Gottesdienst 

Am 29. September 2006

Zu 1. Kor 7, 29-32a

Leben zwischen ESCAPE UND ENTER

- PC-Tastatur zeigen -

 

Liebe Gemeinde,

ich habe Ihnen was mitgebracht, was viele von Ihnen Tag für Tag unter den Fingern haben. Eine Tastatur.

Die lasse ich gleich durch die Reihen gehen, will aber noch auf 2 Tasten im Besonderen aufmerksam machen. Zwei Tasten, eine links oben, eine rechts unten. Die beschreiben – diametral auseinander liegend unseren Spielraum, wie wir mit dem Leben umgehen. Wie wir handeln, was wir tun, wie wir leben:

 

Links oben die Taste heißt. ESC, das steht für englisch ESCAPE und bedeutet Flucht. Eine Taste für alle, die ängstlich sind, ob sie am Computer etwas falsch machen können, Daten vernichten oder russische Atomraketen starten. Einfach ESC drücken und der Spuk ist vorbei. Das ist die NIX WIE WEG-Taste oder WAR ALLES NUR SPASS-Taste. Die Flucht-Taste.

So gehen viele mit dem Leben um. Im Zweifelsfall lieber nicht. Fluchtmöglichkeit auf jeden Fall offen halten.

 

Rechts unten, am Ende des Zahlenblocks liegt die ENTER-Taste. Gibt es am Rand des Hauptfeldes noch mal, ist also wichtig. Das genaue Gegenteil der Escape-Taste, denn die ENTER-Taste sagt JA. Eingabe wird bestätigt, die Formatierung der Festplatte befohlen, der Kaufvertrag wird abgeschlossen. ENTER, das kennen wir sonst nur von Piratenfilmen, denn entern heißt: Hineinspringen in das fremde Boot, leben, kämpfen, gewinnen wollen. JA zum Leben sagen.

Es gibt Menschen, die drücken oft und gern die Entertaste. Die hauen herzhaft drauf – ist schon etwas abgenutzt.

 

Dazwischen liegen alle anderen Tasten: Buchstaben und Ziffern und merkwürdige Sondertasten. Damit kann ich das Leben beschreiben. Lyrisch erzählen oder tabellarisch planen, rechnen und berichten. Aber immer wieder muss ich mich entscheiden, ob ich die Eingabe bestätige oder verwerfe – ESCAPE ODER ENTER.

 

Und Sie, sind Sie eher ein Zauderer oder ein Zaubere? Eine oder einer, der sich lieber drückt oder eine oder einer, der Ja, zum Leben sagt? Kann man so schlecht beantworten? Stimmt, denn es entscheidet sich immer neu – je nachdem, was das Leben mir an Aufgaben und Herausforderungen entgegen wirft:

Beim Computer gibt es das ja auch: Auf einmal kommt mir ein Warnfenster entgegen und ich kann nicht weitermachen, ehe ich das Warnfenster gelesen und weggeklickt habe. Manchmal muss man reagieren. ESCAPE oder ENTER: Nein oder Ja?

 

Da steht zum Beispiel:

Dein Chef bietet dir einen neuen Arbeitsplatz an. In Hamburg.

Oder:

Deine Frau ist schwer krank. Diagnose Brustkrebs.

Oder:

Deine Mutter ist ein Pflegefall geworden.

Oder:

Deine Firma hat dir zum 1. Januar gekündigt.

Oder:

Deine Frau sagt dir: Du wirst Papa.

Oder:

Dein Pfarrer bittet dich um Mitarbeit in einem Gemeindeprojekt.

Oder, oder.

 

ESCAPE oder ENTER?

