PAPA - MAMA - KIND | Predigtreihe 2005


Predigt im GoSpecial-Gottesdienst Traisa, 16.1.2005

„MAMA – selbständige TOPmanagerin mit Minimalansprüchen gesucht“

Liebe Gemeinde!

„Mama!“

Erinnern Sie sich noch? An dieses Glück – als Sie von Ihrem Baby zum ersten Mal dieses Wort hörten?  Zum allerersten Mal: MAMA!

Ich weiß es noch genau. Vorher nur unverständliches Silbengebrabbel. Aber plötzlich, ganz deutlich, mit strahlenden Äuglein: MAMA! Und dann ermuntern: Hast du Mama gesagt? Sag`s doch noch mal: Maamaa...

Welches Glück!

Aber dann, nur wenige Monate oder Jahre später, da möchte Frau sich am liebsten die Ohren zuhalten. Sie kann es nicht mehr hören: Mama! Maamaaaa! Mama hier, Mama da, Mama zuerst bei mir, Mama sofort. Mama komm schnell, Mama du sollst gucken, Mama, du musst helfen, Mama komm...

Wir haben es eben im Anspiel gehört. Welche Mama kennt es nicht? Nicht gerade ein Traum von Mama-Sein...

 

MAMA sein. Mutter sein. Das geht nicht nebenbei. Zur Mutter wird eine Frau geboren, aber nicht mit ihrer eigenen Geburt, sondern mit der des ersten Kindes.

MAMA sein – was ist das?

Mamasein, eine Berufung, eine biologische Selbstverständlichkeit, eine Lebensaufgabe?

Ist Muttersein ein wohlüberlegtes, sorgfältig geplantes und gut inszeniertes Projekt, ist es Zufall oder gar Unfall?

Ist Mamasein der Liebeskiller, der Karrierestop, ein Auslöser für Depressionen?

Ist Muttersein für viele das unter Tränen vergeblich erhoffte Lebensglück?

 

Ich möchte Ihnen heute drei Mamas vorstellen.

 

Anne (32) ist ziemlich am Ende. Eigentlich ist sie ja am Ziel ihrer Träume: Drei Kinder hatte sie sich immer gewünscht, hat sie auch bekommen: 5 und 2 sind die Großen, und dann noch das Baby. Ihren Beruf als Krankenschwester aufzugeben für die Kinder fiel ihr nicht sonderlich schwer.

Aber jetzt kann sie nicht mehr: Seit 5 Jahren nicht mehr durchgeschlafen, zwischen lauter Windeln und Kinderkrankheiten kann sie kaum noch Luft holen. Von der Supermutter zum heulenden Elend – so möchte sie sich beschreiben und kommt sich völlig überfordert vor: Alle Leute scheinen glücklich zu sein, nur ich bin unnormal, meint sie. Dabei liebt sie doch ihre Kinder.

Zwischen ihr und ihrem Mann wird der Ton immer heftiger, Zeit für Zweisamkeit und Zärtlichkeit findet sich kaum noch. Immer wieder ist von Trennung die Rede. Sie sieht sich schon alleinerziehend.

„Ich bin völlig ausgebrannt, aber ich traue mich nicht, es zuzugeben“, sagt sie. Andere schaffen es doch auch!

 

Gertrud (64) hat im Wohnzimmer eine wahre Galerie mit Fotos ihrer 3 Kinder und schon 5 Enkel aufgestellt. Meine Kinder sind mein Leben! sagt sie und erzählt davon, wie glücklich sie war, als sie mit 19 ihren Mann heiratete und auch bald Kinder bekam. Keinen Tag hätte sie etwas anderes machen wollen als Mutter sein.

Wohlgeraten sind auch alle drei Söhne, haben jeder einen ordentlichen Beruf erlernt und  geheiratet. Die drei sind meine Lebensaufgabe! und keine Woche vergeht, ohne dass wenigstens einer mal bei der Mutti anruft oder vorbeischaut.

 

Marion (46) hat es gut hingekriegt. Seit einigen Jahren ist sie wieder vollzeit im Management einer großen Firma tätig. Ihr Sohn Robin, inzwischen 16, war schon als Kleinkind bei einer Tagesmutter, so dass sie immer auch arbeiten konnte. Den Beruf aufgeben wollte sie nicht,  zulange hatte sie studiert, zu weit sich schon nach oben emporgearbeitet.

