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Expedition zum ICH: PROPHETIE: Was bestimmt mein Handeln?

Liebe Gemeinde

Drei Dinge zu Beginn:

Die persönliche Frage: Von wem lasse Sie sich etwas sagen? Von wem lasse Sie Ihre Einstellung in Frage stellen, Ihre Handlungsweise wirklich beeinflussen? Wieviele Menschen gibt es da in meinem Leben?

Was ist eigentlich Prophetie? „Ich bin doch kein Prophet“ – sagt einer und das heißt: Ich kann nichts vorhersagen. Aber Prophetie im Sinn der Bibel bedeutet nicht, die Zukunft vorher zu sagen, sondern Gottes Willen hervor zu sagen.

Da stellt sich die Frage: Glaube ich, dass Gott persönlich und aktuell uns Dinge zu sagen hat? Oder ist mit den 10 Geboten und der Bergpredigt alles Nötige gesagt. Dem wäre nichts hinzuzufügen?

 

Eine Geschichte:

Es klopft an der Tür des Königs. Ein Mann kommt herein und berichtet:

»Ich muß dir einen Rechtsfall vortragen. Zwei Männer lebten in derselben Stadt. Der eine war reich, der andere arm. Der Reiche besaß eine große Zahl von Schafen und Rindern. Der Arme hatte nichts außer einem einzigen kleinen Lämmchen. Er hatte es gekauft und zog es zusammen mit seinen Kindern bei sich auf. Es aß von seinem Brot, trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß. Er hielt es wie eine Tochter.

4 Eines Tages bekam der reiche Mann Besuch. Er wollte keines von seinen eigenen Schafen oder Rindern für seinen Gast hergeben. Darum nahm er dem Armen das Lamm weg und setzte es seinem Gast vor.« (2. Sam 12)

 

So berichtete der Mann – ein Prophet übrigens – dem König. Dieser König, David brach in heftigen Zorn aus und rief: »So gewiß der HERR lebt: Der Mann, der das getan hat, muß sterben!  Und das Lamm muß er vierfach ersetzen - als Strafe dafür, daß er diese Untat begangen und kein Mitleid gehabt hat!«

 

Da sagte Natan (der Prophet) zu David:

»Du bist der Mann!«

 

Was war passiert? David, der König hatte die schöne Batseba, die Frau seines Hauptmannes Uria verführt, geschwängert – und als alle Geheimhaltungsversuche missglückt waren, schickt er Uria an die vorderste Front des Kriegs in Syrien, wo er bald darauf fällt. Dann holte er Batseba zu sich. Und hoffte, dass alles unbemerkt bleibt.

Und dann kommt der Prophet und erzählte nur die Geschichte.

 

Gottes Wort zu dieser Sachfrage ist klar. Dem wäre nichts hinzufügen.

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau.

Du sollst nicht ehebrechen.

Du sollst nicht töten.

Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

 

Vier Gebote, die David der Reihe nach übertreten hat.

Doch mit vier Worten macht Nathan, der Prophet diese zeitlosen Wahrheiten zu einer persönlichen Wahrheit: „DU bist der Mann.“

 

Das ist eine der Geschichten, die zeigt, was Prophetie ist. Nicht ein Vorhersagen der Zukunft, sondern ein Hervorsagen, von dem, was ohnehin klar ist, aber in der Situation unterzugehen droht.

Und David erkennt zuerst das Unrecht und dann sich selbst.

 

Übrigens erstaunlich, dass die Bibel das überliefert. Geschichtsschreiber anderer Königshäuser wären für solche Glossen direkt ins Jenseits befördert worden. In Israel ließ man das Prophetenwort stehen, auch wenn es den wichtigsten König der Geschichte als Ehebrecher, Mörder und Lügner entlarvte!

 

Es war aber keineswegs so, dass die Propheten für ihre Botschaften zeit ihres Lebens gefeiert wurden. Ganz im Gegenteil – und sehr verständlich – denn was sie sagten, musste aufstoßen wie saurer Wein!

 

Da war zum Beispiel Amos. Er war gar kein Prophet – eher ein Prophet wider Willen. Er war Hirte, der nebenbei Maulbeeren züchtet. Aber Gott hat ihn berufen. In einer Zeit, in der es den wohlhabenden Leuten vom Nordreich Israels, das ja nach dem Tod König Salomos vom Südreich abgetrennt wurde, ging wie der Made im Speck. Und der Speck, das waren die Armen, die ausgenommen worden, so gut es ging. Und wie es noch keiner vor ihm gesagt hat, prangert Amos die Zustände an, wie die Armen unterdrückt und die Reichen immer reicher werden. Freunde hat er sich damit nicht gemacht, wenn er die Frauen der Hauptstadt „fette Kühe“ nennt, und eine Zeit kommen sieht, da man sie mit Fischhaken aus der Stadt ziehen wird.