 

Nein, ich meine übrigens nicht, dass man als schnelle Antwort auf die Alternative immer ENTER, also Ja, zum Leben sagen sollte. Denn wer immer Ja sagt, dem geht bald die Puste aus. Es gibt auch Anforderungen, die sind zu groß für meine Kräfte, und mein Gewissen weiß nicht immer, wie groß mein Kräftetank ist. Es geht darum, eine Mitte zu finden. Sich also weder privat und säuberlich aus allem rauszuhalten – sich aber auch nicht von allem Guten und Sinnvollen überreden lassen und am Ende verzettelt und orientierungslos da zu stehen. Eine Mitte, die nicht bequem ist, wo ich Ja zu Herausforderungen, aber auch Nein, zu dem, was im Moment meine Zeiten und Kräfte überfordert.

 

Die Frage ist also die Frage nach der Mitte meines Lebens. Wofür bin ich da?

 

Eine erste Antwort hat die Schriftlesung schon gegeben. Da ging es um die Frage nach der Ehescheidung und Jesus vertritt die Meinung, dass Mann und Frau die Ehe ernst nehmen sollen. Scheidung und Wiederheirat ist keine Lösung, die von vornherein im Programm steht. Du kannst nicht immer problemlos die ESCAPE-Taste drücken und meinen, du könntest schmerzfrei von vorn anfangen. Und als ob er das verdeutlichen wollte segnet er die Kinder, die Menschen zu ihm bringen. Kinder sind das Zeichen dafür, dass man eben nicht das Leben immer wieder neu starten kann, wie man einen hängen geblieben Computer wieder hochfährt.

 

Wofür bin ich da? Was ist die Mitte meines Lebens. Eine erste Antwort ist gegeben: Natürlich für die Familie, für meinen Mann, meine Frau, die Eltern für die Kinder.

 

Und trotzdem. Es gibt auch Menschen, die aus dem Tunnelblick des familiären „Sonst-ist-mir-alles-egal“, „die Familie geht vor allem“ heraus geführt werden müssen. Es gibt ja auch Menschen, die haben keine heile Familie oder haben keine Familie mehr - und sind vor Gott dennoch Menschen, denen die ganze Liebe, Hoffnung und Zukunft gilt. Die Treue und Liebe, die wir in die Familie investieren sollen, ist doch nicht zu verwechseln mit spießbürgerlicher Enge! Dazu nun Paulus im Predigttext für Heute.

 

29 Denn ich mache euch darauf aufmerksam, Brüder und Schwestern: Die Tage dieser Welt sind gezählt. Darum gilt für die Zeit, die uns noch bleibt: Auch wer verheiratet ist, muss innerlich so frei sein, als wäre er unverheiratet.

30 Wer traurig ist, lasse sich nicht von seiner Trauer gefangennehmen, und wer fröhlich ist, nicht von seiner Freude. Kauft ein, als ob ihr das Gekaufte nicht behalten würdet,

31 und geht so mit der Welt um, daß ihr nicht darin aufgeht. Denn die gegenwärtige Welt wird nicht mehr lange bestehen.

(32 Ich möchte, daß ihr frei seid von falschen Sorgen.)

 

 

Es gibt Tage, da sitze ich abends beim Essen im Kreis der Familie und bin mit meinen Gedanken noch ganz woanders. Da schaue ich in ein Loch und irgendwann sind die Kinder sehr belustigt, meine Frau leicht genervt und holen mich zurück in die Welt und ins Leben. Meint Paulus so etwas, dass man lebt und doch nicht so richtig lebt, dass man sich hinein gibt und dann doch nicht ganz? Dass man fährt und die Handbremse doch immer ein bisschen angezogen hat?

Sicher nicht.

Meint Paulus so eine stoische Distanz, dass man sich von nichts richtig berühren lässt und immer einen Sicherheitsabstand hat, dass einen emotionale Bindungen, dass einen Glück und Trauer, dass einen die schönen Dinge, nicht zu nahe kommen und man sich letztlich selbst am nächsten ist?

Sicher nicht.

