P R E D I G T zum Buß- und Bettag 2005
„Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen“.
Der in der Perikopenreihe III für heute vorgeschlagene Predigttext steht bei Matthäus im 12. Kapitel, die Verse 33-37 (Der besseren Verständlichkeit lese ich aus der Guten Nachricht):
Mt 12,33-37
33 »Wenn ihr einen gesunden Baum habt, habt ihr gute Früchte von ihm zu
erwarten. Wenn ihr einen kranken Baum habt, habt ihr schlechte Früchte von ihm
zu erwarten. An den Früchten ist zu erkennen, was der Baum wert ist.
34 Ihr Schlangenbrut! Wie könnt ihr Gutes reden, wo ihr doch böse seid! Denn
wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund.
35 Ein guter Mensch bringt Gutes hervor, weil er im Innersten gut ist. Ein
schlechter Mensch kann nur Böses hervorbringen, weil er von Grund auf böse
ist.
36 Aber das sage ich euch: Am Tag des Gerichts werden die Menschen sich
verantworten müssen für jedes unnütze Wort, das sie gesprochen haben.
37 Aufgrund deiner eigenen Worte wirst du dann freigesprochen oder verurteilt
werden.«
AMEN
Liebe
Gemeinde,
keine
leichte Kost, dieser Text, so könnte man meinen, aber der Buß- und Bettag ist
ja auch kein bequemer Tag, wenn man ihn denn ernst nimmt.
„Hassprediger
haben bei uns nichts zu suchen“ so lau-tete ein Satz des Bundesinnenministers
im Herbst 2004, mit der er die Öffentlichkeit konfrontierte. Gerichtet war er
gegen bestimmte religiöse Fundamentalisten, die die gewaltsame Realisierung
ihrer Ziele predigen und bereit sind, selbst unter dem Einsatz des eigenen
Lebens unzählige anderer Menschen mit in den Tod zu reißen.
Hass
steht in Opposition zu Liebe. In einer wirtschaftlich schwierigen Zeit und einer
kulturell instabilen Situation fördert dieses Wort geradezu die Polarisierung.
Freund
gegen Feind, Abgrenzung statt Solidariität, Aus-grenzung statt Integration,
Verachtung statt Achtung sind weitere Gegensatzpaare, von der auch die momentane
Situation in Frankreich gekennzeichnet ist.
Ähnlich
schreckliche Worte finden sich aber auch in unserem Text, wenn es heißt „ihr
Otterngezücht“, Ihr Schlangenbrut, „wie könnt Ihr Gutes reden, die ihr böse
seid ?“ Werden damit Menschen nicht als vernichtungs-würdig gekennzeichnet ?
Wer ist überhaupt gemeint ? Sind wir vielleicht selbst damit gemeint ?
Es
ist fast tröstlich, dass dieses Bild nicht allein dasteht, sondern von den Bäumen
und Früchten ergänzt wird. Jahreszeitlich gesehen könnte der Text nicht
besser passen.
An
vielen Feldwegen stehen Obstbäume, die einen übervoll mit roten Äpfeln,
daneben aber auch viele
Und
das Bild, das Jesus uns vor Augen führt, geht noch tiefer. Was sind das also für
Früchte, die so ein Text in der Exegese hervorbringen soll ?
Wer
die vorhergehenden Verse ab Vers 20 liest, findet eine Antwort. Der Vorwurf
„Schlangenbrut“ oder „Ottern-gezücht“ wie Luther es übersetzt, richtet
sich gegen die Pharisäer und Saduzäer, also gegen die geistliche und
gesellschaftliche Elite zur Zeit Jesu. Bereits Johannes, der Täufer, hatte
solche Schimpfworte in diesem Zu-sammenhang genutzt.
Gleich
zu Beginn des Textes im Vers 34 kommt es zum Angriff Jesu auf seine Gegner und für
die weiteren Ver-se bedeutet das:
Am
Tag des Gerichts ist entscheidend, ob die Worte Werke hervorgebracht und das heißt
bei Matthäus ganz zentral: Liebe, Agape, Nächstenliebe. Das gilt für die
Pharisäer in ihrem Reden gegenüber Jesu, aber auch für alle Gemeinden in
ihrem Reden und Handeln. Die Pharisäer sind ein Beispiel, das der Gemeinde eine
Mahnung sein soll. Das ist die Stärke des Matthäus-evangeliums, dass der
Evangelist das Gericht der Ge-meinde zur Mahnung werden lässt. Auch sie kann
we-gen ihrer folgenlosen Worte verurteilt werden.
Ich
glaube, wir müssen das Unbehagen, dass der Text auslöst noch einen Moment
aushalten, auch wenn die antijudaistische Interpretation Luthers dieser
Textstelle in den 30er Jahren während des Nationalsozialismus furchtbar
missbraucht und antisemitisch umgedeutet wurde.
Dennoch
– ein gefährliches Phänomen ! -
weil
Jesu Urteil über die Pharisäer mehrfach im Laufe der Geschichte zur
theologischen Legitimation heran-gezogen wurde, allen möglichen böswilligen
Gerüchten über die Juden Glauben zu schenken.
