Hier geht es den anderen Predigten der Expedition zum ICH in Traisa

 

Expedition zum ICH: EXODUS: Wie werde ich frei?

Liebe Gemeinde,

Letzte Woche hörte ich eine kuriose Meldung im Radio: Ein Teil der Kochstraße in Berlin soll umbenannt werden nach dem Studentenführer der 68er Jahre: Rudi Dutschke. Das Brisante dabei: Gerade in dem Abschnitt der umbenannt werden soll, steht das Hochhaus des konservativen Axel-Springer-Verlages, dessen Adresse also künftig „Rudi-Dutschke-Straße“ lauten würde. Dagegen regt sich großer Widerstand.

In dieser Woche war die Premiere des Filmes über das schönste Gesicht der 68er Jahre: Uschi Obermeier. Während Rudi Dutschke ein Kämpfer für die Freiheit war, konnte man bei Uschi Obermeier lernen, wie man sich ganz einfach frei macht. - Stellen Sie mal vor, IHRE Wohnstraße sollte umbenannt werden. Würden Sie lieber in der Rudi-Dutschke-Straße oder der Uschi-Obermeier-Gasse leben?

Oder gleich noch eine Frage dieser Woche zum Thema Freiheit: Sind Sie eigentlich dafür, dass man die ehemaligen RAF-Terroristen Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar, Haupträdelsführer der Entführung und des Mordes an Hanns-Martin Schleyer, freilässt bzw. begnadigt? Ja oder Nein oder Ja, wenn Sie sich bei der Witwe entschuldigen?

 

Von was für einer Freiheit reden wir hier eigentlich?

Wenn Sie sich nun – wahrscheinlich – schon längst fragen, was für Sie denn Freiheit bedeutet, dann könnten Sie, um der Sache besser auf die Spur zu kommen, auf der einen Seite des Blattes all das aufschreiben, was sie festhält:

Das sind sicherlich ganz unterschiedliche Dinge, die dann da stehen werden:

Ich möchte frei sein von:

-         von Schmerzen und körperlichen Leiden

-         vom ewig nörgelnden Chef

-         von belastenden Beziehungen (wenn ich den schon sehe, dann zieht sich in mir alles zusammen)

-         von finanziellen Belastungen und Schulden

-         von großen und kleinen Süchten, von denen ich nicht loskomme!

 

Und wenn Sie jemand mit einem Zauberspruch von all diesen Dingen befreien würde? Wohin würde die Reise gehen?

-         In ein wirklich neues Urlaubsland?

-         In eine neue Beziehung?

-         In das Erlebnis, ein neues Instrument zu lernen oder eine aufregende Sportart?

 

Merken Sie es? Die Antwort auf die Frage wovon man gerne frei sein möchte, fällt viel leichter als die Antwort auf die Frage, wozu man denn frei sein will.

Anders gesagt: Unser Leben ist die Hölle, wenn wir gefangen sind in Enge, politischer Unterdrückung, physischer oder psychischer Ausbeutung, aber es ist keinen Hauch besser, wenn wir frei sind von Liebe, Treue und tragender Gemeinschaft! Nicht selten ist es so, dass Menschen die einem totalitären Regime entfliehen können, noch lange nicht frei sind, denn eine Quelle der Angst und der Enge steckt nun in ihnen selbst. Ich würde sogar sagen: Die größte Gefährdung meiner Freiheit liegt in mir selbst.

 

In dieser Woche geht es um das Buch Exodus – um den Auszug aus Ägypten - nicht nur, aber ganz zentral. Dieses zweite Buch des Alten Testaments hat 30 Kapitel, gefüllt mit Geschichten und vielen Gesetzestexten.

Interessant ist: Das Volk Gottes braucht 10 Plagen und 14 Kapitel um von den Ägyptern frei zu kommen und kämpft dann weitere 16 Kapitel mit der eigenen Lust zu den Fleischtöpfen Agyptens zurückzukehren! Es ist eine blöde Freiheit, wenn man Hunger hat und die Parole „Nix wie weg!“ beschreibt noch nicht erfülltes Leben.

 

Wenn es also stimmt, dass ICH selbst die größte Gefährdung meiner Freiheit bin – dann lohnt es sich – wir sind ja schließlich bei der Expedition zum ICH, tiefer zu bohren. In der Sprache der Elektriker gesprochen: Wir müssen die Freiheit „erden“, Bodenkontakt verschaffen. Deshalb begegnen Sie in dieser Woche – einigen Texten, die bei erstem Hinsehen mehr mit Geborgenheit, Bindung und Orientierung zu tun haben – und erst so – und nicht anders ein Leben in Freiheit ermöglichen!

