GoSpecial-Traisa Predigt im September 2004

Wenn wir nun,
liebe Freunde aufbrechen – auf der Suche nach dem Glück, dann müssen wir ja
wissen, wonach wir suchen. Sonst werden wir kaum etwas finden. Aber – was ist
denn mit dem Wort „Glück“ gemeint? Wir tun uns da ziemlich schwer, denn wir
benutzen das deutsche Wort „Glück“, auch wenn im Englischen unterschieden
wird zwischen „luck“ – das ist das Glück im Spiel und „happiness“,
das ist das Lebensglück.
Wir nennen beides
„Glück“ und wissen dann nicht, was wir meinen und vor allem wissen wir
nicht, ob das Lebensglück auch so ein Glück ist wie im Glücksspiel, wie beim
Roulette oder Pokern.
Wir unterscheiden
das nur, wenn wir vom Gegenteil reden. Hat der Glücksspieler kein Glück, dann
reden wir von Pech. Aber wenn einem das Lebensglück abhanden kommt oder versagt
wird, dann ist es ein Unglück, Schicksal, Traurigkeit. Das wiederum ist das
Gegenteil von Freude.
Wir sehen:
Begriffe sind vielfältig. Besser, ich erzähle, um was es geht:
Vom Glück im
Spiel, englisch „luck“ träumen viele. Und viele hoffen, sie können ihm auf
die Sprünge helfen. Das haben Wissenschaftler untersucht: Sie haben
verstandeskräftige Männer – so was gibt’s – mit Würfeln um Geld spielen
lassen, aber in zwei Gruppen – mit unterschiedlichen Regeln. Die einen durften
den Einsatz bestimmen, bevor sie würfelten, die anderen erst dann, als die Würfel
schon gefallen und nur vom Becher noch verdeckt waren. In dem Moment war ja
nichts mehr zu ändern. Was glauben Sie, in welcher Gruppe mehr geboten wurde,
die Spieleinsätze höher waren? In der ersten Gruppe, wo der Würfel noch nicht
gefallen war! Die glaubten offensichtlich unbewusst und trotzdem ernsthaft, mit
der Kraft ihrer Gedanken zu beeinflussen, wie die Augen fallen. Das ist Glück
im Spiel und den Glauben, es beeinflussen zu können, nenne ich getrost
Aberglaube!
Und das Glück im
Leben? Kann man das beeinflussen?
Neulich kam ein
Bericht über einen glücklichen Menschen im Fernsehen:
Dieser
Mensch heißt Hermann Staiger: Er ist mit seinem 22 Jahre alten Massey
Fergusson-Traktor und einem angehängten Wohnwagen über 2.000 Kilometer mit 25
Stunden-Kilometern unterwegs gewesen. Hin zu einem Ziel. Als kleiner Junge
wollte Hermann eigentlich zum Zirkus oder zur Seefahrt. Aber dann ist er doch
Winzer geworden und hat das kleine Weingut seines Vaters übernommen. Fast ein
halbes Jahrhundert hat er an den Hängen in Nierstein gearbeitet. Doch seinen
Traum, einmal mit dem Traktor nach Sizilien, bis auf den Vulkan Ätna zu fahren,
hat er nie aufgegeben. Das hat er oft erzählt und viele haben ihn dafür
ausgelacht.
Doch
mit 63 Jahren, macht Hermann Ernst. Er startet in Richtung Süden. Die Fahrt
geht durch fantastische Landschaften, nachts vorbei am Kolosseum in Rom, über
Neapel tuckert er bis an die Spitze des Stiefels. Und dort wird ihm auf der Überfahrt
erst so richtig bewusst, dass er es geschafft hat. Die Journalisten, die ihn
begleiten, fragen ihn auf der Fähre. „Hermann, bist du jetzt glücklich?“
– und Hermann sagt: Ja.
Das habe ich
geglaubt. Über dieses Glück möchte ich reden. Und ich glaube dieses Lebensglück
ist kein Glücksspiel, ist keine Glückssache! Aber gibt es denn eine „Glücksformel“?
Einen definitiven Rat und Tipp, auf welche Art und Weise man glücklich werden
kann? Ist jeder seines Glückes Schmied? Und wie komme ich an Hammer, Amboss und
Feuer, um das Lebensglück zu schmieden?
