlieren, von Versagern. Sie haben alle – obwohl sie Treue zugesagt haben, Jesus verlassen. Petrus hat ihn verleugnet, sie haben gestritten um die besten Plätze im Himmel und hinterher auch noch um allerlei. Zu diesen und keinen anderen sagt Jesus: Ihr sollt keine Boten sein. Perfektionisten sind Boten der Härte, nur Sünder, denen vergeben wurde, können Boten seiner Liebe sein! Nur wer Vergebung erfahren hat, kann von Vergebung reden!
4. Feigenblatt: Dann dürfte ich keine Zweifel haben. Gegenfrage: Was sind das für Zweifel? Sind es Wissenslücken? In der Schule geht es oft um den Dissens zwischen Biblischer Schöpfungsgeschichte und Evolutionslehre. Darüber ist mehr zu sagen als „Das widerspricht sich halt!“ – die poetische Sprache der Bibel ist eine andere als die wissenschaftliche Sprache von heute. Warum widersprechen sich die Evangelien in einigen Angaben? Muss man glauben, dass Maria Jungfrau war. Das sind Zweifel, die sich durch mehr Wissen nicht ausräumen lassen, aber doch differenzierter gesehen werden.
Wenn es aber um persönliche Zweifel geht, gilt das Gleiche wie bei den Fehlern der Jünger. Dieses Vertrauen ist – solange wir hier leben – von Zweifeln durchwachsen. Und gerade das anderen Zweiflern zu sagen, macht die Sache nur glaubhaft.
Und das 5. Feigenblatt: Das habe ich noch nie gemacht! Dann einfach mal mit kleinen Schritten losgehen. Nicht mit einer Orangenkiste vor dem Edeka predigen, aber zum Beispiel einer Bekannten, die ihr Herz ausschüttet zum Abschied nicht sagen: „Ich denk an dich!“, sondern sagen „Ich bete für dich!“ und es dann auch tun. Oder jemand zum Gottesdienst einladen: „Komm doch auch mal – mir tut es gut! Ich hab’s nötig!“ und dann auch gehen.
Es ist Herbst. Zeit dass die Feigenblätter fallen.
Schäme dich also nicht, dich zu unserem Herrn zu bekennen; schäme dich auch meiner nicht, der ich seinetwegen im Gefängnis bin, sondern leide mit mir für das Evangelium. Gott gibt dazu die Kraft.
Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Amen.
| © Evangelische Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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