 

1. Psalm 23 und die Suche nach dem Fixpunkt

Klaus Douglass berichtet in seinem Buch vom alten Griechen Archimedes und seinem berühmten und leicht angeberischen Ausspruch: Nenne mir einen festen Punkt und ich hebe die Welt aus den Angeln! Das heißt: Ohne festen Punkt kann ich nichts bewegen. Ohne Boden unter den Füßen kann ich nicht mal in die Luft hüpfen. Und wenn ich mir vorstelle, zu laufen, aber nicht vom Fleck zu kommen, weil ich die Füße nicht auf den Boden bringe, dann ist das reif für einen Albtraum!

Psalm 23 berichtet vom Gegenteil. Haben Sie die Worte noch im Ohr?

Mir wird nichts mangeln.

Grüne Aue, frisches Wasser.

Im finstern Tal – keine Angst.

Du bist bei mir.

Ein Mensch hat einen Fixpunkt gefunden. Möglicherweise war der Beter dieses Psalms geflohen, haltlos und unterwegs. Im Haus Gottes, in dem er, dann immerdar bleiben will hat er nun einen Halt gefunden. Und nun gelingt ihm einiges: Er berichtet über seine Zeit im finstern Tal – in der Todesschattenschlucht – er muss diese Erfahrung nicht verdrängen. Und er sagt mutig, dass er nun auch am von Gott gedeckten Tisch in Ruhe essen kann, auch wenn er weiß, dass alle Feinde: Bedrängnisse und Sorgen und Menschen, die Böses wollen, ihm zuschauen werden. Wer frei ist, dem allem nicht auszuweichen, hat einen Halt. Nur wer einen Halt hat, muss davor nicht weglaufen – und Flucht ist noch lange keine Freiheit.

Das ist das Erste, was Ihnen begegnen wird in dieser Woche – Psalm 23 – und die Frage: Habe ich denn so einen Fixpunkt für mein Leben. Aber dann geht es auch schon los auf eine der aufregendsten Reisen, die das Alte Testament zu bieten hat!

 

2. Der Aufbruch in die Freiheit und der Name Gottes

Kein Gospel, kein Spiritual, die Geschichte der Befreiung der schwarzen Sklaven in Amerika wäre unvorstellbar, wenn es diese Geschichte im 2. Buch Mose nicht geben würde. Gott führt sein Volk aus der Gefangenschaft Ägyptens in die Freiheit. Und dazu wird einer ausgesucht, der das in die Hand nimmt.

Mose.

Diese Geschichte der Freiheit beginnt, indem Mose von Gott einen Auftrag bekommt. Gott sagt: ICH will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten aus Ägypten herausführst.

Es geht - das muss man sich klar machen – nicht um die individuelle Freiheit von Mose. Der war ja gerade den Häschern des Pharao entflohen, bei freien Hirten in der Wüste am Sinai gelandet und hatte fest vor, sein Leben dort bei seiner Frau und seinen Kindern eines Tages friedlich zu beenden. Es war doch reiner Zufall, dass es ihn zu diesem Dornbusch verschlagen hat. Oder?

Und nun hat er ein Leben vor sich, voller Konflikte und Streit, weil er die Freiheit seines Volkes gegen die wirtschaftlichen Interessen der damaligen Supermacht Ägypten verteidigen soll?

So hat er sich sein Leben nicht vorgestellt – ein Freiheitskämpfer? – so hat er sich sein Sterben nicht vorgestellt, an irgendeinem ägyptischen Galgen – wer sagt ihm, denn, dass es gut ausgeht? Kein Wunder, dass Mose sich wehrt.

Und ein Teil seiner Verteidigungsstrategie ist, dass er die Stimme aus dem Dornbusch fragt, wer dieser Gott denn eigentlich ist! Wie dieser Gott denn eigentlich heißt.

 

Und bevor ich darauf komme.

Spüren Sie, was hier passiert? Damit viele Menschen frei kommen, wird hier ein Mensch in den Dienst genommen. Er wehrt sich, denn das wird eine lebenslange Aufgabe – so viel ist schon zu spüren. Aber es geht nicht um die individuelle Freiheit, sondern um die Freiheit vieler Menschen:

Nennen Sie mir einen Freiheitskämpfer der Weltgeschichte, der gesagt hätte: Mache ich alles, aber Freitag um vier ist Feierabend. Unsinn: Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Nelson Mandela – ihr Freiheitskampf war immer verbunden mit ganzer Hingabe des Lebens, mit Hingabe des ganzen Lebens!

Wenn das der Preis ist, muss man wissen dürfen, wer einen ruft:

 

Gott nennt Mose seinen Namen.

Jahwe – ich bin, der ich bin – ich werde sein, der ich sein werde – ich bin für dich da.