Da gibt es viele
selbst ernannte Helfer und Gurus. Ein Buch davon habe ich im Sommer selbst
gelesen und das hat mich beeindruckt. Es ist aus der Feder von Stefan Klein –
nicht verwandt und verschwägert – promovierter Physiker und
Wissenschaftsjournalist. Sein Buch, „Die Glücksformel oder Wie die guten Gefühle
entstehen“ ist zu Recht ein Bestseller geworden. Stefan Klein bezieht sich auf
neue Erkenntnisse der Hirnforschung wenn er behauptet, dass Glücklichsein keine
Glücksache ist. Da fließt zum Beispiel im Gehirn der Botenstoff „Dopamin“,
er erzeugt, ausgelöst schon durch die Erwartung guter Lebenssituationen,
Schaltverbindungen im Gehirn, die wir als Vorfreude erleben, die bekanntlich die
schönste Freude ist.
Einfachstes
Beispiel ist der wunderbare Geruch eines guten Mittagessens, der uns verheißt:
Es gibt etwas Gutes. Wenn wir das riechen, fließt schon Dopamin. Und wenn wir
das dann wirklich genießen können, wird die Schaltverbindung im Gehirn bestätigt.
Das Glücklichsein kommt schon vor dem Genuss, wenn es verlässlich ist, dass er
kommt. Dieses Lernen des Gehirns kann in vielen Weisen trainiert werden und das
hat viel mit aktivem Leben zu tun. Ich nenne einige der Hauptsätze aus der
Feder von Stefan Klein:
o
Das Wohlbefinden von Leib und Seele
sind untrennbar verzahnt. Emotionen haben ihren Ursprung im Körper.
o
Aktivität
macht glücklicher als Nichtstun. Sorgen haben leichtes Spiel, wenn dem Gehirn
eine andere Beschäftigung fehlt.
o
Negative
Emotionen wie Wut oder Trauer verschwinden nicht, wenn wir sie ausleben, sondern
wir verstärken sie sogar dadurch noch.
o
Frei in seinen Entscheidungen zu
sein, ist im Zweifel mehr wert als seine Wünsche erfüllt zu bekommen. Wenn
Ersehntes nur um den Preis der Abhängigkeit zu bekommen ist (etwa durch
Schulden), fährt darum besser, wer die Freiheit wählt.
o
Am wichtigsten für das
Wohlbefinden aber ist unser Verhältnis zu anderen Menschen. Freundschaft
und Liebe mit Glück gleichzusetzen, ist keineswegs übertrieben.
Stefan
Klein, Glücksformel, S. 283
Da leuchtet mir
vieles ein. Das Glück, das ich empfinde bei Sport oder bei einer Arbeit, die
mir Spaß macht – mit Nachdenken allein, ist das kaum zu haben. Und dass es
nicht nur darauf ankommt, etwas tatsächlich zu haben, sondern dass die Freude
darauf mich auch schon motiviert. Aber vor allem, dass es ein absolutes Märchen
ist, wenn man meint, man könne mit Wutausbrüchen und Weinkrämpfen, Ärger und
Trauer abbauen. Mein Kopf ist doch kein Schnellkochtopf, der ein Überdruckventil
braucht. Im Gegenteil: Menschen, die immer zu Wutausbrüchen neigen, werden
dabei nur unglücklicher. Sie trainieren ihr Gehirn falsch. Und dass die
Freundschaft und Liebe in Verbindung mit Freiheit glücklich macht, das ist gut
einzusehen.
*
So weit zur Glücksformel
von Stefan Klein. Ein lesenswertes Buch über das Glück. Aber ich finde es ist
ein Buch für schon relativ glückliche Menschen. Was ist eigentlich mit dem
Unglück, das Menschen empfinden? Was ist mit Menschen los, die ihr Leben als
ellenlange Pechsträhne erleben, deren Lächeln nie das ganze Gesicht strahlen
lasst, die immer das Gefühl haben, die anderen sind glücklicher. Meine
Schicksalsschläge sind die Schlimmsten. Wenn sie andere lachen hören, dann möchten
sie sich schon verkriechen. Sie kommen gar nicht dazu, all diese Impulse von
Stefan Klein auf sich zu beziehen, sie hängen tiefer fest!
Und da rede ich
nicht über Menschen, die außerordentliches Unglück erlebt haben, wie die
Opfer des Terroranschlags von Beslan, sondern über Menschen, denen es
„eigentlich“ nicht schlecht geht, die aber persönlich und subjektiv nie sagen würden: Ich bin glücklich. Zu vieles stimmt nicht. Was
ist mit denen?
Ich frage Sie mal
was anderes:
Situation in
einer Familie beim Mittagessen. Kinder kommen aus der Schule nach Hause. Das
Mittagessen duftet herrlich. Kind A kommt freudestrahlend, bringt den Ranzen an
den Platz und setzt sich an den Tisch voller Erwartung, was es Gutes gibt. Kind
B kommt etwas später: Man hört es schon, wie die Haustür zugeht und der
Ranzen in die Ecke gepfeffert wird: Kind B ist unglücklich. Egal, was es war:
Eine Mathearbeit oder Stress auf dem Schulhof: Meine Preisfrage an Sie: Welches
der beiden Kinder bekommt von Mama oder Papa mehr persönliche Zuwendung: Kind A
oder Kind B?
