KURS06

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Predigt zum Prospekt-Gottesdienst am 22. Januar 2006

2. Könige 5,1-14

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

 

Liebe Freunde,

herzlich willkommen bei Kurs06! Bei den Gottesdiensten im Februar und am 5. März bei uns in Traisa. Aber ich frage nun nicht, um was es dabei geht, sondern:

Um wen geht es?

Es geht dabei um uns. Ich sage mal sehr vertraut. Es geht dabei um „dich“. Um uns – um das Verhältnis eines jeden zu Gott und zur Gemeinde, das heißt, zu vielen anderen.

Um dein Leben. Und welche Dimensionen des Lebens dabei in den nächsten Wochen angestoßen werden, das möchte ich heute versuchen aufzureißen.

·        Beim ersten Gottesdienst geht es um das Beten. Meine Reden zu Gott. Oder redet er auch mit mir?

·        Der zweite steht unter der Frage nach unseren Beziehungen. Mit wem habe ich eigentlich zu tun?

·        Dann geht es um unsere Befähigung. Was traue ich mir eigentlich zu? Wo unter- und wo überschätze ich mich?

·        Schließlich um das Betätigen. Und was, von dem, was ich kann, tue ich dann wirklich? Oder tue ich, was ich nicht kann und lasse, was ich kann?

·        Und zuletzt um das Bezeugen. Von wem erzählt mein Leben? Was ist meine Botschaft? Nicht dann, wenn ich mit geschwellter Brust eine Tischrede halte, sondern mein „normales“ Leben?

 

Merken Sie, das wird ein weiter Bogen. Wir begegnen in diesen Wochen Texten aus dem Lukasevangelium. Heute allerdings einer Geschichte aus dem Alten Testament. Der „normale“ Predigttext von heute. Da müsste man doch aufzeigen können, wie diese Dimensionen des Lebens vorkommen.

 

Um wen geht es hier? In dieser Geschichte?

Naaman, der Feldhauptmann des Königs von Aram, war ein trefflicher Mann vor seinem Herrn und wertgehalten; denn durch ihn gab der HERR den Aramäern Sieg. Und er war ein gewaltiger Mann.

Der erste Offizier Syriens!

Ein siegreicher General der Aramäer – so nannte man Syrien damals.

Ein gewaltiger Mann.

So weit die glanzvolle Beschreibung der Hauptperson der nächsten Verse.

Nur es fehlen zwei Worte.

Jedoch aussätzig.

 

Eine schlimme Krankheit zeichnet das Leben dieses erfolgreichen Mannes. Die Beschreibung der Ruhmestaten ist auch ein ganzer Prospekt. Nur am Ende fehlen noch zwei Worte, damit die ganze Wahrheit gesagt wird: Jedoch aussätzig.

Und damit ist der Lack nicht mehr hoch glänzend. Eine Hautkrankheit, die ansteckend ist – nicht tödlich zwar. Naaman hat noch Kontakt zu seiner Familie – darf auch noch in den Königshof, aber die weißen Flecken, die seine Haut bedecken sind sein Makel.

 

Um wen geht es hier?

Um wen geht es, wenn wir uns begegnen?

Um uns oder um Prospekte von uns?

Wer bist du wirklich? Wer bin ich wirklich?

Ich kann meine Zeugnisse vorlegen, auf Erfolge verweisen.

Aber was ist meine ganze Wahrheit?

Gern rede ich von dem, was mir gelungen ist – und mein Elend und meine Verlassenheit?

 

Naaman ist nicht allein. Was sofort auffällt, ist, welche BEZIEHUNGEN dieser Mann hat. Nicht nur zum Königshaus in Damaskus, nein sondern auch zum Dienstpersonal im eigenen Haus. Da gibt es nämlich eine junge Israelitin bei ihm im Haus – eine Magd seiner Frau. Die hat er einst bei einem seiner Feldzüge verschleppt. Ein junges Mädchen, das einen Hass auf ihn haben müsste. Hat er ihr doch die Freiheit geraubt. Doch dieses junge Mädchen hat ein mitfühlendes Herz und erzählt der Frau Naamans von den Propheten zuhause in Samaria, im Nordreich Israels – das hatten die Syrer gerade überfallen.

Da gäbe es Propheten, die könnten den Herrn heilen.

Die Geschichte beginnt mit der Beziehung zu einer ansonsten völlig unbeachteten Person. Von dieser jungen Frau geht Hilfe aus. Sie selbst setzt den Beziehungsimpuls: Mitfühlende Liebe ist da, wo man berechtigte Rachegefühle erwarten könnte: „Geschieht ihm doch recht, dem Treiber!“, könnte sie auch sagen.

Und merken Sie es: Dass dieses junge Mädchen unverblümt von dem erzählt, was in ihrem Land helfen würde – das ist ein ehrliches BEZEUGEN! Sie erzählt und verschweigt nicht, was ihr am Herzen liegt. Nichts anderes ist Bezeugen.

Am 6. Februar wäre Dietrich Bonhoeffer 100 Jahre alt geworden – ein Zeuge, ein Märtyrer sogar. Im März wollen wir hier den Film „Die letzte Stufe“ zeigen, die von seinem Leben erzählt. Aber man muss nicht Bonhoeffer heißen, um zu bezeugen. Man kann auch ein einfaches junges Mädchen sein.

 

Die Geschichte geht weiter: Naaman erzählt seinem Chef, dem König von Aram von seinen Plänen, nach Israel zu ziehen. Doch der unterliegt zwei Missverständnissen: Denkt erstens, dass man viel Geld braucht, um gute Ärzte zu bezahlen – der sollte mal mit Ulla Schmidt reden – und er denkt, dass der König des Nachbarlandes der Arzt ist.

