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BEZEUGEN - 5. März 2006
Liebe Freunde,
wer bei den Untertiteln für den heutigen Gottesdienst genau hingeschaut hat, muss gestutzt haben – ist vielleicht deshalb gekommen, weil er gesagt hat: Na, das will ich mir mal anhören, wie das gehen soll. Da heißt es nämlich:
Warum mein Glaube das
Leben anderer Menschen retten kann!
Was ist denn schon mein Glaube? Ist der stark und unangreifbar? Der ist doch mit Zweifeln durchsetzt wie ein Schweizer Käse mit Löchern. Und nun soll er sogar stark genug sein für zwei oder mehr? Mein Glaube soll das Leben anderer Menschen retten? Retten vor was? Vor Glatteis und Gefahr oder dem Tod, dem ewigen Tod? Das ist doch Unsinn, das kann doch gar nicht sein.
-
Warten wir es ab.
Wer im Flyer für die KURS06-Reihe genau hingeschaut hat, der ist vielleicht auch über den Titel gestolpert. BEZEUGEN. Gefragt waren bei KURS06 ja die grundlegenden Elemente unseres Glaubens, das was nicht wegzudenken ist:
Dass wir anderen Menschen etwas von unserem Glauben weitersagen, das soll ganz elementar zum Glauben dazu gehören? Steht nicht zur Disposition? Ohne das fehlt was?
Das kann doch gar nicht sein, mögen viele sagen: Es gehört gerade zu meinem Glauben, dass ich mich anderen nicht aufdränge. Die Worte Mission und Evangelisation klingen für mich nach Überrumpelung und Überredung, nach Machtausübung und fiesem Drängen. Das will ich doch gar nicht. Ich halte es eher mit dem alten Fritz, dass jeder nach seiner Fasson selig werden soll. Das ist meine Überzeugung. Mein Glaube soll andere retten? Das glaube ich nicht.
Ich weiß nicht, wer von Ihnen schon einmal in einen Verkehrsunfall verwickelt war. Ich hoffe, nicht so viele. Da kann es sein, man ist von einer Zeugenaussage abhängig. Ein anderer hat gesehen, dass das andere Auto ohne zu Blinken raus gefahren ist und ich gar keine Chance hatte… Ein Entlastungszeuge der aussagt, spricht mich vom Vorwurf frei. Dass er sich in diesem Moment nicht zu schade ist, nicht aus Bequemlichkeit und Angst von Scherereien sagt, dass er nichts gesehen habe. Ich bin dankbar dafür, dass es einen Zeugen gibt.
Das achte Gebot in seiner merkwürdigen Formulierung „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“, stammt aus einer Zeit, als vor Gericht nur die Aussagen von Zeugen galten. Und wenn einen ein Vorwurf trifft, dann können die Zeugen das Leben retten. Belastungszeugen dagegen können einen in den Tod treiben. Zeugenaussagen konnten über Tod und Leben entscheiden. Aber worum geht es heute?
Dietrich Bonhoeffer, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, hat gesagt: Die Kirche muss eine „Kirche für andere“ sein. Wenn sie eine gute Nachricht für diese Welt hat, Freispruch für die Versklavten, Hoffnung für Mutlose und Rettung für Unterdrückte, dann darf sie sich nicht selbst genug sein, dann ist sie für Andere da. Dann hat sie einen Zeugenauftrag, anderen zu sagen, wo es Freispruch, Hoffnung und Rettung gibt. Dann darf sie nicht sagen: Wir haben es doch schön im Gemeindehaus mit Orgel- und Gospelmusik, schönen Vorträgen und Lichtbildern, Tee und Kaffee. Dafür ist Jesus nicht in die Welt gekommen, sondern damit wir anderen, die dabei sind, in der Wüste zu verdursten, sagen, wo es Wasser gibt.
Aber wie können wir das heute neu tun? Ohne den Eindruck zu vermitteln, wir seien die Wissenden und die anderen die, die es noch begreifen müssen. Wie können wir es tun, ohne in die alten Missionsklischees zu rutschen, wo auf der einen Seite die Sünder kommen sollen und auf der anderen Seite die Heiligen warten? Und wie können wir trotzdem zu Zeugen werden, die glücklich und froh vom Wasser erzählen, das ihren Durst gelöscht hat.
An wem nehmen wir Maß, wenn wir den Umgang mit den „Anderen“ neu lernen wollen? An niemand anderem als an Jesus – und schauen, wie er anderen Menschen Gottes Liebe bezeugt. Und wir schauen uns das am Beispiel eines Menschen an, der hinterher einen fundamentalen Auftrag bekommt, sein Leben für andere zu leben.
Jesus begegnet Petrus.