Amos hatte sich das nicht ausgesucht. Er hat „Bilder“ gesehen: Da sah er vor sich einen reich gefüllten Erntekorb – doch „Ernte“, das klingt im hebräischen – so wie im Deutschen – so wie „Ende“.

1 Noch etwas ließ der HERR, der mächtige Gott, mich sehen: einen Erntekorb voll Obst.2 Er fragte mich: »Amos, was siehst du?«

Ich antwortete: »Einen Korb mit reifem Obst.«

Da sagte der HERR: »Ja, reif ist mein Volk - zum Gericht! Ohne Erbarmen will ich alles abernten.

Propheten bekommen Bilder gezeigt – und hören Worte, die die Bilder deuten: Es geht so nicht weiter. Immer wieder hat Amos aber auch gesagt, was Gott von Israel will. Gottesdienst ohne Nächstenliebe sicher nicht. In Gottes Namen sagt er:

5,23 Hört auf mit dem Geplärr eurer Lieder! Euer Harfengeklimper ist mir lästig! 24 Sorgt lieber dafür, daß jeder zu seinem Recht kommt! Recht und Gerechtigkeit sollen das Land erfüllen wie ein Strom, der nie austrocknet.

 

Amos, das ist klassische Prophetie. Bilder und Worte, die Gottes Recht proklamieren – sie bringen nichts Neues, aber Vergessenes und Verdrängtes in Situationen hinein, in denen man das nicht hören will. Man könnte fast sagen, es ist geradezu ein Ausweis echter Prophetie gewesen, dass es auf diese Worte Widerstand nur so hagelte. Im Übrigen kamen die Könige bald auf die Idee, sich selbst Propheten anzustellen, die ihnen als Berater zuarbeiteten und – nie ganz offensichtlich – aber doch deutlich nach dem Munde redeten.

Wenn dann ein von Gott gesandter Prophet mit einer inneren Berufung – und ohne Gehaltsscheck kam, sollte man sagen können: „Na ja, es steht ja nun Prophetenwort gegen Prophetenwort“ – keine leichten Zeiten für Propheten.

So ging es übrigens dem Propheten Jeremia – über hundert Jahre später als Amos. Sein Leben war ein ewiger Konflikt mit dem Mächtigen, den Königen, den Priestern und den Hofpropheten. Seine „Bekenntnisse“ sind ehrlicher Ausdruck eines Lebensschicksales, das zeigt, dass man nicht sagen kann: Na, gut, dann werde ich auch Prophet, klingt interessant: Jeremia schreibt und wirft Gott vor:

7 Du hast mich verführt, HERR, und ich habe mich verführen lassen; du hast mich gepackt und mir Gewalt angetan. Nun spotten sie immerzu über mich, alle lachen mich aus.

8 Denn sooft ich in deinem Auftrag rede, muß ich Unrecht anprangern. »Verbrechen!« muß ich rufen, »Unterdrückung!« Und das bringt mir nichts als Spott und Hohn ein, Tag für Tag.

9 Aber wenn ich mir sage: »Ich will nicht mehr an Gott denken und nicht mehr in seinem Auftrag reden«, dann brennt dein Wort in meinem Innern wie ein Feuer. Ich nehme meine ganze Kraft zusammen, um es zurückzuhalten - ich kann es nicht.

 

Während der Zeit Jeremias aber war es auf einmal nicht mehr nötig gegen die Könige zu protestieren. Es gab nämlich keine mehr in Israel: So wie vorher das Nordreich von Israel, von den Assyrern überwältigt wurde, (Amos hatte übrigens Recht) so wurde Jerusalem zweimal von den Streitkräften der Großmacht Babylon überrannt. Und beim zweiten Mal gab es keine Gnade: Stadt und Tempel wurden zerstört – und alle einigermaßen Intelligenten wurden deportiert ins Zweistromland, um dort in Kolonien zu arbeiten. Absolute Mutlosigkeit legte sich auf das Land und das Volk Israel – hier und da.

 

Und nun ändert sich das Prophetenwort: Nein, jetzt kam keine Häme aus dem Mund der Propheten (wir haben es doch immer gesagt), sondern Trost, Ermutigung und Hoffnung und die Bitte um Geduld! Und das Verrückte daran: Das Volk Israel tat sich genau so schwer diese Worte der Ermutigung und der Hoffnung anzunehmen und zu glauben, wie es vorher mit der Ermahnung und der Anklage war.

Es ist einfach schwer zu sagen, was schwerer ist: Einen Übermütigen zu bremsen, einen Ungeduldigen zur Ruhe zu bringen oder einen Hoffnungslosen zu ermutigen? Jetzt waren die beiden letzten Dinge dran. Und wieder war Jeremia einer, der das tun musste. Er schreibt einen Brief nach Babylon, an die Verschleppten, im Namen Gottes:

 

Jer 29,7 Bemüht euch um das Wohl der Stadt, in die ich euch wegführen ließ, und betet für sie. Wenn es ihr gut geht, wird es auch euch gut gehen.

