Liebe Freunde,
das Predigtwort für heute ist der Monatsspruch für den Oktober. Ein Vers aus Psalm 62.
Ps 62,9 / EÜ
Vertrau ihm, Volk, zu jeder Zeit!
Schüttet euer Herz vor ihm aus!
Denn Gott ist unsere Zuflucht.
Ich habe dann die Bibel aufgeschlagen, um den
Vers im ganzen Psalm zu sehen und zu hören und habe gleich gesehen, dass Martin
Luther den Vers anders übersetzt hat:
Ps 62,9 / Lu84
Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute,
schüttet euer Herz vor ihm aus;
Gott ist unsre Zuversicht.
Ob es nun Zuversicht oder Zuflucht heißt, ist
auch ein Unterschied, aber deutlicher fand ich den Unterschied zwischen:
Vertrau
ihm
und
Hoffet auf
ihn
Ich habe mich gefragt. Was ist eigentlich der
Unterschied zwischen Vertrauen und Hoffen? Was würden Sie sagen?
Was ist der Unterschied oder der
Zusammenhang von Vertrauen und von Hoffen?
Vielleicht sagt einer: Vertrauen wiegt schwerer
als Hoffnung. Hoffen, das klingt nach „Nicht so genau wissen“, die Hoffnung
stirbt zuletzt, jetzt kann man nur noch hoffen. Das ist nur noch „Hoffen und Bangen“.
Man kann es auch anders sagen:
Vertrauen habe ich immer nur jetzt in diesem
Moment. Ein Wissen, mehr als ein Gefühl, das mich ruhig macht. Vertrauen wächst
aus dem heraus, was ich erlebt habe. Ich bin, auch wenn ich zu Beginn nur zögerlich
vertraut habe, nicht enttäuscht worden. Und deswegen vertraue ich jetzt stärker
noch als früher.
Oder ich bin eben misstrauisch geworden. Andere
haben mich hintergangen und das soll mir nicht noch mal passieren. Kontrolle ist
besser.
Vertrauen oder Misstrauen kommt aus der
Vergangenheit und wirkt jetzt in diesem Moment, prägt die Muskeln meines
Gesichts und die Stimmbänder. Man kann es hören und sehen, ob ich misstrauisch
bin, oder vertrauensvoll.
Hoffnung ist nach vorne gerichtet. Ich würde
sagen: Sie ist die Verlängerung meines Vertrauens in die Zukunft. Enttäuschtes
Vertrauen macht hoffnungslos! Erfahrenes Vertrauen macht mutig. Dabei ist
christliches Hoffen ist mehr als ein Hoffen und Bangen, mehr als eine
optimistische Weltsicht: Es wird schon gut gehen.
Der ehemalige tschechische Präsident Vaclav
Havel hat einmal gesagt:
„Hoffen
ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass
etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“
Jesus hat gesagt: Ich bin bei euch alle Tage bis
an der Welt Ende. Nicht, dass es nur gute Tage geben wird. Er hat gesagt: In der
Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.
Christliche Hoffnung ist das Vertrauen, dass der Christus, der mir seine
vergebende, heilende und erneuernde Gegenwart verspricht – im Wort, im
Gottesdienst, in Taufe und Abendmahl – auch morgen bei mir ist.
Dabei muss man klar sehen, dass jeder Mensch
unterschiedlich ist – auch unterschiedlich glaubt. Unser Glaube hat je nach
Typ und Prägung unterschiedliche Anteile an Vertrauen und an Hoffnung. Es gibt
Menschen, denen ist es wichtiger, das zu pflegen, worauf sie vertrauen können.
Das können sehr verlässliche Menschen sein, denen zum Beispiel alte
Freundschaften viel wert sind. Der Glaube dieser Menschen ist auf feste
Fundamente gestellt: Was gut war, was verlässlich war, wird erhalten.
Andere legen es auf die Zukunft an probieren
immer wieder Neues aus.
Viele Beispiele zeigen das:
o
Am ersten Sonntag im Oktober ist Erntedankfest und jeder der
erntet, legt ja wieder Saatgut für die neue Aussaat weg – und Aussaat hat
immer mit Hoffnung zu tun. Ich stecke etwas in die Erde – und verliere es -,
in der Hoffnung, dass Regen und Wärme etwas Neues wachsen lassen. Und da gibt
es Bauern unterschiedlich wie die Menschen, die dabei immer etwas Neues
ausprobieren, mehr riskieren, andere machen es wie es immer war. Ein kluger
Landwirt macht beides. Erträge sichern und Neues probieren.
o
Oder nehmen wir zuletzt die merkwürdige Bundestagswahl 2005:
Analysieren wir das doch einmal unter der Fragestellung Vertrauen auf
Bestehendes, Hoffnung in Neues. Viele wissen schon, dass das wirtschaftliche und
soziale Leben neu begründet werden muss, darauf kann man auch mal hoffen, aber
dafür Bestehendes loslassen, dem man bisher vertraut hat? Lieber doch nicht.