Nicht schwer zu
beantworten – oder? Ganz abgesehen davon, dass natürlich jeder Mensch an
jedem Tag Unterschiedliches erlebt und das Recht hat, darüber glücklich und
unglücklich zu sein, wird die Empfindung doch verstärkt, wenn ich weiß: Ich
komme damit bei anderen gut an.
Wer klagt, der
bekommt die Zuwendung. wer glücklich ist, bleibt unbemerkt oder muss sogar noch
den Satz hören: „Übermut tut selten gut“. „Hochmut kommt vor dem
Fall“. „Wart’ du erst mal ab!“
Wer im Gespräch
mit anderen das Thema bestimmen will, erzählt worüber er sich ärgert. Und
alle stimmen ein. Mit Frohbotschaften macht man kaum Eindruck. Die Zeitungen
wissen: „Only bad news are good news“ – nur schlechte Nachrichten
verkaufen sich gut. Und die Gruppendynamik der 70er Jahre sagt: „Störungen
gehen vor“. Und die Vetomacht derer, die eine ganze Gruppe bremsen können ist
ungebremst.
Was dabei
passiert? Wir mögen Glück oder Unglück erleben, aber wie wir damit umgehen,
das bringt Lerneffekte mit. Wir schleifen Grundeinstellungen des Lebens in uns
ein, die ein Filter unserer Wahrnehmung sind für alles, was wir erleben.
Eine solche
Grundeinstellung des Lebens ist zum Beispiel der Satz: „So was muss ja wieder mir passieren!“. Das sind Menschen, die
das Unglück an allen Ecken erleben, weil ihre Grundeinstellung es aus allem
Erleben herausfiltert. Solche Leute finden das Haar in der Suppe, die schmutzige
Toilette am Badestrand und denken bei der Einladung mit dem herrlichen Essen nur
daran, dass sie so was nie hinkriegen
werden und dass sie nun bestimmt wieder zunehmen werden.
Eine andere
Grundeinstellung ist der Satz: „Das
schaff ich nie!“. Vielleicht haben diese Menschen das als Kind unsicherer
Eltern oft gehört oder sich nach einem peinlichen
Misserfolg geschworen: Das passiert dir nie wieder. Solche Menschen gehen an
alle Aktivitäten, an Sport oder Hobby oder Mitarbeit in der Gemeinde nur zögerlich
heran, denn ihre Grundeinstellung ist eine echte Bremse: „Das schaff ich
nie!“
Oder nehmen Sie
den Satz, den man in Ehen oft hört: „Du
bist schuld, dass ich nicht glücklich bin!“ Das kann es in der Ehe
geben, aber auch am Arbeitsplatz, dass man sich grabentief einredet, „so wie
der andere ist, halt ich es nicht aus“: Wenn mein Mann die Schuhe auszieht,
meine Kollegin schon so etepetete am Kaffee nippt, dann könnt ich verrückt werden. Hier
wird der Grund des Unglücks immer im anderen gesucht – und gefunden.
Zuletzt der Satz:
„Das verzeih ich mir nie!“, kann
zu einem Glückskiller werden. Entweder war da echte Schuld an Mitmenschen,
Betrug oder Demütigung oder das Gefühl sich schämen zu müssen und dann gibt
es Menschen, die müssen immerzu daran denken. Religiöse Menschen Denken diesen
Satz auch in der Variante: „Das vergibt mir Gott nie!“.
Es gibt noch mehr
solcher Sätze: Grundeinstellungen zu sich selbst, zum Partner oder zur Welt,
die einen umgibt. Einstellungen zu Gott, Umgang mit Schuld und mit Scham,
schlagen sich in Sätzen nieder, die oft nur zwischen den Zeilen hörbar sind.
Jesus Christus
hat gesagt. Die Wahrheit wird euch frei machen. Die Frage heute abend ist, ob
die Grundeinstellung meines Lebens, die sich in solchen geheimen Motto-Sätzen
niederschlägt, Wahrheit ist oder eine Lüge.
Denn auch das
einfache Gegenteil solcher Sätze wäre ja fraglich: Menschen, die mit brutaler
Selbstsicherheit durch das Leben gehen und sagen: „Jetzt komm aber ich!“
„Ich kann das!“ Menschen, die bei eigenen groben Fehlern nur rücksichtslos
sagen: „Wo gehobelt wird, da fallen halt Späne“. Auch diese Menschen haben
keine Grundeinstellung die der Wahrheit nahe kommt. Das sind halt Machertypen,
die sagen, dass sie ihr Glück in der Hand haben, aber sie machen objektiv
andere unglücklich.
