PAPA - MAMA - KIND | Predigtreihe 2005


PAPA

Liebe Freunde!

Vater werden ist nicht schwer, laut Boris Becker dauert es 5 Minuten, Vater sein, dagegen sehr. Und weil das so ist, tut es gut, wenn wir uns gleich zu Beginn an verlässlichen Fakten in der schweren Angelegenheit festhalten können.

Also: Zahlen und Fakten bitteschön:

 

1.)  Wenn Sie die jetzige Generation von Vätern junger Kinder nehmen – Was schätzen Sie – wie viel Minuten mehr verbringen mit der Hilfe im Haushalt als die Väter eine Generation vorher, als deren eigenen Väter also? – Die Antwort ist atemberaubend. Es geht um 2 Minuten täglich mehr. Das sind übers Jahr gesehen immerhin 12 Stunden und 10 Minuten und das sind wiederum 8 Fußballspiele ohne Verlängerung. Das verlangt schon Respekt!

2.)  Die zweite Antwort ist einfacher: Die Quote von Frauen, die in Deutschland Teilzeit arbeiten, beträgt 41%. Wie hoch ist die Quote bei Männern? Es sind 6%

3.)  Was schätzen Sie: Wie viel Prozent weniger verdient ein Mann durchschnittlich, der darauf verzichtet, abends mit seinen Kollegen und Vorgesetzten noch mal Einen trinken zu gehen und lieber zur Familie nach Hause kommt und Gute-Nacht-Geschichten vorliest? Es sind in England gemessene 17% Einkommensverlust, die entstehen, wenn man die Dämmerschoppen-Connections verpasst!

4.)  Eine andere Frage. Wie viel Prozent der kriminell gewordenen Jugendlichen in den USA sind ohne einen Vater aufgewachsen? Es sind 80%

5.)  Aber trotzdem: Wie viel Prozent der werdenden Väter bewerten ihre Rolle als Erzieher wichtiger als die Brotverdienerfunktion, die auch sein muss? Mehr als zwei Drittel. 70%!

6.)  Noch eine Frage: Wie groß ist die Chance, dass ein Kind in Kindergarten und Grundschulzeit einer männlichen Lehrkraft begegnet? Weniger als 10%. Der erste Lehrer tritt meistens erst ins Leben, wenn das Kind 10 oder 11 Jahre alt ist. Vorher hatte er es meistens mit Frauen zu tun.

7.)  Doch die letzten Zahlen, die ich Ihnen nennen will, sind wirklich bedrohlich: Wir denken ja manchmal: Dass es so wenig Kinder in Deutschland gibt, läge an der Emanzipationswelle und dass Frauen sich verwirklichen.
Nun kann man aber belegen, dass es eher an den Männern liegt! Eine Studie des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung (DIW) hat ergeben: Während bei den 30− bis 34−jährigen Frauen noch 35,3 Prozent kinderlos sind, sind es bei den Männern 56,7 Prozent. Bei den 35− bis 39−Jährigen liegt das Verhältnis dann bei 19,1 zu 36,4 Prozent. Der Unterschied ist nicht nur damit zu erklären, dass der Mann in einer Partnerschaft meist älter ist als die Frau:
Es sind die Männer, die bremsen.

 

Soviel mal zu den Zahlen. Nun noch eine Frage zu einem Wort. Es gibt ja das schöne deutsche Wort „bemuttern“: Da riecht man Knödel mit Gulasch und Apfelkuchen, wenn man das hört. Wie heißt eigentlich das männliche Pendant zu diesem Wort?

Sind Sie schon einmal „bevatert“ worden! Das Wort gibt es nicht! Das gibt’s doch nicht!

 

Männer haben in diesen Tagen einen Heidenrespekt davor, Väter zu werden, denn der Riss zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist ein Grand Canyon geworden. Männer würden gerne (70%) mehr mit Familie und Kindern zu tun haben, dabei wollen sie gar nicht so werden wie ihre Latzhosentragenden älteren Cousins, die in den siebziger Jahren Kinderläden betrieben haben und nur sauer wurden, wenn das Kind Papa statt Hans-Peter zu ihnen gesagt hat. Männer würden gerne anders in der Familie leben, aber es fehlen ihnen gelingende Vorbilder und es fehlt ihnen die Zeit, und manchmal auch der Mut! Manchmal steckt dahinter die Angst vor dem Schritt in die Wirklichkeit, manchmal gibt es auch handfeste ökonomische Gründe:

Eine Studie des Bamberger Familienforschungs−Instituts hat ergeben, dass junge Männer nach der Geburt ihrer Kinder meist mehr arbeiten als davor – das aber überwiegend nicht, um vor der neuen Familiensituation zu flüchten, sondern um den Einkommensverlust der Familie auszugleichen und um den eigenen Job zu sichern. Was bislang berufliche Selbsterfüllung war, bekommt bei manchem existenzielle Bedeutung!

