Weihnachtsgottesdienste in Traisa und Nieder-Ramstadt
Am 1. und 2. Weihnachtsfeiertag
Zu Offenbarung 7, 9-17 (Predigttext für den 2. Feiertag, Reihe 4)
Liebe Gemeinde,
ich möchte Sie heute mitnehmen auf eine weite Reise mit drei Stationen. Zuerst gehen wir in ein ganz und gar unbekanntes Land. Eigentlich nur ein paar Schritte entfernt, aber doch unendlich weit weg. Und dann machen wir uns auf den Weg in die himmlische Zukunft hinein und stehen vor dem Thron und staunen, wer da zu finden ist.
Und das dritte – wir gehen – noch einmal wieder nach Bethlehem in den Stall.
Eine Reise mit drei Stationen: Ich kann es auch ganz anders sagen und werde damit Ihre fragenden Blicke und die Stirnfalten nicht ganz beruhigen können, wenn ich sage, wir werden auf dieser Reise zuerst einem Löwen, dann einem Lamm und zuletzt – das sieht man am ehesten ein – einem Kind, dem Kind begegnen. Genug der Vorrede, gehen wir los.
London war zur Zeit des zweiten Weltkrieges – wie viele andere Städte Europas – kein guter Ort für Kinder. Deutsche Bomber flogen – auch als die Luftschlacht über England schon entschieden war – ihre Angriffe, auch erste Raketen fanden ihr Ziel. Viele Kinder wurden da auf das Land geschickt. So auch die vier Kinder Peter und Edmund, Susan und Lucy. Sie gelangen in das Haus eines kauzigen Professors, der nichts mehr will als seine Ruhe vor den Kindern – und so erkunden die das große einsame Haus allein.
In einem Zimmer steht nichts als ein großer Wandschrank. Lucy, die kleinste der vier Geschwister klettert vor lauter Neugier in den Schrank hinein, durch Reihen von Pelzmänteln hindurch, gelangt aber nicht zur hinteren Schrankwand sondern steht plötzlich in einem Winterwald mit einer Straßenlaterne.
So beginnt das erste von sieben Büchern, mit denen der englische Romancier C.S. Lewis als Autor der „Chroniken von Narnia“ in der angelsächsischen Welt so bekannt ist wie bei uns Astrid Lindgren. Clive Staples Lewis war ein Freund von J.R.R. Tolkien, dem Autor der Saga: „Der Herr der Ringe“ und ähnlich verwegen ist die Fantasy-Welt, die sich auftut:
Lucy begegnet nicht nur einer schneebedeckten Idylle, als sie den Wandschrank durchschreitet, sondern einer Winterwelt, die keinen Sommer und noch nicht einmal Weihnachten kennt. Fest im Griff einer Hexe, die ihre Feinde versteinert und nichts mehr fürchtet als die Ankunft von Adamssöhnen und Evastöchtern, Menschen eben, auf denen die Verheißung ruht, dass sie den Frühling und das Ende ihrer Herrschaft bringen.
Das erfährt Lucy und kehrt zurück, durch den Wandschrank zu ihren Geschwistern, die all das natürlich nicht glauben und dann doch voll Neugier mitkommen nach Narnia. Dort erleben sie nicht nur wie Edmund dem Zauber der Hexe fast ganz zum Opfer fällt, sondern lernen vor allem Aslan kennen, einen Löwen: Lewis schreibt:
„Keines
der Kinder wusste, wer Aslan war, genauso wenig wie du; doch kaum hatte der
Biber diese Worte ausgesprochen, überkam jedes von ihnen ein ganz neues Gefühl....“
So wie Lewis die Geschichte dann erzählt, wird sie zur Christus-Saga. Aslan ist ein mächtiger Löwe – die gute Gegengestalt zu der weißen Hexe. Dabei geht es vor allem um Edmund. Um seinetwillen begibt sich Aslan freiwillig in die die Gewalt der Hexe und wird getötet, um dann wieder aufzuerstehen und mit den Kindern in eine siegreiche Schlacht zu ziehen. Die vier Kinder, auch Edmund, werden dann zu Königen und Königinnen an Aslans Seite. Sie werden Narnia regieren und kommen doch – nach vielen Jahren – wieder am Wandschrank an, vor dessen Tür noch die gleiche Stunde schlägt.
In amerikanischer Verfilmung – sicher in ganz anderer Absicht als C.S. Lewis in 1950 – ist die Narniageschichte nun die Antwort des Disney-Konzerns und einiger christlich-konservativer Geldgeber auf die „Harry-Potter-Filme“ und den „Herrn der Ringe.“ Viel Geld steht auf dem Spiel, aber darauf werde ich noch zu sprechen kommen.