„Mehr als ein Kind kam deshalb für uns nicht infrage“, sagt sie, „und ohne den Einsatz der Oma wäre es in den ersten Jahren auch nicht zu schaffen gewesen. Schließlich ist mein Mann beruflich auch sehr beansprucht.“

Stundenweise hat sie eine Haushaltshilfe angestellt. „Denn nach Feierabend und am Wochenende will ich nicht Hausputz machen, sondern mit meiner Familie etwas unternehmen“ Es klappt gut.

 

Soweit die drei Mamas.

Drei Mütter, drei Lebenswege.

So unterschiedlich wie das Leben selbst sind auch die Familiensituationen von Müttern heute.

Früher war das alles irgendwie selbstverständlich: Frau heiratete, bekam die Kinder und sorgte für sie und hielt im übrigen dem Mann den Rücken frei und die Pantoffel vorgewärmt.

Heute ist das anders.

In einer Gesellschaft, wo nicht mehr die Oma fraglos das Enkelkind hütet – ab nächster Woche macht sie nämlich eine ayurvedische Wellnesskur in Nordindien oder geht selbst arbeiten.

In einer Gesellschaft, wo junge Frauen ganz selbstverständlich in einem Beruf arbeiten und genauso selbstverständlich um ihren Arbeitsplatz fürchten müssen, wenn sie das erste Mal in Mutterschutz gehen.

Ein Dilemma unserer Tage: Jede frischgebackene Mutter muss das Rad quasi neu erfinden. Muss sich von Stillberatung über den Nutzen von Babymassage hin zu frühmusikalischer Förderung für die Kleinsten ein völlig neues Themengebiet erarbeiten.

Wo noch sind die großen Schwestern oder älteren Freundinnen zu finden, die mit ihrer Erfahrung ganz einfach weiterhelfen? Oder wird solcher Rat gar nicht mehr gewünscht?

 

Ich erschrecke oft darüber, wie wenig solidarisch junge Mütter untereinander sind. Da wird schon in den Baby- und Krabbelgruppen geäugt und verglichen: Zuerst das Kind: Welche Marken trägt es und  wie wird es gefördert? Meine Marie dreht sich immer noch nicht vom Bauch auf den Rücken, aber Klein-Patrick fängt schon an zu robben!

Dann die Mütter: Welche fängt wann wieder an zu arbeiten? Welche hat die besseren Bedingungen zuhause, den fürsorglicheren Papa als Mann, das bessere Finanzpolster?

Es ist noch nicht lange her, als sich in einer christlichen Familienzeitschrift Frauen eine erzürnte Leserbriefschlacht lieferten. Die gekränkten sogenannten „Nur-Mütter“ warfen den berufstätigen Müttern ihr „Rabenmutterdasein“ vor und auch umgekehrt gingen emotional die Wogen hoch.

Warum? frage ich.

Warum gibt es keine Solidarität, wo doch die Probleme oft auf einer ganz anderen Ebene liegen. Wo doch fast jede Mutter sich durcharbeiten muss durch echte Lebensfragen: Wie soll mein Leben aussehen; kann und will ich meine Arbeitsstelle behallten; wie wird es weitergehen, wenn die Kinder größer sind?

 

Was ist denn nun eine gute Mutter?

Die meisten beantworten diese Frage so: Ausgeglichen und glücklich. Was einfach klingt, scheint jedoch den wenigsten zu gelingen.

Die berufstätige Mutter scheitert heute meistens an den eigenen hohen Ansprüchen: Sie fühlt sich mal unzulänglich im Job, mal unzulänglich oder unterfordert zu Hause.

Die Vollzeitmutter schämt sich ihrer vermeintlich langweiligen Hausfrauenrolle.

Die Teilzeitmutter kann die Zeit mit den Kindern nicht recht genießen, weil sie mit halbem Herzen an die aufgegebene Karriere denkt und kann die Zeit im Büro nur mit schlechtem Gewissen arbeiten, weil sie die Gedanken an das Wohlergehen der Kinder nicht zur Seite schieben möchte.

 

Gründe für das Unbehagen einer jungen Mutter gibt es genug.

Und ich behaupte: alle hätten wir ein leichteres Leben, wären wir nicht so versessen darauf, als „gute Mutter“ zu gelten.

Häufig höre ich von Frauen den Satz „ich fühle mich als gute Mutter“, viel seltener jedoch „Ich fühle mich gut als Mutter“.

Woran liegt das?

 

Ich denke, wir Frauen  neigen oft dazu, unsere Mutterrolle mit Selbstaufgabe gleichzusetzen.