 

Vor einiger Zeit berichteten in der ZEIT einige Männer, die sich im Geburtsvorbereitungskurs, also beim gemeinsamen Hecheln auf Gymnastikmatten kennengelernt haben, von ihren Erfahrungen über die Jahre hinweg. Wie es drei von ihnen erging, will ich kurz zitieren:

 

Torsten, als Lichtplaner in der Architektenwelt unterwegs, sagt: „Ich arbeite manchmal nur noch von der Hand in den Mund, seit ich Kinder habe. Ich bin abends zu Hause statt gesellschaftlich unterwegs, was ich eigentlich sein müsste, zur Akquise. Dadurch entgehen mir Aufträge, ganz klar. Zweimal in der Woche hole ich meine Tochter nachmittags aus dem Kindergarten ab, und er habe ein ungutes Gefühl, »wenn mich dann Geschäftspartner anrufen und die hören Kindergartengeräusche. Bei bestimmten Leuten punktet man da nicht als Mann.“

 

Oliver hat sein Arbeitspensum von 60 auf 40 Stunden gedrosselt, was in der Rezession allerdings nicht sonderlich schwer war. Er steht jetzt morgens um sechs Uhr auf und spielt drei Stunden mit Oskar und Lotta »das ganze Kinderzimmer rauf und runter«. Nicht nur, damit Elina schlafen kann, sondern auch, damit, so sagt er: »wir beide gemeinsamen Gesprächsstoff haben«. Oliver hat sogar die Nummer der Kinderärztin in seinem Handy gespeichert.

 

Thomas, der Orthopäde, hätte alles darauf anlegen können, mit seinen 39 Jahren weit oben in der Medizin zu sein, doch er sagt: »Ich habe den Job jetzt an zweiter Stelle. Ich mache keine Uni-Karriere als Arzt. Das hieße tagsüber Klinik, dann bis 22 Uhr im Labor und mit 40 lässt die Frau sich scheiden und zieht mit den Kindern weg, weil ihr der ganze Luxus als Ausgleich doch nicht reicht.«

 

Väter sind Wesen voller Widersprüche: Sie halten die gemeinsame Zeit mit den Kindern für das Wichtigste überhaupt und lieben doch ihre Arbeit. Sie prahlen mit der Erkenntnis, dass sie erst als Väter ins richtige Leben eingetreten sind, und beneiden ihre kinderlosen Kollegen doch um deren Freiräume.

Sie sind dauernd dabei, den ewigen Rückstand gegenüber ihren Frauen aufzuholen, was deren Erziehungsleistung und das Wissen über unsere Kinder angeht. Welche Schuhgröße hat Helena gerade noch mal? Welche Telefonnummer hat der Kinderarzt? Welcher ist ihr Lieblingshustensaft?

Sie rennen den Frauen hinterher und holen sie doch nie ein. Denn wenn sie kurz davor sind, fällt ihnen auf, dass sie sich nun wieder dringend um unsere Arbeit kümmern müssten, und das schlechte Gewissen holt sie ein.

Das versuchen sie dann gut zu machen mit langen Spaziergängen zum Brötchenholen am Samstagmorgen. Dort trifft man die Papas beim Bäcker. Danach beginnt das Actionwochenende mit Kino, Zoo und McDonalds. Ein Papa, der den Kindern als Freizeit-Animator begegnet, ist das das Modell der Zukunft?

 

Männer sehen sich im einem Begehrlichkeits-Dreieck von Familie, Beruf und Hobby und da gilt es also, die richtige Position zu finden, was damit anfängt, dass man aus dem Dreieck eine Linie macht, indem man die meisten Hobbys streicht. Das geht ganz leicht, beiläufig, weil die heranwachsenden Kinder ja das neue Hobby sind.

Parallel muss man aber bald aufpassen, dass nicht die Bäuche heranwachsen. Das Alter nagt die Männer an: Kein Sport mehr, abends zu Hause, deshalb mehr Fernsehen. Bald schon wird das Dreieck zum Viereck, denn der Punkt Gesundheit kommt ins Männerleben dazu: Herz, Artrose und Prostata – schon man in „Men’s Health“ hineingeschaut, was Männer wirklich bewegt?

 

Es ist nicht leicht, ein neuer Mann zu werden. Die heutigen Männer haben in ihrer Kindheit kaum Männer erlebt, an denen sie sich orientieren könnten. Sie müssen das neu erfinden. Die Berufswelt ist voll darauf ausgerichtet, dass Männer voll arbeiten – in Deutschland jedenfalls – in Skandinavien sieht das ganz anders aus. Aber auch die Frauen machen es Männern nicht immer einfach. Ich zitiere aus einem neuen Buch:

 

55 Prozent der Frauen halten Männer für nicht geeignet, Kinder zu erziehen - fälschlicherweise. Hier beginnt in der Familien- und Erziehungsarbeit der gleiche Teufelskreis wie bei der Hausarbeit:

Frau kann und weiß alles besser, gutmütiger

Partner fühlt sich demotiviert - ihm wird verwehrt, eigene Fehler und eigene Erfahrungen zu machen - und zieht sich daraufhin zurück.

Partnerin ist zunehmend überfordert und reagiert sauer auf den Rückzug.

Partner ist nicht bereit, nur Arbeit auf Anweisung und im Sinne seiner Frau zu tun.