Hören Sie heraus, welche Schritte Jesus mit ihm geht!
Lk 5,1-11
5 Die ersten Jünger
1 Eines Tages stand Jesus am Ufer des Sees von Gennesaret. Die Menschen
drängten sich um ihn und wollten Gottes Botschaft hören.
2 Da sah er zwei Boote am Ufer liegen. Die Fischer waren ausgestiegen
und reinigten ihre Netze.
3 Er stieg in das eine, das Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück vom
Ufer abzustoßen. Dann setzte er sich und sprach vom Boot aus zu der
Menschenmenge.
4 Als er seine Rede beendet hatte, sagte er zu Simon: »Fahr hinaus auf
den See und wirf mit deinen Leuten die Netze zum Fang aus!«
5 Simon erwiderte: »Herr, wir haben uns die ganze Nacht abgemüht und
nichts gefangen. Aber weil du es sagst, will ich die Netze noch einmal
auswerfen.«
6 Sie taten es und fingen so viele Fische, daß die Netze zu reißen
begannen.
7 Sie mußten die Fischer im anderen Boot zur Hilfe herbeiwinken. Schließlich
waren beide Boote so überladen, daß sie fast untergingen.
8 Als Simon Petrus das sah, warf er sich vor Jesus nieder und bat: »Herr,
geh fort von mir! Ich bin ein sündiger Mensch!« [a]
9 Denn ihn und alle anderen, die bei ihm im Boot waren, hatte die Furcht
gepackt, weil sie einen so gewaltigen Fang gemacht hatten.
10 So ging es auch denen aus dem anderen Boot, Jakobus und Johannes, den
Söhnen von Zebedäus, die mit Simon zusammenarbeiteten.
Jesus aber sagte zu Simon: »Hab keine Angst! Von jetzt an wirst du
Menschen fischen!«
11 Da zogen sie die Boote an Land, ließen alles zurück und folgten
Jesus. [a]
Es fängt damit an, dass Jesus die Hilfe von Petrus braucht. Zu viele Menschen waren gekommen und wollten hören, wie Jesus redet. Das ruhige Wasser am Morgen trägt den Schall auf das lang gestreckte Ufer. Jesus sieht ein Boot und bittet Simon um Hilfe, der mit den anderen Fischern die Netze nach der Nacht reinigt.
Begegnung auf Augenhöhe heißt: Jesus kommt nicht zu Simon wie ein Vertreter an die Haustür, der mir erklären will, wie schlecht doch mein Staubsauger sei. Er kommt nicht, weil er etwas an ihm auszusetzen hat, sondern weil seine Hilfe braucht. Es gibt Menschen, die kann man damit beleidigen, wenn man ihnen von oben herab hilft. Und es gibt Menschen, die kann man ehren, wenn man sich von ihnen helfen lässt – wir haben das beim Umbau erlebt und erleben es in vielen bereichen. Menschen helfen gerne und sind ein Schatz. Begegnung auf Augenhöhe. Keine Taktik, sondern gemeinsames Leben.
Und wenn man gemeinsam ins Leben schaut, sieht man sich gegenseitig in die Karten. Wir teilen das Leben und sagen uns, was uns fehlt. Petrus hat Jesus hinausgefahren und zwangsläufig zugehört, was Jesus zu predigen hat. Gleichnisse vom Senfkorn und vom Schatz im Acker, wie wir beten, und dass Gottes Liebe denen gilt, die es gar nicht vermuten. Das hat Petrus alles gehört – vielleicht war er aber auch müde.
Als Jesus fertig ist, sieht er in das Boot. Übrigens ist
ein Fischerboot am Morgen keine Augenweide und auch keine Schmeicheleinheit für
die Nase. Vor allem sieht er, dass Petrus sorgenvoll aussieht. Der Fang in der
Nacht war schlecht. Hat Jesus das schon gewusst, als er sagt: »Fahr
hinaus auf den See und wirf mit deinen Leuten die Netze zum Fang aus!«
Petrus erzählt ganz offen»Herr, wir haben uns die ganze Nacht abgemüht und nichts gefangen. Kein Mensch erzählt gern von Niederlagen. Jürgen Klinsmann nicht und Petrus auch nicht. Jeder baut gern eine glänzende Fassade, doch wenn einer den Fuß in mein Boot setzt, mir auf Augenhöhe begegnet, dann bin ich plötzlich bereit, den Fassadenbau ruhen zu lassen und zu erzählen, wie es mir wirklich geht: Herr, wir haben uns die ganze Nacht abgemüht und nichts gefangen. Wieviele Nächte das wohl schon so war? Seit Wochen schon, sagte mir neulich jemand, kriegen wir kein Geld mehr von unseren Kunden. Lange geht es nicht mehr weiter. Wer erzählt so was gern? Ich weiß nicht, wie es mit meinem Kind in der Schule noch weitergeht? Wer erzählt das gern? Niemand! Aber Gott sei Dank, wenn ich jemand habe, dem ich’s erzählen kann, dass ich es nicht nur in mich hineinfresse!