Das was Paulus sagt, findet sich ganz ähnlich schon in Worten alttestamentlicher Propheten, die berichten, dass das Ende Gottes für ganz Israel kommt. Der Schiedsrichter schaut schon auf die Uhr – für gepflegten Spielaufbau und langwierige Taktik ist keine Zeit mehr:

Hesekiel 7,12

Die Frist ist abgelaufen, der Tag des Gerichts ist da! Wer jetzt noch etwas kauft, soll sich nicht darüber freuen; und wer etwas verkaufen muß, soll ihm nicht nachtrauern. Denn der Zorn des HERRN kommt über diese ganze lärmende Menge.

 

Dass was Paulus meint, möchte ich mit einem Bild umschreiben. Wenn dein Leben wie ein Schiff ist, das in hoher See fährt und die See wird schwer und rau, dann hilft es nicht den Anker tief am Boden des Schiffes abzulegen. Dann hilft es nicht, gesellschaftliche Werte wie Treue und Familie, wie Beständigkeit und Qualität zu bemühen. All das würde bedeuten, den Anker nur auf Grund des Schiffes zu legen, doch da hält er das Boot nicht fest. Der Anker muss raus, er muss ins Meer und auf den Grund des Meeres, nicht auf dem Boden des Schiffes liegen.

Der Anker muss auf festen Grund, dann hat das Schiff einen Halt.

 

Paulus hat diesen Halt in Jesus Christus gefunden.

Darum lebe nun nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir. Das Leben, das ich jetzt noch in diesem Körper lebe, lebe ich im Vertrauen auf den Sohn Gottes, der mir seine Liebe erwiesen und sein Leben für mich gegeben hat.

Galater 2, 20

 

Wofür lebe ich? Was ist meine Mitte?

Da gibt es in Jesus Christus eine Liebe, die mich hält und meint, so dass ich mich in leidenschaftlicher Hingabe ins Leben geben darf, ohne zu meinen da wäre mein letzter Halt.

Verbunden mit Jesus leben, bedeutet auch maßnehmen an IHM, wie er gelebt hat. Voller Leidenschaft in die Begegnung mit den Menschen: Heilung und Zusage der Liebe gebracht, den Streit und die Auseinandersetzung nicht gescheut. Kein Leben mit doppeltem Boden und Sicherungsseil, aber oft hat Jesus den Tag begonnen, indem er frühmorgens das Gebet und die Stille gesucht hat. Er hat den Anker des Lebens nicht auf den Boden seines Schiffes, sondern auf den Grund des Meeres gelegt.

 

Noch ein letzter Anlauf, dieses nicht ganz einfache Verhältnis der Christen zur Welt zu beschreiben. Dass man dieser Welt lebt, aber nicht von dieser Welt ist…

Dietrich Bonhoeffer, vor 100 Jahren geboren ist verurteilt worden, weil er als Spion der deutschen Abwehr Kontakte gegen Hitler geknüpft hat für die Zeit nach dem 20. Juli 1944. Das Attentat ist aber gescheitert. Bonhoeffer und seine Freunde wurden verhaftet und ermordet.

Bislang galt im Denken vieler Christen: Einsatz in dieser Welt, das ist halt nötig, das ist zu tun – innerlich erwarten wir nicht zuviel davon. Unser Herz hängt jetzt schon an der jenseitigen Welt, in der Ewigkeit.

Bonhoeffer weiß auch davon: Es gibt vorletzte Dinge und es gibt letzte Dinge. Es gibt Zeit und Ewigkeit. Nun kommt aber das Neue und Besondere bei ihm: Unsere Liebe zu den letzten Dingen, zu Gottes Liebe und zur Ewigkeit, wird daran gemessen, mit welcher Leidenschaft wir uns den vorletzten Dingen zuwenden! Das, was hier zu tun ist. Bonhoeffer sagt: Das „Vorletzte“ ist „Hülle des Letzten“, die Welt ist Hülle Gottes.

 

Oder wie hatte es einst Georg Neumark gedichtet:

 

7. Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,

verricht das Deine nur getreu

und trau des Himmels reichem Segen,

so wird er bei dir werden neu.

Denn welcher seine Zuversicht

auf Gott setzt, den verläßt er nicht.

Amen.

 

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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