Die
eigentliche Herausforderung des Evangeliums ist nicht, dass Jesu in den
Wundergeschichten seine be-sondere Macht offenbart, sondern dass in Jesu
Wun-dern Liebe zugunsten leidender Menschen geschieht. Von daher erscheint es
mir im Umgang mit Menschen viel entscheidender, Evangelium zu leben als zu
predi-gen, seien es nun Ungläubige, Juden oder Nichtjjuden. Wer sich mit den
unterschiedlichen Auslegungstradi-tionen dieser Bibelstelle näher befasst,
kommt um eine kirchenkritische Sicht dieser Worte nicht umhin. Ich kann
jedenfalls nicht am 09. November der Progrome in Deutschland von 1938 gedenken
und genau eine Woche später dieses Textwort naiv als Gottes Wort zu pre-digen.
Angesichts
der Schuld, die wir Christen im Missbrauch und des jahrhundertelangen Missverständnis
dieses Bibelwortes gerade gegenüber den anderen abrahami-tischen Religionen auf
uns geladen haben, suche ich nach Jesu Liebe durch das Gericht hindurch.
Könnte
das angekündigte Gericht letztendlich im Dien-ste der Gnade stehen, so müsste
man sich fragen – oder täte ich dem Text dabei Unrecht ? – und würde nur
ein „Evangelium light“ predigen ?
Die
Bibelstelle kann in der Tat zur Hasspredigt werden, nämlich da, wo sie als
Urteil gegen andere Völker und Religionen gerichtet wird. Aber diese Sichtweise
hält den Text von uns fern und bringt uns persönlich nicht weiter. Das heißt,
wir müssten den Text auf uns selbst beziehen und fragen , welche Gedanken in
uns ange-stoßen werden.
Ich
müsste mich also selbst fragen: Bin ich ein guter Baum oder eher ein schlechter
? Wie steht es um mei-ne Früchte ? Gewiss, manches gelingt, anderes nicht.
Vieles ist zumindest gut gemeint, aber wir wissen auch: „gut gemeint“ ist
oftmals das Gegenteil von „gut“. Ich merke das z.B. dann, wenn die von mir
gut gemeinten Worte andere verletzen.
Das
Bild fragt aber nicht nur nach der Wirkung. Es fragt auch nach der Herkunft der
Worte und Taten. Kommen sie aus dem bösen oder guten Schatz meines Herzens?
Aber wer vermag sich schon selbst gerecht zu beurtei-len. Es bleibt also nichts
anderes übrig, als die Frage an den zurückzugeben, der so redet und sich
seinem Urteil zu stellen. Es geht also um eine Verhältnisbestimmung zu dem, der
so redet und darum, ob ich anerkenne, dass hier einer redet, der mit Vollmacht
ausgestattet ist. Ein Mensch sieht was vor Augen ist, der Herr aber sieht das
Herz an, so steht es im 1. Samuel. Und im 139. Psalm heißt es: „Erforsche
mich Gott und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne, wie ich`s meine. Und
siehe, ob ich auf bösem Wege bin und leite mich auf ewigem Wege.
Das
heißt immer dann, wenn wir Jesu Worte von seiner Person lösen, sie uns zu
eigen machen und damit über andere richten, verbiegen wir die ursprüngliche
Inten-tion.
Während
Buß- und Bettage in früheren Zeiten jederzeit vom Landesherren anlässlich
bestimmter Ereignisse angesetzt werden konnten, droht der Buß- und Bettag nach
seiner Abschaffung als gesetzlicher Feiertag mehr und mehr in Vergessenheit zu
geraten.
Umkehr
könnte dann z.B. bedeuten , dass wir unsere Sinne für die Sprache schärfen.
In der Zeit, in der so viele Worte auf uns einströmen, kommt es immer mehr
darauf an, die nichtsnutzigen von den nutzbringenden
Paul
Gerhardt hat das in der 14. Strophe des uns sehr vertrauten Liedes „Geh aus
mein Herz und suche Freud“ so formuliert: „Mach in mir deinem Geiste Raum,
dass ich Dir wird ein guter Baum und lass mich Wurzel treiben.“
Schulderkenntnis gesteht ein, dass wir uns nicht selbst erlösen können. Wir sind eben Menschen und nicht Münchhausen, der sich als „Lügenbaron“ selbst am Schopf aus dem Sumpf zog. Umkehr bedeutet daher, eine neue Orientierung zu gewinnen und darum, zu bitten, dass der Geist Gottes in uns und unserer Kirche, aber auch in der Gesellschaft Raum gewinnt.
Der
Kurswechsel müsste dann lauten.
Liebe
statt Hass
/
Freund statt Feind
Solidarität
statt Abgrenzung / Integration statt Ausgrenzung
Achtung
statt Verachtung / Frieden statt Krieg
Gerechtigkeit
statt Ausbeutung
Bewahrung
der Schöpfung statt Raubbau an den
natürlichen Lebensgrundlagen.
Da
wo die Zwietracht dem im Weg steht, heißt das Schlüsselwort „Versöhnung“.
In einem Lied dazu heißt es:
„Wie
ein fest nach langer Trauer, wie ein Feuer in der Nacht
Ein
offnes Tor in einer Mauer, für die Sonne aufgemacht.
Wie
ein Brief nach langem Schweigen, wie ein unverhoffter Gruß
Wie
ein Blatt an toten Zweigen, ein `Ich-mag-Dich-trotzdem-Kuss`
So
ist Versöhnung. So muss der wahre Friede sein.
So
ist Versöhnung. So ist Vergeben und Verzeihn.
„Und
der Friede Gottesdienst, welcher höher ist denn alle Vernunft, bewahre unsere
Herzen und Sinne in Christu Jesu, unserem Herrn“
AMEN
| © Evangelische Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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