KURS06

Predigten und Kleingruppen

Hier geht es den anderen Predigten

 

BEZIEHUNGEN -  12. Februar 2006

Liebe Gemeinde,

Beziehungen in der Gemeinde – da kommen bei mir Erinnerungen aus der Kinder- und Jugendzeit hoch. In einem Nachbardorf – öfters einmal waren wir als Posaunenchor dort, - gab es wiederum Nachbarn, die saßen sonntags zusammen in der Kirche im Gottesdienst.

Einer saß oben auf der Empore. Und betete beim Vater-Unser mit: Vergib uns unsere Schuld.

Einer saß unten im Kirchenschiff. Der betete auch mit: Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Das ist doch schön!

Beim Nachhausefahren sind wir dann an den Grundstücken der beiden Nachbarn vorbeigekommen. Ein großer Zaun durchtrennte die Wiese. Und mit den Jahren war dieser Zaun immer höher geworden. Oben darauf ein blitzeblanker Stacheldraht. Die beiden Nachbarn waren einander spinnefeind – und saßen sonntags im Gottesdienst! So was gibt es doch nicht, dachte ich als Kind. Doch, sagten mir meine Eltern – so was gibt es – aber nur im Nachbardorf! Da war ich beruhigt.

 

Beziehungen in der Gemeinde!

Gemeinde – das ist die Versammlung der Menschen, die zu Christus gehören. Darin steckt nicht nur das Wort gemein – mehr noch ist damit gesagt: Die Gemeinde besteht aus Menschen! Bestehen dann noch Fragen? Es menschelt überall - sagen wir dann leichthin. Errare humanum est.

 

Aber haben wir ein anderes Bild im Kopf? Eine Vision, wie es sein könnte?

Das Neue Testament hat diese Vision selbst ausgelegt – in der Apostelgeschichte hören wir im 2. Kapitel von einer idealen Gemeindesituation!

Alle, die zum Glauben gekommen waren, bildeten eine enge Gemeinschaft und taten ihren ganzen Besitz zusammen. Von Fall zu Fall verkauften sie Grundstücke und Wertgegenstände und verteilten den Erlös unter die Bedürftigen in der Gemeinde.

Tag für Tag versammelten sie sich einmütig im Tempel, und in ihren Häusern hielten sie das Mahl des Herrn und aßen gemeinsam, mit jubelnder Freude und reinem Herzen. Sie priesen Gott und wurden vom ganzen Volk geachtet.

 

„Lebt ihr noch im Frieden oder habt ihr schon geerbt?“, kann man Geschwister manchmal fragen. Nicht selten geht der Familienfrieden am Geld kaputt. Nun kann man Gemeinde auch als große Familie sehen, wir sagen auch Brüder und Schwester zueinander (das bedeutet erstens: Wir gehören zusammen und bedeutet zweitens: Wir haben einander nicht ausgesucht!). Und die Apostelgeschichte berichtet ehrlicherweise, dass der Friede in Jerusalem schon in Kapitel 5 am Geld zerbricht. Ein Ehepaar, Hananias und Saphira, gibt damit an, den ganzen Erlös eines Ackerverkaufes gespendet zu haben – doch das war gelogen – was dramatische Konsequenzen mit sich bringt.

Die Urgemeinde von Jerusalem war also ein urtypsicher Fall, weil die hohen Ideale, die man sich setzt, präzise die Fallhöhe angeben, wie tief man stürzen kann!

 

Wie hat das Jesus selbst gesehen und gewollt? „Gemeinde“ gab es bei ihm zu Lebzeiten noch nicht, aber der Jüngerkreis war der Modellfall von Gemeinde. Musste Jesus ein besonderes Auswahlverfahren anwenden, um herauszufinden, wer die richtigen 12 sind?

 

Lukas 6,12-16

Jesus wählt die zwölf Apostel aus

12 Damals geschah folgendes: Jesus ging auf einen Berg, um zu beten. Die ganze Nacht hindurch sprach er im Gebet mit Gott.

13 Als es Tag wurde, rief er seine Jünger zu sich und wählte aus ihnen zwölf aus, die er auch Apostel nannte.

14-16 Es waren: Simon, dem er den Namen Petrus gab, und dessen Bruder Andreas;

dazu Jakobus, Johannes, Philippus, Bartholomäus, Matthäus, Thomas, Jakobus, der Sohn von Alphäus, Simon, genannt der Zelot, Judas, der Sohn von Jakobus,

und Judas Iskariot, der Jesus später verriet.

 

Es ist schon eine sehr interessante Truppe, die Jesus da zusammenstellt. Zwölf Männer, die in vielfacher Hinsicht verschiedener und kurioser nicht sein können.