In jeder Familie, in jeder Gesellschaft, auch in jeder christlichen Gemeinde – in jeder Kirchenvorstandssitzung ringen Vertrauen auf Bestehendes und Hoffnung auf Neues um Anteile. Töricht und dumm, wenn man den Zusammenhang verliert.
Denn eine Hoffnung, die nicht auf Vertrauen gegründet
ist, ist wahrscheinlich nur Zweckoptimismus und Vertrauen, das nicht in Hoffnung
führt, entlarvt sich als ängstlicher Klammergriff. Beides gehört in uns
zusammen. Und wir – je nach Prägung - gehören zusammen, brauchen einander!
Jürgen Moltmann hat in den sechziger Jahren die
berühmte Theologie der Hoffnung geschrieben. Von der Hoffnung zu reden ist
nicht das letzte Kapitel der Theologie. Nein alle
Glaubenssätze der Bibel sind Hoffnungssätze, Sätze der Verheißung. Ich kann
nie geistliche Besitzstände sichern und nur in der Gegenwart leben. Gott kommt
immer auf uns zu. Deshalb ist Zukunft.
Paulus schreibt: Röm 8,24
Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung.
Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das
hoffen, was man sieht?
Nochmal: Hoffnung ist die Verlängerung des
Vertrauens in die Zukunft. Kein Zweck-Optimismus. Manchmal heißt es vielleicht
sogar: „Nur getrost, es kommt noch schlimmer“ (Hans Rohrbach), aber
Vertrauen und Hoffnung ist nicht auseinander zu reißen.
Vertrau ihm, Volk, zu jeder Zeit!
Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute,
Aber wo liegen denn die Blockaden von Vertrauen
und Hoffnung in unserem Leben? Warum gibt es Momente, in denen uns Vertrauen und
Hoffnung gleichermaßen schwer fallen?
Jetzt wird es persönlich. Und fromm.
Denn jetzt heißt es in dem Vers, in dem
Monatsspruch weiter – egal in welcher Übersetzung:
Schüttet euer Herz vor ihm aus!
Stellen Sie sich Ihr Herz doch einmal vor wie
eine große Amphore, eine Vase, ein Gefäß, in das man etwas hineinleeren kann,
aus dem man wieder etwas heraus schütten kann. In diesem Gefäß liegen nun
kostbare große Steine. Die Schätze Ihres Lebens: Ihr Leben, Ihre Gesundheit,
die Liebe ihres Lebens, die Kinder, die kostbaren großen Erfahrungen.
Große kostbare Edelsteine liegen in jedem Leben. Denken Sie daran, was das in Ihrem Leben ist? Danken Sie Gott dafür. Heute ist die Zeit.
Aber egal ob die Vase aus Glas ist oder man von
oben in die Amphore hineinschauen muss. Bei vielen Menschen sind diese großen
kostbaren Steine kaum zu sehen.
Denn da ist noch viel mehr im Herzen: Jede Lebenszeit hat noch mehr in Ihr Herz gelegt: Da sind Verletzungen und Enttäuschungen hineingeraten. Kleine fiese, spitze Steine, die sich verkanten und alles fest machen. Da ist Morast dazugekommen, nasses Herbstlaub aus depressiven Zeiten. Zeiten, in denen man denkt: Alles ist in Ordnung, es müsste mir gut gehen, aber irgendwas liegt auf der Seele.
Liegt da und macht sich breit.
Klar, es gab noch mehr im Leben: Glitzernder Sand aus herrlichen Urlaubswochen. Muscheln und bunte Steine, wie ein Potpourri nach den großen Ferien.
Da sind bunte Blüten aus Zeiten des Aufbruchs.
Einige Träume haben sich erfüllt, viele haben sich zerschlagen.
Das ist das Herz. Ein Mischmasch aus so viel
verschiedenen Sammelstücken. Vertrauen und Hoffnung mittendrin. Angst und
Misstrauen, Mut und Mutlosigkeit auch.
Schüttet euer Herz vor ihm aus!
Glauben Sie mir, dass das schwer ist? Denn alles
ist in der Amphore meines Herzens verkantet und vermischt, vieles lässt sich
gar nicht lösen. Bei vielen ist das Herz schon so schwer geworden, dass sie die
Amphore gar nicht hochheben können, um sie auszuleeren. Der Morast und das
nasse Laub und die vielen kleinen Steine haben ihr Gewicht. Allein kaum
hochzukriegen!
So sieht unser Herz aus.
In jedem Menschen liegt auch das Potenzial für
Vertrauen, in jedem Menschen gibt es Hoffnung. Doch bei vielen sind die großen
Edelsteine unter Schuttgut verborgen.