Interessant ist für uns die Figur des Löwen. In der Bibel ist der Löwe eher ein Tier zum Fürchten, kein Wunder in einer Welt der Nomaden und Kleinviehhirten. Doch er ist auch ein Symbol der Stärke und der Macht: Der israelische Volks-Stamm „Juda“ wird mit dem Löwen verglichen (1. Mose 49, 9) und Gottes Wort ist für den Propheten Amos wie das Brüllen des Löwen, das niemand unbeeindruckt lässt (Amos 3,8) – und dass der Löwe eines Tages „Stroh“ fressen wird wie ein Rind, das ist die Zukunftsvision im Jesajabuch (65, 25).
Dass nun der Furchterregende alle Stärke preis gibt und nicht Furcht sondern Spott erregt – damit hat C.S.Lewis eine beeindruckende Figur entworfen – was man dem Buch an Dualismen und Vereinfachungen auch sonst vorwerfen mag. Eine Geschichte für Kinder am Ende eines langen Krieges geschrieben und als solche zu lesen.
Das ist der Predigttext des 2. Feiertages in diesem Jahr. Aus Offenbarung 7. Mitten in der Epoche des römischen Reiches geschrieben, als diejenigen Christen in großer Gefahr standen, die nicht vor den Insignien der römischen Macht die Knie beugten.
Mitten aus den Reihen der verfolgten Gemeinde eine Vision auf den himmlischen Thron Gottes!
9 Danach sah ich, und siehe, eine große
Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern
und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen
Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen,
10 und riefen mit großer Stimme: Das Heil ist
bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserm Gott, und dem Lamm!
11 Und alle Engel standen rings um den Thron
und um die Ältesten und um die vier Gestalten und fielen nieder vor dem Thron
auf ihr Angesicht und beteten Gott an
12 und sprachen: Amen, Lob und Ehre und
Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit
zu Ewigkeit! Amen.
13 Und einer der Ältesten fing an und sprach
zu mir: Wer sind diese, die mit den weißen Kleidern angetan sind, und woher
sind sie gekommen?
14 Und ich sprach zu ihm: Mein Herr, du weißt
es. Und er sprach zu mir: Diese sind's, die gekommen sind aus der großen Trübsal
und haben ihre Kleider gewaschen und haben ihre Kleider hell gemacht im Blut des
Lammes.
15 Darum sind sie vor dem Thron Gottes und
dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Thron sitzt, wird über
ihnen wohnen.
16 Sie werden nicht mehr hungern noch dürsten;
es wird auch nicht auf ihnen lasten die Sonne oder irgendeine Hitze;
17
denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen des
lebendigen Wassers, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.
Es stimmt ja gar nicht, dass die Weihnachtsgeschichte, die am Heiligabend gehört haben, nur den heimeligen Stall von Bethlehem kennt und dass wir mit der Geschichte von der Stillen Nacht nur Weihnachten im Familienkreis feiern könnten.
Nein, schon am heiligen Abend geht der Himmel weit auf: Die Engel verkünden: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden, bei den Menschen seines Wohlgefallens. Und erinnern Sie sich noch, wie die Weihnachtsgeschichte beginnt? Da wird Kaiser Augustus genannt, Statthalter Quirinius und das römische Steuergesetz, das die Zählung und den beschwerlichen Weg nach Bethlehem nötig gemacht hat. Einige Jahrzehnte später stöhnt die christliche Gemeinde unter den Verfolgungen des römischen Reichs. Kaiser Nero macht die Christen für den von ihm gelegten Brand auf die Stadt verantwortlich. In vielen Pogromen und Verfolgungen bekommen sie zu spüren, wer Macht hat, wer auf dem Thron sitzt. In ihr Glaubensbekenntnis geht bald schon der Satz ein, dass Jesus Christus „gelitten (hat) unter Pontius Pilatus“. Ein brutaler Römer, der fortan jeden Sonntag in den Gottesdiensten namentlich genannt werden wird.
Macht ist präsent, aber wie wird sich die Macht dessen präsentieren, der beim Abschied zu seinen Jüngern gesagt hat: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden!“. (Mt 28). Ist nicht eine Gegenmacht vonnöten, die allen Potentaten der Welt ein Ende bereitet?
Und da
schauen wir die himmlische Thronvision und hören den Lobpreis der großen Schar
in hellen Gewändern aus allen Nationen: Das
Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserm Gott, und dem Lamm!