Da sind zum einen zwei Brüderpaare.

Petrus und Andreas,

Jakobus und Johannes. Und wie es bei Brüdern oft so ist, sind diese sehr unterschiedlich, ganz nahe bei einander aber ganz konträr, auf jeden Fall ist zwischen Brüdern oft Zündstoff, bzw. eine ganz spannende Gesprächsatmosphäre.

Dann acht Leute, die überhaupt gar nicht miteinander verwandt sind und die auch keine Vorgeschichte oder irgendwelche Beziehungen haben.

Dabei, so schreibt hier Lukas, beruft Jesus Simon, den Zeloten, (Zeloten, das waren die Widerstandskämpfer, die mit Waffengewalt versucht haben, die Römer aus dem Land zu treiben, diese Besatzungsmacht, die den Juden das Leben so schwer machte) und neben Simon, diesem Zeloten, diesem Widerstandskämpfer dann Matthäus, den Zöllner. Die Zollbeamten waren die, die mit den Römern, mit der Besatzungsmacht, gemeinsame Sache machten. Die Beiden zusammen, in einer Truppe, in einer Gemeinschaft. Wie kann das gut gehen?

Noch mal zu erwähnen ist Petrus, als der, der in der ersten Reihe war, der mehr redet, als es gut ist, immer laut, vorlaut, vorneweg, immer im Rampenlicht und dann war da Bartholomäus, von dem uns kein einziges Wort überliefert ist, der nur hier auftaucht, sonst überhaupt nicht im Neuen Testament, der immer schnell verschwindet, so in Reihe 12 oder Reihe 13.

Und so könnten wir fortfahren, diese Truppe, dieses Grüppchen, das Jesus da beruft, zu beschreiben. Beileibe keine homogene, keine einheitliche Truppe, sondern völlig verschiedene Menschen, völlig verschiedene Charaktere, völlig verschiedene Typen.

„Gemeinde ist kein ‚Englischer Rasen’, bei dem alle gleiche Grashalme sind und alle auf das gleiche Maß gestutzt sind. Gemeinde ist vielmehr ein lebhafter, wilder Garten: Grashalm steht neben Butterblume und Löwenzahn.“ 

Gemeinde spiegelt also das wider, was wir auch in der Schöpfung und anderswo sehen. Vielfalt, Reichtum, Buntheit in konträren, spannenden Farben. Und auch hier, in unserer Gemeinde ist das ja so.

 

Überlegen sie mal einen Moment: Mit wem, von denen, die hier sitzen, hätten sie Kontakt, wenn es unsere Gemeinde gar nicht geben würde?

Ja, einige sind verwandt, einige wohnen in derselben Straße, gehen in den gleichen Sportverein, treffen sich im Kindergarten, aber viele kennen sich, unabhängig von Gemeinde, doch gar nicht. Viele kennen sich in der Gemeinde nicht!

Viele von uns haben einen völlig verschiedenen Bildungsstand, haben unterschiedliche politische Auffassungen, einige sind eher laut, andere eher leise, einige stehen gern vorne in der ersten Reihe, andere lieber hinten noch versteckt hinterm Baum in Reihe 25.

Völlig verschieden. Verschiedene Schicksale, völlig verschiedene Typen, verschiedene Charaktere. Und doch gehören auch wir zusammen, so wie diese zwölf zusammengehören.

 

Weil Jesus uns zusammenbindet. Weil Jesus verbindet.

„Völlig verschiedene Wege und Schicksale werden zusammengeführt, weil die Beziehung zum Evangelium das Gemeinsame ist.“

Die Beziehung zum Evangelium ist das Gemeinsame. Aber was heißt das inhaltlich?

Wie sieht das aus?

Wie kann das gut gehen?

 

Lukas 6,36-42

Niemand verurteilen

36 »Werdet barmherzig, so wie euer Vater barmherzig ist!

37 Verurteilt nicht andere, dann wird Gott auch euch nicht verurteilen. Sitzt über niemand zu Gericht, dann wird Gott auch über euch nicht zu Gericht sitzen.

Verzeiht, dann wird Gott euch verzeihen.

38 Schenkt, dann wird Gott euch schenken; ja, er wird euch so überreich beschenken, daß ihr gar nicht alles fassen könnt. Darum gebraucht anderen gegenüber ein reichliches Maß; denn Gott wird bei euch dasselbe Maß verwenden.«

39 Jesus machte ihnen auch in Bildern deutlich, wovor sie sich hüten sollen; er sagte:

»Kein Blinder kann einen Blinden führen, sonst fallen beide in die Grube.