In der berechtigten und wichtigen Sorge für unsere Kinder vernachlässigen wir zwar nicht alle Bereiche, doch aber sehr wichtige.

 

Welche durchschnittliche, immer getriebene, von schlechtem Gewissen geplagte, alles perfekt machen wollende berufstätige Mutter denkt denn noch an sich selbst? Ich meine: Über den 14tägigen Termin im Fitnessstudio und den allfälligen Friseurtermin hinaus?

Welche Vollmutter, welche Teilzeitmutter, welche Karrieremutter achtet denn auf ihre innere Stimme, auf ihr eigenes Bedürfnis nach Ruhe, nach Sammlung, nach Meditation, nach Gebet?

Welche Mutter sucht und findet denn ihre eigenen Kraftquellen und schöpft daraus Energie für den kräftezehrenden Alltag? Welche Mama weiß denn eigentlich noch, was ihr selbst für ihr Leben wirklich wichtig ist?

 

Und das andere: Wo bleibt denn die Beziehung? Jedes Kind hat ja auch einen Vater, und im Idealfall ist dieser der Mann der Mutter.

Letzte Woche stand in unserer Aschaffenburger Tageszeitung zu lesen, dass Mütter, berufstätige allzumal, vor lauter Stress keine Zeit mehr für Zärtlichkeit und Sexualität finden. Zu hoch seien die Erwartungen von allen Seiten, noch höher die Ansprüche an sich selbst – das zusammen sei Lustkiller Nr. 1.

Es ist nicht nur die Erotik, die in vielen Elternbeziehungen auf der Strecke bleibt.

Wo - ganz klassisch - der Mann sich zunehmend in seiner Arbeit vergräbt und die Frau sich in ihrer Familienarbeit unverstanden oder nicht ausreichend gewürdigt fühlt, wird aus der schleichenden vorwurfsvollen Entfremdung leicht eine tiefe Kluft. Zu viele schmerzhafte Trennungen und Scheidungen quälen in unserer Generation.

 

Das dritte: Der Beruf. Ganz gleich, ob eine Mutter sich für oder gegen die Berufstätigkeit entscheidet – in ihrer Entscheidung fühlt sich kaum eine Frau sicher. Zumal Emanzipation heutzutage nur am Erfolg im Beruf gemessen wird.

Zu schwer lastet die unausgesprochene Erwartung, dass eine moderne Frau sich auch beruflich verwirklicht, auf denen, die freiwillig oder unfreiwillig zuhause bleiben.

Aber ist es denn wirklich eine Errungenschaft, wenn eine Frau sich schuldig fühlt, nur weil sie die ersten Jahre beim Kind bleibt und den Beruf auf Eis legt?

Ist es ein Fortschritt, wenn Frauen zwar Kinder und Karriere stemmen, dabei aber vor Erschöpfung die eigene Post nicht mehr öffnen können?

Spricht es für unsere Zeit, wenn das Kleben von Fotoalben in einem Ratgeberbuch für Mütter als „Zeitkiller“ abgelehnt wird?

Ist es ein Gewinn, immer müde zu sein und gehetzt?

 

Wo bleibe ich selbst – wo bleibt mein Partner – wie sieht es aus mit meinem Beruf?

Vermutlich die drei Hauptprobleme, die eine Mama daran hindern, das zu sein, was sie doch von Herzen gerne sein möchte: Eine gute und eine glückliche Mutter.

 

Wie komme ich dahin: ausgeglichen und glücklich zu sein?

 

Schön wäre es, gäbe es ein Geheimrezept. Ich habe es noch nicht gefunden. Es wird auch keines geben. Hilfreiches und Grundsätzliches, das vielen Müttern helfen kann, gibt es aber. Heute möchte ich auf das Rezept einer Frau sehen, von der ich nicht einmal weiß, ob sie eigentlich auch eine Mama war.

In der Lesung vorhin sind wir ihnen begegnet, den Prototypen zweier Frauenleben:

Martha – die energische, kraftvolle Gastgeberin, strotzend vor Eifer und Geschäftigkeit. Souverän bekocht und bedient sie den geladenen, berühmten Gast.

Der Inbegriff der Schiller’schen Mutter und Hausfrau, anfangs im Gedicht bestaunt: „... und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer – und ruhet nimmer.“ Und ruhet nimmer. Und ruhet nimmer... Daran wird’s wohl gelegen haben....

