Gottesdienst mit der Einsegnung der ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
Am 3. September 2006
Zu Lukas 10,25-29
Predigt
Liebe Freunde,
beim Mitarbeitergottesdienst, wenn alle
eingeladen sind, die mitarbeiten, spielen und singen, steigt die Spannung. Das
ist die Gelegenheit über das Wichtigste
zu reden.
„Das Wichtigste?“
Wenn ich das in der Bibelkonkordanz – von
CD-Rom – als Stichwort eingebe, lande ich beim Wichtigsten – bei der Frage
nach dem wichtigsten Gebot: Jesus wird das gefragt:
Lk
10,25-29
Das
wichtigste Gebot
25 Da kam
ein Gesetzeslehrer und wollte Jesus auf die Probe stellen; er fragte ihn: »Lehrer,
was muß ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?«
26 Jesus
antwortete: »Was steht denn im Gesetz? Was liest du dort?«
27 Der
Gesetzeslehrer antwortete: »Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen,
mit ganzem Willen und mit aller deiner Kraft und deinem ganzen Verstand! Und:
Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!«
28 »Du
hast richtig geantwortet«, sagte Jesus. »Handle so, dann wirst du leben.«
Es gibt Menschen, die nennen das „das Doppelgebot der Liebe“, aber in Wirklichkeit geht es dabei dreimal um Liebe.
Dahinter verbergen sich Worte aus dem Alten
Testament: Der eine Teil stammt aus dem Sch’ma Israel, dem Glaubensbekenntnis
Israels in 5. Mose 6
Höre,
Israel! Der HERR ist unser Gott, der Herr allein.
Darum
liebt ihn von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit aller Kraft.
Und das andere aus einer Gesetzessammlung im 3.
Buch Mose 19,18
Liebe
deinen Mitmenschen –
wie dich
selbst.
Dreimal Liebe,
(FLIPCHART!)
denn darin geht es um die Liebe zu Gott,
die Liebe zum Mitmenschen und
- als Maß für die Liebe zum Mitmenschen
genannt -
die Liebe zu sich selbst.
Und was ist jetzt das Wichtigste?
Ganz einfach, dass man diese drei Aspekte der
Liebe zusammen lässt.
Wenn da was fehlt, fehlt ein Teil des Ganzen –
fehlt wirklich etwas.
- Dreieck
am Flipchart anzeigen -
Gott lieben, den Mitmenschen lieben wie man sich
selbst liebt.
Wir schauen das im Einzelnen an und sehen dann
nach, wie es ist, wenn etwas fehlt.
Gott
lieben.
Das ist – vielen von uns eher fremd. An Gott
glauben, ja. Aber Gott zu lieben?
Über Gott nachdenken? Ja.
An Gott glauben, im Sinne des Glaubens, dass es
ihn gibt. Oder daran zweifeln, dass es ihn gibt.
Grübeln und philosophieren ob Gott die Menschen
geschaffen hat.
Streit im Biologieunterricht über Evolution
und/oder Schöpfung.
Ja.
Diskutieren, ob Gott ein gerechter Gott ist.
Im Religionsunterricht über die Theodizeefrage
reden.
Bei der Hochzeit und bei der Taufe des Kindes,
bei der Beerdigung von lieben Menschen, Hoffen, dass es Gottes Liebe gibt auch
jenseits der Zeit.
Ja.
Aber Gott lieben?
Was ist das denn?
Dass wir damit solche Probleme haben, kommt von ungefähr. Die Worte des alten israelitischen Glaubensbekenntnisses, dass Jahwe allein der Gott Israels und dass die Aufgabe Israels darin besteht, diesen Gott zu lieben – mit Willen, Herz, Kraft und Verstand – das ist bei uns auf der Strecke geblieben.
In unserem apostolischen Glaubensbekenntnis
kommt das Wort „Liebe“ jedenfalls gar nicht vor – und es ist doch das
Kernwort der Bibel – auch des neuen Testaments: Also hat Gott die Welt geliebt
/ Glaube, Hoffnung, Liebe und die
Liebe ist die Größte unter ihnen.
Was ist passiert, dass wir uns damit so schwer
tun, Gott zu lieben!?
Erich Fromm, kein Christ, sondern kritischer jüdischer
Philosoph schreibt in seinem Buch „Kunst des Liebens“, (S. 92):
„In
den vorherrschenden westlichen Religionssystemen ist die Gottesliebe im
Wesentlichen gleichbedeutend mit dem Glauben an Gott, an Gottes Existenz, Gottes
Gerechtigkeit und Gottes Liebe. Die Gottesliebe ist im Wesentlichen ein Denkerlebnis.