40 Kein Schüler steht über seinem Lehrer. Und wenn er ausgelernt hat, soll er wie sein Lehrer sein.

41 Warum kümmerst du dich um den Splitter im Auge deines Bruders oder deiner Schwester und bemerkst nicht den Balken in deinem eigenen?

42 Wie kannst du zu deinem Bruder oder deiner Schwester sagen: 'Komm her, Bruder; komm her, Schwester; ich will dir den Splitter aus dem Auge ziehen', und merkst gar nicht, daß du selbst einen ganzen Balken im Auge hast? Scheinheilig bist du! Zieh doch erst den Balken aus deinem eigenen Auge, dann kannst du dich um den Splitter in einem anderen Auge kümmern!«

 

Auch wenn man es manchmal nicht wahrhaben will. Die harte Realität des Lebens einer Gemeinde besteht aus der Tatsache: Hier geht es um Menschen! Man stelle sich das vor. Immer hat es so viele Menschen!

 

Sie kennen den?

Ein Rechtsanwalt trifft einen anderen und fragt: Wie geht’s? – Oh, Mensch, mir geht’s schlecht. Ich kann nicht klagen!

Das ist nur ein Witz. Die Wahrheit ist. Wir können gut klagen und meistens über andere. Wie traumhaft wäre das Leben ohne meinen Nachbarn, die Schwiegermutter, oder eben den Menschen in der Gemeinde, der mir so auf die Nieren geht.

In der Gemeinde leben Menschen miteinander, die haben einander nicht ausgesucht – verbunden nicht nur durch ein kulturelles Interesse – denn das kann ganz unterschiedlich sein – aber verbunden durch Jesus Christus.

Dennoch kann der persönliche Geschmack, die Art und Weise, Probleme zu lösen, der Humor eines anderen, die Angeberei oder Duckmäuserei eines anderen für mich zur Last werden. Dass es einem anderen mit mir, meiner Art und Weise, Probleme zu erlösen oder gar zu erzeugen, mit meinem Humor, mit meiner Angeberei oder Feigheit, genau so gehen kann, das will ich lieber nicht wahrhaben.

 

Das Beispiel mit dem Balken und dem Splitter muss man gar nicht erklären: Wir sind in einer Gemeinde mitunter so verschieden – in Stil, Frömmigkeit, Prägung und Herkunft, dass man nicht in geselliger Anwandlung jubeln kann, wir seien alle aus dem gleichen Holz geschnitzt.

Aber Balken und Splitter sind aus dem gleichen Holz geschnitzt. Der Fehler des anderen ist nur immer viel größer als mein eigener!

Ok. Es gibt auch Menschen, die klagen immerzu über ihre eigene Unzulänglichkeit und ihre eigenen Fehler – doch dahinter kann genauso der Vorwurf stecken, dass sie immer zu streng von anderen behandelt werden, wo sie doch so schwach sind.

 

Es ist eine teuflische Gleichung des Streites und der Auseinandersetzung – das sehen wir in diesen Tagen beim Karikaturenstreit – wenn der eine sagt: Deine Spottbilder über das, was mir heilig ist, sind viel schlimmer als meine Spottbilder über das, was dir heilig ist.

Wenn eiern Schebber insern Schebber nomal Schebber schennt, schennt insern Schebber eiern Schebber solang Schebber, bis eiern Schebber insern Schebber nemmer Schebber schennt. Na, dann prost!

Das ist eine unlösbare Situation, wenn die Vorwürfe visavis aufgestellt werden. Es gibt keinen Patt, keinen Ausgleich. Das System muss aufgebrochen werden.

 

Das Geheimnis der 12 besteht darin, dass Jesus in ihrer Mitte ist. Er beruft sie, er führt sie zusammen.

Jesus ist die Vergebung. Er ruft nicht nur dazu auf:

37 Verurteilt nicht andere, dann wird Gott auch euch nicht verurteilen. Sitzt über niemand zu Gericht, dann wird Gott auch über euch nicht zu Gericht sitzen.

Verzeiht, dann wird Gott euch verzeihen.

38 Schenkt, dann wird Gott euch schenken; ja, er wird euch so überreich beschenken, dass ihr gar nicht alles fassen könnt. Darum gebraucht anderen gegenüber ein reichliches Maß; denn Gott wird bei euch dasselbe Maß verwenden.«

 

Das Neue Testament ist voller solcher Stellen.

Jesus ist die Vergebung: Er gibt sie vorbehaltlos. Einfach auf Vertrauen hin! Etwas vorher berichtet Lukas, wie Freunde einen Kranken zu Jesus bringen:

Als Jesus sah, wie groß ihr Vertrauen war, sagte er zu dem Kranken: »Du Mensch, deine Schuld ist dir vergeben!«

Lukas 5,20

 

Jesus beruft die 12: ER ist in ihrer Mitte. Das ändert alles.

