KURS06

Predigten und Kleingruppen

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BETEN -  5. Februar 2006

Lukas 10,38-11,4

Liebe Gemeinde,

die zweite Predigt in der KURS06-Reihe. Die erste vor den Kleingruppenabenden und Frühstückstreffen!

Eines sage ich vorweg. Diese Predigten sind keine vollständigen Antworten. Das wollen sie gar nicht sein. Vielmehr möchte ich in diesen Predigten zum eigenen Fragen und Nachforschen anregen. Viele Fragen stellen, damit Sie – in den Kleingruppen, aber auch in der persönlichen Stille, in ihrem Gebet mit Gott vor kommen können.

Wir hören eine erste Geschichte.

 

Maria und Marta

38 Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf.

39 Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.

40 Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, daß mich meine Schwester läßt allein dienen? Sage ihr doch, daß sie mir helfen soll!

41 Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe.

42 Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

 

Bevor ich die erste Frage stelle, noch ein Hinweis zum Lesen von Bibeltexten und zu den Fragen, die sich daran anschließen können. Sie können zu einem Bibeltext lauter Fragen stellen, auf die es kaum oder keine Antworten gibt: Zum Beispiel:

·        War denn da kein Mann im Haus?

·        Hatten die eine Küche oder war Marta im gleichen Raum?

·        War Jesus alleine dort oder waren die Jünger mit dabei? Wenn Ja, wie viele?

·        Hat Marta nur etwas Kleines oder gar ein großes Menü zubereitet?

Das sind alles Sachfragen, die neugierige Menschen beschäftigen – vieles davon kann man vielleicht lösen:

·        Archäologische Befunde könnten zeigen, dass die Häuser einfacher Menschen nur aus einem Raum bestanden haben. Aber keine Ahnung, wie dieses Haus ausgesehen hat.

·        Der Vergleich mit anderen Texten könnte nahe legen, dass Jesus, weil er sonst auch oft mit all seinen Jüngern aufgenommen wurde, auch hier nicht der einzige Gast war und Marta wirklich viel zu tun hatte.

·        Alles möglich, aber diese Sachfragen sind nur bedingt lösbar.

Wir können immerzu beim Lesen der Bibeltexte auf die Stellen verweisen, die so schwer zu verstehen sind, deren Hintergründe dunkel sind und uns lange damit beschäftigen.

Das führt uns weg von den wesentlichen Fragen eines Textes. Die stellen sich nämlich aus dem, was wir verstehen, und sind Fragen – nicht zur Sache, sondern zur Person.

 

Eine erste so gestellte Frage wäre die Frage:

Wer bin ich denn hier: Maria oder Marta?

Mit wem habe ich mich – als ich die Geschichte gerade gehört habe – stärker verbunden gefühlt? Mit Maria, die sich zu Jesus auf den Teppich setzt und seinen Geschichten zuhört und dann ziemlich erbost sein muss, dass die große Schwester – auch das nur eine Vermutung, dass Marta die Große ist – sich bei Jesus über Marias Faulheit beschwert!

Oder schlägt mein Herz bei der fleißigen Marta, die eine wunderbare Gastgeberin ist, eine fleißige Hausfrau, die für alles einen Blick hat, die – wenn sie etwas macht, es richtig macht, - und doch irgendwann neidisch ist, dass sie nur die Arbeit hat und Maria das Vergnügen?

Wer bin ich? Wer bist du? Maria oder Marta?

Wir könnten das ja durch Handheben mal eruieren!

 

Die wesentlichen Fragen, die aus biblischen Geschichten hervorgehen, sind die Fragen, die sich nicht kritisch an den Text richten, sondern selbstkritisch an mich selbst! In wem erkenne ich mich wieder?

 

Was höre ich in den Worten heraus, die Marta an Jesus richtet?

Herr, fragst du nicht danach, daß mich meine Schwester läßt allein dienen? Sage ihr doch, daß sie mir helfen soll!

Warum sagt Marta das eigentlich nicht selbst? Warum die indirekte Ansprache über Jesus, während Maria, die daneben sitzt – von ihr hören wir allerdings kein Wort – alles mithört? Um was geht es hier? Um die Anerkennung, für das, was Marta tut? Dass es der Gast doch bitte sieht und bemerkt – fragst du nicht danach? Oder geht es um das gestörte Verhältnis zur Schwester, die sich immer die Rosinen herauspickt? Sollte doch mal einer sehen, wer von uns mehr arbeitet? Ihr fällt alles zu!

 

Und was höre ich in den Worten von Jesus heraus, die er an Marta richtet?

Marta, Marta!

Gleich zweimal wird der Name genannt und damit besonders betont. Schüttelt Jesus schmunzelnd den Kopf, während er das sagt? Oder ist er ernst? Wie stelle ich mir ihn dabei vor?