 

Ich denke mir: Auch ohne Hilfe hätte sie die Hausarbeit sicher gut geschafft, wäre da nicht der Vergleich gewesen: Der Vergleich mit ihrer so ganz anders gearteten Schwester Martha, die mit Küchen- und Tischdienst nichts im Sinn hat und sich als Frau das herausnimmt, was damals nur Männern vorbehalten war: dem Rabbi lauschen.

Die Pointe dieser so bekannten und von Frauen oft nicht so geliebten Geschichte ist die:

Jesus sagt: Martha, Martha, du hast viel Mühe.

Was er meint ist: Für wen tust du das eigentlich? Oder: Wem tust du damit etwas Gutes?

Ich möchte diese Frage übertragen:

Für wen mache ich mir eigentlich die ganze Mühe in meiner Mutterrolle? Ist es wirklich für die Kinder? Oder letztlich doch nur für mich selbst, damit ich im Vergleich mit den anderen gut dastehe? Weil ich noch mehr in meine Kleinen investiere als die Mütter der anderen? Damit meine Kinder im gesellschaftlichen Vergleich etwas über dem Durchschnitt liegen, was musikalische und sportliche Bildung betrifft?

Eins aber ist not – und dieses bessere Teil hat Maria gewählt: sie hört zu.

Sie bedient Jesus nicht, sie lässt sich von ihm bedienen. Sie gibt nicht ihre Kraft und ihre Gedanken her, sie lässt sich mit Kraft und Gedanken beschenken. 

Sie lässt sich befreien von dem Druck, alles immer gut und perfekt zu machen und zu richten. Von dem Druck, unter dem so viele Frauen leiden.

Die Geschichte von Martha und Maria ist eine Befreiungsgeschichte für Frauen allgemein und wohl besonders für Mütter. Eine Geschichte, die uns von den Sorgen freispricht und uns Mut macht, all die Bedienungszwänge, unter denen wir oft zu stehen meinen, abzuwerfen.

Und uns auf das zu konzentrieren, das jetzt gerade not ist. Für Maria war es: Auf Jesus zu sehen, auf sein Wort von der Liebe Gottes zu hören.

 

Ich lerne von diesen Frauen, dass es um die Prioritäten geht: Das Wichtige tun zur richtigen Zeit. Und das andere, das Unwichtigere, dann auch sein zu lassen.

Die Arbeit liegen lassen, wenn es um die Begegnung mit Gott geht.

Den Haushalt notfalls im Chaos versinken lassen für das Liebeskummer-Gespräch mit der Teenie-Tochter.

Für den Kindergeburtstag einen Kuchen weniger backen und dafür mit dem Geburtstagskind ein Buch anschauen.

 

Befreiung von falschen, von selbst auferlegten Zwängen. Das soll kein neuer Druck sein.

Das hilft auch nur bedingt, wenn frau vor lauter nächtlichem Babygeschrei tagsüber im Stehen einschlafen könnte. Das entlastet kaum, wenn drei Kinder gleichzeitig nach der Mama schreien. Aber es kann helfen, innerlich quasi einen Schritt zurückzutreten und zu überlegen: Was ist mir jetzt am wichtigsten? Ich lasse mich nicht hetzen, ich lasse mich jetzt nicht bestimmen.

Befreiung von falschen, von selbstauferlegten Zwängen: Das ist Freiheit des Glaubens.

Das kann mir neue Prioritäten zeigen: Wer und was ist mir heute wirklich wichtig?

Ich mir selbst? Mein Partner? Mein Kind? Meine Beziehung zu Gott?

 

Ich kann dann wieder neu und wieder klar sehen: Wie schön es ist - trotz allem, trotz Arbeit und Zerrissenheit, trotz Sorgen und Ärger - wie schön es ist, Mama zu sein.

Lachen statt schimpfen, auch wenn der Spaghetti-Teller mal wieder unterm Tisch gelandet ist. Leichtigkeit statt Stress. Dankbarkeit für dieses einmalige Kind statt Ärger über seine vielen Fehler.

- - -

Ja, und die anderen?

Die Väter, die Frauen und Männer ohne Kinder, die Kinder ohne Mütter oder Väter?

Die Frage nach dem wirklich wichtigen betrifft jeden Menschen.

Früher oder später stellen wir uns die Frage nach den Prioritäten in unserem Leben.

Ob eine Frau nun Mama ist oder nicht. Ob ein Mann nun Papa ist oder nicht.

Das Wichtige tun zur richtigen Zeit.

Ich wünsche es uns allen. Gott schenke uns die Kraft dazu.

 

Amen

Pfarrerin Annette Lichtenfeld
Mutter von 4 Kindern
Aschaffenburg

 

 

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