Wir sind kein evangelischer Kulturverein. JESUS ist in unserer Mitte. Das ändert alles.

Das Visavis der gegenseitigen Anschuldigungen wird zerbrochen nicht durch ein Machtwort oder ein moralisches Donnerwetter, sondern indem Christus einem die Schuld vergibt. Und nun gilt der Satz der Vergeltung ganz neu: WIE DU MIR – SO ICH DIR. Wie du, mein Gott mir vergeben hast, so will ich auch dir, mein Bruder, meine Schwester vergeben. Die enge zerstrittene 2-er-Beziehung wird aufgebrochen. Ein Dreieck entsteht, mit viel Luft und Raum!

 

VERGEBEN: Das ist der Schlüssel für Beziehungen in der Gemeinde.

Dazu aber drei wichtige Fragen.

1. Nun könnte man einwenden. Aber, aber ich muss doch den anderen doch kritisieren können! Ich muss doch Fehler und Versagen benennen können!

Das stimmt,

aber wenn die Kritik ganz ohne Selbstkritik bleibt,

wird aus Gerechtigkeit Selbstgerechtigkeit.

Und die Kritik bleibt ohne Frucht.

Kritisieren heißt wörtlich übrigens: Genau hinsehen – und nicht: Eins überbraten.

 

2. Man könnte auch einwenden. Wie und wieso soll ich einem anderen, der seine Schuld an mir gar nicht bemerkt und einsieht, der mich nicht einmal richtig um Vergebung bittet, denn die Vergebung auch noch schenken!?

Die Antwort darauf stammt aus dem Buch „Lebenskunst Vergebung“, zu dem wir vor einigen Jahren schon eine Gottesdienstreihe hatten:

Denn du schenkst die Vergebung nicht dem anderen, sondern dir selbst. Wenn du, inspiriert von der Liebe Gottes, einem anderen vergibst, dann wirst du selbst frei. Du tust es für dich.

Denn was ist der Ärger über das, was der andere mir angerichtet hat? Abends einschlafen mit dem Gedanken „Wie kann der oder die mir das antun?“, morgens mit der gleichen bohrenden Frage aufwachen: „Wie kann der oder die mir das antun?“

Vergebung befreit MICH von der Last der Schuld, die mir angetan wurde – ob der andere darum gebeten hat – oder nicht.

Das Verhältnis zum anderen kann distanziert bleiben. Ich muss einen Menschen, der an mir schuldig wurde und dem ich vergebe, nicht heiraten. Ich muss in Zukunft nicht eng mit ihm zusammen arbeiten. Ich darf Distanz halten und mich selbst schützen. Aber nur die Vergebung befreit mich - zuerst MICH und dann den anderen.

 

3. Die letzte Frage: Wie weit geht die Vergebung? Es gibt doch sicher eine Grenze?

Schauen Sie noch mal in die Liste der Jünger:

Da wird Petrus genannt, der Jesus verleugnet hat: „Ich kenne diesen Mann nicht!“, sagt der – obwohl er kurz vorher Treue bis in den Tod versprochen hat.

Da wird Judas genannt, der Jesus verraten hat, wollte ihn provozieren zum politischen Aufruhr – doch Jesus ging einen anderen Weg.

 

Beide hat Jesus berufen.

In den Kreis der 12.

Ohne Probezeit, ohne Widerrufsrecht.

Berufen.

Petrus und Judas, ganze Jünger.

Die anderen 10, die ihn alle verlassen haben. Jünger.

Dich und mich,

so oft unfähig zur Vergebung und zum Frieden.

Berufen.

 

Es ist ganz am Ende übrigens noch wichtig auf den Anfang zu sehen. Die Nacht, bevor Jesus seine 12 Jünger beruft, war eine Nacht des Gebets. Sie erinnern sich an das Gebet – das Gedanken- und Sorgen- bei Gott abladen!

Hier ist der Ort, an dem Jesus die Liebe und die Vergebung selbst empfangen hat – die Vorstellung wen er berufen soll: Petrus, die 10, Judas!

 

Fäuste kann man nicht falten.

Herzen werden weiter.

Die Beziehung entsteht,

die meine Beziehungen leben lässt.

Amen.

 

P.S. Herzlicher Dank an meinen Freund Lars Linder, Pastor der Freien evangelischen Gemeinde Essen-Mitte für die Anregungen zu dieser Predigtreihe - den Bericht über die interessante Jesus-Truppe habe ich fröhlich und dankbar wörtlich übernommen.


© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
Zur Homepage