Doch dabei bleibt es nicht.
Petrus sagt dann: Aber
weil du es sagst, will ich die Netze noch einmal auswerfen.«.
Das kann zögernd und abwartend sein: Wenn du das so sagst… / Das kann trotzig sein: Na, dann will ich das mal ausprobieren, ob das denn auch stimmt, was du so sagst. Egal – Petrus wagt einen Schritt.
Und dann fahren sie hinaus und die Netze werden voll.
Übervoll.
Ein Wunder, wo doch die Fische tagsüber eher unten im See sind, dort wo es kühl ist! Das zweite Boot kommt zu Hilfe. Doch nun kommt es zum
Und Petrus - er erlebt einen tiefen, ganz tiefen Moment. Er begreift das Wunder der übervollen Netze: Es geht im Leben nicht nur um Fische. Herr, ich bin ein sündiger Mensch, das heißt: Ich habe am Ziel vorbei gelebt. Sünde, das ist nicht schlechte Moral, sondern Leben vorbei am Ziel. Wer das erkennt, der braucht einen Halt. Denn er steht vor dem spannenden
»Hab keine Angst!
Von jetzt an wirst du Menschen fischen!«
Jesus ist der Zeuge von Gottes Wirklich im Leben des
Petrus. Er bezeugt ihm: Es gibt noch einen ganz anderen Weg für dein Leben.
Gott braucht dich. In der Fülle, wie du gerade Fische gesehen, soll dein Leben
reich werden. »Hab keine Angst! Von jetzt
an wirst du Menschen fischen!«
Schritt für Schritt kommt Jesus auf Petrus zu. Wird Zeuge von Gottes Liebe, von Gottes Reich für das Leben von Petrus. Beileibe nicht defensiv. Er betritt sein Boot, braucht seine Hilfe, teilt mit ihm den Frust, fordert ihn heraus, begleitet ihm, als der Erfolg Petrus die Augen auf macht, zeigt ihm ein neues Ziel.
Wir werden das nicht so machen können, denn wir sind nicht Jesus.
Aber wir können erleben, dass Jesus Christus uns,
solchen, die schon lange an ihn glauben,
und denen,
die sagen, dass sie das noch nicht können,
Begegnungen schenkt,
in denen wir ihn erleben.
Ganz praktisch:
Man muss kein Christ sein, um in der Gemeinde mitzuarbeiten. Wir brauchen die Hilfe vieler an vielen Stellen. Vielleicht habe ich kein Boot, sondern eine Kamera, kann schreinern, kann etwas tun, bekomme mit, wie es in der Gemeinde läuft, wie Menschen miteinander umgehen.
Und wo wir zusammen arbeiten, erzählen wir uns von dem, was gelingt und von dem, was nicht gelingt – das haben viele von uns in den KURS-Abenden getan. Das kostet Vertrauen und tut gut.
Wir probieren aus, wie es ist, wenn wir noch mal hinaus fahren! Füllen sich die Netze neu? Nicht die Christen füllen den Nichtchristen die Netze, sondern beide fahren gemeinsam los und Christus füllt unsere Netze.
Und dann sind wir vielleicht gemeinsam an dem Punkt, dass wir erkennen: Herr, ich bin ein sündiger Mensch. Sünde ist Zielverfehlung. Und das Neuausrichten auf das Ziel ist ein lebenslanger Prozess. Nicht nur die Nichtchristen haben das nötig. Auch die Christen – jeden Tag, sagt übrigens Martin Luther auch.
Und dann setzt Jesus unserem Leben neue Ziele. Fordert uns heraus. Menschenfischer werden. Es geht um mehr als um Boot und Fische, Dax und Profit, Noten und Erfolg.
Warum mein Glaube das
Leben anderer Menschen retten kann!
Weil mein Glaube Gottes Geschenk an mich ist, das ich mit anderen teilen soll. Mein Vertrauen in Gott, ist nicht meine Errungenschaft – ich bin dankbar und froh über das Geschenk – und ich kann für meinen Freund, meine Freundin mitglauben.
Die hat vielleicht mit allem nichts am Hut, aber hat ein Boot, hat leere Netze und wäre bereit mit mir und meinem Vertrauen neu hinauszufahren.
Und dann schauen wir, was passiert.
Amen.
| © Evangelische Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
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