Aber da gibt es Menschen, die kommen uns
erleichtert vor. Die haben ihr Herz ausgeschüttet – immer wieder. Nie zu oft
und nur selten mit den Gefühlen des großen Durchbruchs, Gott anvertraut, was
alles gut, was alles schlecht gelaufen ist. Morast und nasses Laub, spitze
Steine ausgeschüttet. Vertrauen und Hoffnung sind wieder greifbar.
Wer das nie oder selten getan hat, muss schwerer
daran arbeiten. Die Amphore ist randvoll. Laub, Morast und Steine haben sich
gesetzt. Die Angst, dass die Edelsteine mit herauskommen, wenn man anfängt, die
Amphore auszuleeren, lässt viele gar nicht erst beginnen. Aber keine Angst.
Vertrauen und Hoffnung wiegen schwer. Gott selbst hat sie in das Leben gelegt.
Wie geht das denn praktisch, das Herz ausschütten?
Es geht selten alles auf einmal, sondern eher täglich,
und bei vielen auch sonntäglich. Jeder Sonntag ist mit dem Gottesdienst die
Gelegenheit Gott zu Beginn zu sagen: Kyrie Eleison! Viele finden es übertrieben,
das jeden Sonntag zu sagen: – „Herr, erbarme dich“, aber übertrieben ist
das sicher nicht. Es geht eben nicht darum, dass wir
alles fertig bzw. aus eigener Kraft zur Vollendung bringen, sondern dass wir
mit allem – erst recht und gerade mit unserm Scheitern und Versagen – zu
Gott kommen dürfen.
Viele haben das Gefühl, dass sie sich vor dem Gottesdienst herrichten müssen. Schicke Kleider, gut gefrühstückt und in Sonntagslaune zur Gemeinde in den Gottesdienst gehen. Aber Gottesdienst ist das nicht, dass wir uns vorher schick und schön machen, sondern Gottes Dienst an uns ist, dass er uns zu Recht bringen will.
Immer und immer wieder. Wer mit anderen Menschen
lebt, in der Ehe, in der Familie, in der Schule im Beruf, auch in der Gemeinde,
macht immer wieder Fehler. Wer um seinen Glauben, um sein Vertrauen und seine
Hoffnung ringt, spürt immer wieder Mutlosigkeit und Depression. Da mag es demütigend,
oder gar eintönig oder ‚heute-ist-das-aber-nicht-nötig’ vorkommen, jeden
Sonntag zu singen: Kyrie Eleison. Herr, erbarme dich. Und doch, das ist die
Gelegenheit für Gott, den Schutt unseres Herzens freizuräumen!
Allein das Gefühl: ‚Ich kann Gott nicht mehr
unter die Augen treten’, erzeugt eine gefährliche Hoffnungslosigkeit. Dann
ist es höchste Zeit, zu kommen!
Der katholische Theologie Romano Guardini
schreibt:
„Manchmal kann man etwas nicht ändern. So
soll GOTT es wenigstens sehen. Manchmal kann man auch nicht in Ehrlichkeit
bereuen. Aber sehen soll ER es – und dass wir es noch nicht bereuen können
dazu! Alles Unzulängliche und alles Schlimme mag sein. Es ist noch nicht tödlich,
solange es sich vor Seine Augen stellt. Solange noch das Hintreten vor die Augen
Gottes geschieht, ist das ein unzerstörbarer Punkt der Erneuerung. Alles ist möglich
von Gott her. Aber alles ist in Gefahr, sobald einer dieses nicht mehr will.“
Schüttet euer Herz vor ihm aus!
Mach die Amphore leer. Blockaden des Vertrauens
und der Hoffnung kommen heraus, und Kräfte des Vertrauens und der Hoffnung, die
verschüttet waren, werden sichtbar!
Am Ende heißt es:
Gott ist unsere Zuflucht
Gott ist unsere Zuflucht.
Nicht die Resignation. Auch nicht die laut
lachende Resignation die immerzu total komisch sein muss: Lasst uns Essen und
Trinken, denn morgen sind wir tot!
Gott ist unsere Zuflucht.
Nicht unsere Arbeit. Auch nicht die Arbeit für
Gott, dass wir in der Gemeinde immer mehr tun und immer weniger beten. Dass wir
es anpacken, Hände hochkrempeln. Letzte Kräfte mobilisieren.
Nein.
Gott ist unsere Zuflucht.
Oder wie Luther übersetzt hat:
Gott ist unsere Zuversicht.
Da steckt der Unterschied ja wieder.
Voller Vertrauen darf ich zu Gott fliehen. Er
ist Zuflucht.
Voller Hoffnung kann ich wieder ins Leben sehen.
Er schenkt Zuversicht.
Amen.
| © Evangelische
Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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