Du hast viel Sorge und Mühe. Wird Marta hier doch anerkannt, in dem, was sie tut? Oder ist das eine versteckte Kritik, gemäß dem höchsten Lob an die schwäbische Hausfrau: Ach, du siescht fei abgschafft aus! Was höre ich heraus? Lob oder Tadel? Was klingt für mich an?

Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

 

Kann es sein, dass Jesus Marta mit diesem Vorwurf nahe kommt: „Martha, ich komme nicht zu dir um dir Sorgen zu machen, sondern um dir deine Sorgen zu nehmen.“ Das ist das Eine, was notwendig ist, was entscheidend ist, was grundlegend ist.

 

 

Aber – vielleicht haben Sie nun eine ganz andere Frage: Sie schauen auf den Titel unseres Gottesdienstes – haben nun die – durchaus interessante Geschichte von Marta und Maria gehört und fragen sich mit Recht: „Was hat das mit BETEN zu tun, dem ersten Thema von KURS06?“

Die schlichte Antwort auf diese Frage gibt der Blick in die Bibel. Wir erfahren nicht, wie die Geschichte von Maria und Marta „ausgeht“ – keine Reaktion wird überliefert, sondern es geht nun – ganz anders – weiter. Kapitel und Verse gab es früher in den Bibeltexten ja noch nicht. Da wurde ohne Absatz geschrieben, weil Papier kostbar war. Nach dem Wort an Marta - Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.  - heißt es:

 

11,1 Und es begab sich, dass er an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte.

2 Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme.

3 Unser tägliches Brot gib uns Tag für Tag 4 und vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben allen, die an uns schuldig werden. Und führe uns nicht in Versuchung.

 

 

 

Die alten Mönche haben bis zum heutigen Tag eine Lebensregel bewahrt, die heißt „Ora et labora“: Bete und arbeite! Was das bedeuten kann im Leben, wollen wir noch genauer anschauen, doch hier liegt beides vor uns:

Eine Geschichte über zuviel Sorge, Arbeit und Mühe – keine Zeit zum Anhalten und Sitzenbleiben – und das Gebet, das auf seine Art und Weise selbst Gebet und Leben miteinander verbindet.

Ora et labora – bete und arbeite. Man könnte zunächst einmal von Tun und Lassen reden. Beim Beten können wir das Tun sein lassen. Anselm Grün sagt in seinem seiner Bücher: „Nicht durch Tun, sondern durch Lassen kommt man in Berührung mit seinem innersten Grund.“ (Anselm Grün, Lebensmitte, S. 12)

Und Mike Yaconelli, ein amerikanischer Autor der vor kurzem verstorben ist, schreibt: „Unser moderner Glaube ist vielleicht viel mehr von Aktivität und Lärm gefährdet, als von Unmoral und mangelndem Engagement.“

– Wir müssen das neu entdecken, dass wir Menschen sind, die in Gottes Gegenwart -  SEIN- dürfen.

 

Und wenn das Vater-Unser die wesentliche Gebetsschule für die Christen ist, lohnt sich ein Blick. Wir schauen dann noch mal zu Maria und Marta und dann am Ende zu uns.

 

Das Vater-Unser fällt bei Lukas etwas knapper aus, als wir es kennen. Aber die Struktur ist die Gleiche: Im ersten Teil kommt Gott in den Blick:

Vater!

Dein Name werde geheiligt.

Dein Reich komme.

 

Vater! Es ist nicht die wesentlichste Frage, wie ich Gott nenne. Ob ich „lieber Gott“, „guter Gott“, „Gott“, „Jesus Christus“, „Vater im Himmel“ sage. Wichtig ist, dass eine Beziehung da ist, die Leben schenkt. Jesus ist ohne diese Beziehung nicht ausgekommen. Als seine Wirksamkeit begann, waren alle sensationslüstern erstaunt darüber, wie Jesus predigte und heilte und Menschen angesprochen hat. Und was tut er, als die „Medien-Hype“ richtig losging? Wir haben es in der Lesung (Markus 1,32ff.) gehört: Jesus sucht die Stille und die Nähe zum Vater.

Vater – aramäisch Abba, das war seine persönliche Anrede, in die er uns mitnimmt. Feministische Einwände und schlechte Erfahrungen mit dem eigenen Vater können da stehen bleiben – hier ist ein Urbild vom Vater im Blick, zu dem auch schlechte Väter fliehen können, die ihren Aufgaben nicht nahe kommen.

Dein Name werde geheiligt! Dein Reich komme.

Um was geht es hier: Wenn ich zu Gott komme mit meine Sorgen und Problemen, wird der Blick nicht darauf fixiert, sondern der Horizont wird aufgerissen und Gottes Reich ist im Blick: Seine Welt in dieser Welt, die dort beginnt, wo Menschen sich nach ihm sehnen, seine Hilfe brauchen. Seine Welt in der Welt der Entführungen, der Kulturkriege um Karikaturen, der Erdbeben und Schiffsunglücke.