 

Wieder keine konfliktfreie Geschichte, denn bei den ins Exil Verschleppten gab es die selbst ernannten Propheten, die sagten: Auf! Gott segnet unseren Aufstand. Greift zu den Waffen und flieht. Aber Jeremia mahnt zur Geduld und sagt Gottes Wort weiter:

 

8 Ich, der Herr, der allmächtige Gott Israels, warne euch: Laßt euch nicht von euren Propheten und Wahrsagern in die Irre führen! Wenn sie euch ihre Träume verkünden, dann hört nicht darauf! 9 Sie erzählen euch Lügen und berufen sich dabei auch noch auf mich. Ich, der Herr, habe sie nicht gesandt. 10 Denn ich sage euch: Die Babylonier werden siebzig Jahre herrschen, und wenn diese Zeit um ist, werde ich Erbarmen mit euch haben.

 

Sie fragen sich, woher weiß er das mit den siebzig Jahren? Um die geht es hier aber nicht. Das könnten auch 50 oder 80 Jahre sein. Wichtig, dass sich die Menschen nun auf Gott verlassen. Jetzt hier leben und sich einbringen – Gott hat und wird sie nicht vergessen. Jeremia muss Mut und Geduld übermitteln.

Keine leichte Aufgabe, Prophet zu sein.

 

-

Und jetzt machen wir einen großen Sprung. Genauer gesagt zwei große Sprünge. Einen ins Neue Testament und einen zu uns. Paulus schreibt an die Korinther:

 

14, 1 Bemüht euch also darum, dass euch die Liebe geschenkt wird! Von den Gaben des Geistes wünscht euch besonders die Fähigkeit, prophetische Weisungen zu verkünden.

 

Der Apostel Paulus sagt: Menschen mit prophetischer Gabe gibt es immer noch. Diese Gabe ist eine wünschenswerte Gabe – dass Menschen Gottes Wort in das Leben der Gemeinde hinein sagen. Das wird keine andere Nachricht sein als die Nachricht von Jesus Christus und von Gottes Liebe zu den Menschen, aber persönlich und auch kritisch zugespitzt.

Da könnte jemand spüren und sagen, wo Menschen – auch in der Gemeinde – links liegen gelassen und nicht für voll genommen werden. Da könnte es sein, dass einer das Gespür für neue Aufgaben hat, die eine Gemeinde angehen soll und eine Idee hat, wer dafür die persönlichen Gaben hat. 

Kurzum – da könnte es Menschen geben, die im engen Kontakt zu Gottes Wort und in der Liebe zu den Menschen etwas Wahres und Wegweisendes sagen.

Das ist ein Trau…- Horror für viele Pfarrer und Kirchenvorstände, die lieber nur das tun, was Ihnen richtig scheint.

Trotzdem könnte es wegweisend sein.

 

Wie, das hat Paulus schon lange skizziert.

29 Auch von denen, die prophetische Weisungen verkünden können, sollen nur zwei oder drei sprechen. Die andern, die diese Fähigkeit haben, sollen das Gesagte beurteilen.

 

Für Paulus war klar: Niemand soll sich für den Propheten halten – ein Schild an die Tür hängen: Gemeindeprophet: Sprechstunden Montags bis Sonntags – jeder kann sich irren – die Bilder und Eindrücke müssen von anderen mitgemessen und gewogen werden, dann ergibt sich ein Bild, das weiterbringt.

Wir sind gebrannte Kinder. In der Reformationszeit gab es die Schwärmer. Zum Beispiel Andreas Karlstadt oder Thomas Müntzer – sie überschlugen sich mit Prophetien nur so und schickten – das haben die biblischen Propheten nie getan – die Bauern geradewegs in den Aufstand und zu den Waffen.  Die Folge war der Bauernkrieg – unendliches Leid und seitdem ist prophetisches Reden gleichzusetzen mit Anarchie und Durcheinander. Von da an redeten nur noch die von den landeskirchlichen Ämtern bestellten Pfarrer. Ich bin auch so einer - bezahlt und beamtet – aber mir kommt es so vor, als hätten wir seit jener Zeit den Telefonhörer bewusst neben das Telefon gelegt, damit es auf keinen Fall klingeln kann.

 

Aber wenn Gott uns was zu sagen hat?

 

Noch mal die drei Fragen von zu Beginn:

 

o       Von wem lasse ich mir etwas sagen?

o       Was ist eigentlich Prophetie?

o       Glaube ich, dass Gott persönlich und aktuell uns Dinge zu sagen hat?

 

Ich wünsche Ihnen ein spannendes Lesen in dieser Woche und gute Gespräche!

 

© Evangelische Kirchengemeinde Traisa
Pfarrer Andreas Klein
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