 

Das schreibt – Bundesfamilienministerin Renate Schmidt, die sagt, sie sei erst beim dritten Kind auf die Idee gekommen, dass ihr Mann doch auch wickeln könne.

 

Wir sind – und das ist der Grand Canyon – von dem ich erzählte – theoretisch sehr weit. Männer würden gerne mehr Zeit mit den Kindern haben und der qualifizierten Frau ermöglichen, in ihrem Beruf zu arbeiten, aber die faktischen Hürden liegen höher als man denkt.

Man könnte nun lange über Kinderbetreuung, Teilzeitarbeit und Kindergeld und Steuerrecht reden. Wir würden uns aber sicher verzetteln.

 

Wir sind in einem Gottesdienst.

Wir haben ihn begonnen „im Namen des Vaters...“, wir werden am Ende das „Vater-Unser“ beten. Schon das erweckt heute noch bei vielen Frauen den Vorwurf, dass der christliche Glaube nur patriarchalische Vorstellungen vermittelt.

Klar, die biblischen Texte stammen aus alten Zeiten der orientalischen Welt, in der Frauen und Töchter oft keine namentliche Erwähnung fanden.

Und trotzdem tut es gut, einen Blick auf das Vaterbild der Bibel zu werfen. Denn gerade die Väterlichkeit Gottes, die in den Texten der Bibel beschrieben ist, ist eine ganz andere als die preußische Väterlichkeit, von der Thomas Mann in den Buddenbrocks oder von der Jochen Klepper im Roman „Der Vater“ über den Vater des „Alten Fritz“ berichtet hat.

Das will ich zeigen. Wir hängen an sehr starren Vaterbildern – an anderen als an biblischen Vaterbildern fest – Väter mit Prinzipien, die Exempel statuierten und denen Disziplin wichtig war, die selten mal kommen und sich dann immer durchsetzen müssen.

 

Die Bibel sieht das anders!

Da betet Jesus das Vater-Unser und sagt seinen Jüngern So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel! Und selbst nennt er den Vater im Himmel „Abba“ – das heißt Papa. Das ist nicht Herr-Vater, das ist nicht der Herrgott, das ist sehr, sehr vertraut. Und Paulus sagt: Wenn wir Vertrauen zu Gott haben so wie Kinder, dann rufen wir zu Gott: Abba, lieber Vater.

 

Das ist der erste Punkt, der auffällt, wenn wir das biblische Vaterbild betrachten und überlegen, welche Scheibe wir uns davon abschneiden können:
ANSPRECHBARKEIT! Liebe Väter heute: Wie sieht es denn aus? Wann seid ihr mit welcher Zeit und welcher inneren Aufmerksamkeit für eure Kinder ansprechbar? Wann bekommen die auf verrückte Fragen oder Ansinnen ehrliche und überzeugte Antworten? Kinder erwarten übrigens nicht, dass man ihnen nach dem Mund redet, aber sie dürfen erwarten, dass man mit ihnen redet. Ein gut begründetes Nein ist mehr wert als ein Ja, dass sich Zeit freischaufeln will. Gott als Vater macht sich ansprechbar. Macht er auch mich ansprechbar?

 

Der zweite Punkt, der mir auffällt ist: VERANTWORTUNG. Wenn die Bibel Gott den Vater nennt, dann meint sie nicht ein biologisches Herkunftsdenken und die göttliche Abstammung, sondern dass dieser Vater für seine Kinder Verantwortung übernimmt. Er ist nicht nur irgendwann ihr Vater geworden, er bleibt zeitlebens der Vater, der in Verantwortung handeln muss. Wir brauchen Väter, die in Verantwortung für die Kinder eintreten. Haus und Auto sind nicht so viel wert. Verantwortung bedeutet auch, dazu zu stehen, dass man als Familienvater finanziell ein anderes Risiko eingeht, als das kinderlose Ehepaar mit den zwei BMWs.

 

[BILD]

Und das letzte was ich vom biblischen Vater lernen kann: VERLÄSSLICHE LIEBE: Das Bild des biblischen Vaters schlechthin hat Rembrandt gemalt nach dem Gleichnis vom Verlorenen Sohn. Dieser Vater ist das wirkliche Gegenteil vom prinzipientreuen preußischen Vater. Dieser Vater beugt sich dem zurückkommenden Sohn, der das Erbe gegen seinen Willen durchgebracht hat, in Liebe entgegen. Es sieht aus, als würde er alle Erziehungsprinzipien drangeben. Aber dieser Vater weiß:

Letztlich verlässlich muss die Liebe sein – das ist von einem Vater zu erwarten.

 

Da muss sich ein Vater heute entscheiden: Will ich Ansprechbarkeit, will ich Verantwortung, will ich verlässliche Liebe leben? Und da darf ein Vater heute wissen: Wenn ich das leben will, darf ich es selbst empfangen – ein Vater braucht einen Vater.

Gott ist als der Liebende, er ist in seiner Gnade, Barmherzigkeit, Treue und Geduld unser Vater. (Otto Weber)

 

Amen.

Andreas Klein, Papa von 3 Jungs

 

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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