Predigtreihe zu zu Mk 14,3-9; Konfirmation 2005 am Palmsonntag


Liebe Gemeinde!

Ich habe ein neues Fremdwort für Sie: Der Umzuismus greift um sich. Der was? Der Umzuismus? Nie gehört – ich auch erst letzte Woche. Das muss ich Ihnen erklären.

Ein Umzuist kehrt die Straße um zu verhindern, dass der Nachbar Böses denkt.

Ein Umzuist küsst seine Frau herzlich, um zu erreichen, dass er am Abend mit den Freunden einen trinken gehen kann, ohne hinterher Ärger zu haben.

Eine Umzuistin trägt die unglaublich unbequemen Schuhe mit den hohen Hacken nur, um die 1,68 zu kaschieren.

Der Umzuismus greift um sich.

 

Der Umzuismus ist auch in der Politik verbreitet:

Die Opposition kündigt an, der Regierung helfen zu wollen, um das Lande nach vorne zu bringen.

Die Opposition stellt dann hohe Forderungen auf, um die Regierung in die Enge zu zwingen.

Die Regierung weist das brüsk zurück, um nicht mit der Opposition zusammenzuarbeiten.

Die Opposition geht wieder in dieselbe um zu beweisen, dass man mit der Regierung nicht zusammen arbeiten kann.

 

Der Umzuimus greift um sich.

Der Umzuismus lähmt. Der Umzuismus braucht viel Zeit. Der Umzuismus fragt immer nach: Was muss ich tun, um zu erreichen, um zu verhindern, um zu, umzu...

 

Der Umzuismus tut nichts einfach so. Er verfolgt immer ein Ziel, oder sagen wir besser. Der gelernte Umzuist hat immer eine Absicht im Kopf. Er tut nichts unmittelbar, er will immer etwas erreichen, und manchmal hat er viel zu tun, um zu verhindern, dass andere sein verborgenes Ziel, seine geheime Absicht erkennen. Dann fliegt das Spiel ja auf! Schachspieler sind Umzuisten in hoher Potenz.

 

Man könnte auch annehmen, dass eine Konfirmation der Abschluss einer solchen umzuistischen Handlungskette ist. Um diesen Tag zu erreichen, habt ihr an etlichen Donnerstagen im Gemeindehaus gesessen, habt Gottesdienste besucht, habt Diakoniepraktikum gemacht, die Freizeit absolviert und unendlich lange Texte auswendig gelernt. Alles, um diesen Tag zu erreichen. Vielleicht denken viele: Konfirmation ist einfach so. Ich hoffe, ihr habt es anders erlebt.

Denn der Umzuismus ist eine Plage. Wenn man das, was man tut, nur tut, erträgt oder erduldet, um ein anderes Ziel zu erreichen, dann ist in der Welt jedes Mittel zum Zweck recht.

Dann tut es gut, etwas ganz anderes zu erleben.

 

Und das erleben wir jetzt. Wir begegnen jetzt einer Frau, die garantiert keine Umzuistin ist.

 

1 Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest* und dem Fest der Ungesäuerten Brote. Die führenden Priester* und die Gesetzeslehrer* suchten nach einer Möglichkeit, Jesus heimlich zu verhaften und umzubringen.

2 »Auf keinen Fall darf es während des Festes geschehen«, sagten sie, »sonst gibt es einen Aufruhr im Volk.«

3 Jesus war in Betanien bei Simon, dem Aussätzigen*, zu Gast. Während des Essens kam eine Frau herein. Sie hatte ein Fläschchen mit reinem, kostbarem Nardenöl*. Das öffnete sie und goß Jesus das Öl über den Kopf. [a]

4 Einige der Anwesenden waren empört darüber. »Was soll diese Verschwendung?« sagten sie zueinander.

5 »Dieses Öl hätte man für mehr als dreihundert Silberstücke* verkaufen und das Geld den Armen geben können!« Sie machten der Frau heftige Vorwürfe.

6 Aber Jesus sagte: »Laßt sie in Ruhe! Warum bringt ihr sie in Verlegenheit? Sie hat eine gute Tat an mir getan.

7 Arme wird es immer bei euch geben, und ihr könnt ihnen helfen, sooft ihr wollt. Aber mich habt ihr nicht mehr lange bei euch. [a]

8 Sie hat getan, was sie jetzt noch tun konnte: Sie hat meinen Körper im voraus für das Begräbnis gesalbt.

9 Ich versichere euch: Überall in der Welt, wo in Zukunft die Gute Nachricht* verkündet wird, wird auch berichtet werden, was sie getan hat. Ihr Andenken wird immer lebendig bleiben.«

10 Darauf ging Judas Iskariot, einer aus dem Kreis der Zwölf*, zu den führenden Priestern*, um ihnen Jesus in die Hände zu spielen.