Ein Name, der Programm ist! Ich bin bei dir. Mit diesem Namen kann Mose losgehen, denn er spürt: Das ist kein ferner Gott, das ist ein naher Gott! Ich bin da, für dich da.

 

Namen sind nicht unerheblich: Wie man einen nennt, das macht den Unterschied aus. Da muss man fragen: Wie nennen Sie Gott? Wie lautet ihre innere Anrede an Gott?

-         Gott?

-         Lieber Gott?

-         Vater?

-         Lieber Vater?

-         Ach, Gott?

-         Der Herrgott?

-         Du, da oben?

-         Jesus?

-         Herr?

 

Der Name Jahwe ist für Juden übrigens so heilig, dass sie ihn nicht aussprechen – sie haben an der Stelle immer Adonai, also Herr gesagt. Deshalb steht in der Lutherbibel immer dort, wo Jahwe steht, großgeschrieben HERR. Das ist ein anderer Ton, ein anderer Klang. Denken Sie mal, dass überall dort steht: „Ich bin für dich da“ – der „Ich bin für dich da“ ist mit dir.

Mose hat recht, wenn er fragt: Wie heißt du. Sie haben recht, wenn Sie fragen, wer der Gott ist, dem Sie vertrauen können.

Für welchen Gott lohnt sich hingebungsvolles Leben? Wie heißt du? Wer bist du?

 

 

3. Das Sch’ma und die Liebe

Am Ende der nächsten Woche begegnen Sie einem der wichtigsten Texte des Alten Testamentes, dem sogenannten Sch’ma Israel – das ist hebräisch und heißt: Höre, Israel. Das ist das Glaubensbekenntnis und orthodoxe Juden tragen das in einer Kapsel auf der Stirn.

Höre, du Volk Israel,

Jahwe ist unser Gott, nur er allein:

Ihn, deinen Gott, sollst du lieben:

Von ganzem Herzen,

mit ganzer Seele

und mit all deiner Kraft!

 

Ich weiß, ich mute Ihnen viel zu: Ich will von Freiheit reden und zitiere ein Gebot, in dem es heißt: Du sollst. Außerdem heißt es: Du sollst lieben – wie kann das denn gehen?

Wie das geht und bei wem das geht, will ich nicht vorenthalten, aber noch mal zurückblicken:

 

Von Psalm 23, einem Fix- und Trostpunkt im Leben habe ich gesprochen:

Freiheit ohne Geborgenheit ist Heimatlosigkeit.

Von Mose und dem Auftrag für sein Leben, und dass er mit Recht nach dem Namen des Auftraggebers fragt, habe ich gesprochen:

Freiheit ohne Hingabe, ist Ziellosigkeit.

 

Und nun bündeln sich Geborgenheit und Hingabe in einem Wort: Liebe.

Ohne Liebe ist Freiheit Gleichgültigkeit. Dann mache ich was ich will und schere mich um niemand.

Ohne Liebe ist Freiheit letztlich egoistisch.

Umgekehrt ist es total lieblos, einen Menschen zu lieben und ihn nicht frei zu geben: Liebe ohne Freiheit ist Klammergriff und Enge.

Aber Freiheit ohne Liebe ist grenzenlose Gleichgültigkeit. Die Freiheitskämpfer, die ich genannt habe, haben ihre persönliche Freiheit geopfert aufgrund einer Leidenschaft und Liebe für ihre Menschen! Nicht selten haben sie bei Jesus Maß genommen!

 

Und wenn ich dem auf die Spur kommen will, muss ich auf Jesus Christus und seinen Weg sehen. Ich kenne keinen Menschen, der mit so viel innerer Freiheit gehandelt hat – oft überraschend anders gehandelt hat als alle erwartet haben.

Ich kenne keinen Menschen, der mit so viel Liebe gehandelt hat – in vielen unzähligen Begegnungen mit Menschen, die es nicht erwartet haben – bis am Kreuz, an dem er gestorben ist.

 

Bei ihm gibt es eine Liebe, die mich freimacht und eine Freiheit, die mich voller Hingabe leben lässt.

 

Noch was am Ende. So wie Jesus mit den Menschen und auch mit der Bibel umgeht, das hilft mir auch das Alte Testament besser zu verstehen. Lesen Sie die Bibel von Hinten nach vorn – nicht von vorn nach hinten. Die liebevolle Freiheit und die Hingabe aus freien Stücken, die ich bei Jesus Christus sehe, ist das Maß der Dinge. Wenn ich nun Texten im Alten Testament begegne, die einen zornigen und rachsüchtigen und manchmal brutalen Gott zeigen, dann steht Christus über dem Wort. Er ist der HERR, dem zu vertrauen sich lohnt – die Bibel weist nur auf IHN hin.

Schlagen Sie die Bibel auf,

begegnen Sie ihm.

Amen.

 

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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