PAPA - MAMA - KIND | Predigtreihe 2005
KIND: Modell für die Zukunft gesucht...
Liebe Gemeinde!
Hierzulande denken wir viel über die Zukunft der weniger Kinder nach. Das Buch von Frank Schirrmacher über den „Methusalem-Komplott“, die auf den Kopf gestellten Alterspyramide, an der unsere Gesellschaft leidet, zeigt das auf.
Im Blick auf die ganze Welt müssen wir über die Zukunft vieler Kinder nachdenken! Und für viele dieser vielen Kinder gibt es nur wenig Zukunft!
Dazu ein paar Zahlen!
Von hundert Kindern (Zahlen von 2001) weltweit:
- wird von 33 die Geburt nicht offiziell registriert, sie haben damit keine Nationalität, keinen Pass;
- erhalten 27 keine Schutzimpfung;
- leiden 32 bereits vor ihrem 5. Lebensjahr an Unterernährung;
- werden 18 niemals zur Schule gehen und 11 davon sind Mädchen;
- haben 18 keinen Zugang zu sauberem Wasser und 39 keine ausreichende sanitäre Versorgung.
Wie es um das Schicksal von Kindersoldaten, um das von zur Prostitution gezwungener Mädchen und Jungen und das der Kinder bestellt ist, die auf der Straße leben müssen, ist damit noch nicht beschrieben.
Wir leben in einer Welt voller Kinder – und wir sind – in den wohl situierten Ländern mit immer noch abgesicherten finanziellen Verhältnissen nicht selten voller Sorgen um unsere Kinder.
Nun gilt beides: Einerseits würden Eltern gerne haben und wissen, dass ihre Kinder fürsorgliche Menschen werden, die sich um andere kümmern, die Nächstenliebe praktizieren. Ich höre das oft bei Taufgesprächen: „Uns ist wichtig, dass das Kind gute Werte bekommt für sein Leben“, sagen mir da viele Eltern.
Auf der anderen Seite wollen Eltern aber auch, dass ihr doch ganz besonderes Kind seinen Weg geht. Ist doch klar! Es braucht auch Durchsetzungskraft, es braucht Willen und Verstand.
Das muss kein Widerspruch sein, denn es braucht ja auch Durchsetzungskraft, um anderen zu helfen, aber das ist der Horizont der Überlegung. Wir denken über die Zukunft der Kinder nicht nur nach im Rahmen von Familie und Schule und der Zukunft des einen Kindes, sondern unsere Kinder sind Kinder einer Welt!
Wenn nun ein Modell gesucht ist, wie unsere Kinder sein sollen – als Kinder dieser einen Welt, dann könnten wir einen Kriterienkatalog mit lauter guten Eigenschaften aufstellen. Ein pädagogisches Ziel- und Erwartungsprogramm:
o Unser Kinder sollen hilfsbereit sein und trotz allem fröhlich!
o Unsere Kinder sollen Gerechtigkeit empfinden und danach leben.
o Unsere Kinder sollen mutig sein und trotzdem um ihre Grenzen wissen.
o Unsere Kinder sollen einfühlsam sein, empathisch, aber auch Spürsinn haben, sich nicht ausnutzen zu lassen.
o Unsere Kinder sollen ehrlich sein, aber nicht dumm.
o Unserer Kinder sollen großzügig sein, aber nicht verschwenderisch!
Und ein letzter Punkt noch: Unsere Kinder sollen jetzt schon und später auch Trost, Halt und Ermutigung im Glauben an Jesus Christus finden.
Modell für die Zukunft gesucht? Ich hoffe und glaube, Sie stimmen dem in allem zu. Also gut, dann legen wir los und formen wir die Kinder nach diesem Modell.
Wie, Sie meinen, das geht nicht so einfach?
Das stimmt, und das hat zwei Gründe!
Denn Kinder sind keine plastische Masse, die man formen und modellieren kann, denn sie sind, das haben sie so an sich, immerzu in Bewegung und drücken, was ich gerade geformt habe wieder zurück.
Und der zweite Grund: Wir sind keine Künstler, die das überhaupt könnten: Kinder nach einem Modell formen. Denn das ist die weiterführende Frage: Wie lernen Kinder überhaupt?
Die älteste und effektivste Lernmethode im Tierreich, zu dem ja auch die Menschen gehören, ist die Imitation: Das Nachmachen. Kinder machen nach, was sie sehen. Sie plappern nach, was sie hören. Sie leben nach, was sie vorgelebt bekommen.
Wenn Erziehung so vonstatten ginge, dass wir einmal in der Woche die Kinder zum pädagogischen Plauderstündchen herbeirufen könnten um ihnen dann die Bewertung der letzten Woche mit entsprechender Sanktion und die Aufgabenstellung für die nächste Woche zu präsentieren, dann wären wir weiter.
Aber so funktioniert es nicht, denn Kinder sehen in der Zwischenzeit wie wir es machen, und danach richten sie sich aus: Sie hören nicht auf unsere Standpauken, sondern sie tanzen nach der Pfeife, die unser Leben spielt.
Gehen wir die eben genannten Punkte unter der Leitlinie durch?
o Unsere Kinder sollen hilfsbereit sein und trotz allem fröhlich?