 

Um zu verstehen, wie es in orientalischen Dörfern ohne Abfluss und Kanalisation, dafür bei 40 Grad Hitze im Frühjahr und mit vielen Tieren unterwegs gerochen hat, braucht man nicht viel Phantasie. Bei einem opulenten Festmahl dagegen sollte ein Wohlgeruch herrschen, deshalb war es gute Sitte orientalischer Gastgeberschaft, dem Gast bei der Begrüßung Hände und Füße zu waschen und für den guten Duft einen Tropfen Duftöl auf die Stirn zu tupfen. Rosenöl oder eben Nardenöl. Nardenöl war sehr wertvoll. Für ein Fläschchen musste ein Tagelöhner ein Jahr arbeiten. Für den entsprechenden Gegenwert bekäme man heute einen Gebrauchtwagen! Deshalb war Sparsamkeit angesagt. Mehr war auch nicht nötig, das Öl roch intensiv.

 

Aber was rede ich von Gerüchen. Ich habe Nardenöl dabei – ein kleines Fläschchen – und wer mag, kann sich einen Tropfen auf die Stirn oder die Hände reiben, und wir erleben selbst – allen heute aufgelegten Chanels, Joops und 4711s zum Trotz – wie es damals in diesem Haus von Simon gerochen haben mag.

 

Was wollte diese Frau, was hatte sie im Sinn? Oder ist das schon umzuistisch gefragt? Was hat sie getan? Sie hat für Jesus Christus einfach alles gegeben?

 

Sie hat nicht länger taktiert – und überlegt, ob ein oder zwei oder drei Tropfen richtig und angebracht sind. Sie hat einfach alles gegeben.

Sie hat nicht länger laviert – mit großen Worten erläutert, gerechtfertigt oder verteidigt, was sie da tut. Sie hat einfach alles gegeben. Und das spricht für sich.

Gelehrte Menschen kommen auf die Idee, das was die Frau getan hat, tiefsinnig zu deuten. Jesus Christus, das ist heißt auf deutsch: Jesus, der Gesalbte. Du salbest mein Haupt mit Öl, so sagt König David in Psalm 23. Könige werden gesalbt. Nicht wie jeder Gast angetupft, sondern mit dem Öl übergossen. Was die Frau tut, ist ein Salbungsritual, ein König wird eingesetzt – gestern haben wir gehört wie er mit einem Esel in die Stadt einzieht – ein König, aber auf dem Esel  – heute hören wir, wie er von einer namenlosen Frau gesalbt wird.

Das ist alles richtig, aber wir sind dem Umzuismus wieder ganz nahe. Denn jetzt sagen wir: Das hat die Frau „nur“ getan, um Jesus zum König zu salben. Das war ein Ritual, ein Zeichen, bei dem es nötig ist, dass man überzeichnet.

Aber hat die Frau das gewusst, geplant und beabsichtigt? Ich glaube kaum.

 

Auch Jesus erklärt und erläutert nachträglich, was die Frau getan hat und nimmt sie vor den anderen in Schutz. „Sie hat meinen Körper im voraus für das Begräbnis gesalbt.“ Die anderen Frauen, die Ostermorgen zum Grab von Jesus gekommen sind, um seinen toten Körper einzubalsamieren, sind bekanntlich zu spät gekommen. Das Grab war leer: Unverrichteter Dinge sind sie wieder gegangen. Diese Frau tut das jetzt schon!

Aber war das das Motiv der Frau? Hat sie das gewusst, geplant und beabsichtigt? Ich glaube kaum.

 

Was hat die Frau getan? Sie hat mit der Sprache eines schönen Zeichens Jesus zugesagt: „Du bist mir wertvoll.“ Du bist es wert – und selbst das reicht nicht aus. Sie hat etwas Gutes getan, sie hat etwas Schönes getan. Ohne „um zu“, einfach so; nur für diesen Moment, nur für ihn. Etwas Schönes – das ist die Sprache der Liebe, die nicht taktiert.

 

 

Dabei ist diese Frau umzingelt von umzuistischem Widerspruch.