Das Vaterunser ist ein weltweites Gebet und wenn wir die Glocken hören, die das Vaterunser begleiten, dürfen wir wissen, dass dieses Gebet um die Welt läuft. Gott hört die Bitten aller Menschen und das verändert unseren Blick, wenn wir weiter beten:

Unser tägliches Brot gib uns Tag für Tag

- wer betet das denn noch heute? -

und vergib uns unsre Sünden;

denn auch wir vergeben allen,

die an uns schuldig werden.

- ehrlich, tun wir das? -

Und führe uns nicht in Versuchung.

- tut das Gott – uns in Versuchung führen – und wenn ja, warum ? -

 

Das ist meine ganze Existenz vor Gott: Leib und Sehnsucht, Schuld und Versagen, Versuchung und Ausweg. Alles da – wir sind ganz vor Gott.

Das Wesentliche des Vaterunsers ist, dass diese Begegnung mit Gott zuerst kommt, nicht alle Bitten am Anfang, dass die Beziehung zu ihm der Rahmen ist, in dem alle meine Wünsche nicht überhört werden, aber plötzlich anders da stehen. Neu eingerahmt werden.

 

Was bedeutet das für Marta und Maria?

Eins ist not – dass wir kapieren, dass unser Leben doch nicht mit uns anfängt. Dass wir uns mit Sorgen und Angst natürlich hetzen und beschäftigen können, dass aus einem kleinen Gastmahl immer eine große Sache wird und wir uns vergleichen, mit der Leistung unserer Geschwister, den Freunden, den Feinden – ein Leben lang.

Eins ist not.

 

Im Dasitzen der Maria, dem einfachen bei-Jesus-Sein, spiegelt sich wieder, dass das Vater-Unser eben beim Vater beginnt und seinem Namen, seinem Reich, seinem Willen. Dann kommen – ganz groß raus: mit unseren Sorgen und Mühen, Ängsten ums Brot, Schulden- und Streitgeschichten, aber dann kommen wir eben mit all dem ZU IHM und eben nicht zu kurz.

 

Eins ist not.

Ora et labora!

Eins ist klar. Das ist keine Alternative. Beten oder arbeiten. Es kann auch nicht sein, dass wir das unter uns aufteilen: Die einen dürfen beten und die anderen müssen arbeiten.

Es ist auch nicht nur einfach eine zeitliche Folge damit gemeint. Wobei es gut ist, dass vor all dem, was wir zu tun haben, die Stille kommt und das Gebet. Aber ich gebe ehrlich zu. An manchen Wochentagen, wenn drei Kinder aus dem Haus in die Schule zu „jagen“ sind, jagt uns danach schnell wieder das Telefon und die Aufgaben und keine Ruhe ist in Sicht. Da ist es gut, wenn man den Anker wirft und Ruhe bekommt bei Gott.

Die Mönche machen das in den Tagzeitengebeten ja 3mal - oder 5mal oder noch öfter am Tag.

 

Und ich sage: Es geht um noch mehr!

Haben Sie schon einmal einen Stoff gewebt?

Da werden in einer Richtung Fäden fest in den Webrahmen gespannt und abwechselnd angehoben oder nach unten gedrückt. Und dann kommen die Fäden dazu, die im rechten Winkel dazu liegen. Einer nach dem anderen. Am Ende ist der Stoff fest und belastungsfähig.

 

Paulus sagt: Betet ohne Unterlass.

Das ist die Frage, mit der ich sie nun in diese Woche lasse: Wie kann mein Gebet mit meinem Denken, Fühlen und Arbeiten so verwoben sein, dass mein Leben belastungsfähig und schön wird, wie ein gut gewebter Stoff?

Reden Sie darüber!

 

Zum Schluss noch eine Geschichte:

 „Ein Bauer im Emsland hält jeden Abend, wenn er vom Feld kommt, mit seinem Trecker vor der kleinen Dorfkirche, geht hinein, kommt nach 10 Minuten wieder heraus und fährt nach Hause. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat.

Ein Gastwirt, der das aus seiner gegenüberliegenden Kneipe beobachtet, wundert sich. Und eines Tages fragt er den Bauern:

„Was machst Du da eigentlich jeden Abend in der Kirche?“

Und der Bauer antwortet:

„ER schaut mich an, ich schaue IHN an,

und zusammen sind wir glücklich!“

Amen

 

P.S. Herzlicher Dank an meinen Freund Lars Linder, Pastor der Freien evangelischen Gemeinde Essen-Mitte für die Anregungen zu dieser Predigtreihe


© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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