Deshalb nimmt die Geschichte eine kuriose Wendung.

Mit allem Prunk taucht Naaman beim König von Israel auf und erzählt sein Anliegen:

7 Und als der König von Israel den Brief las, zerriß er seine Kleider und sprach: Bin ich denn Gott, daß ich töten und lebendig machen könnte, daß er zu mir schickt, ich solle den Mann von seinem Aussatz befreien? Merkt und seht, wie er Streit mit mir sucht!

Mal abgesehen davon, dass hier Staatsbeziehungen auf dem Spiel stehen: Zur Heilung fühlt sich der König nicht BEFÄHIGT! Er kann sich einschätzen! Er weiß, was er kann und was nicht. Wozu bin ich fähig? Welches Potenzial steckt in meinem Leben? Bin ich ein Mensch der sich eher unter- oder eher überschätzt?

Mit welchen Gaben hat Gott mein Leben befähigt? Wie kann ich das entdecken und verhindern mit viel Kraftanstrengung Dinge zu tun, die ich nicht wirklich kann.

Das kann mich – siehe den König –aggressiv und wütend machen, wenn von mir Dinge verlangt werden, die ich nicht kann!

 

Naaman verlässt den Königshof und fährt beim Haus Elisas vor. Die Situation ist komisch – da fährt der Offizier mit Ross und Wagen an – und Elisa – übrigens ein Mann und keine Frau, sondern der Schüler von Elia – kommt nicht mal aus dem Haus! Schickt nur einen Boten mit einer merkwürdigen Aufforderung an Naaman.

Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder heil und du wirst rein werden.

Nun wird Naaman wütend:

Ich meinte, er selbst sollte zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des HERRN, seines Gottes, anrufen und seine Hand hin zum Heiligtum erheben und mich so von dem Aussatz befreien. Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Abana und Parpar, besser als alle Wasser in Israel, so daß ich mich in ihnen waschen und rein werden könnte? Und er wandte sich und zog weg im Zorn.

Merken Sie, um welches Thema es jetzt geht? Naaman hat ziemlich genaue Vorstellungen, was Elisa, der Prophet für ihn tun soll:

herauskommen und hertreten und den Namen des HERRN, seines Gottes, anrufen und seine Hand hin zum Heiligtum erheben und mich so von dem Aussatz befreien.

Elisa soll für ihn kraftvoll BETEN – so wie es nur ein Prophet kann.

Herr Pfarrer, beten Sie für mich – das höre ich manchmal auch! Aber was ist Beten? Eine besondere – in richtigen Worten gewogene und hervorgebrachte Bitte, am besten vermittelt durch einen Priester oder Propheten zur Gottheit geschickt, damit wir armen Würstchen Mensch bei Gott etwas herumreißen?

Oder ist Gebet etwas ganz anderes? Ich verrat schon mal was: Gebet heißt: Bei Jesus auf dem Teppich sitzen und dabei nicht auf dem Teppich bleiben! Wie bitte? Kommen Sie in 14 Tagen, dann sehen wir mehr!

 

Wie geht die Geschichte aus?

Gut.

Aber nur, weil sich wieder Menschen für Naaman BETÄTIGEN! Wir können und wollen in all den Wochen über etwas Gutes reden. In den Kleingruppen, in den Gottesdiensten und beim Kaffee danach – aber das Leben ändert sich, wenn wir etwas tun! Der alte Streit zwischen Kant und Hegel – ob es etwas Gutes an sich gibt oder das Gute nur da ist, wenn es Menschen tatsächlich tun, schwebt auch in unsern Köpfen herum.

Am Ende wird das Leben davon verändert, dass mich jemand an die Hand nimmt – wie der Diener den Naaman:

Lieber Vater, wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es nicht getan? Wieviel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein!

 

Betätigen ist hier gar nicht viel. Ein Diener, der sich ein Herz nimmt und den entnervten Naaman zur Seite nimmt und genau das tut und sagt, was nötig ist: Was hast du zu verlieren? Tu das!

Da stieg er ab und tauchte unter im Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geboten hatte. Und sein Fleisch wurde wieder heil wie das Fleisch eines jungen Knaben, und er wurde rein.

 

Alles nicht spektakulär. Alle großen Gesten sind weggefallen. Am Anfang eine Dienerin, die bezeugt, was sie weiß; am Ende ein Diener, der tut, was er nicht muss. Auf die großen Könige kommt es nicht an, der Prophet kommt nicht mal aus dem Haus. Aber Naaman wird gesund.

Erwarten Sie von den nächsten Wochen nichts Spektakuläres, aber dass da, wo Sie zusammenkommen in kleinen Gruppen und auch hier im Gottesdienst die scheinbar unwichtigen Dinge die wichtigen sind. Die unbeachteten Personen entscheidende Nachrichten für mich haben können. Und dass Heilung geschieht. Es geht um dich – bei einem Gott, der mit uns ist – und mit anderen, die auf uns warten, wie Naaman auf die Dienerin und den Diener.

 

Sie können selbst entscheiden, wie intensiv Sie dabei sein wollen.

Hier im Gottesdienst: Die Bibeltexte mitnehmen und die Impulse zuhause allein aufgreifen, Tagebuch schreiben, Zeit für Spaziergänge und Gebete. Alles ist mehr als nichts.

Sie können aber auch bei einer Kleingruppe dabei sein: Teetreffen und ins Gespräch kommen. Eines verspreche: Das sind keine Butterdampfer. Sie werden nicht aufgefordert, hinterher dabei zu bleiben, sondern, das sind Gruppen auf Zeit.

 

Beten, Beziehungen, Befähigen, Betätigen und Bezeugen…

Ich freue mich auf die Zeit mit Ihnen und hoffe, dass Sie dabei sind.

Amen.


© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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