Die ganze Geschichte ist umzingelt. Die Karwoche beginnt und „die führenden Priester* und die Gesetzeslehrer* suchten nach einer Möglichkeit, Jesus heimlich zu verhaften und umzubringen.“ Haben Sie es gehört: „Umzu-bringen. Wer wie Jesus sagt, dass Gott seine Liebe denen schenkt, die es nicht verdient haben, weckt den Zorn derer, die ihr ganzes Leben damit verbringen sich Gottes Zuwendung zu verdienen! Ist doch klar!

Und nach der Geschichte, was passiert da?

Judas, einer aus dem Kreis der Zwölf Jünger, geht zu den führenden Priestern, um ihnen Jesus in die Hände zu spielen. Was Judas wollte, ist heute heiß umstritten. Viele vermuten – und haben anscheinend recht damit – dass Judas Jesus provozieren wollte, ihn zum politischen Widerstand aller Israeliten gegen das römische Joch zwingen wollte. Das war der Versuch eines riskanten Schachzuges, der gescheitert ist.

 

Und in der Geschichte, im Haus von Simon selbst? Wohlmeinende Umzuisten allenthalben. Männer, die es plötzlich skandalös finden, soviel Geld zu verschwenden und mit sozial-religiöser Inbrunst fordern, das Geld solle man lieber den Armen geben. Ob die Eselskutschen der Männer vor dem Haus Alufelgen hatten, weiß ich nicht, aber dass Männer alles Geld der Welt für soziale Zwecke ausgeben, ist mir neu. Ein Hauch von Bigotterie dringt durch den Duft des Nardenöls. Finden Sie nicht auch?

Auch Jesus findet das Reden von den Armen und den Almosen ziemlich vorgeschoben: „Arme wird es immer bei euch geben, und ihr könnt ihnen helfen, sooft ihr wollt.“ Der bigotten Rede und der umzuistischen Niedertracht wird ein Riegel vorgeschoben.

 

Aber auf was kommt es an? Was hat das alles mit uns zu tun?

Ich könnte jetzt schwelgen davon, dass die Ethik (das was wir tun sollen) ohne Ästhetik (das Schöne, das wir genießen sollen) gar nichts ist. „Das Schöne ist die Mutter des Guten.“, so habe ich es in dieser Woche bei einem Vortrag (von Fulbert Steffensky) gehört: „Etwas schön zu finden ist wichtiger, als etwas für wahr zu halten.“

Und vielleicht erwischen sich auch gestandene Umzuisten bei der Erfahrung, dass die sinnlose schöne Anblick einer Alpengipfelkette, dass der perlende Glanz guter Musik, dass der Eindruck eines alten Bildes uns nachhaltiger motivieren kann als gute Vorsätze.

„Dies Bildnis ist bezaubernd schön.“, singt Tamino in der Zauberflöte – sinnlose Schönheit kann bezaubern.

 

Aber das ist mir noch nicht genug. Es geht um mehr. Es geht um alles! Bis zum letzten Tropfen – das Ganze, alles Öl hat die Frau Jesus auf den Kopf gelehrt. Alles hat sie gegeben und Jesus damit gesagt: Du bist mir wertvoll. Du gibst ja selbst alles für mich.

Nicht nur ein bisschen. Nicht nur ein bisschen Friede, Waffenstillstand und Ruhe braucht die Welt. Nicht ein bisschen Schönheit als Motivation für ein bürgerliches Leben in einer hässlichen Welt. Nicht ein bisschen Gutes gegen böse Verwahrlosung.

 

Es geht um alles. Bei der Konfirmation – aber nicht nur für die Konfirmanden. Wie viel Öl hätte ich gegeben? Auf welcher Seite wäre ich gestanden? Wie hätte ich argumentiert? Was hätte ich gesagt?

Um wie viel verändert Gott in meinem Leben? Ist sein Einfluss in meinem Leben so hoch wie der Kirchensteueranteil an der Einkommenssteuer im Verhältnis zu meinem Nettoeinkommen? Das wäre verschwindend gering. Religiöse Zuckerstückchen für besondere feierliche oder traurige Situationen. Das verändert nicht das Leben. Das wäre ein Tropfen, um ein bisschen mehr Glanz zu schaffen.

 

Dieser Frau geht es um alles. Jesus zu sagen: Du bist wertvoll.

Und indem Jesus das geschehen lässt, sagt er das gleiche zu dieser Frau.

Du bist wertvoll.

Ein Gespräch beginnt, eine Beziehung fängt an. Das verändert Leben.

Amen.

 

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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