Dem Lamm? Nicht dem Löwen? Dem Lamm. Hilflos und wehrlos, kraftlos und schutzlos. Dem Lamm, das geopfert wurde und nun regiert, dem Lamm, das gestorben ist und dessen Blut die Kleider hell gemacht hat, dem Lamm, das nun der Hirte ist und die weidet und tröstet, die seiner Macht vertrauen.
Einer Macht, die etwas aus uns macht, was wir nicht zu machen vermögen: Menschen die mitten in einer Welt voller Zukunftsangst Hoffnung und Mut haben. Weil nicht eine Macht der anderen Macht mit Gegenmacht antwortet, sondern weil auf dem Thron das Lamm sitzt.
Und wir hören Johannes den Täufer staunen: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ (Joh 1,29) – wir singen das in jedem Abendmahlsgottesdienst. Und dahinter stehen die Worte aus dem Jesajabuch vom Gottesknecht, der wie ein Lamm, zur Schlachtbank geführt wird; seinen Mund aber nicht auftut. (Jes 53,7).
Das sieht die Johannesoffenbarung auf die Christen zukommen. Dieses Lammes Zeugen sollen sie sein. Vielleicht sogar Märtyrer – das sind – und das muss man heute dazu sagen – keine Mörder oder Selbstmordattentäter, sondern Menschen, die in dieser Welt der Mächte sagen: Wir geben der Macht, die auf dem Thron der Welt sitzt keine Ehre. Ehre sei dem Lamm. Ehre sei Christus.
Und da werden wir aber auch sehen müssen, dass es noch kein Jahrhundert gab, in dem mehr Christinnen und Christen verfolgt wurden als das vergangene 20. Jahrhundert. Und dass unter der richtigen Forderung nach gesellschaftlicher Toleranz hierzulande nicht verschwiegen werden darf, dass in islamischen Ländern wie Indonesien oder dem Sudan oder kommunistischen Ländern wie - immer noch - China Christen um ihres Glaubens willen verfolgt werden. Der 2. Feiertag ist der Gedanktag an Stephanus, den ersten, der für seinen Glauben an Christus mit dem Leben bezahlt hat. An Christus, das Lamm Gottes zu glauben, bedeutet nicht sprachlos und stumm zu sein.
Wir gehen weiter auf unserer Reise. Nach der Begegnung mit dem Löwen Aslan in Narnia und dem Lamm im himmlischen Thron der Johannesoffenbarung gehen wir noch mal in den…
Christus ist das Lamm Gottes. Das ist eine Metapher, ein Bild ein Vergleich. Das wehrlose Tier ist auf dem Thron, das Symbol der Ohnmacht wird mächtig. Ein mächtiges Bild, aber ein Bild. Christus ist kein Lamm, er ist wie ein Lamm.
Christus ist wie der Löwe. Das wollte C.S. Lewis den Kindern sagen. Und der Löwe, ansonsten gefürchtet und gefährlich, gibt freiwillig Stärke und Macht auf, um den Freund zu retten. Ein starkes Bild, eine Metapher, als Geschichte eine Allegorie, die starke Wirkkraft besitzt. Aber auch nur ein Bild. Christus ist kein Löwe.
Und nun gehen wir in den Stall von Bethlehem und begegnen einem Unterschied, auf den es ankommt:
Christus ist – mit Johannes – wie ein Lamm. Christus ist – mit C.S. Lewis wie ein Löwe. Aber Jesus Christus – und das ist das Geheimnis von Bethlehem ist nicht nur wie ein Kind, sondern er wird ein Kind. Weihnachten ist keine metaphorische Wahrheit, sondern ein Geschehen. Ein Kind in Windeln gewickelt. Ein Kind.
In Jesus Christus – so sagt es das neue Testament – wird Gott nicht wie ein Kind, sondern wird ein Kind. Ein Bruder, ein Freund. Einer, der für mich lebt und eines Tages sterben wird.
Im Deutschunterricht habe ich den Unterschied eines Vergleiches mit einer Metapher gelernt.
Der Liebhaber singt: Du bist wie eine Rose für mich. Das ist ein Vergleich.
Oder er singt: Du bist eine Rose für mich. Das ist eine Metapher.
In Bethlehem lerne ich: Christus wird Mensch für mich. Das ist ein Wunder.
Und darüber dürfen heute staunen.
Löwe, Lamm?
Ein Kind.
Amen.
Lieder
33, 1-3 Brich an, du schönes Morgenlicht
Psalm 96 = EG 738
36,1-4 Fröhlich soll mein Herze springen
39, 1-7 Kommt und lasst uns Christum ehren
44 O du fröhliche
Schriftlesung
Joh 1, 1-5; 9-14
| © Evangelische Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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