In den östlichen Religionen und in der Mystik ist die Gottesliebe ein
intensives Gefühlserlebnis des Einsseins, das nicht davon zu trennen ist, dass
diese Liebe in jeder Handlung im Leben zum Ausdruck kommt.“
Wenn Erich Fromm Recht hat, wäre für uns im
Abendland schon das Liebe, wenn man den Begriff denkerisch erfasst, das Gefühl
durchschaut und dessen kognitiv Herr wird.
Nur – das ist nicht Liebe.
Nur darüber nachdenken. Das wäre ja eine tolle Hochzeitsnacht, wenn es dabei bliebe. Kein Wunder – Herz und Sinne sehnen sich nach der Liebe, nur der Kopf signalisiert: Mir reicht es aus, darüber nachzudenken.
Stimmt aber nicht.
Wie können wir diese Liebe zu Gott neu entdecken und erleben?
Ich komme darauf noch mal zum Schluss.
Die beiden anderen Eckpunkte des Dreiecks sind
schnell beschrieben.
Dass es um die Liebe zum Mitmenschen geht, es
leicht beschrieben.
Gleich nach der Begebenheit wird Jesus das
Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählen. Dass das Christentum Liebe
entfachen will, Liebe zu allen Menschen und nicht nur zu denen, die an Jesus
Christus glauben, das ist nicht nötig zu betonen.
Aber was das bedeutet, wird auch nur klar, wenn
ich den dritten Aspekt erkenne.
Wie dich selbst.
Das macht es mit der Nächstenliebe schon etwas
schwerer: Einen anderen so zu lieben, wie man sich wünscht selbst geliebt zu
werden, das setzt der Liebe, die sich immer nur mitleidig erbarmen will, eine Grenze. Wer will eine solche
degradierende Liebe denn aushalten? „Wie dich selbst“ – das zeigt an, dass
es wahre Liebe nur mit Freiheit gibt und mit Respekt. „Wie dich selbst“ –
das zeigt an, dass auch für die Liebe zum anderen gilt: Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Das
gilt auch für die Liebe! Spüren wir aber nur bei uns selbst!
Man kann das Dreieck noch länger betrachten und
fragen was passiert, wenn etwas fehlt.
(Liebe zu Gott abdecken.)
Das fehlt sehr oft. Die Liebe zu Gott. Aber wo ein Mensch den Nächsten liebt, wie sich selbst, da sagt Gott nicht kleinkrämerisch: Ohne die Liebe zu mir ist alles nichts: Sondern Jesus sagt an einer Stelle ausdrücklich: Da wo einer den geringsten Menschen auf der Erde etwas Gutes tut, da hat er es an mir getan. (Matth 25) Da gibt es Menschen, die engagieren sich – ohne, dass sie an Gott glauben – und Gott erkennt das an. Wenn sich für diese Menschen die Dimension der Gottesliebe noch öffnet, dann erleben sie die Quelle für die Liebe, die sie in sich haben, ganz neu!
(Liebe zu sich selbst abdecken.)
Das gibt es oft: Menschen die an Gottes Liebe
glauben und alles, was sie da spüren direkt weitergeben in die Liebe zu
anderen. Für sich selbst – oft haben sie das nie gelernt und von Kindheit an
gespürt – bleibt gar nichts übrig. Sie opfern sich auf für andere und
fragen nicht nach sich selbst. Das ist für sie wie ein christlicher Adelstitel.
Aber innen drin – im größten Krankenschwester-Helfer-Syndrom brodelt es: UND
WER DENKT AN MICH? Wer sich selbst kein Recht einräumt, hat keinen Platz im
eigenen Leben. Wer sagt diesen Menschen: Jetzt gilt Gottes Liebe für dich. Ruh
dich aus in dieser Liebe!
(Liebe zum Nächsten abdecken.)
Wer ist denn mein Nächster angesichts 6 Milliarden Nächster auf dieser Welt, von denen die Hälfte in großer Armut lebt? Muss man da nicht wegblenden, um nicht zu verzweifeln? Wichtig, dass wir den Blick offen halten. Wir bitten auch um Spenden für die eigene Gemeinde, aber dürfen nicht vergessen, dass es Menschen in unerträglichem Elend gibt.
Wo ist meine Hilfe? Mein zehnter Teil?
Es fehlt was, wenn was fehlt. Deswegen lasst uns
in diesem Jahr dieses Dreieck im Auge halten – für die Entwicklung unserer
Kirchengemeinde, aber jeder und jede für seine oder ihre persönliche
Entwicklung in der Mitarbeit, im Dienst in dieser Gemeinde.
Und – keiner von uns ist gleich – wenn wir auf die Suche nach der Liebe gehen, spüren wir, das ist bei jedem ganz verschieden.