Jesus sagt: Die
Wahrheit wird euch freimachen. Was ist die Wahrheit Gottes über mein Leben?
Paulus schreibt
einmal: Aber Gott ist reich an Erbarmen. Er hat uns seine ganze Liebe geschenkt.
(Eph. 2,4)
Da gibt es eine
Liebe Gottes. Jesus Christus hat sie gelebt und hat sie zu den Menschen
gebracht. Diese Liebe wendet sich heute noch den Menschen zu und ändert die
Grundeinstellung:
An sich
verzweifelnde Würmchen werden aufgerichtet und bei stolzen, sich aufplusternden
Hennen und Hähnen wird die Luft raus gelassen.
Das kostet viel,
die Grundeinstellung zu ändern. Das ist keine billige Psychohilfe für etwas
mehr Glück. Da geht es um das ganze Leben. Es hat Gott viel Widerstand
gekostet, diese Liebe in die Welt zu bringen, denn die Grundeinstellungen vieler
Menschen ließen diese Liebe nicht zu.
Die Wahrheit wird
mich freimachen. Aber Gott ist reich an Erbarmen. Er hat uns seine ganze Liebe
geschenkt.
Da ändert sich
die Grundeinstellung meines Lebens: Ich muss mich nicht fertig machen. Ich muss
mich nicht aufplustern. Weder meine Selbstverachtung, noch meine gockelhafte
Show bringt mich bei Gott in Stellung. Er sieht in dir und mir, das Kind, das er
liebt.
Selig sind, die
Gottes Wort hören und bewahren. Was ist sein Wort? Wenn ich das für mich höre:
„Er hat mir seine ganze Liebe
geschenkt.“ Das soll ich hören und bewahren wie einen Schatz. Dafür werfe
ich alles andere weg. Meine negativen Sätze, die das Glück verhindern und die
überheblichen Sätze, die das Glück erzwingen wollen.
Andere
Grundeinstellungen machen sich breit: Ich bin Gottes Kind. Gott liebt mich und
ich bin liebenswert. Ich darf Fehler machen und zugeben – meine Ehre ist
geschenkt.
Menschen, die
darauf vertrauen, werden „selig“, das heißt glücklich, glückselig. Und
diese Menschen spüren: Es ist gar nicht das Ziel meines Lebens, mein Glück zu
pachten. Es ist Geschenk, wenn ich so motiviert als Kind Gottes lebe. Ich lebe
nicht für mich. Mir wurde so viel geschenkt. Davon möchte ich etwas wieder
geben. Und dann leben sie ein Leben mit Widerständen und Problemen, mit
Engagement und Arbeit nicht nur für sich selbst, aber vielen Momenten, in denen
sie das Glück erleben.
Amen.
Interessant finde ich auch, was Stefan Klein über die Frage schreibt, ob Geld glücklich macht: Er schreibt:
Nur
am unteren Ende der Einkommensskala erzeugt Geld ein deutliches Plus an
Zufriedenheit. Wenn eine allein stehende Mutter im Schichtdienst bei einem
Schnellrestaurant Fritten braten muss und gerade genug hat um sich und ihre
Kinder durchzubringen, wird jeder Euro mehr ihr Leben spürbar verbessern. Dann
hat sie das Geld für die Klassenfahrten der Kinder. Denn nicht allein die
elementaren Bedürfnisse wie Wohnen und Essen legen das Existenzminimum fest.
Auch der durchschnittliche Wohlstand der anderen entscheidet darüber, wann
Menschen unter Armut leiden. Je aufwendiger die Klassenkameraden angezogen sind,
desto mehr muss die klamme Mutter für die Kleider ihrer Kinder ausgeben, damit
diese nicht verspottet werden.“
Mehr Geld macht nicht glücklich, man erhöht nur die Verlustängste, aber deutlich zu wenig Geld im Vergleich zu den Menschen, mit denen ich lebe, lässt Menschen subjektiv wirklich unglücklich sein. Das ist der Kern der aktuellen Hartz-IV Debatte!
Man kann das Dopamin auch schnell zuführen. Mit Alkohol und Nikotin, mit Kokain und auch mit Glücksspiel werden im Hirn sofort Dopamine freigesetzt. Wenn der Geldautomat im Spielsalon mit Münzen klappert oder ein Spieler am Nebentisch abräumt – ein „feuriges Kribbeln über den ganzen Leib“ stelle sich dann ein, schrieb der russische Romancier Fjodor Dostojewski, der seine ganze Habe am Roulettetisch verspielte. Da ist schon klar, dass das auf lange Frist unglücklich macht.
| © Evangelische Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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