Wenn wir bei der Bitte um Hilfe stöhnen: „Immer soll ich alles machen!“, dann hören Kinder genau mit. Wenn wir voller Freude mithelfen, dann helfen Kinder ganz von selbst mit. Das muss ja Spaß machen, wenn Papa oder Mama das so gerne machen.
o Unsere Kinder sollen Gerechtigkeit empfinden und danach leben?
Kinder reagieren auf kleine Ungerechtigkeiten mit einem großen Sensor. Warum? Weil sich für sie darin Anerkennung widerspiegelt. Bekomm ich so viel wie der andere? Andererseits ist eine rechnerische Gerechtigkeit nicht immer zu schaffen, da muss erlebte Anerkennung umso stärker sein!
o Unsere Kinder sollen mutig sein und trotzdem um ihre Grenzen wissen?
In kritischen Situationen mutig zu sein, das kann man nicht planen. Eltern sind ja sowieso mutige Menschen, weil Kinder zu haben von vornherein hohes Risiko ist. Und Kinder erkennen und empfinden unsere Angst und unseren Mut.
o Unsere Kinder sollen einfühlsam sein, empathisch, aber auch Spürsinn haben, sich nicht ausnutzen zu lassen?
Hier gilt, dass die Kinder selbst lernen müssen. Es gibt Enttäuschungen, vor denen kann man Kinder nicht schützen, aber die Art und Weise, ob und wie man das, mit den Kindern bespricht, was sie erlebt haben, entscheidet. ^
o Unsere Kinder sollen ehrlich sein, aber nicht dumm.
Kinder spüren genau, ob wir bei der Wahrheit bleiben – Kindern ist die Wahrheit wichtig! Nicht selten haben Kinder schon gut gehütete Familiengeheimnisse offenbart, weil sie die Show durchschauen. Kinder lügen oft, um sich vor Strafen zu schützen. Sie brauchen Vertrauen, den Mist, den sie gebaut haben, aussprechen zu können!
o Unsere Kinder sollen großzügig sein, aber nicht verschwenderisch!
Neulich bin ich in einer Stadt an einem Bettler vorbeigegangen. Mein Schwager, der dabei war, hat den Geldbeutel herausgeholt und etwas eingeworfen. Unser Jüngster hat das genau gesehen und mich darauf hin angesprochen, warum ich das nicht gemacht habe. Was sagt man dann?
Das Modell für das, was Kinder morgen sein sollen, sind wir schon heute. Kinder lernen, was wir leben, nicht, was wir Ihnen mit erhobenem Zeigefinger sagen.
Nun könnte man ganz mutlos werden und in der Erkenntnis aller eigenen Schwächen sagen: Dann lass ich lieber die Finger davon. Was soll das werden?
Doch das Letzte bleibt wichtig:
Das Wichtigste, was die Kinder von uns lernen können, ist Vergebung und das man nach Fehlern neu anfangen kann.
Eheleute haben schon immer versucht, Streit vor den Kindern zu verbergen und haben sich Bosheiten in Gegenwart der Kinder nur lautlos zugezischt! Ein hoffnungsloses Unterfangen, denn Kinder haben ein feines Sensorium für Krieg und Frieden und lassen sich nichts vormachen. Kinder können damit leben, wenn Vater und Mutter streiten – sie streiten ja selbst auch – wenn sie denn erleben, dass es eine ehrliche Bitte um Vergebung gibt und ein Zeichen dafür, dass es dann froh weitergeht. Kinder werden diesen Frieden einatmen wie die frische Luft nach dem Gewitter.
Und besonders lernen Kinder, wenn man sich bei ihnen für Unrecht, das man ihnen zugefügt hat, entschuldigt oder besser noch: sie um Entschuldigung bittet. Sie werden generös vergeben und es vergessen!
Wer mit Kindern abends betet: „Hab ich Unrecht heut getan, sieh es lieber Gott nicht an“, der kann nicht so tun, als ginge es nur um das, was das Kind getan hat. Kinder lernen auch die Vergebung nur in der Schule des Lebens!
Jesus hat die Kinder zu sich gerufen und sie gesegnet. Er hat sie zum Maß der Dinge gemacht. Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, dann kommt ihr nicht in das Himmelreich. Selbstgerechtigkeit verschließt die Tür zum Himmel. Die Bitte um Vergebung macht sie auf.
Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.
Kinder können – so wie wir leben – erleben, was es heißt ein Kind Gottes zu sein. Geliebt und froh, traurig und getröstet, Mist gebaut und doch vergeben, in Ängsten und doch ermutigt. Diese Ambivalenz des Lebens, dass es – anders in den Lehrbüchern – öfters einmal sehr durchwachsen zugeht, lernen die Kinder bei uns. Und wir dürfen Kinder sein beim Vater im Himmel.
Als Papa, als Mama – oder einfach so – sein Kind.
Amen.
Ich lade sie ein für die Kinder zu beten. Schreiben Sie ihre Anliegen auf die Kärtchen. Wir hören dazu Musik der Orgel!
Andreas Klein
| © Evangelische
Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
Zur Homepage Kommentare erwünscht ! |