Aber was bedeutet das konkret für mein Leben?
Was bringt mir das?
Es kann mir bringen, dass ich auf der Suche nach dieser Liebe mich selbst besser entdecke, entdecke, was ich selbst brauche, und was ich dann selbst geben kann.
Liebe – so wie du dich selbst lieb hast.
Der Eheberater Gary Chapman schreibt, es gibt 5 Sprachen der Liebe und eine davon, die spricht mein Herz an, eine davon, die füllt meinen leeren Liebestank im Herzen. Diese eine Sprache verstehe ich gut, diese eine Sprache spreche ich gut. Gott versteht alle diese Sprachen, deshalb gilt das, auch immer für Liebe die mit der Gott mich lieb hat.
Das würde ich gern mit Ihnen anschauen:
Die erste Sprache der Liebe ist Lob und Anerkennung. Vielleicht finden sie es ein bisschen komisch, Gott zu loben – braucht der das denn? Vielleicht finden sie es überflüssig, andere für ihr Gutes Aussehen oder die gelungene Arbeit zu loben – dann ist vielleicht Lob nicht Ihre Sprache der Liebe. Aber vielleicht erleben Sie es, dass ein ehrlich gemeintes Lob Sie über Tage hinweg fröhlich macht. Es richtig gut tut. Dann können Sie auch selbst gut loben und anerkennen. Sprechen Sie die Sprache – Gott loben, das ist unser Amt. Einer komme dem anderen mit Ehrerbietung zuvor. Loben Sie, was das Zeug hält, wenn es aus dem Herzen kommt. Es gibt viele Menschen mit leerem Liebestank, deren Sprache Lob ist!
Die zweite Sprache der Liebe ist Zeit. Vielleicht stehen Sie selbst immer wieder unter Zeitdruck und merken, wie wunderbar es ist, wenn jemand Zeit für Sie hat – nicht auf die Uhr schaut, das Handy vor dem Gespräch abschaltet, ganz für Sie da ist. Vielleicht sind Sie ein Mensch, der diese Sprache der Liebe, für andere Zeit zu haben, in unser Gemeindeleben einbringt. Dann sprechen Sie los! Gott selbst beschenkt uns mit Zeit, schenken wir ihm Zeit für die Begegnung nur mit seiner Gegenwart.
Die dritte Gabe der Liebe sind Geschenke. Vielleicht haben Sie das schon erlebt. Es gibt Menschen, die machen Geschenke, die haben vielleicht gar nicht viel gekostet und treffen Ihr Herz. Kleine Gaben, die an Sie denken. Diesen Menschen tun solch kleine Geschenken selbst sehr gut. Gott selbst beschenkt uns – ich bin sicher – mit vielen großen und kleinen Geschenken.
Die vierte Gabe der Liebe nennt Gary Chapman Hilfsbereitschaft. Ich kenne so viele Menschen, die sind hilfsbereit. Die helfen und packen an – freuen sich aber selbst, wenn man sie beim Schaffen nicht allein lässt. Diese hilfsbereiten Menschen tut es aber gut, wenn sich andere für sie Zeit nehmen und nicht nur praktisch finden, dass sie so hilfsbereit sind.
Die letzte Gabe ist Zärtlichkeit. Gary Chapman ist Eheberater und man denkt – ja gut, da gehört das hin: Aber es gehört genau so ins Leben der Gemeinde. Es gibt Menschen, die sprechen diese Sprache der Liebe: Legen dir die Hand auf die Schulter und es fließt Wärme und Segen, überhaupt nicht unpassend, nehmen beim Besuchen die Hand des Kranken und halten sie minutenlang, empfangen selbst Zärtlichkeit und tanken ihren Liebestank auf.
Und ich glaube, dass Gott ein zärtlicher Gott ist, der uns in der Stille begegnet, in Liedern und Gedichten, in Anblicken von Natur und Schönheit und unser Herz füllt.
Diese fünf Sprachen der Liebe sind ein Versuch, Wirklichkeit zu sortieren und besser zu verstehen. Bei einer dieser Sprachen hat es sicherlich bei ihnen „klick“ gemacht oder es ist Ihnen ganz warm geworden. Diese Sprache der Liebe ist Ihre Sprache Liebe zu empfangen und zu geben im Leben der Gemeinde, aber trifft auch Ihre Spiritualität, wie Gott Ihren Liebestank füllen kann und Sie ihm begegnen können.
Liebe Gott und den Nächsten - Wie dich selbst.
Mit der Sprache, die deinen Liebestank füllt.
Amen.
| © Evangelische Kirchengemeinde Traisa Pfarrer Andreas Klein |
Zur Homepage |